USA 2012 / 90 MIN / ENGLISCHE OV REGIE RYAN SMITH DARSTELLER STEVEN STRAIT / KAROLINA WYDRA / SANDRA LAFFERTY / MADISON LINTZ / CHASE PRESLEY

Offizielle Synopsis: Eben noch versuchte der schüchterne Comic-Zeichner Freddy sich bei einer nächtlichen Busfahrt an die schöne wie spröde Krankenschwester Ana ranzumachen, im nächsten Moment wird der Flirtversuch jäh unterbrochen von einem in den Bus prallenden anderen Wagen. Als Ana kurz danach in ihrem Bett erwacht, scheint alles nur ein böser Traum gewesen zu sein. Hastig macht sie sich zur Arbeit auf – und findet das Krankenhaus völlig verlassen vor. Auch auf den Straßen oder in den Geschäften keine Menschenseele! Als sie schließlich auf den ebenso verwirrten Freddy trifft, fällt beiden ein Stein vom Herzen. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach einer Erklärung für ihre Isolation. Aber statt dass sie der Wahrheit näher kommen, tun sich immer mehr neue Rätsel auf und häufen sich unheimliche Vorkommnisse. Und was hat es mit der schwarzen Wolkenfront auf sich, die sich wie eine Mauer vor ihnen aufbaut und die kleine Stadt immer enger umschlingt? Die Zeit scheint für Freddy und Ana knapp zu werden …

Kritik: Kleiner Ausflug in die Spielregeln der Filmdramaturgie. Hitchcock hat mal gesagt, dass es sehr leicht ist, eine spannende Frage zu stellen – als Regisseur muss man aber auch eine nicht minder spannende Antwort haben. Darum hat er auch nie einen Film über das Schicksal der „Mary Celeste“ gedreht – ihm fiel zu dem Mystery keine angemessene Auflösung ein.

Das ist gar nicht so theoretisch, wie es klingt: Ein guter Einstieg in ein Mystery findet sich leicht in der „Was wäre wenn…?“-Schublade. Was wäre, wenn dich auf einmal niemand mehr kennen würde? Was wäre, wenn du einen Doppelgänger hättest, der dein Leben übernehmen will? Was wäre, wenn du plötzlich Gedanken lesen könntest? Was wäre, wenn ein Tag sich immer wiederholen würde? Was wäre, wenn du plötzlich allein auf der Welt wärst?

Der Trick ist nicht, so ein Szenario zu entwerfen – der Trick ist es, daraus eine packende Geschichte mit einer befriedigenden Auflösung zu zimmern. Leider hat mit dem J-Horror in den 90ern die Untugend Einzug gehalten, auf eine plausible Auflösung einfach zu verzichten. Man setzt darauf, dass das Publikum nach 90 Minuten Gänsehaut ein vage her behauptetes Pseudo-Ende verzeiht. Auch Serien wie „Lost“ haben damit begonnen, immer mehr obskure Geschehnisse ohne Rücksicht auf deren innere Schlüssigkeit zu stapeln. Hauptsache, es knallt gut – der Kater am nächsten Morgen ist nicht das Problem des Barkeepers.

„After“ versucht sich an einem solchen Mystery-Setup – zwei Menschen finden sich nach einem Unfall in einer leeren Stadt wieder, die von einem schwarzen Wolkenring umgeben ist, aus dem ein angekettetes Monster springt. Das fand ich als alter „Twilight Zone“-Groupie, wo diverse ähnliche Szenarien durchgespielt wurden, sehr spannend. Die Frage war nur: was machen die Beteiligten daraus?

Die Antwort: sie haben Antworten. Vielleicht keine spektakulären oder wahnsinnig aufregenden, aber Antworten. Und dafür muss man heutzutage schon dankbar sein. Nach einem guten Drittel der Laufzeit bewegt sich der Plot weg von den Mechanismen des Setups (wie schnell ist die Wolke, was funktioniert noch in der Stadt, welches Datum haben wir, etc.) zu den persönlichen Problemen der Protagonisten. Es wird klar, dass Ana der Schlüssel ist und diverse Quasi-Flashbacks erlauben einen Blick auf den schicksalhaften Tag vor 20 Jahren, als Ana und Freddy sich als Kinder begegneten. Diese Begegnung in der Vergangenheit definiert ihre Situation in der Gegenwart und muss dringend entschlüsselt werden.

So hübsch ich die Idee finde – sie ist auch etwas verkitscht und zu deutlich auf eine Liebesgeschichte hin entwickelt. Die Räder greifen einfach zu smooth ineinander und provozieren förmlich ein Happy End, das glatt und easy wirkt. Auch die Einführung eines (durchaus gut getricksten) Monsters wirkt nicht zwingend, sondern nur wie ein externer Motor, der im zweiten Akt für zusätzliche Spannung sorgen soll.

Es mag aber sein, dass ich hier einen kleinen, feinen Okkult-Thriller zu Tode analysiere, der sich allemal müht, aus dem Einerlei der aktuellen Genre-Produktionen auszubrechen – und das mit wenig Geld, aber überzeugenden Darstellern, Effekten und Ideen tut. Also lasse ich es gut sein.

Fazit: Was als sympathisches Zwei Personen-Mystery mit preiswerten, aber überzeugenden Effekten anfängt, verfängt sich in der zweiten Hälfte im Kitsch und endet unangemessen romantisch. Eine etwas zu mühsam auf Spielfilm-Länge gestreckte „Twilight Zone“-Episode, deren lebensbejahende Botschaft freundinnentauglich ist.



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Pogopuschel

Volle Zustimmung. Nach den durchwachsenen Kritiken im Vorfeld, war ich überrascht, dass mich der Film, obwohl nicht viel passiert, zu keinem Zeitpunkt gelangweilt hat. Das war alles schön dynamisch inszeniert.

flippah

Dann muss ich den wohl noch sehen, ich hab das parallel laufende 96 Minutes gesehen – und dies auch nicht bereut:
Ein gelungenes Sozialdrama. Ehrlicher schwarzer Ghetto-Junge will aus seinem Leben etwas machen – und zugleich verhindern, dass sein verwandter weißer Ghetto-Junge in die Scheiße abdriftet. Dummerweise will der das aber gern.
Dabei gerät der Schwarze in eine Situation, in der er eine schwere Entscheidung treffen muss – und schiebt diese zu lange hinaus.
Beiläufig wird gezeigt, wie krass die rassistischen Vorurteile sind (auch von Schwarzen gegen Schwarze!)
Der Film nimmt sich viel Zeit, seine Protagonisten vorzustellen, was deren Handlungen (und Unterlassungen) später angenehm plausibel macht.
Lohnt sich.

DMJ

Von der Prämisse klingt „After“ wirklich gut, aber wie du sagst, auf die Auflösung kommt es an. Dass man da nun gerade zu Liebeskitsch greift, missfällt meinem hasserfüllten Herz natürlich.

Peroy
Peroy

Wenn da am Ende rauskommt, dass die beiden bei dem Bus-Unfall gestorben sind oder im Koma liegen, dann kotz‘ ich…

DMJ

Oha, das wäre wirklich schlimm. Aber ich denke, wenn es die uralte „Surprise, you’re dead“-Nummer gewesen wäre, hätte es schon den Wortvogel erzürnt und entsprechenden Punktabzug gegeben.

Howie Munson
Howie Munson

hmm sind reine Mutmaßungen aufgrund der Filmbeschreibung auch schon SPOILER?

wenn ja so seid hiermit gewarnt.

Für mich klingt das nach:
„surpriseihrseidseiteurerschicksalhaftenBegegnunginderKindheittot“

( als Spoilertarnung sollten die fehlenden Leerzeichen taugen, nicht? *duck* )

Peroy
Peroy

„Oha, das wäre wirklich schlimm. Aber ich denke, wenn es die uralte “Surprise, you’re dead”-Nummer gewesen wäre, hätte es schon den Wortvogel erzürnt und entsprechenden Punktabzug gegeben.“

Eh, gerade DAS glaub‘ ich nicht… 8)

Marcus
Marcus

Kleines, aber feines Mysterystück, das nichts Spektakuläres bietet, aber für meine Begriffe auch nichts falsch macht – die Art von „leisem“ Film, die man außerhalb des Festivals immer übersieht. Auf DVD brauch ich den nicht, weil er bestimmt keine zweite Sichtung hergibt. Für die erste Sichtung aber: 8/10.

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