S/D 1965. Regie: Eberhard Itzenplitz. Darsteller: Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Gisela Uhlen, Frank Latimore, Claus Biederstaedt, Hans Nielsen, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Gus Backus, Elke Sommer

Offizielle Synopsis: Angst und Schrecken schweben über San Remo, dem Schauplatz der internationalen Schlagerfestspiele! Unter Sängern, Managern, Fans und Journalisten treibt sich nämlich ein eiskalter Mörder herum. Davon ist zumindest der Kriminalreporter Barney Blair überzeugt, der in seinem Büro den Hoteldetektiv des Nobelhotels Atlanta ermordet aufgefunden hat. Was wusste der Mann, der dem Kriminalreporter immer wieder wertvolle Hinweise gegeben hatte? Barney Blair beginnt sich gerade dafür zu interessieren, als der Killer erneut zuschlägt. Diesmal trifft es die schwerreiche Ruth. Während die Polizei im Dunkeln tappt, scheint der Reporter dem Mörder auf die Spur zu kommen …

Kritik: Ich mag Pidax. Die graben für mich alten Sack zwar nicht die großen Klassiker des deutschen Fernsehens aus, aber immerhin die kleinen Perlen. Das schmeichelt meiner nostalgischen Ader und es ist immer schön, den virilen Fuchsberger oder den perfekten Nachkriegs-Biedermann Biederstaedt zu sehen. Das erinnert an viele Abende, die ich auf dem Teppich vor dem heimischen Fernseher sitzend verbracht habe, als es noch keine Fernbedienungen gab und jeder Bond-Film vom „Wort zum Sonntag“ eingeleitet wurde („Kürzlich traf ich einen alten Bekannten, der mich um Rat fragte…“).

Pidax müht sich nach Kräften, „Hotel der toten Gäste“ als den Wallace-Filmen der Ära seelenverwandt zu verkaufen, was angesichts der Besetzung, des Titels und der Story auch wahrlich nicht schwer fällt.

Nur: Es stimmt nicht. Der Film erinnert eher an abgefilmtes Theater, die Figuren rotieren durch austauschbare Hotelzimmer (Tür auf, Tür zu), es werden Beziehungen behauptet und Erinnerungen erzählt, da mal ein Schrei, hier mal ein Schuss. Und an zwei Stellen (weil die Handlung ja beim Schlagerfestival von San Remo verortet ist) werden zwei komplette (und komplett unerträgliche) Schlager in den ersten und den dritten Akt geschnitten.

Leider kann ich euch keinen Ausschnitt der präsentierten Musik zeigen, aber es gibt eine unabhängige Aufnahme des Stücks „Ich sage no“, das Elke Sommer (die ansonsten im Film nicht auftaucht) darbietet. Hört es euch mal an:

http://www.youtube.com/watch?v=Qjl_ZP7hji4

Und so spießig wie den Song darf man sich auch den Rest des Films vorstellen. Männer in Smokings und Frauen in Kleidern aus schweren Vorhangstoffen, die wohl alle mal zu irgendeinem Zeitpunkt miteinander gepimpert haben, zischen sich Unhöflichkeiten zu, während wir froh sind, dass Herr Fuchsberger darauf hinweist, dass eine handlungstreibende Vase rot ist – weil man es angesichts der Schwarzweiß-Produktion sonst nicht wüsste.

Technisch reißt „Das Hotel der toten Gäste“ auch keine Bäume aus: Die Kamera bleibt diskret bei den Partygesprächen, die offensichtlichen Bühnenbauten heucheln nicht mal Authentizität und eine Nacht & Nebel-Atmosphäre wie bei den Wallace-Filmen fehlt. Das geht soweit, dass wir den Wechsel von der Nacht zum nächsten Morgen im Dialog erklärt bekommen müssen, weil die Außenaufnahmen und damit das Tageslicht komplett fehlen.

Wenn die Handlung wenigstens leicht verständlich wäre. Leider geben sich die vier gelisteten Autoren gar keine Mühe, den Zuschauer bei der Hand zu nehmen. Der Mord im  Prolog ist ein Musterbeispiel, wie man es NICHT machen sollte. Weder haben wir eine Ahnung, wo wir uns befinden, noch verstehen wir, welchen Beruf (oder wenigstens welche Funktion) Fuchsberger ausübt. „Kriminalreporter“? Das habe ich erst hinterher auf der DVD-Box gelesen.

Nun ist der deutsche Schwarzweiß-Krimi außerhalb von Edgar Wallace nicht gerade für nervenzerfetzende Spannung, spektakuläre Twists und gebrochene Charaktere bekannt. Was macht „Hotel der toten Gäste“ über das puderige Normalmaß hinaus so lähmend langweilig, dass es sich als fast unmöglich erweist, ihn in einer Sitzung wegzugucken?

Ganz einfach: Er hat weder einen Protagonisten noch einen Antagonisten. Zwar wird die Handlung mit Fuchsberger eingeführt, aber sein Charakter reiht sich schnell in das Dutzend der Verdächtigen ein und trägt zu der Lösung des Falls letztlich nicht viel bei. Im zweiten Akt taucht ein Kommissar auf, der kaum drei, vier Szenen hat. Keine Spuren werden gefunden, die den Kreis der Verdächtigen lichten. Was bleibt, ist eine Mischung von schlecht gezeichneten Figuren, die sich gegenseitig Vorwürfe machen, ohne dass wir von der eigentlich Aufklärung des Mordfalls nennenswert etwas mitbekommen. Die Auflösung am Schluss ist dann auch völlig willkürlich, weil weder Motiv, noch Möglichkeit, noch Methode irgendwie vorher angedeutet wurden.

Punkt Abzug auch dafür, dass wirklich alle Beteiligten mit dem Esprit einer Folge „Der Kommissar“ dabei sind. Die Männer gehen sich mal knurrend ans Revers, die Frauen reißen hauptsächlich schockiert die Augen auf. Statisches Dinner-Theater, eher absolviert als gespielt.

Fazit: Bleischweres und unfokussiertes Krimi-Melodram ohne jeglichen Charme, dafür mit albernen wie unpassenden Schlagereinlagen.

Auch der Trailer müht sich nach Kräften, „Hotel der toten Gäste“ wie eine Wallace-Variante aussehen zu lassen:



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invincible warriorPeroyDMJ Recent comment authors
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DMJ

Ha, das war die Rache am Doc für sein „Running Time“-Review. Geschieht ihm recht!

Peroy
Peroy

Der läuft ab und zu auf Das Vierte. Is‘ einfach nur scheisse.

invincible warrior
invincible warrior

Der Film kommt dort zufällig am Donnerstag um 20:15.