Abby ist gern obenauf, das habe ich ja schon erzählt. Es reicht aber nicht, an einem hohen Ort zu sein – es muss der HÖCHSTE sein. Sie ist immer noch angefressen, dass wir im Schlafzimmer den Bauernschrank ausgemustert haben, über den sie auf die große Schrankwand gelangen konnte.

Ich dachte eigentlich, meine fast bis unter die Decke montierten Billy-Regale (schwebend in 80 Zentimeter Höhe an die Wand geschraubt) wären vor ihr sicher. Ich hatte nur die Route Sessel – Sideboard – Ablage – Magazinarchiv – Spesenschachtel nicht bedacht, die es es ihr ermöglicht, mit einem sehr beherzten Sprung den letzen Meter ohne Rücksicht auf Verluste zu überwinden.

Das „ohne Rücksicht auf Verluste“ meine ich wörtlich: bei ihrer Erstbesteigung stand die Statue/Requisite von „Lost City Raiders“ im Weg – den abgebrochenen Lorbeerkranz habe ich nie wiedergefunden. Und den schweren „Schwerter des Königs“-Helm mit der Unterschrift von Kristanna Loken hat sie mit dem Hintern auch lässig gen Boden geschickt. Was kann sie dafür, wenn ich so’n Kram an ungünstigen Stellen deponiere?!

Egal, ich achte halt ein wenig drauf, dass sie meinen Sessel gar nicht erst anpeilt. Normalerweise klappt das auch.

Eben sitze ich an meinem Schreibtisch und hörte dieses typische Schaben, das nur eine Katze erzeugt, die sich mit Hingabe putzt. Ich schaue mich um. Keine Abby. Unter dem Posterständer? Nö. Vielleicht hinter mir auf der Fensterbank? Auch nicht. Auf dem abgewetzten Lederrucksack, der ihr so gut gefällt? Fehlanzeige. Aber ich HÖRE sie doch. Es macht mich langsam kirre.

Weil ich so überhaupt nicht damit rechne, dauert es eine Weile, bis ich nach oben schaue:

Applaus, genau.

Abby hat es sich in mehr als drei Metern Höhe bequem gemacht, schaut mir der ihr eigenen Mischung aus Stolz und Verachtung auf mich herab.

Das Problem: Ich muss sie runterholen. Ein Sprung ist zu gefährlich, weil der Posterständer aus Stahlrohr und die Heizung im Weg sind. Der Rückweg über das Sideboard kommt auch nicht in Frage – sie würde mit dem Spesenkarton spektakulär abstürzen.

Muss der Chef halt mal wieder ran. Während unsere Putzfrau Blut und Wasser schwitzt, mache ich ein Foto, dann hole ich seufzend die Leiter aus der Besenkammer. Dummerweise gefällt es Abby außerordentlich gut auf dem Regal und sie macht keine Anstalten, sich von mir packen zu lassen. Packen kann ich aber gut, das wisst ihr ja, und so schaufel ich sie von dem Regal auf meine Arme. Sie maunzt, als hätte ich ihr gerade auf den Fuß getreten. Danach sitzt sie auf dem Boden und schaut mich giftig an nach dem Motto: „Ich wäre da auch alleine runter gekommen – wenn ICH das will!“

Ich murmel nur „du mich auch“ und scheuche sie aus dem Zimmer.

24 Stunden später habe ich einen weiteren Aufsatz von IKEA auf das Regal montiert – es geht nun bis unter die Decke und bietet keinen Platz mehr für feline Exkursionen.



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Marcus
Marcus

Der Weg nach oben klingt, als hätte Abby „Tomb Raider“ spielen wollen.

Georg
Georg

Meine Güte… dieser Artikel ist gespickt mit sexuellen Anspielungen:

„…Abby ist gern obenauf…“

„…bei ihrer Erstbesteigung…“

„…sie macht keine Anstalten, sich von mir packen zu lassen.“

„…Packen kann ich aber gut, das wisst ihr ja…“

Euer Verhältnis ist inniger als ich dachte.

Aber ein wenig gruslig wäre mir dieser Morlock-Blick schon, vor allem nachts.

sergej
sergej

„Ich muss sie runterholen.“
„24 Stunden später habe ich einen weiteren Aufsatz von IKEA auf das Regal montiert“
Spielverderber

Dietmar
Dietmar

Könnte auch ein vereiteltes Attentat auf den Hausherren gewesen sein: Das „Applaus“-Zeichen ist bestimmt schwer und scharfkantig …

SvenS
SvenS

Ich muß Dietmar zustimmen – „The Oatmeal“ hat sogar ein komplettes Buch zum Thema rausgebracht: http://theoatmeal.com/kill