Einige Dinge, die ich beim „data mining“ meiner bisherigen Blog-Artikel herausfinde, erstaunen mich. Natürlich war klar, dass ich mich in meinen sechs Jahren als Wortvogel immer wieder mit Springers Flaggschiff auseinander gesetzt habe. Aber über 60 Beiträge? Das ist doch eine ganze Menge, zumal ich 2006 spät angefangen habe und in den Jahren 2011 und 2012 nur ein spärlicher Artikel hinzu gekommen ist. Demnach habe ich 2007, 2008 und 2009 der BILD 20 Beiträge pro Jahr gewidmet.

Zuerst dachte ich: diesen Aufwand KANN das Berliner Boulevard-Blatt nicht wert gewesen sein.

Dann habe ich die Artikel noch mal durchgelesen.

2006

Die Premiere – gleich mit Körzdörfer und peinlichen Claqueuren in den Kommentaren: Ein total vergeigter Bericht eines „Borat“-Pressescreenings.

2007

BILD macht es sich zur Gewohnheit, Nacktfotos prominenter Frauen zeitnah zu vergessen, um sich dann bei einer Wiederholungs ganz frisch freuen zu können.

Das Thema fand übrigens eine rasche Fortsetzung.

Die Heuchelei der BILD ist besonders schön zu erkennen, wenn sie sich sarkastisch über ihre eigenen Schlagzeilen-Lieferanten erhebt.

Den Versuch, Horst Seehofer über sein Privatleben aus der politischen Arena zu prügeln, ist gründlich misslungen. Das macht dieses Beispiel für völlige journalistische Skrupellosigkeit umso peinlicher.

Was BILD mit „aktuell“ meint, sieht man immer wieder an TV-Einschaltquoten, für die BILD traditionell die Phrase „Millionen sahen zu, als…“ verwendet, auch wenn man die Zahl bei Drucklegung gar nicht wissen kann.

Dass das Springer-Blatt sich nicht mal zu schade ist, mit dem erlogenen Dreck einer Spinnerin Hellseherin aufzumachen, wenn es um das Leben eines Kindes geht, überrascht leider nur wenig.

Manche Schlagzeilen laden einfach zum Fabulieren ein.

Und noch mal eine Breitseite gegen Seehofer – volle Kanne!

Gloria von Tür und Taxi betet für den Papst – ich nicht.

Und nun erfindet BILD auch noch die virtuelle Fahndung…

Die BILD hetzt gerne Ost gegen West auf, West gegen Ost, weil beide jeweils mehr kriegen als der andere – und wenn es andersrum ist, ist es auch wahr und deshalb schon wieder egal.

Während BILD die Hoheit über die Wahrheit verlangt, hapert es mit der Hoheit über die Zukunft noch – selbst bei der Vorhersage des Ausgangs eines Boxkampfes sind es die Experten der Tageszeitung, die auf die Bretter geschickt werden.

Geschmacklos sein ist täglich Brot der BILD – aber dieses Doppelpack ist bis heute ungeschlagen: ein Comic über den Tod von Prinzessin Diana UND Details der Hochzeitsnacht von Gülcan („mit Video“!)? Wow.

Ich habe in meinen Jahren als Printjournalist immer wieder die Phrase gehört, BILD sei zwar moralisch verdammenswert, aber da säßen die besten Schreiber der Republik. Solche Beispiele lassen mich zweifeln.

Ein weiteres Beispiel, dass man keine Praktikanten an die Redaktionssysteme lassen sollte – oder unterstellt BILD den Lesern Boulevard-Alzheimer?

2008

Körzdörfer „testet“ das Macbook Air – und findet es „sinnlich wie einen Zeigefinger“.

Die BILD enthüllt exklusiv: RTL-Action-Thriller sind nicht realistisch!

Bei der BILD bestimmt nicht das Bild das Format, sondern das Format das Bild – mit allen dazugehörigen Konsequenzen.

Wenn es zu einer spektakulären Meldung kein Foto gibt, müssen die BILD-Grafiker ran – und was die rauchen, möchte ich auch haben.

Gerade in Berlin mischt sich die BILD mit populistischen Kampagnen gerne in Grundsatzentscheidungen der Politik ein – und verliert mit erfreulicher Regelmäßigkeit.

Dass die BILD-Texterzeuger nicht mal einfache Pointen aus US-Talkshows übersetzen können – wen wundert’s?

Die gesamte Münchner Innenstadt ist laut BILD eine halbe Straße.

Den korrekten Titel des neuen Batman-Films muss man nicht kennen – oder?

Vielleicht werden manche Meldungen auch vom Redaktionshund getippt.

BILD erfindet Ubahn-Stationen, die es nicht gibt, kürzt aber eine schwulenfeindliche Randbemerkung der Vorlage raus.

Körzdörfer und Maske besuchen angesichts des bevorstehenden Boll-Films „Schmeling“ das Grab des Boxers – um verbal draufzupinkeln.

Der Versuch, die Deutschen nicht nur zu BILD-Fotoreportern, sondern auch zu BILD-Videoreportern auszuBILDen, darf mittlerweile als weitgehend gescheitert angesehen werden. Weniger skandalös macht es die Aktion nicht.

BILD hat keine Probleme, ein Foto, das man wegen der unseriösen Beschaffung eigentlich zurück gezogen hat, in verwandtem Kontext noch mal zu verwursten.

Heidi Klum vs. den bankrotten Arbeitslosen – kein historischer Fight, darum müssen die Fakten auch nicht stimmen. Ein schönes Beispiel, wie BILD „Empörung baut“.

Die BILD lernt es nie: man soll keine Behauptungen triumphierend regurgitieren, wenn sie vom Murdoch-Blatt „Sun“ stammen. Das geht eigentlich immer nach hinten los.

BILD rubbelt sich was von einem „Erotik-Oscar“, weil Charlize Theron (mal wieder und weniger als sonst) den Bademantel offen lässt. Ich helfe aus und nach.

Auch keine schlechte Masche: sich über etwas empören, was normal ist, in dem man einfach so tut, als wüsste es niemand.

Wenn es um knackige Katastrophen geht, nimmt es BILD mit der Bezeichnung „Experte“ nicht so genau.

Dass ALDI das Buch, in dem verraten wird, welche Sonderverkäufe in welchen Kalenderwochen stattfinden, nicht selber verlegt, dürfte klar sein. Oder?

2009

Giulia Siegel mag ich so wenig wie die BILD-Zeitung. Es passt, dass beide einander zuverlässige Partner sind, wenn es um die Medienpräsenz geht. Hier gebiert sich die engelsgläubige (nicht engelsgleiche) Brustvorzeigerin besonders abgehoben.

Der Trend zur Web-Telenovela war kurzlebig, was angesichts der „Qualität“ von Formaten wie „Deer Lucy“ nicht verwundet. Dass die BILD selbst über das hauseigene Exklusiv-Produkt nicht fehlerfrei berichten kann, ist fast schon wieder charmant.

„Aggressiver Conficker-Wurm legt Millionen PCs lahm“ schrei(b)t die BILD. Tut er nicht. Aber dazu müsste man halt was davon verstehen.

Der BILD-„Tech-Freak“ ist mir auf seine schluffig-unfreakige Art fast schon sympathisch (außerdem antwortet er auf Email-Nachfragen tatsächlich und zeitnah). Diese „Maßeinheiten für Noobs“ gehen mir trotzdem auf den Senkel.

Manche Schlagzeilen muss und kann man nicht kommentieren.

Die Fortsetzung einer Boulevardstory selbst zu inszenieren nennt man in der Branche „eine Geschichte weiterdrehen“. Für ein so perfides wie peinliches Beispiel hat sich Jenny Elvers einspannen lassen.

Manchmal versagen bei der BILD nicht nur die Texter, sondern auch die Techniker.

Empfehlung an BILD: Einen Praktikanten abstellen, der darauf achtet, dass die automatisierten Redaktionssysteme keinen Content über- und nebeneinander platzieren, der sich beißt.

Wenn die Story „heiß“ genug ist, kann man auch aus keinen Infos einen erstaunlich langen Artikel stricken.

Dass BILD gerne versucht, politische Entscheidungen zu beeinflussen, haben ich weiter oben schon geschrieben. Mittlerweile möchte man auch den Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“ bestimmen – und sei es mit fragwürdigen Mitteln. Klappt auch nicht.

Bild verwechselt Gack mit Ude – oder umgekehrt?

Nackte am FKK-Strand? Wie eklig! Und die reden auch noch! Pfui!

Noch ein Beispiel, dass nicht jeder brauchbare Boulevard-Texte kann…

Der tote Michael Jackson hebt wie zu Bestzeiten den Zeigefinger – der vermutlich so sinnlich ist wie ein Macbook.

Die BILD-Mamis überraschen mit sensationellen Erkenntnissen: es gibt gar nicht so ideal, wenn man Kinder mit Spielzeug zuscheißt.

Was mich hier noch wunderte, ist mittlerweile geklärt: wie es aussieht, verpixelt (mittlerweile: verstrahlt) BILD erotischen Content, der auch auf iPads zu sehen sein soll.

Der zwanghafte Superlativ – eine BILD-Königsdisziplin.

Ihr dachtet, die Schaf-Grafik wäre an schierem Wahnwitz nicht zu übertreffen? Dann gönnt euren müden Augen die Bayern, die einen Ossi mit dem Schwan verprügeln!

BILD sagt, was Sie sehen müssen!“ – nein.

Zu dumm, wenn sich die Wirklichkeit nicht an die Schlagzeile hält…

Schlagzeilen, wie nur BILD sie kann: „Käpt’n Iglo: Er fährt in München Taxi

Berufskrankheit: BILD sieht mittlerweile Busen, wo keiner ist.

2010

BILD deckt auf – aber wieder mal nur die halbe Geschichte.

Hat Natalia Avelon Katastrationsphantasien?

Wow – gleich viermal Unfug PLUS Körzdörfer-Bonusgeschwafel in EINEM Beitrag. Würdet ihr mich bezahlen, hätte es sich in diesem Fall echt gelohnt.

Wer es bei BILD so alles zum „Hollywood-Star“ schafft

Stephanie zu Guttenberg beschwert sich in der BILD über zuviel Sex in den Medien, der die Kinder verderbe – und BILD hat gleich ein paar anschauliche Beispiele parat.

BILD sieht rot – Stiere allerdings nicht.

Die BILD schafft das Seite 1-Girl ab – ich schaffe es gar nicht erst an.

Und nicht zu vergessen – BILD verdanken wir das hier.

2012

Vier hanebüchene Dummgeschichten in einer einzigen Übersicht – BILD-Rekord in meinem (bisher) einzigen Beitrag zur Boulevardzeitung 2012.

Das war es bisher und soweit. Warum die BILD mittlerweile nur noch selten vorkommt? Ich kann es mir einfach machen und sagen: ich lese BILD kaum noch. Nicht mal die Online-Version. Aber wenn ich GANZ ehrlich bin, muss ich zugeben: auch wenn ich die BILD (online) lese, stoßen mir nicht mehr so viele Sachen auf. Hat sie den Biss verloren? Habe ich den Blick verloren? Ist die BILD tatsächlich ein kleines bisschen seriöser geworden? Ich weiß es nicht. Das zu analysieren, bleibt anderen überlassen. Euch vielleicht.



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Baumi
Baumi

Keine Ahnung – ich hab‘ nie verstanden, was die Leute an BILD finden. Die paar Male, die ich sie in den Fingern hatte bzw. auf bild.de gelandet bin, haben bei mir nie Lust auf mehr gemacht.
(Und: Nein, damit meine ich nicht, dass alle BILD-Leser Idioten sind oder irgendetwas in der Art, sondern genau das, was in den beiden Sätzen steht: Mich persönlich hat sie nie interessiert.)

WFHG
WFHG

Inwieweit ist dein Kampf vergeben? Die Bildzeitung jedenfalls vergibt nie!

Exverlobter
Exverlobter

„Manche Schlagzeilen muss und kann man nicht kommentieren.“

Ich werde es tun.
Die Wahrheit über Hitlers Blähungen? Viel grotesker fand ich ja:
Ufo-Sekte will jetzt Hitler klonen.

G

http://trugbilder.blogspot.co.at/2012/06/die-bild-und-andere-boulevardmedien-in.html

So viel zum Thema, die Bild wäre vielleicht seriöser geworden…

G

Ich habe nicht von böser Absicht geredet. Aber eine derart schlampige Recherche und falsche Bilder mit falschen Namen und falschen Infos kann dich bei einer seriösen Zeitung den Job kosten. Deshalb ist die Bild für mich nicht seriöser geworden. Dass sie vielleicht so scheinen möchte steht auf einem anderen Blatt.

G

Okay. Vielleicht hat sich bei dir schlicht die Überzeugung eingeschlichen, dass sich an der Sache ohnehin nichts ändern wird und es nichts bringt, wenn du die Bild jedes Mal für den immer gleichen Blödsinn ans Kreuz nagelst? Mich zumindest würde das ermüden.

G

Oder vielleicht willst du dich einfach nicht mehr wiederholen?

G

Was eigentlich ganz gut für deine geistige Gesundheit ist…. 😉

MTW
MTW

Wortvogels: „Mein Kampf“
Die Bildzeitung und ihre Machenschaften das deutsche Volk hinters Licht zu führen.

Eli
Eli

Ich bewunder immer wieder dein Durchhaltevermögen.

G
G

Um es kurz zu machen: Wenn man die Frage stellt „Habe ich den Blick verloren?“, sollte man schon damit leben können, dass diese Frage von manchen mit „ja“ beantwortet wird.

G

@ fake G: Muss ich noch erwähnen, dass ich einen solchen Nickklau als Frechheit empfinde?

OH
OH

Was habe ich in den letzten 6 Jahren gelernt?

Ignoriere die Bild. Alles andere (z.B. polarisieren) wollen sie.

PeterS
PeterS

B*** zeigt den Zustand unserer Gesellschaft auf. Ein Desaster… Wer sowas liest….

Mach weiter, Wortvogel. Bitte. Es ist nicht nur für mich wunderbar zu erfahren, daß es noch Realisten und denkende Mitbürger gibt.

Robin Urban

Ach ja, man stumpft halt ab… sogar BILDBlog musste sich ja neue Betriebsfelder suchen, als es nicht mehr gereicht hat, nur die BILD zu verarschen. Mein Hinweis, dass die BILD am Sonntag einmal den 30jährigen Krieg zum 27jährigen Krieg gemacht hat, ist übrigens nie veröffentlich worden! (Wen es interessiert: 1618 – 1645. Da merkt man, welche andere Kriegsdaten den Autor da verwirrt haben!)

Die BILD ist nicht seriöser geworden, du hast vermutlich nur einfach keinen Bock mehr 😉 Keep on fighting!

Harry
Harry

BILD-Online ist mittlerweile so dumm, so unglaublich primitiv und so unfassbar belanglos, dass es fast weh tut, sich diesen Schund auch nur ein mal täglich anzutun. Vor ein paar Jahren konnte man über viele Boulevard-Themen noch schmunzeln und sich denken: Typisch BILD halt. Und dann zum Sport weiterklicken. Heute hingegen ist zumindest für mich die Grenze des Erträglichen überschritten und mich macht soviel geballte und dazu noch blinkende Blödheit einfach zu wütend, als dass ich da noch regelmäßig reinschaue.