FRANKREICH/KANADA/BELGIEN 2012 / 79 MIN / FRANZÖSISCHE OMEU

REGIE PATRICE LECONTE
STIMMEN BERNARD ALANE / ISABELLE SPADE / KACEY MOTTET KLEIN / ISABELLE GIAMI / LAURENT GENDRON

Offizielle Synopsis: Wenn dein Leben missglückt, mach deinen Tod zum Erfolg! Nach diesem lebensbejahenden Motto führt Familie Tuvache seit Generationen ihren kleinen Laden, in dem es alles nur Erdenkliche für ein gelungenes vorzeitiges Ableben zu erwerben gibt. Sterben mit Stil ist ihre Passion – für jeden gibt es die passende Todesart! Vielleicht ein giftiges Parfum für die Dame? Oder das Samuraischwert für den Herrn? Die Geschäfte laufen prächtig mit diesem todsicheren Business-Konzept in einer grauen, trostlosen Stadt voll trauriger Menschen – und solange die Kunden nicht wiederkommen, sind die Tuvaches zufrieden! Wenn da nicht der unverschämt gut gelaunte Nachwuchs Alan wäre …

Ganz anders als seine Geschwister kommt der Bengel schon heiter zur Welt und will ums Verrecken nicht mit dem Grinsen aufhören! Das schwarze Schaf der Familie verleitet die Kunden mit seiner Frohnatur gar zu einem optimistischen Blick in die Zukunft – ganz schlecht für den Umsatz! Und das Schlimmste: Alans Lebensfreude erweist sich als so unzerstörbar und ansteckend wie ein resistentes Virus!

Kritik: Außer Leser Flippah sind die meisten meiner Kumpel (Lukas, Dirk, John) diesem Trickfilm fern geblieben. Schon der Trailer hatte sie nicht angesprochen – das sah ihnen alles „zu französisch“ aus. Stattdessen haben sich einige von ihnen endlich „Prometheus“ angesehen (das Urteil: so ambivalent wie immer, wenn es um Scotts Streifen geht).

Ich war selber nicht gerade scharf auf „Suicide Shop“, aber es ist meine erklärte Absicht, jedes Jahr einen Film aus praktisch jedem Genre, jedem Land und in jeder Stilrichtung mitzunehmen. Beschränkung auf erwartbare Hits widerspricht dem Ziel und Zweck der Veranstaltung. Also setzte ich die 3D-Brille auf und schraubte den Pfirsich-Eistee zu.

Was soll ich sagen? „Suicide Shop“ ist ein Traum, so detailversessen wie liebenswert, von wahren Künstlern für wahre Kenner erschaffen. Als Realfilm hätten das Ding wahrscheinlich Jeunet & Caro umgesetzt, als Puppentrick Tim Burton. Die Fähigkeit, Melancholie und Lebenslust gleichzeitig zu zelebrieren, das Licht inmitten urbaner Traurigkeit zu finden, ohne dabei moralinsauer oder belehrend zu wirken, das ist schon ganz großes Tennis.

Einen beachtlichen Teil der Last trägt dabei die Technik: „Suicide Shop“ ist 2D gezeichnet, aber 3D animiert, die CGI hat einen handgemalten Touch, der in seinem Detailreichtum an großartige franko-belgische Comic-Alben erinnert (von denen ich einige jetzt gerne GENAU in diesem Stil animiert sehen möchte). Die Kamera nimmt sich alle Freiheiten des „echten Films“, ohne sich in Exzesse zu suhlen. „Suicide Shop“ ist visuell ein absolutes Kleinod, eine Perle.

Die Figuren sind, man verzeihe mir den altertümlichen Ausdruck, herzallerliebst. Besonders Alan muss man einfach ins Herz schließen – er ist der Schlüssel zur Veränderung der ganzen Welt, denn seine Fröhlichkeit ist in der Tat so kindlich authentisch wie ansteckend.

Kommen wir zum Haar in der Suppe: es wird viel gesungen in „Suicide Shop“. Balladen. Französische Balladen. Das ist ein bisschen viel, zumal den meisten Songs die notwendige Schmissigkeit abgeht. Ich sehe auch keine dramaturgische Notwendigkeit, den Film als Musical zu adaptieren. Aber das versendet sich.

„Suicide Shop“ ist einzigartig, erinnert in Technik und Storytelling an keinen anderen Trickfilm, den ich je gesehen habe. Er erzählt ein erwachsenes Märchen, dessen Botschaft wir alle gut brauchen können – und er verwechselt nie Einfachheit mit Naivität. Ein Highlight des FFF 2012.

Fazit: Ein wunderschöner, eigensinnig animierter Trickfilm in blitzsauberem 3D und mit toller Figurenzeichnung, der ein Hohelied auf die Kraft der guten Laune singt und dabei trotz seines morbiden Setups hervorragend und kurzweilig unterhält.



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Peroy
Peroy

„Kommen wir zum Haar in der Suppe: es wird viel gesungen in “Suicide Shop”.“

Und weg.

Thies
Thies

Mir hatte der morbide Charme des Films auch das Herz geöffnet. Das 3D fiel zwar ziemlich flach aus, passte aber in den wenigen Szenen wo man es warnahm, sehr gut zu den an Kinderbücher-Illustrationen erinnernden Zeichnungen. Nach dem Film musste ich der Versuchung verstehen am Snack-Tresen einen Latte Machiato mit einem Schuss Zyanid zu ordern. 😉

DMJ

Erstaunlich! Schon aufgrund seiner Lebensfreudenthematik bin ich dem fern geblieben, aber jetzt interessiert er mich auch (wenn auch die französischen Gesangseinlagen ein enormes Haar sein könnten).

Gregor

„Schon der Trailer hatte sie nicht angesprochen – das sah ihnen alles “zu französisch” aus.“

Gottverdammte Kulturbanausen. Aber was kann man von Dirk und Lukas schon erwarten …

Shah
Shah

Merci! Genau solche Filme sind meine Kragenweite, und ich freu mich schon jetzt auf den. Von Jeunet und Caro liebe ich sowieso alles.

Marcus
Marcus

Ein sehr schöner Film. Details siehe oben. 9/10.

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