09
Aug 2012

Movie Mania 2012 (4): Interview

Themen: Movie-Mania 2012 |

USA 2007. Regie: Steve Buscemi. Darsteller: Sienna Miller, Steve Buscemi

Story: Politjournalist Pierre ist genervt – während in Washington gerade ein Skandal in der Administration des Präsidenten hochkocht, muss er in New York das Starlet Katya interviewen. Der erste Versuch endet erwartungsgemäß in einem Desaster – Pierre ist miserabel bis gar nicht vorbereitet und Katya hat kein Interesse, sich herablassend behandeln zu lassen. Ein paar widrige Umstände später finden sich beide dennoch in Katyas mondäner Loft wieder und es beginnt ein Katz- und Mausspiel, bei dem nur oberflächlich Katyas Sexappeal gegen Pierres Intellekt antritt…

Kritik: Ich hatte von "Interview" noch überhaupt nichts gehört, als mir die Silberscheibe unterkam. Gereizt hat mich die Chance, endlich mal wieder solides, in Cast und Location beschränktes Schauspielerkino zu sehen – vergleichbar mit "Under Suspicion", "Sleuth" oder "Cross my heart". Ich vermutete, dass der in New York angesiedelte Film auf irgendeinem obskuren Off-Broadway-Stück basiert.

Man kann sich ja auch mal irren.

"Interview" basiert auf einem gleichnamigen Film des mittlerweile ermordeten holländischen Künstlers Theo van Gogh. Buscemis Variante soll wohl so eine Art respektvoller "letzter Gruß" sein – auch wenn mir unklar ist, warum es dafür ein Remake braucht. Das Original habe ich nie gesehen, meine gesamte Kritik bezieht sich daher auf Buscemis Neuverfilmung.

Oberflächlich ist "Interview" nichts anzukreiden und es ist kein Wunder, dass der Streifen (auch wegen seines mittlerweile politischen Backgrounds) auf diversen großen Festivals gelaufen ist. Die Kameraarbeit ist sehr smooth und intim, wo sie sehr statisch hätte sein können. Buscemi und Miller spielen mit einer hoch professionellen Leichtigkeit. Das Skript vermeidet bei allem Humor banale Sitcom-Pointen.

Wäre der Film nur nicht so furchtbar eitel, so furchtbar prätentiös, so furchtbar überzeugt, etwas zu sagen zu haben. Ich glaube KEINE der beiden Hauptfiguren, die sowieso nur aus Filmklischees bestehen: er der zynische, etwas abgegriffene und ausgebuffte Journalist, der Whisky flaschenweise trinkt, sie die erotische, aber unsichere Schauspielerin mit dem Faible für Rotwein. Ich glaube die pointierten Dialoge nicht, den ganzen "Wir haben doch alle unsere Geheimnisse"-Plot, die "Heute Nacht kommt alles raus"-Dramaturgie. Nichts, was hier dargeboten wird, hat tatsächlichen Schockwert: sie kokst, er geht zu Nutten, es fällt mal das Wort "ficken". Big whoop. Vielleicht wäre so etwas in den 60ern oder 70ern transgressiv gewesen, im aktuellen Kontext wirkt es eher wie ein Woody Allen-Film ohne die Gags (oder wie manche Leute sagen würden: ein Woody Allen-Film).

Die Figuren stehen für nichts, ihre Auseinandersetzung hat keinen weiterführenden Wert, am Ende ist nichts erreicht, nichts ge-löst, niemand er-löst. Er hat ihre Verletzlichkeit entlarvt, sie seine Doppelmoral – als ob beides nicht von der ersten Minute an klar gewesen wäre. So ist ihr Auseinandergehen auch nur ein Abbruch, kein Ergebnis.

Es gibt auch künstlerische Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen kann: Warum müssen die Protagonisten die selben Namen haben wie im Original – Pierre und Katya? Das ist selbst für New York sehr abwegig und macht auch deswegen keinen Sinn, weil die Figuren im Original absichtlich die Vornamen der Darsteller bei behielten. Demnach hätten der Journalist und die Schauspielerin hier Steve und Sienna heißen müssen – DAS hätte ich verstanden. Und Katya wurde in der Vorlage von einer ECHTEN Soap-Darstellerin gespielt, was der Authentizität hier sicher auch ein wenig auf die Beine geholfen hätte.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen, mit denen ich mich für die Movie Mania herum schlage, ist "Interview" aber wenigstens nicht sterbenslangweilig, schlecht gemacht oder einfach nur zu lang – mit 70 Minuten ist der Streifen angemessen knapp gehalten.

Fazit: Schickes, aber letztlich leeres Dialogkino über zwei Menschen, die ihre banalen Konflikte massiv überschätzen – und damit den Reiz, ihnen dabei zu zu sehen.

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Thies
Thies
9. August, 2012 21:45

"Interview" hätte mich allein wegen Steve Buscemi durchaus gereizt, aber Deine Beschreibung klingt doch stark nach einem "Concept going nowhere". Eigentlich schade.

Ein gutes Gegenbeispiel wäre David Mamets Film-Adaption seines Stückes "Oleanna". Ebenfalls zwei Menschen in einem Raum, ein kontroverses Thema, geschliffene Dialoge und zwei starke Darsteller die dem vielschichtigen Stoff mehr als gerecht werden.

Dietmar
Dietmar
9. August, 2012 22:09

(

ihnen dabei zu zu sehen.

Sie ist mittlerweile alt, man müsste sich daran gewöhnt haben. Aber: Ich finde die Rechtschreibreform immer noch hochgradig bescheuert. "Zuzusehen", so muss das sein!)

Stony
Stony
10. August, 2012 12:19

ich habe das original vor jahren (arte glaub ich, oder montagskino auf zdf?) gesehen und kann, wenn mich mein gedächtnis nicht völlig im stich läßt an dieser stelle, darin zumindest vieles finden, was dir bei dem buscemi-streifen abgeht. nicht unbedingt kino für die große leinwand und ein entsprechendes publikum, aber recht intensiv und intim gedrehtes darstellerkino.

ach ja, das wort "ficken" fällt nicht nur, es geht auch tatsächlich zur sache, aber das nur am rande.

wenn du mal zeit und muße für sowas hast, kann ich das original nur empfehlen. 😉

DMJ
11. August, 2012 14:50

Ich möchte anmerken, bei der Woody-Allen-Stelle dreckig gelacht zu haben.