16
Apr 2012

Nazis in 3D! Weltkriegspropaganda im Selbsttest!

Themen: Neues |

Bei mir häufen sich in letzter Zeit anscheinend die heiklen Themen …

Folgendes: Ich kenne einen netten älteren Herrn, der nicht die Gnade der späten Geburt hatte. Als letzter Jahrgang wurde er noch zur Luftwaffe eingezogen und gehörte zum "letzten Aufgebot". Er hat zwar so ziemlich alles, was ihn an diese Zeit erinnert, über die Jahre weg geworfen, aber von ein paar Schachteln konnte er sich bis heute nicht trennen. Neulich war er so freundlich, mir einen Einblick zu geben.

Seid gewarnt: Ich habe nicht vor, mich politisch oder ideologisch zu empören. Es geht mir nur um den Kuriositätenwert der gefundenen Gegenstände.

Natürlich habe ich schon von Stereoskopie gehört, einer 3D-Technik des letzten Jahrhunderts, bei der das Gehirn zwei nebeneinander stehende Fotos zu einer dreidimensionalen Darstellung zusammen setzt. Gesehen hatte ich das aber noch die. Der oben erwähnte ältere Herr meinte, er habe so etwas noch in seinem Keller – "aus der Zeit, du weisst schon…"

Tatsächlich fand er problemlos zwei erstaunlich gut erhaltene Bücher mit dicken Holzdeckeln:

Ein Band in Frakturschrift, einer modern. Der ca. 100seitige Buchteil ist der übliche Propaganda-Schmarrn: warum wir leider keine Wahl hatten, als Polen zu überfallen und warum Deutschland auserwählt ist, die Welt zu beherrschen. Dazu schneidige Porträtfotos vom Führer und einigen Generälen mit Lametta und Monokel. Alles so simpel gestrickt, dass es fast schon wieder eine Parodie sein könnte:

Aber eben nur fast.

Die Holzdeckel enthalten das, was bei Yps das "Gimmick" genannt wird:

Eine "Raumbild-Brille" und insgesamt 100 Raumbilder pro Band!

Eine Bedienungsanleitung liegt auch bei:

Ausgeklappt sieht das Raumbild-Gestell so aus:

Wie ihr seht, wird das Raumbild einfach vorne auf den Ständer geschoben. Dann hält man sich die Konstruktion vor die Nase (siehe oben), fokussiert irgendeine Stelle auf den Bildern – und in ein paar Sekunden sorgt der "Kreuzblick" für ein erstaunlich plastisches und tiefenscharfes Erlebnis (wenn die Qualität der Bilder es erlaubt).

Bei "Die Soldaten des Führers im Felde" wird die Technik wirklich ausgereizt, es gibt viel Action und Bewegung zu sehen, die dem grausamen Krieg fast schon etwas Heiteres abzuringen versucht:

Die Rückseiten der Fotos sind entsprechend betextet:

Der 3D-Effekt ist phänomenal, selbst in schwarzweiß, die Motive wirken wie kleine Dioramen, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Nach einer Weile stellen sich aber (zumindest bei mir) dann doch mittelstarke Kopfschmerzen ein.

Viele weitere Infos zu den Themen Raumbild und Stereoskopie hier.

Ebenfalls im Kellerregal hatte der ältere Herr den 1941er-Sammelband der Luftwaffenzeitschrift "Der Adler":

Vom "Stürmer" hatte ich schon gehört, auch vom "Völkischen Beobachter" – aber "Der Adler" war mir neu und darum nahm ich den Band mal als Lektüre mit.

Die Hefte haben alle diesen oder einen ähnlichen Look:

Faschistische Sieger-Ästhetik FTW!

Schaut man sich das Magazin genauer an, findet man einen ziemlich heroisch aufgeblasenen Mischmasch aus Frontberichten und Technikbegeisterung:

Sieg und schwere Maschinen – die richtigen Knöpfe beim "deutschen Mann" werden hier eher durchschaubar gedrückt. Würde mich nicht wundern, wenn einige der Schreiber später bei den "Landser"-Romanen untergekommen wären.

Schrift, Sprache und Layout sind dabei sehr bildlastig und modern:

Auch Hintergrundwissen kommt nicht zu kurz:

Zu einer guten deutschen Zeitschrift gehören Rätsel (vorhanden) und natürlich Witze:

Kurzum: subtrahiert man Krieg und Nazis aus dem "Adler", könnte es auch ein Vorläufer der AutoBILD sein.

Wie viele andere Nazi-Postillen kapitulierte der "Adler" mit dem Rest des Reiches – die letzte Ausgabe vom 12.9.1944 enthält den Vermerk:

„Im Zuge der durch den totalen Krieg bedingten Konzentrationsmaßnahmen auf dem Gebiet der Presse stellt die Luftwaffen-Illustrierte DER ADLER mit diesem Heft ihr Erscheinen für die Dauer des Krieges ein. Dadurch werden weitere Kräfte für die Wehrmacht und die Rüstung frei. Wir danken unseren Lesern und Freunden für die uns bewiesene Treue. Mit unserem zuversichtlichen Glauben an den Sieg verbinden wir die Hoffnung, alle Beziehern den ADLER nach dem Siege wieder in gewohnter Weise liefern zu können.“

Die Hoffnung trog erfreulicherweise.

Nichtsdestotrotz: Es ist schon spannend zu sehen, wie modern und technisch anspruchsvoll sich das Dritte Reich präsentierte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man als junger Kerl gerne in den Heften schmökerte und die Raumbilder mit Schulfreunden tauschte. Solange die nicht den gelben Stern auf der Jacke hatten…



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DMJ
16. April, 2012 14:21

Aaaawesome!
Es ist ja schon schräg und faszinierend genug, "normale" Sachen aus der Zeit zu lesen und zu staunen, wie surreal es für uns heute wirkt, aber der Raumbildbetrachter ist doch noch eine neue Klasse. Wer hat noch nicht davon geträumt, die Wehrmacht über die eigene Nase springen zu lassen?

Peroy
Peroy
16. April, 2012 14:34

Lieber Nazis als Katzen…

Dr. Acula
16. April, 2012 14:44

Der Raumbildbetrachter ist echt ’ne Schau… und beim "Adler" ist wirklich überraschend, wie aktuell das Layout ist. Farbfotos und bissl modernerer Font und du könnstest das Ding als Technikzeitschrift von heute ausgeben.

Snyder
Snyder
16. April, 2012 16:14

"Raumbildbetrachter", das ist so eins dieser Wörter wie es sie nur 70 Jahre altes Deutsch hervorbringen konnte. Grossartig!

Frank Böhmert
16. April, 2012 16:43

Wer kennt noch "Rollbrett" als Eindeutsch-Versuch für "Skateboard"? (Ich bin aber erst fuffzich.)

Wortvogel
Wortvogel
16. April, 2012 16:49

@ Frank: Ha! Ich kenne noch Karl Kent und den Superknaben!

Marcel
Marcel
16. April, 2012 16:53

"FTW" heißt dann hier wohl "für den Endsieg". 😉

Tyler
Tyler
16. April, 2012 16:55

Gott, ist die Witze-Seite schlecht!

Patrick
Patrick
16. April, 2012 17:51

Eins muss man den Nazis lassen: Die wussten noch, wie man eine Bedienungsanleitung schreibt!

😉

Exverlobter
Exverlobter
16. April, 2012 19:38

Witze im Dritten Reich. Das ist interessantes Feld. Würde mich mal interessieren, über was man da so gelacht hat. Über Juden???

Ich kenne da nur einen aus der Nachkriegsperspektive:

„Warum erzählen die Deutschen Witze über Polen, Amis oder Türken, aber keine über Juden?“ – Antwort: „Die Arschlöcher wollen das Heilige Volk ausgrenzen!“

Howie Munson
Howie Munson
16. April, 2012 20:09

Anleitung zum Betrachten von Stereobidlern ohne Hilfmittel.
(beim Vorschaubild bekomm ich es hin, in Vollauflösung kann ich nicht stark genug schielen *g*)

grand Canyon in Stereoskopie. (und bunt! 🙂 )

HAB
16. April, 2012 20:27

@Exverlobter:
Na ja, ich kenne ein paar Witze aus dieser Zeit, die sind aber eher "Antinazi" eingestellt:

"Ein Mann kommt ins Geschäft und betrachtet einen Globus. Er fragt den Verkäufer: "Entschuldigung, aber was ist das große gelbe Land?" Das ist das britische Weltreich." "Und das große Blaue?" "Das sind die USA." "Und das riesige Rote?" "Die UDSSR." Und das kleine Braune da?" Das ist das Deutsche Reich!" Der Mann überlegt: "Ja, hat das niemand dem Herrn Hitler gesagt?""

"Wieso trug Friedrich der Große rote Mäntel? Damit man das Blut seiner Soldaten nicht sah! Wieso trug Napoleon weiße Uniformen? Damit man nicht sah wie er weiß war vor Angst! Und wieso tragen die Nazis braune Uniformen….?"

Da gibt es noch ein paar, die sich aber auf Österreich, die hiesigen Dialekte usw. beziehen und daher wohl nicht jeder versteht.

DMJ
16. April, 2012 20:32

O Gott… diese… äh… "Witze"seite… sie frisst meine Seele durch bloße Betrachtung! Man stelle sich das nur mal vor: Du kommst mit Heimaturlaub von der Front (der Weg wird ja täglich kürzer), willst dich daheim mit einer Zeitschrift entspannen und dann liest du DAS.

Da gehst du doch gleich wieder zurück nach Stalingrad. 🙁

The Riddler
The Riddler
16. April, 2012 20:40

"Du kommst mit Heimaturlaub von der Front (der Weg wird ja täglich kürzer)"

Darüber musste ich jetzt lachen.

Anatai
Anatai
16. April, 2012 20:41
Peter Krause
Peter Krause
17. April, 2012 05:20

Mein allererster Fotoapparat war noch einer mit 6*6cm-Negativen.
Ich vermisse ihn.
Solche Stereobilder zu erzeugen war damit ein Klacks – wenn das Motiv still hielt.
Eine kleine Schwenkeinrichtung sorgte dafür, daß man nacheinander zwei präzise parallelverschobene Bilder machen konnte, deren Effekt sich bereits auf dem unvergrößerten Negativ-Film zeigte.

Aber während ich meine ersten Erfahrungen mit Fotoapparaten und 3D-Darstellungen sammelte, lag bereits dieses Ding hier in fast jedem Kinderzimmer:
http://nl.wikipedia.org/wiki/Bestand:DDR-Stereoskop-1970.jpg
In diese Dinger wurden üblicherweise Karten mit 12 Dias eingelegt, von denen jeweils 2 ein Stereobild ergaben. Insgesamt zeigten sie eine Geschichte aus 6 Szenen. Sie hätten auch länger oder kürzer sein können, aber irgendwie kam dies nie vor.

1980 gab es bereits eine deutlich modernisierte Version davon, mit Bildgeschichten auf runden Karten, die man nicht von Hand weiterziehen mußte, sondern mit einem Hebel weiterdrehen konnte; diese hatten dann 7 (mal 2) Einzelbilder (und sie waren auch technisch auf diese Anzahl festgelegt, da eine Scheibe kein Endlos-Band sein kann).

Mit meinem "in fast jedem Kinderzimmer" meine ich die Situation in der DDR. Dort war es fast unmöglich aufzuwachsen, ohne solch ein Ding zu Gesicht zu bekommen. War das etwa ein rein ostdeutsches Phänomen?

Wortvogel
Wortvogel
17. April, 2012 07:01

@ Peter: Ich erinnere mich an diese kleine Geräte im Kinderzimmer, aber bei uns (so ich mich erinnere) waren da immer nur 2D-Aufnahmen auf Scheiben drin, die man auswechseln konnte und die eine Art Geschichte in Standbildern erzählten.

noyse
noyse
17. April, 2012 08:13

@peter genau daran kann ich mich auch noch gut erinnern. ich glaub im tierpark berlin gabs sowas immer zu kaufen. ansonsten kann mich noch an märchen und so was erinnern.

Peter Krause
Peter Krause
17. April, 2012 09:29

@Wortvogel:
Für 2D-Aufnahmen auf Scheiben hatten wir das hübsche Wort "Dias".
Das waren transparente Foto-Positive in der typischen Größenordnung von etwa einem Zoll (grob: 3cm).
Der Name "Dia" deutet für mich laien-etymologisch darauf hin, daß dieses Bild ursprünglich in einen "TAGESlichtprojektor" eingelegt werden sollte – aber das ist nur eine Vermutung.

Es gab (zum Beispiel in einem Optik-Baukasten, den ich als Teenager besaß) auch die "einäugige" Variante dessen, was oben auf dem verlinkten Bild gezeigt wird – das war dann eine Vorrichtung, die für diese 2D-Dias maßgeschneidert war, um sie sich ohne Dia-Projektor anzusehen. Mono-okular.
(Hinten ein Milchglas, welches das natürlich einfallende Licht möglichst gleichmäßig auf das Bild verteilt – vorne eine einfache Linse, die das Bild ein wenig vergrößert und auf den durch die Halterung vorgegebenen Betrachtungsabstand optimiert ist.)
Diese Geräte waren aber in meiner Erinnerung stets ein Instrument für Nerds, sie erzielten nie große Verbreitung – wie Briefmarken-Lupen – im Gegensatz zu den 3D-Bildgeschichten im 6er-Pack.

trackback

[…] politischen Standpunkt nicht). Es sollten heroische Heldengeschichten sein, vergleichbar mit den Adler-Storys, die ich Anfang der Woche vorgestellt habe. Weil es damals nur limitierte Möglichkeiten gab, […]

CrazyEddie
18. April, 2012 19:44

@Peter:
An die Stereoskopiebetrachter aus der DDR erinnere ich Jungspund (im Gegensatz zu den meisten hier bin ich das ja) auch noch. Das schöne ist: Da meine Mutter Kindergärtnerin ist, konnte sie eine Menge dieser Schätze retten, sodass sich neben "Rotkäppchen" und "Pittiplatsch" auch Kuriositäten wie "Ein Tag bei der NVA" tummeln. Das schlägt dann in eine ähnliche Propagandakerbe, wie des Wortvogels Entdeckung.

Howie Munson
Howie Munson
18. April, 2012 19:51

@PeterKrause: Ne, die dinger, die ich zum Beispiel von der "Blumeninsel Mainau" kenne, waren vielleicht insgesamt ungefähr Scheckkartengroß und 2 bis 4 zentimeter dick und hatte irgendwas zwischen 4 und 8 Bildern auf einer Scheibe… die "Minidias" waren also maximal 2 mal 2 zentimer groß. (eher kleiner )

soweit meine Erinnerung, ich hab aber auch eine Webseite gefunden auf der ein Foto vom innenleben ist: Mini Fernseher ("Gucki Plastiskop" scheitn der Fachbegriff zu sein)

Maße liegen zwischen 76 x 58 x 27 mm und 50 x 46 x 27 mm

Dr. Acula
18. April, 2012 20:34
Howie Munson
Howie Munson
18. April, 2012 20:39

hmm… den hatte ich jedenfalls nicht selber, eventuell ne Cousine…

muss über 20 jahre her sein das ich sowas gesehen hab.. 🙂

Dr. Acula
18. April, 2012 20:40

Ich hatte mindestens zwei von den Dingern… sind leider den Weg alles Irdischen gegangen 🙁

CrazyEddie
18. April, 2012 21:26

@el Doctore: Das sind die Dinger aus der DDR, nur dass sie da nicht 3D Viewmaster hießen^^
Aber genial sind die trotzdem.

Wortvogel
Wortvogel
18. April, 2012 21:41

@ Acula: Viewmaster, genau die meinte ich!

Peter Krause
Peter Krause
19. April, 2012 11:38

Jeah, genau diese runden Dinger.
Nerd-Fakt: das Weiterschalten der Scheiben übersprang immer ein Bild (nämlich jenes, welches für das andere Auge gedacht ist). Das funktioniert nahtlos nur mit einer ungeraden Anzahl an Bildpaaren, konkret waren es 7.

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[…] vor knapp sieben Jahren einen Band aus einer Reihe von DDR-Jugendbüchern vorstellte. Oder dass ich Bücher mit “Raumbildern” aus der Nazizeit besprochen habe. Sachen eben, die man nicht so leicht auf seinen Kindle-Account […]

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[…] aber vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Nicht alles wirkt so antiquiert, wie man es vielleicht erwarten […]

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[…] Ilsa benutzt in der ersten Folge übrigens einem Viewmaster, über den wir neulich erst gesprochen haben – allerdings als […]