Die beiden Autoren der SPIEGEL-Titelgeschichte, die Gegenstand meines Zweiteilers „SPIEGEL vs. ALDI“ war, haben gestern in meinem Gästebuch folgenden Eintrag hinterlassen:

Sehr geehrter Herr Dewi,

als Autoren freut es uns natürlich, dass Sie sich mit unserer SPIEGEL-Titelgeschichte zum Thema Aldi so intensiv auseinandersetzen. Die Vorwürfe, wir würden auf “satten zehn Seiten heiße Luft” verbreiten und “banale Fakten zurechtbiegen” möchten wir jedoch nicht unwidersprochen stehen lassen. Wir haben uns schon in der Vergangenheit mehrfach in großen Stücken mit Aldi beschäftigt und bei unseren Recherchen intensive Einblicke in das Unternehmen gewonnen ( http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-72462697.html ,http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67510049.html ). Auch für unsere Titelgeschichte haben wir mit vielen Menschen gesprochen, die bei Aldi gearbeitet haben bzw. arbeiten. Sie schildern Aldi als einen Konzern im Kontrollrausch, der Kunden wie Beschäftigte überwacht und seine Lieferanten gängelt. Bedauerlicherweise können wir diese Quellen nicht nennen, weil die Betroffenen Angst vor Repressalien haben. Das ändert jedoch nichts daran, dass all unsere Vorwürfe gut belegt sind. Jede aufgestellte Behauptung wurde von unserer hausinternen Dokumentation und unserer Rechtsabteilung auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft, bis heute hat Aldi keine dieser Behauptung juristisch angegriffen.

Dass wir mit Frau Bolut nur einen Fall geschildert haben, hat einen einfachen Grund: Sie steht exemplarisch für den Umgang mit Mitarbeitern, wie wir aus unseren Gesprächen mit Gewerkschaftern und Arbeitnehmern wissen. Das zeigen auch die vielen zustimmenden Briefe betroffener Leser. Natürlich hätten wir in unserer Geschichte viele weitere Beispiele nennen können, aber hätte das dem Leser etwas gebracht?

Noch ein Satz zu den Kamera-Überwachungen: Für Sie mag es eine Lappalie sein, wir hingegen finden es mehr als befremdlich, dass ein Unternehmen es zulässt, Kundinnen und Mitarbeiter zu filmen, die davon nichts wissen – in welcher Situation auch immer.

Mit besten Grüßen

Susanne Amann & Janko Tietz

Ich finde es lobenswert, dass die Autoren sich die Mühe machen, auf Kritik an einer Printgeschichte online zu antworten. Das ist man vom SPIEGEL nicht unbedingt gewohnt. Inhaltlich kann ich diese Replik allerdings nicht unkommentiert stehen lassen. Deshalb…

Sehr geehrte Frau Amann, sehr geehrter Herr Tietz,

mein hauptsächliches Problem mit Ihrer Replik ist dieses: Auch hier ziehen Sie sich auf das pauschale „Wir könnten das beweisen, wollen oder dürfen aber nicht“ zurück. Demnach muss ich, obwohl der SPIEGEL eben keine harten Fakten nennt, einfach mal glauben, dass ALDI kontrollwütig, paranoid und skrupellos ist. Und das ist mir zu wenig. Journalisten haben nicht nur die Aufgabe, Fakten zu recherchieren – sie müssen sie auch präsentieren, wenn ihre Geschichte überzeugen soll. Ich kann auch behaupten „Auf dem Saturn leben lila Ponys, aber die Beweise muss ich leider geheim halten, um die involvierten NASA-Forscher nicht zu gefährden“.

Es ist ja nicht nur der Mangel an Belegen und „harten“ Fakten – es ist die Kombination aus schwerem Geschütz (skrupellos, paranoid, argwöhnisch, kontrollwütig, absurd) und schwacher Munition (Perlatoren, Namensschilder, Champignons). Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege – was für die Parawissenschaften gilt, gilt auch für den Mainstream-Journalismus. Anders gesagt: Man muss Ross und Reiter nennen.

Sie haben Zustimmung Betroffener erhalten? Erfreulich. Oder haben Sie nur den Nerv eines beliebten Vorurteils getroffen? Das Leser-Feedback in meinen Kommentaren deutet doch darauf hin, dass ich mit meiner Kritik an Ihrem Beitrag nicht allein stehe. Zählt das nicht? Bewirkt das nichts? Alles wurscht, weil Sie der Meinung sind, sich nichts vorwerfen zu müssen?

Was die Videos angeht: Ladengeschäfte filmen ihre Kunden und Mitarbeiter. Das können Sie gerne befremdlich finden. Es ist aber legal. Diese Tatsache spezifisch ALDI mit wertenden Adjektiven wie „kritisch“ und „fragwürdig“ anhängen zu wollen, finde ich… nun ja, befremdlich.

Gleiches gilt für den Vorwurf „zu wenig Frauen in der Chefetage“, der ja nun wirklich überall angebracht werden kann (außer vielleicht bei der taz und den Grünen). Wie viele Frauen gibt es eigentlich in den Chefetagen des SPIEGEL? Zumindest, was den Posten des Chefredakteurs angeht, kann ich es Ihnen sagen: 0 Frauen bei 13 Besetzungen in 65 Jahren.

Es irritiert mich auch, dass Sie gar nicht versuchen, auf konkrete Kritikpunkte einzugehen. Was ist denn nun mit der Kündigung von Herrn Straub? Wäre es nicht angemessen gewesen, auch die Motivation der Quellen offen zu legen? Können Sie Perlator-Abmahnungen und PIN-Abfilmungen wirklich nicht belegen, ohne Unschuldige zu gefährden? Den Rückgang der Saftverkäufe auch nicht? Das mag ich nicht glauben. Und ich muss es auch nicht. Weil SPIEGEL-Leser mehr WISSEN sollen, nicht mehr GLAUBEN.

ALDI ist nicht die Mafia – zumindest diese Kirche sollte im Dorf bleiben.

Ihr Artikel versprach laut Titelbild die Aufdeckung „skrupelloser Praktiken“. Nicht nur haben Sie keine skrupellosen Praktiken aufgedeckt – Sie haben nicht einmal welche benennen können. Ihr Artikel ist lediglich eine Ansammlung von – und da kommen wir wieder zum Kern meiner Kritik – Behauptungen, es gäbe solche Praktiken. Irgendwelche. Ganz bestimmt. Schlimme Sachen. Doch doch.

Ich finde es ausnehmend schade, dass es zwar zur Reaktion auf Kritik reicht, aber nicht zur Selbstkritik oder tatsächlichen Auseinandersetzung. Letztlich lässt sich Ihre Replik auf „Wir haben nichts falsch gemacht“ reduzieren. Und wenn Sie DAS wirklich denken… tja, dann haben wir alle nichts gewonnen in diesem Austausch.

Und so lautet mein Fazit und letztlich die einzige Frage, auf die ich eine einfache Antwort haben möchte: Sind Sie WIRKLICH der Meinung, Ihr Artikel sei in der gedruckten Form geeignet, die in ihm erhobenen Vorwürfe plausibel und glaubwürdig zu belegen? Gibt es da kein Quentchen Innehalten, kein zartes „Na ja, natürlich gibt es da eine Schere zwischen Behauptung und Beleg, die nicht ideal ist“?

Ihr treuer Leser mit dem schweren Herzen,

Torsten Dewi



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