Okay, meine Reiseberichte von London sind traditionell umfangreich und darum gehe ich es an, bevor die Erinnerungen verblassen. Man sollte meinen, es würde sich irgendwann alles wiederholen, aber dem ist mitnichten so – London ist jedes Mal anders und dieses Mal haben wir besonders viele Ecken besucht, die uns bisher verborgen geblieben waren.

Die Bilder sind klickbar, wie üblich. Erst bei der Auswahl ist mir aufgefallen, dass diesmal unsere kulinarischen Exzesse besonders ausgiebig dokumentiert werden. Das gibt ein falsches Bild – ich würde sogar sagen, dass ich diesmal in London mehr Kalorien gelassen habe als üblich.

Der Hinflug war etwas stressiger als sonst, weil wir ja die Katze in der Pension nahe des Flughafens abgeben mussten. Wir stellten unseren Wagen danach bei einem Parkservice ab und stiegen für die letzten Kilometer in einen Personenbus um. Ich war rechtschaffen baff, was für ein Riesen-Geschäft diese Parkservice-Firmen mittlerweile machen – rund um Hallbergmoos liegen Dutzende riesiger Parkflächen in Privatbesitz, von denen aus man sich zum Flughafen kutschieren lassen kann.

Diesmal flogen wir nicht AirBerlin, sondern Lufthansa. Ich war erfreut über die Sitze, die eher was von dünnen Schalensitzen aus Rennautos hatten und daher weniger voluminös wirkten. So fühlte man sich deutlich weniger bedrängt und die Beinfreiheit war auch anständig. Gespart wurde dafür an der Verpflegung – es gab allen Ernstes Käsestulle:

Das war mir dann doch einen Tacken zu trocken – wir waren froh, nach der Abgabe der Katze noch in einer Dorfbäckerei gefrühstückt zu haben…

In Heathrow ist ja mittlerweile fast alle neu und „shiny“. Ich habe mich ein wenig geärgert, dass ich keinen ePass hatte, mit dem man an einem Scanner einreisen kann, der „Total Recall“ alle Ehre macht:

Geile Sache: man muss sich hinstellen und das Gesicht in eine Linse halten, die angeblich nur ein Foto macht und es mit den biometrischen Daten im ePass abgleicht. Wir wissen es besser: da geht es eindeutig um Retina-Abtastung und Programmierung über den Sehnerv!

Mal ganz ohne Scheiß: angenehm wäre mir das nicht. Was, wenn das System auf stur schaltet und Alarm auslöst, weil irgendwo in der Welt ein übereifriger Geheimdienst leicht korpulente Belletristik-Autoren auf die „no fly“-Liste gesetzt hat? Klar kann man das prüfen lassen. Aber erstmal ist man dem System ausgeliefert.

Zuerst war ich ein wenig angenervt, dass die LvA für die Fahrt nach Paddington Station Karten für den Heathrow Express gekauft hatte – die U-Bahn reicht mir allemal und die ist auch billiger. Es stellt sich aber heraus, dass man kaum komfortabler und schneller reisen kann als mit dem Express. In gerade mal 15 Minuten ist man in Downtown London – hier eine Zeitraffer-Zusammenfassung:

Wer bereit ist, die paar Euro mehr auszugeben, der spart locker eine Stunde Fahrtzeit pro Strecke. Das lohnt sich – und bequemer ist es auch.

Von der Paddington Station hätten wir mit der U-Bahn (Bakerloo Line) die paar Stationen zur Charing Cross und damit zum Hotel fahren können. Die LvA wollte aber standesgemäß ein Taxi nehmen. Wir kauften noch schnell zwei warme Cornish Pasties und stellten uns brav an der Schlange vor der Halle an. Es dauerte keine drei Minuten, denn wenn es hier an etwas nicht mangelt, dann an Taxis:

„Dank“ des Berufsverkehrs dauerte die Fahrt von Paddington Station zum Trafalgar Square deutlich länger als die Fahrt vom Flughafen in die Stadt. Egal. Kaum in der Nähe des Hotels angekommen, wurde uns wieder einmal bewusst gemacht, warum wir London so lieben – nebenan spielten gerade live die Pet Shop Boys:

Einen längeren Ausschnitt habe ich mir verkniffen, gibt eh nur wieder Probleme mit der GEMA…

Es waren die Abschlussveranstaltungen zu den Paralympics, die hier in den letzten Zügen lagen. Coole Sache, mächtig was los. Deshalb waren wir ja gekommen.

Für den ersten Tag hatten wir absichtlich kein Programm geplant. Nach dem Checkin im Hotel gingen wir schlendern – und als die LvA eines „Hobbs“-Modeladens ansichtig wurde, auch gleich shoppen. Ich selbst erfreute mich etwas müde an der steigenden Zahl von „Frozen Yoghurt“-Shops, die den Vogeltest bestanden:

Unrasiert war ich nicht ohne Grund, wie ihr noch feststellen werdet…

So wie man in Düsseldorf immer dem Radschläger und in München dem Löwen als bemalter Statue begegnet, so grüßt in London an jeder Ecke nun diese komische Figur:

Ich meine die komische Figur RECHTS, ihr Nasen!

Wie toll wir die Kette „Marks & Spencer Simply Food“ finden, hatten wir an anderer Stelle schon berichtet. Das Essen da ist einfach DERART frisch und hochwertig, dass wir froh sein können, angesichts der üppigen Preise keine Filiale in München zu haben. In London haben wir wenig Skrupel, uns statt eines Restaurantbesuches gleich für zwei Tage mit Leckereien aus dem Kühlregal einzudecken.

So begingen wir den Abend im Hotelzimmer mit frischen Erdbeeren, Äpfeln, Smoothies, Sandwiches von „Pret-a-manger“ und viel Entspannung.

Der nächste Morgen begann wenig anders: wir spazierten zum kleinen Park vor dem Savoy-Hotel an der Themse und breiteten uns ein luxuriöses Picknick in der strahlenden Sonne aus:

Der links unten abgebildete „Toffee yoghurt“ war besonders delikat!

Danach erwanderten wir uns die Stadt ein weiteres Mal, diesmal in Richtung Piccadilly Circus. In meinem letzten Reisebericht aus dem Königreich hatte ich ja von einer bedenklichen Baustelle am Leicester Square berichtet. Mittlerweile ist das Monstrum fertig:

Vier Stockwerke M&M-Merchandising. Man fasst es nicht. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als man T-Shirts geschenkt bekam, wenn ein Werbeaufdruck drauf war. Jetzt zahlt man dafür premium. Schlimm, hässlich, überflüssig, zumal der verschalte Bau immer so aussieht, als wäre er unscharf oder verschmiert.

London kämpft ja schon lange gegen den Individualverkehr, wenn es um Autos geht. Bürgermeister Boris Johnson bevorzugt bekanntermaßen Fahrräder. Beeindruckend aber auch die Menge an Parkplätzen speziell für motorisierte Zweiräder – und die Fähigkeit der Londoner, diese ohne Platzverlust zu parken:

Wie kriegt man die da wieder raus?

Wir machten einen wichtigen Termin für den nächsten Tag fest und kauften ein paar Drogerie-Artikel bei „Boots“, wo es tatsächlich noch analoge Wegwerf-Kameras mit Blitz für sechs Pfund gibt:

Am Nachmittag war wieder „tea time“ angesagt, das machen wir ja immer so. Einmal waren wir schon im Connaught Hotel, beim letzten Mal im Goring. Diesmal hatte Britta in der Nähe von Herrod’s das russisch-jüdische „Mari Vanna“ ausgesucht, das mit Vintage-Charme glänzt:

Ich bestellte ein paar Blinis mit diversen köstlichen Marmeladen, während die LvA gleich eine ganze Etagere mit Schweinereien orderte:

So lassen sich prima zwei bis drei Stunden rum bringen und am Abend reicht dann noch ein Apfel, um pappsatt zu sein.

Es war auf dem Rückweg (nennt es einen Verdauungsspaziergang), auf dem wir einem Prominenten über den Weg liefen, der mich so rappelig machte, dass ich glatt vergass, ihn anzusprechen und/oder zu fotografieren.

Dazu muss man wissen, dass viele meiner aktuellen Heroen aus dem Königreich kommen: Stephen Fry, Hugh Laurie, Richard Dawkins, Eddie Izzard, Charlie Brooker, David Mitchell – und Billy Connolly:

Von dem großartigen schottischen Komiker hatten die LvA und ich erst vor wenigen Monaten die bezaubernde Dokumentation „Route 66“ gesehen:

http://www.youtube.com/watch?v=N4SdAVr3uYk

Aber es ist, wie es ist: vom „Guck mal, der sieht aus wie…“ zum „Mensch, das ist er wirklich!“ schaltet der Verstand ab und das Fanbrain übernimmt. Dazu kommen wir noch mal. Ungefähr zehn Minuten zu spät war uns klar, dass er sicher nichts dagegen gehabt hätte, wenn wir uns für die tolle Doku bedankt hätten.

Bygones.

Am Abend gingen wir dann endlich ins Theater. Wie ihr wisst, wollte ich die Filmadaption des Romans „The Woman in Black“ mal mit der Bühnenversion vergleichen – erste Reihe FTW:

Um es kurz zu machen: Das Theaterstück ist der Verfilmung weit überlegen. Mit nur zwei Darstellern und kleinen, aber cleveren Tricks wird eine große Gruselgeschichte vielschichtig und spannend erzählt. Als Horror-Fan der alten Schule durchschaut man zwar ein paar der offensichtlicheren Suspense-Klischees, aber „Woman in Black“ ist ja für ein breites Publikum und nicht die Fantasy Filmfest-Nerds gedacht. Wir kamen gut und gänsehautig unterhalten aus dem Theater – auch und obwohl die LvA das Stück schon kannte.

Am nächsten Tag musste ich zu dem oben schon angedeuteten Termin: die LvA hatte mir zum Valentinstag eine Nassrasur im ältesten Barbier-Geschäft der Welt geschenkt. Das freute mich doppelt und dreifach, da mein Aftershave schon seit Jahren von „Truefitt & Hill“ kommt:

Sagen wir es mal so: eine professionelle Nassrasur mit dem Rasiermesser sollte man am Erlebnis, nicht am Ergebnis messen. Es hat was von echtem Gentleman-tum, sich von einem livrierten Lakaien das heiße Handtuch um das Gesicht wickeln zu lassen, während von den Wänden die durchlauchten Kunden der letzten 200 Jahre starren. Aber die Rasierkunst hat sich nicht ohne Grund weiter entwickelt: ein gewöhnlicher Dreiklinger aus der Drogerie rasiert besser, schneller und mit weniger Blutverlust.

Danach musste ich natürlich trotzdem posieren:

Schon auf dem Rückweg zum „Grand“ gab es wieder was zu schauen: In einem der teuren Hotels in der St. James Street gab es eine wichtige Tagung. Fernsehteams aus aller Welt interviewten Männer in teuren Anzügen, die wohl Politiker waren (oder solche glaubhaft darstellten). Zur Unterhaltung der Meute wurden immer wieder kleinere Gruppen in phänomenal alten Oldtimern herum kutschiert:

Für den Nachmittag war ein Ausflug nach „Little Venice“ geplant. Das kannte ich noch gar nicht – Grachten und Kanäle assoziiere ich mit Amsterdam, aber nicht mit London. Aber siehe da, es gibt sie:

In einem traumhaften altenglischen Viertel liegen hier viele zu Hausbooten umgebaute Kähne. Man kann am Wasser spazieren gehen, Wasservögeln zuschauen oder sich einen Kaffee im Riverboat genehmigen. Einige der schwimmenden Behausungen wurden offensichtlich aus altem Kriegsmaterial zusammen geschweißt:

Es lohnt sich, das Viertel auch mal jenseits der Kanäle zu bewandern – so stießen wir in einem unauffälligen Hinterhof auf einen prächtigen Gärtnereibetrieb:

Wir bestiegen schließlich ein Ausflugsboot, um uns damit gemächlich zum Camden Market schippern zu lassen. Auch das kann ich jedem London-Fan wärmstens ans Herz legen, denn auf der 50minütigen Fahrt passiert man liebevoll heraus geputzte Villen, Parkanlagen – und den Londoner Zoo.

Was ich auf dem Camden Market gegessen habe, habt ihr ja schon gesehen – wie ich dabei aussah, seht ihr hier:

Langsam merke ich, dass der Reisebericht doch eher ein Zweiteiler wird. Ich fummel oben schnell ein „(1)“ in den Titel und schließe mit dem Beweis, dass es das Ende der Welt gibt – und dass ich es in der Nähe des Camden Market gefunden habe:

Der Rest folgt dieser Tage…



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Dietmar
Dietmar

Aber die Rasierkunst hat sich nicht ohne Grund weiter entwickelt: ein gewöhnlicher Dreiklinger aus der Drogerie rasiert besser, schneller und mit weniger Blutverlust.

Ich bin vor knapp einem Jahrzehnt auf die echte Männerrasur umgestiegen: Monoblade. So zum Ausklappen mit Rasierseife. Wie mein Großvater. Elektrorasierer sind „reizend“, mehrere Klingen nicht besser als eine, imo.

Nächstes Jahr geht´s für mich beruflich nach London. Ich freu´ mich wie ein Eichhörnchen darauf!

Stephan
Stephan

Nerd-Modus:

Das „World’s End“ sollte man kennen, dort ging ja der Trauerzug des Sandmanns vorbei.

Lokalpatrioten-Modus:

Unsere Löwen treten diesem Augending in den Arsch. Aber sowas von.

Gecken-Modus:

Trockenrasur ist indiskutabel, die Nassrasur mit einer Mehrfachklinge für den täglichen Gebrauch am effektivsten. Das Rasiermesser ist in der Badewanne von einer schönen Frau geschwungen am reizvollsten – man sollte sich dann aber über seine Treue sehr sicher sein…

Comicfreak
Comicfreak

..die analogen Einwegkameras gibt’s auch in jedem DM, Angebot 7,99€, sonst 10.-€.

Auch als Unterwasserkamera 😉

Comicfreak
Comicfreak

@ Wortvogel
..die benutzt man ja nicht „richtig“, also bei uns (Familie und Freundeskreis) liegen die z.B. im Handschuhfach (Wildschäden, Unfall), bzw. der Nachwuchs bekommt so eine im Alter von 2 Jahren, damit sie beweisen können, dass sie sorgfältig mit dem Fotoapparat umgehen können, ehe man ihnen die teure Digicam anvertraut.
Mehr als ein bis zwei Kameras sind dazu nicht nötig, und die Kleinen passen dann wirklich penibel auf das anvertraute Stück auf.

Auch schön für Fotosafaris mit einem Rudel Kinder auf längeren Wanderungen. Die Bilder sind wirklich gut.

Jörg
Jörg

Monoblade-Rasur habe ich mir in Indien regelmäßig gegönnt. Jedesmal mit anderen seltsamen Duftwassern, viel Schaum, sehr wenig Blut, manchmal einer Kopfmassage – aber immer mit Publikum 🙂 Und das ganze für ca. 5 Rs (damals 0,25 DM)… Absolut empfehlenswert!

Shah
Shah

Die M&M World ist einfach nur irre. Länger als 15 minuten kann man es in diesem Monstrum nicht aushalten, dank Beschallung etc. Und dann haben diese Pfeifen da nichtmal die ganzen amerikanischen Sorten!

dermax
dermax

epass-Scanner: War bei meinen regelmässigen Trips in 2011 in 50% der Zeit kaputt, London-mässig halt… in den anderen 50% gings bei mir ned, hatte aber den Vorteil, dass man trotzdem dahinter noch nen Menschen hatte, der den Pass gecheckt hat und man so um die Schlange rum kam.

World’s End: angeblich das grösste Pub der Welt, abends geht da schon einiges ab, für ein gemütliches Bierchen am Sonntagnachmittag dann aber doch zu Bierhallenmässig.

Tanja

Ach schöööön und Reiselust weckend, wie immer 🙂 Danke schön!

DerTim
DerTim

Ich bin im November für 2 Tage in London (Abschluß meines Urlaubs in Edinburgh) und freue mich schon wie Hulle drauf. Die Oreos im Camden werde ich definitiv auch probieren, wobei mein Hauptziel aber sein wird Forbidden Planet reicher zu machen…

Kajol
Kajol

„“Pret-a-manger”“

Oh Gott, mit Sachen aus diesem Laden hätte ich mich in Schottland den ganzen Tag ernähren können, wenn es nicht dann völlig das Budget gesprengt hätte. *gg*

G

„Pret a Manger“

Den Laden hätte ich in New York am liebsten leergefressen…

Thies
Thies

„Kaum in der Nähe des Hotels angekommen, wurde uns wieder einmal bewusst gemacht, warum wir London so lieben – nebenan spielten gerade live die Pet Shop Boys“

Die Pet Shop Boys waren vor kurzem auch in Berlin um ihr neues (und nebenbei bemerkt ziemlich gutes) Album „Elysium“ vorzustellen:
http://www.spreeblick.com/2012/09/11/pet-shop-boys-live-im-hau/

DMJ

Tz, der Wortvogel lässt sich in London mit dem Messer rasieren und keiner erwähnt Sweeny Todd… pflichtvergessenes Pack!

Dr. Acula

@thies
Was natürlich böse war, weil die PSB ekliger Kommerz sind und das HAU ein Hort alternativer Subkultur ist… *seufz*

pa

Danke für die Reiseberichte, finde ich immer wieder interessant da ich auch manchmal gerne nach London reise.

Zum The World’s End: Ich glaube, das andere Ende der Welt habe ich schon mal in Edinburgh unweit der Royal Mile gesehen.

Bei Prêt-à-manger hatte ich letztes Jahr auch immer mein London-Frühstück durchgeführt: Lecker, jedoch teuer.

Thies
Thies

@Dr. Acula: „Ekliger Kommerz“? – Zum Glück bin ich viel zu beschäftigt damit das neue Album rauf und runter zu hören um auf solche Provokationen auch nur einzugehen.

*vorsichhinsummend* „Ego Music – It’s all about me…“

trackback

[…] ein Zufallstreffen – die Band trat gerade auf dem Trafalgar Square auf, als wir in London ankamen. […]