Beim Gong war ich fünf Jahre, bei ProSieben vier, bei Tandem auch vier. Dieses Blog ist mein dauerhaftester Arbeitsplatz.

Heute vor sechs Jahren, am 25.8.2006, ging der Wortvogel mit einem Beitrag über einen verhafteten Bodybuilder online. Wie es überhaupt zu dieser Webseite kam, habe ich in einem Beitrag zum dritten Geburtstag geschrieben. Damals noch mit anderer Behausung, anderer Freundin, anderem Haustier, anderem Computer – anderem Leben. Zeiten ändern dich, wenn ich ausgerechnet Bushido zitieren darf.

Ich gebe freimütig zu: der Gedanke, es gut sein zu lassen, ist mir wieder gekommen. Sechs Jahre sind für ein Blog eine respektable Zeit – was mehr kann ich wollen? Ist es nicht angesagt, die kreativen Säfte verstärkt anderweitig zu investieren? Mich reizt der Gedanke, gerade weil ich mir ein Leben ohne den alten Ego Wortvogel kaum noch vorstellen kann. Wie fühlt sich das wohl an, eine Meinung wieder nur für sich zu haben?

Machen wir uns nichts vor: Ich würde mich vermutlich ruckzuck langweilen. Mein Blog ist deshalb so zäh und unkaputtbar, weil ich es brauche. Weil es eine Lücke in meinem Leben füllt. Weil es mir eine Plattform gibt. Es ist anstrengend, es nervt, es kostet zu viel Zeit – aber das tun Kinder auch und von denen habe ich ja keine.

Über 2.000 Beiträge, über 57.000 Kommtare – sagt das mehr über euch oder über mich aus?

Besonders freut mich, dass sich mein Konzept, auch wenn nie eins hatte, bewährt hat: Es reicht nicht, Informationen aus zweiter Hand zu posten, mit dem Strom zu schwimmen, nur auf News zu setzen. Ich glaube an das Prinzip der „web personality“, an eigene Meinung, an Kontroversen. Die Lesbarkeit ist wichtig, darum habe ich den Wortvogel nicht mit Werbung uns Schnickschnack überladen, sondern so gestylt, dass auch längere Texte keine Kopfschmerzen verursachen. Bilder und Videos können die Beiträge ergänzen, auflockern, ohne sie zu erschlagen. Meine Kritiken zu Kinofilmen folgen einer bewährten Struktur, weil ich glaube, dass viele Leser sich daran gewöhnen.

Natürlich ist es nicht immer einfach. Ich erzähle viel aus meinem Privatleben, lasse auch (berufliche) Niederlagen nicht außen vor. Das macht mich angreifbar für die anonymen Trolle, die aus dem Schutz der Anonymität feuern, nur um dann feige auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung zu pochen, wenn man sie zurecht weist. Was unterscheidet eine extreme Meinung von beleidigendem Blödsinn? Es ist eine flüssige Grenze, durch die ich täglich waten muss. Zwangsweise macht man sich dabei die Schuhe schmutzig.

Manche Leser denken vermutlich, mit „Hausrecht“ und „Chefsache“ hätte ich hier immer die besseren Karten, wenn es mal hoch und heiß her geht. Dem ist mitnichten so. Ich kann hier nicht weg, während jedes Arschloch und/oder jeder Troll einfach wieder abtauchen kann. Ihr wisst ungleich mehr über mich als ich über euch. Die Zielscheibe auf meinem Rücken ist groß und bunt bemalt. Und vor allem: ihr seid in der Überzahl. Ihr diskutiert gegen EINE Meinung, ich gegen HUNDERTE. Manchmal komme ich mir vor wie der Komiker Andrew Doyle in diesem Clip:

Markus Beckedahl hat zum schwierigen Umgang mit Kommentaren und Kommentatoren diese Woche einen sehr lesenswerten Beitrag geschrieben – und Kai Biermann in der Zeit eine ebenso lesenswerte Replik. Andere äußern sich zu dem Thema hier.

Das Blog hat (ich hoffe, ich greife mit dieser Formulierung nicht zu hoch) mich reifen lassen. Die vielen manchmal enervierenden Diskussionen haben mich gelehrt, noch präziser zu argumentieren, Fakten zu checken, meine Meinung sorgsam zu formulieren – denn jeder Fehler wird gefunden und mir genüsslich um die Ohren gehauen. Das muss einen Blogger nicht sauer machen, sondern dankbar. Das Blog schärft den Intellekt, weil es ihn permanent auf Trab hält – und manchmal wird der Intellekt dann doch müde, unachtsam, breiig.

Ich habe gelernt, wie viele nette Menschen da draußen rumlaufen, die viel mehr Ahnung vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest haben als ich. Und wie viele doofe Arschlöcher zuviel Zeit zum netsurfen haben. Mir egal, so lange die Ratio stimmt: bisher habe ich gerade mal ein Dutzend genuine Spacken sperren müssen.

Es ist ein Haufen Arbeit, das ist klar. Durchschnittlich schreibe ich einen Beitrag pro Tag, Wochenende inbegriffen. Und für jedes leicht online zu schaltende Video oder lustige Bild gibt es ein Essay oder eine Kritik, die ich mir abkämpfen muss. Für die ich manchmal auch tief in mich greife, wo es dunkel und glitschig ist (genau, das ist eine „Videodrome“-Referenz).

So ein Marathon wie das Fantasy Film Fest ist besonders gemein: ich schreibe in gut 10 Tagen an die 40 Kritiken, was bei einem Pensum von einem Beitrag pro Tag (Wochenenden ausgenommen) fast zwei Monate lang zur Blogbestückung reichen sollte. Aber weil ich den FFF-Groupies da draußen bei der Entscheidungsfindung helfen will, haue ich die Reviews alle innerhalb von 10 Tagen raus – und muss danach zusehen, wo ich neues Material her bekomme. Vielleicht hänge ich einfach mal ein Schild raus: für eine Woche geschlossen.

Für den sechsten Blog-Geburtstag habe ich mir einiges vorgenommen, das sich über Wochen ziehen wird (gerade weil das Fantasy Film Fest momentan Vorrang hat). Zuerst einmal wird aufgeräumt. Soweit irgend möglich, werden die Beiträge von 2006 aufwärts sukzessive auf tote Links und schlechte Umbrüche geprüft und gegebenenfalls repariert. Das allein ist eine Arbeit von Monaten. Aber 2006 und 2007 habe ich schon geschafft.

Ich werde ein paar statische Elemente der Webseite neu ordnen. Dazu gehört eine neue Darstellung meiner Galerien, ein neu verfasstes Manifest, die Eliminierung einiger alter Links, der Ausbau meiner „Arbeitsproben“-Abteilung. Gerade wenn man dem Tagesgeschäft verpflichtet ist, fallen solche Sachen gerne mal durch den Rost.

Es wird auch wieder mehr Beiträge über meine Arbeit geben – neue Projekte stehen an und ich denke sogar darüber nach, etwas interaktiv mit euch zu entwickeln. Das Thema „Monsters of Film“ ist zudem auch noch nicht durch…

Vor allem aber: ich werde mich bemühen, euch die gesamten 2000+ Beiträge in einer etwas überschaubareren Weise zugänglich zu machen. Ich habe mir die Arbeit gemacht, sämtliche Artikel noch mal zu sichten, nach Kategorien zu sortieren und historisch wie persönlich zu sortieren. Ziel und Zweck ist es, im Laufe der nächsten Wochen kommentierte Linklisten einzustellen, die es euch ermöglichen, noch einmal nachzulesen, was ich für die Highlights des Wortvogels halte: die besten Filmkritiken, die härtesten Diskussionen, die schönsten Reiseberichte. Dabei wird einiges neu bewertet und so manches in Kontext gebracht.

Morgen, mitten im FFF-Trubel, geht es los – passenderweise mit den besten Filmen, die ich im Rahmen des Wortvogels zu besprechen das Vergnügen hatte.

Ansonsten gilt wie bei allen Geburtstagen hier: bleibt mir gewogen.



22 “ 6 Jahre Wortvogel (1): Einschulung ”

  1. 1

    Nun, so wie du das Blog für dich als „Entwicklungshilfe“ brauchst, brauche ich es zur Unterhaltung, Erbauung und auch, um an Informationen zu kommen, die ich mir sonst mühsam im Netz zusammensuchen müsste. Von den vielen interessanten, lehrreichen, oft witzigen und ebenso oft wirklich harten Diskussionen ganz zu schweigen. Also danke für die Mühe, Zeit und Arbeit, die du hier investierst und auf weitere 6 interessante Jahre:-)

  2. 2

    Puh, hab grad festgestellt, dass ich hier auch schon über 5 Jahre mitlese. (Seitdem deine „Lotta in Love“-Reihe auf DWDL erwähnt wurde). Seitdem hat sich der Wortvogel zu einer meiner absoluten Lieblings-Seiten gemausert. Das liegt hauptsächlich am Themen-Mix, der sehr gut zu meinen Interessen passt und natürlich auch deiner kompetenten und unterhaltsamen Schreibe.

    Danke Torsten. Weiter so.

  3. 5

    Wie schön, dass es zum großen Jubiläum mit der Ausstrahlung von „Lost City Raiders“ auch die Würdigung deines Schaffens im TV gibt! 😀 Jetzt fehlt quasi nur noch die Laudatio von Thomas Gottschalk und du kannst wirklich abtreten.

  4. 7

    Ich habe im Google Reader knapp 80 Blogs. Wenn ich nun Abends im Bett sitze, die Reader-App anmache und ein Beitrag von dir sehe: dann freut mich das. Meistens bringt mir das nämlich fünf Minuten vergnügliches lesen. Ich schätze deine Expertise über Filme, ich bin fasziniert von deinem Leben (also die als (Drehbuch-)Autor) und liebe deine Art und Weise zu schreiben. Du bist so herrlich normal.
    Was würde ich dafür geben an einem Set arbeiten zu dürfen… Dank dir darf ich aber wenigstens Insiderwissen bekommen. Irgendwie daran teilhaben.
    Auf das Abby-Sunday stehe ich nicht so. Aber würde ich drauf stehen, wäre ich ein Fanboy. Ich mag kein Fanboy sein. Irgendetwas MUSS ich kritisieren. Also das.
    In meiner „Filmsammlung“ sind von den 750 Filmen knapp 50 im Regal gelandet, weil du diese mehr oder weniger empfohlen hast. Knapp 10 davon fand ich am Ende Quark. Die Ausbeute ist somit weit besser, als wenn ich mich auf die „Widescreen“ o.ä. verlassen würde.
    Ich hoffe du machst noch lange lange Zeit so weiter. Ich würde dieses Blog hier von Herzen vermissen. Also mei Jung, bleib mir gesund, dass Glück soll dir ja treu bleiben und dir viele Aufträge bescheren. Ich drück die Daumen!

  5. 8

    Auch wenn sechs Jahre kein „klassisches“ Jubiläum darstellen, ist das eine lange Zeit. Und zudem dein dauerhaftester Arbeitsplatz. Auf alle herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die vielen, vielen Artikel (und Kommentare, obschon ich ob der Masse nur selten Diskussionen länger verfolgen kann oder mich beteilige)!

  6. 10

    Das Gedächtnis beschäftigte sich noch ein bisschen länger damit: Ich glaube, ich lese hier seit dem Buchmessecon 2010 mit.

    Hast du dort einen Vortrag gehalten, auf dem du – zu deiner eigenen Überraschung – einfordertest, dass sich die Science Fiction wieder humanistischen Themen widmen sollte, anstatt einfach nur dystopisch-kaputt ihre ewiggleichen Szenarios durchzunudeln? Das war jedenfalls irgendwo auf dem Buchmesse- oder Elstercon, und ich fand dein Anliegen und deine Verwunderung über dich selbst sehr sympathisch und hatte mir darum dein Blog ergoogelt.

  7. 11

    Nach diesem wunderschönen Eintrag hab ich als langjähriger, oftmals eher stiller Leser das Bedürfnis mich für deine Arbeit und die vielen Stunden Lesespaß zu bedanken. Achso und herzlichen Glückwunsch. 🙂

  8. 12

    „Puh“ (ich dachte kurz, Du schließt hier wirklich zu) und „Danke“!

    Für mit Leben gefüllte, anschauliche Geschichten aus der Medienbranche, mit der ich eigentlich selber gar nichts am Hut habe.

    Für Reiseberichte, die ich (beinahe schon peinlich genau) als Vorlage für eigene Urlaube dort genommen habe, und damit bei Freunden, Kollegen und meiner LvA etliche Male ein „wie bist Du denn auf DIESE Reisestation gekommen“ erntete (das gay-western steak house nur als ein Beispiel von vielen).

    Für Artikel, die mir (im wahrsten Sinne des Wortes) neues Futter geben für auch meine Vorliebe für möglichst bunte, möglichst künstliche und möglichst abgefahrene Getränke und Snacks.

    Für Artikel, die nach über tausend Kommentaren inzwischen geschlossen sind.

    Einfach für täglich vergnügliche Minuten mit neuem/n Artikel/n.

  9. 14

    Seit Anfang an dabei, immer wieder gern, weil immer unterhaltsam.
    Kein zweiter würde mich dazu kriegen, sogar Katzen-Kommentare zu lesen, ohne um die Selbstachtung zu bangen.
    Ich behaupte mal ganz keck, sowas wie den Wortvogel gibt’s hierzulande nicht nochmal. Never repent, Harlequin!

  10. 15

    Bin seit 3 Jahren dabei und wirklich, wirklich dankbar für die beruflichen Einblicke, da es wunderbar ist Einblick in die Branche von einem Kenner zu bekommen, der so ansprechend schreiben kann.

    Eine Frage hätte ich dann doch, gerade wegen der oben angesprochenen Erweiterung der Arbeitsproben: Wird die Kategorie oft geklickt bzw. werden Arbeitsaufträge (wenn mans so nennen mag) über den Blog generiert? (Natürlich nur, wenn das nicht zu sehr ins Nähkästchen gefragt ist 🙂 )

  11. 16

    Darf noch „Happy Birthday“ sagen? 🙂
    Aufgrund von GamesUnit (wo sogar über zehn Leute dran beteiligt sind) weiß ich, wie sauschwer es ist eine Seite konsequent über Jahre durchzuziehen (mein quasi eingeschlafener Blog ist Zeuge). Um so schlimmer, wenn man dann sogar noch gegen Trolle & Strafandrohungen kämpfen darf – also: viel Kraft und Erfolg für die nächsten sechs Jahre!

  12. 17

    Mit etwas Verspätung auch meine Gratulation! Ich weiß jetzt gar nicht, wie lange ich mitlese… ich hätte eigentlich gedacht, von Anfang an, aber an den Startschuss gebenden Bodybuilder erinnerte ich mich zumindest nicht.
    Ach ja, aber da ich es in Berlin ja versprochen habe:

    „Bäääh! Der Wortvogel ist längst nicht mehr, was er war. Sollte endlich irgendeinem jungen Talent wie der Katzenberger Platz machen. Früher war alles besser!“ 😉

  13. 19

    Ich bin mal wieder viel zu spät, aber mein
    „Vielen Dank – für die Einsichten, die Film-Tipps und die auch mal extremen Meinungen. Alles Gute, und ich wünsche dir, dass Du selbst den Spass am Blog nicht verlierst“
    kommt dafür aus tiefstem Herzen.
    Es klingt fies geschleimt, ist aber halt nun mal so: ich lerne von dir. Nicht nur sachlich, sondern auch menschlich.

  14. 20

    aiaiai, da ließt man den wortvogel seit über 5 jahren, schlägt auch manche schlachten mit (mv *hust* 😉 ), auch wenn man meist eher einer der stillen leser ist und dann verpennt man den sechsten geburtstag.

    herzlichen glückwunsch also nachträglich. und auf die nächsten sechs jahre!

  15. 21

    Ich habe vor ca. 1 Woche durch Zufall deinen Blog entdeckt und bin sehr begeistert. Ich hätte niemals damit gerechnet im Netz auf etwas so niveauvolles zu stoßen. Mich wirst du bestimmt so schnell nicht wieder los 🙂



Antworten

XHTML: Du kannst diese Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>