USA 2012. Regie: Jason Paul Collum. Beteiligt: Linnea Quigley, Brinke Stevens, Michelle Bauer, Fred Olen Ray, Ted Newsom, Kenneth J. Hall, David deCoteau, Jay Richardson, Richard Gabai

Inhalt: Eine gute Stunde lang erzählen drei der Top „Scream Queens“ der 80er und 90er Jahre, wie es denn so war, als Gummimonster und Duschszenen noch Filme verkauften, als man auf Conventions mit dem Verkauf von Bikini-Fotos mehr Geld verdiente als mit den Rollen und als der Titel noch wichtiger war als der Film selbst. Auch ein paar Regisseure und Trashologen kommen zu Wort, unterfüttert und unterbrochen von kurzen, aber launigen Clips aus der „Sorority Babes in the Slimeball Bowl-o-Rama“-Ecke.

Kritik: Ich habe ein zunehmend widersprüchliches Verhältnis zu Dokumentationen. Mit zunehmendem Alter schaue ich sie immer lieber – und rege mich immer mehr darüber auf. Vielleicht deshalb, weil sie immer weniger das bieten, was ich eigentlich suche: etwas Neues. Neue Erkenntnisse. Neue Zusammenhänge. Neues Wissen. Ich verstehe ja, dass Dokumentationen ihre Themen für eine möglichst breite Masse aufarbeiten und verständlich halten müssen – im Endeffekt bedeutet das aber, dass sie so sehr den Grundlagen verpflichtet sind, dass eine darüber hinaus gehende komplexere Analyse des Themas unterbleibt. Jede neue Dokumentation fängt wieder bei Null an, präsentiert wieder die gleichen Gesichter, schlägt wieder die selben erzählerischen Bögen. Been there, done that, bought the fucking t-shirt.

Bei Dokus zu Filmen, Pornographie, Atheismus, Computerspielen und Nazi-Deutschland gilt das doppelt – alles, was es populärwissenschaftlich zu diesen Themen zu sagen gibt, weiß ich bereits. Ich habe die Bücher gelesen, die Artikel, ich habe die DVD-Extras angeschaut. Drei, vier, fünf mal. Ich kann ehrlich gesagt die Hackfresse von John Landis nicht mehr sehen, der mittlerweile in mehr als 100 Dokumentationen seine immer gleichen Phrasen über Horrorfilme und die Liebe zum B-Movie gedroschen hat.

Und trotzdem versuche ich es weiter. Ich möchte die Dokumentation finden, die mir den Horizont erweitert, die einem ausgelutschten Thema einen frischen Aspekt abgewinnt. Kein Wunder also, dass mich bei „Screaming in High Heels“ eher das „Fall“ als das „Rise“ im Titel anzog. Bücher und schlampig produzierte Video-Dokus über Mädels, die ihre Titten für Talent halten, gibt es ja genug.

Allein, es sollte auch diesmal nicht sein. Wir bekommen lediglich von den üblichen Verdächtigen zum umpfzigsten Mal erklärt, dass der Video-Boom in den 80ern zu einer neuen B Movie-Kultur führte, die wiederum einen gewissen Fankult für mäßig begabte Aktricen mit guten Stimmbändern ermöglichte. War alles toll, war alles dufte – dann kamen die großen Studios und Videotheken-Ketten in den 90ern und machten alles kaputt. Die „Scream Queens“ bekamen Falten und zogen sich eher widerwillig aus dem Geschäft mit der bezahlten Präsentation sekundärer Geschlechtsteile zurück. Nachspann.

Ich ärgere mich. Wieder mal eine gute Stunde Plattitüden für Noobs. Der echte Fan, selbst der halb-echte Fan, dürfte sich veräppelt vorkommen. Vor allem, weil das Thema ja nun wirklich ausreichend unbespielte Fläche bietet. Die Mädels haben ihr Geld damit verdient, in bewusst miserablen Trashfilmen ihre Blusen aufzuknöpfen – und beschweren sich, als Schauspielerinnen nie ernst genommen worden zu sein? Ihr so tolles Fandom bestand primär aus Halbwüchsigen, die sich am Lesben-Pictorial von Brinke und Linnea Hornhaut an den Handflächen geholt haben – wäre das nicht mal eine Diskussion wert? Wie sieht es mit der zwanghaften Verknüpfung von Sex & Tod in diesen Filmen aus? Warum gab es Frauen nur als Fleisch vor der Kamera, aber praktisch nie auf dem Regiestuhl oder überhaupt dort, wo echtes Geld  zu verdienen war? Wie präsent waren die Schnittstellen von Softsex zu Pornographie, zum Strippermilieu, zu Drogen und Prostitution?

Mit solchen eher unangenehmen und introspektiven Fragen mag sich „Screaming in High Heels“ nicht abgeben. Nein, nein. War schon alles total dufte damals, 99,999 Prozent der Fans total nett, super Zeit, klasse Leute, nächster Tittenclip. Aber was will man auch erwarten von einer in zwei Tagen heruntergekurbelten Low Budget-Doku, die primär für billige Kabelsender und DVD-Direktvertrieb gedacht ist? Chiller TV ist nicht SpiegelTV. Leider.

Ein bisschen angefressen bin ich auch, dass Quigley, Bauer & Stevens hier als das ultimative „Scream Queen“-Trio präsentiert werden und alle anderen Darstellerinnen der Zeit als minder relevant oder gar minder talentiert. Das sehen Julie Strain, Jewel Shepard, Monique Parent und Maria Ford sicher anders…

Fazit: Sentimentale Magermilch-Doku für Horrortrash-Anfänger, die mit neckischen Clips und beschönigenden Interviews immer an der Oberfläche des Phänomens „Scream Queen“ bleibt.

Recommended reading & viewing: Wer mal einen schonungsloseren Einblick in die „Scream Queen“-Branche bekommen will (warts and all), der sollte sich Jewel Shepards Buch „If I’m so famous how come nobody’s ever heard of me?“ und die Dokumentation „Some nudity required“ besorgen. Da kommt hier bald auch noch was…



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Chris
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Lieber Wortvogel,

als Suchender nach dem Tieferen stellt sich meiner Erfahrung nach zuerst die Frage der Kompatibilität des Suchenden zum Durchsuchten. Wenn ich anspruchvolle Unterhaltung suche, lese ich Douglas Adams, wenn ich medititative Ablenkung brauche, dann schaue ich Pornos. Bei beidem interessiert mich auch das Making Of und die Hintergründe, die man auch tiefgründig und kontrovers ermitteln kann, da sie vorhanden sind.
Was ich sagen will: eventuell ist bei Ihnen die Kompatibilität zum Thema Screem Movie doch nicht so groß wie angenommen. Allerdings kann man vielleicht von einer Quelle noch nicht darauf schließen.

DMJ

@Chris:
Das leuchtet mir nicht so ganz ein. Die „Kompatibilität“ mit einem Thema heisst ja nicht unbedingt Genügsamkeit bei ihm.
Ich persönlich kann mich auch an flachen Dokus, die mir nichts neues über ein Thema sagen einigermaßen erfreuen (auch, wenn mir andere natürlich lieber sind), der Wortvogel anscheinend nicht so sehr. „Kompatibel“ ist man doch nicht nur, wenn man ein echter Fanboy ist, den alles zum Thema freut, sondern auch als kritischer Fan, der eine Affinität zu bestimmten Themen hat, aber dennoch auch einen Anspruch an sie stellt.

Magineer
Magineer

Als ich anfing, mich für Filmdokus zu interessieren, habe ich mich auch noch über jeden Schnipsel gefreut, aber im Prinzip eine ähnliche Erfahrung wie Torsten gemacht: Bald tauchten in jeder Feature Documentary die selben „talking heads“ auf, vorzugsweise John Landis und George Romero, die fast immer über die selben wegweisenden Filme in fast immer den selben Worten geredet haben. In letzter Zeit hat sich das ganze aber scheinbar wieder gefangen, und mittlerweile gibt es durchaus Lichtblicke am Horizont.

Empfehlen würde ich, falls nicht ohnehin schon bekannt, den vermutlich extrem Wortvogel-kompatiblen Mark Hartley, der mit den ersten beiden Dokumentationen seiner Genre-Trilogie weltweit richtig abgeräumt hat: NOT QUITE HOLLYWOOD ist ein schriller Bericht über das australische Exploitation-Kino der 60er bis 80er, von schrägen Nudies und trashigem Horror über Dennis Hopper bis hin zu George Miller und Brian Trenchard-Smith. Visuell großartig. Im selben Stil, mit teils unglaublichen Anekdoten, handelt der Nachfolger MACHETE MAIDENS UNLEASHED! dann das philippinische Trashkino dieser Zeit ab. Komplettiert wird die Trilogie dann wohl nächstes Jahr, wenn ELECTRIC BOOGALOO fertig ist, der sich mit den 80er-Ikonen von Cannon Pictures beschäftigt. Das alles kommt zwar auch teilweise mit „talking heads“, aber ist zum großen Teil ein visueller Rausch aus tollen Soundtracks, poppigen Collagen und jeder Menge Begeisterung. Dabei sind die Filme zwar einsteigerfreundlich, aber im Grunde trotzdem an Fans und Freaks gerichtet – Grundlagen werden, wenn überhaupt, nur kurz gestreift, der Fokus liegt auf dem Insiderblick in eine total verrückte Low-Budget-Filmwelt. Falls noch nicht gesehen, unbedingt vormerken.
Auf dem Fright Fest hat dieses Jahr außerdem noch „Eurocrimes!“ von Mike Malloy Premiere – das Thema dürfte klar sein, das Budget ist etwas kleiner als das von Hartley, aber interessant sieht der auch aus.
SCREAMING IN HIGH HEELS kannte ich noch gar nicht und werde trotz Torstens Warnungen zumindestens mal reinschauen.