USA 2012 / 93 MIN / ENGLISCHE OV

REGIE OLE BORNEDAL
DARSTELLER JEFFREY DEAN MORGAN / KYRA SEDGWICK / MADISON DAVENPORT / NATASHA CALIS / GRANT SHOW

Offizielle Synopsis: Dämonen-Terror! Fassungslos müssen die Breneks ansehen, wie ihre Tochter Em kurz nach einem Flohmarktbesuch zu einem fremden, unbeherrschten Wesen mutiert. Einem Parasiten gleich hat sich der teuflische Insasse einer günstig erstandenen Holzkassette tief in seinen unschuldigen Wirtsorganismus gebohrt, und richtet dort Tag für Tag mehr Schaden an. Doch der Dämon ist nicht christlichen Ursprungs, sondern entstammt der jüdischen Kultur. Es ist ein Dybbuk.

Kritik: Einige meiner Kollegen gingen mit relativ hohen Erwartungen in „The Possession“ – weil sie mehr über Ole Bornedal wissen als ich. Schlage ich den mal kurz in der IMDB nach, sehe ich: aha, der hat „Nightwatch“ und „Alien Teacher“ gedreht. Die hatte ich ausgelassen. Mea culpa.

Der Film wurde (das ist nicht verwunderlich) im Programmheft hoch gelobt: „Body-horror mit Star-Power und hohem Gänsehautfaktor“. Nun ist die Lektüre des Programmhefts eine Kunst, die ich mittlerweile recht gut beherrsche. Die reden hier viel von Stars und Spannung, raffinierte Twists oder ein ungewöhnlicher Plot werden aber nicht erwähnt. Ich ahne, ich ahne…

Und so kommt es dann auch: „The Possession“ ist die umpfzigste Exorzisten-Variante, die sich dem Vorbild genau so sklavisch verpflichtet fühlt wie „When the lights went out“ them Subgenre des Poltergeist-Films. Weder Drehbuch noch Regie geben sich Mühe, dem Thema IRGENDETWAS Neues abzugewinnen. Die einzelnen Beats des Films lassen sich auch ohne größeres Vorwissen präzise vorhersagen: Einführung dysfunktionale Familie, Auftauchen des Dämons (in diesem Fall durch die Dybbuk-Box), erste Zwischenfälle, niemand glaubt dem Mädchen, niemand glaubt dem Vater, weitergehende Recherchen (nicht YouTube, sondern Vimeo ersetzt diesmal die Universitätsbücherei), Besuch bei einem Geistlichen (diesmal logischerweise ein Rabbiner), düstere Warnungen, der Exorzist tut seinen Job, Überraschung – es ist noch nicht vorbei…

Woran sich das Postermotiv orientiert, ist auch für Laien nicht schwer zu erkennen:

Ich kann keinen legitimen Grund nennen, warum man sich „The Possession“ ansehen sollte, wenn man eines der Vorbilder schon gesehen hat. Kann es für sowas statt einem „FSK 16“-Sticker auf der DVD-Box keinen Hinweis geben: „Wenn Sie ‚Der Exorzist‘ gesehen haben, können Sie sich den hier schenken“? Muss man solche Filme strikt auf die aktuelle Zielgruppe beschränken, die keine Ahnung von Filmgeschichte hat?

Nun gut, Western kauen auch immer die gleichen Plots durch, bei romantischen Komödien beschwert sich auch niemand. So what? Fakt ist auch: Die abgenudelte Karre, die „The Possession“ fährt, hat noch ausreichend Sprit im Tank – und mit Ole Bornedal allemal einen guten Fahrer hinter dem Lenkrad.

„The Possession“ lebt von der eigenen Slickness, die nie in selbstgefälliges Design-Kino (wie „Columbus Circle“) abrutscht. Die Darsteller bringen sich ein, ohne das Geschehen aggressiv zu dominieren, die Kamera bleibt allzeit beweglich, ohne in Hektik zu verfallen. Eine straffe Regie und ein extrem gut getakteter Schnitt lassen die relativ diskreten Spezialeffekt deutlich stärker wirken, als es anderen Filmen mit mehr Aufwand gelingt. Die Schocks sitzen, OBWOHL wir sie kommen sehen.

Das macht „The Possession“ nicht frischer, nicht überraschender und auch nicht smarter. Aber es sind auf diesem Festival so viele Filme mit ungewöhnlichen Ideen an der Unfähigkeit gescheitert, sie auch umzusetzen, dass ich für diese Art „von der Stange-Horror“ durchaus eine gewissen Sympathie empfinde. Das mag einem gewissen Zynismus oder einer Altersmilde geschuldet sein, keine Ahnung. Anders gesagt: you mileage may vary.

Fazit: Ein durchaus spannender und flüssig inszenierter Besessenheits-Schocker, dessen A-Besetzung und Kinotauglichkeit aber nicht darüber hinweg täuschen können, dass hier lediglich die Klischees des Subgenres noch einmal sauber durchdekliniert werden. Für Einsteiger, denen „Der Exorzist“ zu lange her ist.

Btw: True story my ass.



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gerrit
gerrit

Dann hol doch die dänische Fassung von Nachtwache mal nach. Das ist mal ein richtig guter Film. (Auch weil man keinen der Darsteller kennt und deshalb nicht sofort drauf kommt, ob es ein Guter oder ein Böser ist…)

John
John

True Story: The Possession könnte der erste Film sein, der einen Hip-Hopper in seiner ersten großen Filmrolle besetzt, und mir nicht auf die Nerven geht. Die Film „True Story“ ist übrigens die hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Dybbuk_box
As for Bornedal: Du musst dringend „Just Another Lovestory“ und „Deliver us from Evil“ schauen!

Peroy
Peroy

Bornedal ist ein Guter. „Nightwatch“ (das Original) ist eigentlich ein Muss, wieder eine eklatante Bildungslücke beim Wortvogel, die schnellstmöglich gestopft werden sollte. Unbehaglich ist, dass sich der Inhalt von „The Possession“ beinahe identisch zu dem von „The Unborn“ liest… der war ein Desaster…

Marko

O Gott, „The Unborn“ hatte ich bis eben erfolgreich verdrängt, vielen Dank für die Erinnerung an diese verschwendete Zeit langweiligen Konsums … 😕

Das „Possession“-Plakat hat mich auch sofort an „Drag me to Hell“ erinnert, den ich damals ganz okay fand, allerdings etwas zu albern, da war mir tlw. einfach ein bisschen zuviel „Jahrmarktambiente“ drin (z. B. der Überfall der Zigeunerin im Auto). Ist „Possession“ auch eher so? Ich mag es eher düster(er) …

John
John

Possession ist WESENTLICH düsterer. Anders als The Uninvited (der ein tolles Remake eines tolleren Films, und dank der sehr tollen Emily Browning toll, ist) zeichnet sich The Possession als wirklich eigenständig aus: Bornedals ‚Touch‘ ist deutlich zu spüren, auch wenn er hier sicherlich nicht viel Einfluss auf das ursprüngliche Drehbuch nehmen konnte. Es gibt zwei (oder drei?) dutzend richtig toller set-pieces, die jeder Bret Rattner dieser Welt im 08/15 Stil abphotografiert hätte – Bornedal macht daraus richtig schöne, gruselige Momente, die man nicht so leicht vergisst. Spätestens nach 10 Minuten merkt man, dass hier jedes Detail sitzt, jeder Schauspieler zu Höchstformen motiviert wurde, jede Einstellung eine herrlich komponierte Aufnahme ist, die man sich genau so an die Wand hängen kann.
I say it again: der beste „Exorzismus“-Film seit dem Exorzisten, und sowas muss man erstmal schaffen.

Harlekin
Harlekin

Ein jüdischer Dämon?! Oh Gott!

DMJ

„Nightwatch“ sollte man in der Tat gesehen haben, das ist zurecht ein Klassiker! Und mag es auch nicht originell sein, fand ich das Cover doch ganz schick – aber da ich allgemein kein Fan von Exorzismus-Filmen bin, wäre ich da wohl eh nicht reingegangen, auch wenn er einen Anerkennungspunkt dafür verdient, mal einen jüdischen und keinen christlichen Dämon zu bringen.

Peroy
Peroy
Marcus
Marcus

What he said. 8/10.

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