Okay, nach mehreren leeren Versprechungen gehe ich es heute mal konsequent an – das Freitagsforum. Themen für das traditionell etwas ruhigere Wochenende, bei denen ich mich über rege Teilnahme und Vorschläge freue. Interaktion statt reiner Rezeption, sozusagen.

Ich werde erstaunlich häufig gefragt, welche Bücher ich angehenden Drehbuchautoren empfehle. Mit etwas mehr Elfenbein in meinem Turm würde ich vielleicht sagen: keine. Das heißt nicht, dass es nicht nötig ist, sich das relevante Fachwissen anzueignen. Es heißt auch nicht, dass es unmöglich ist. Aber so eine Auswahl ist immer extrem subjektiv und kann aus mehreren Gründen nicht weiter gegeben werden.

Zuerst einmal gilt die Faustregel: wenn du verstehen willst, wie Filme funktionieren, dann schau dir möglichst viele an. Aber konsumiere nicht nur, sondern analysiere auch. Wenn dir eine Szene gut gefallen hat, frage dich: warum hat die mir so gut gefallen? Was haben das Drehbuch, die Regie und die Darsteller eingebracht, wie hätte die Szene anders aussehen können, was macht sie einzigartig? Ganz wichtig: lerne KINO. Das ist kein Genre. Auch wenn du nur Horrorfilme schreiben willst – Horror bedeutet Drama, Spannung, manchmal auch Humor und Action. Schaue jede Sorte Film, lerne ihre Stärken und Schwächen. Wenn du bei einem Gag lachst, studiere das Timing. Wenn du bei einer Szene weinst, finden den Trigger, den der Autor in dir angesprochen hat. Achte bei einer Actionszene auf Schnitt und Choreographie. Lerne den Rhythmus guter Filme – wie sie von Szene zu Szene springen. Finde Parallelen, aber auch Unterschiede zu vergleichbaren Produktionen. Studiere Figuren – was macht sie einzigartig, was sind ihre Manierismen?

Ein weiterer Grund, warum jede „required reading“-Liste problematisch ist, liegt im Anspruch des Lesers. Will man das „reine Handwerk“ des Drehbuchschreibens lernen, weil man nicht vor hat, jemals aus seinem Home Office zu kriechen? Will man nur pure Geschichten erzählen und die visuelle Umsetzung der Produktion überlassen? Will man sich mit Zielgruppen, Sendeplätzen und Formaten nicht auseinander setzen? Dann kann man auf die Helden der Drehbuchtheorie Robert McKee („Story“) und Syd Field („Das Handbuch zum Drehbuch“) zurück greifen. Wenn man aber die Branche in ihrer Gänze besser verstehen will oder auch die Grundlagen aller filmischen Aspekte, gräbt man bei ihnen zwar tief, aber nicht breit genug.

Nächstes Argument gegen dieses Essay: Das Internet. Es gibt Hunderte von Webseiten mit Tipps und Tricks zum Thema Drehbuchschreiben. Es gibt Foren, in denen sich junge Autoren austauschen und helfen können. Es gibt Grafiken, Programme und Kurse, die man nutzen kann, um die handwerklichen Aspekte etwas „rutschfester“ zu gestalten. Software, die das Skript korrekt formatiert (für Einsteiger Celtx, für Profis Final Draft) und den Autor bei dramaturgischen Problemen an die Hand nimmt (Dramatica). Wer recherchieren will, greift nicht mehr zum Lexikon, sondern surft zu Wikipedia. Ich halte es für absolut glaubwürdig, dass man ein guter Drehbuchautor werden kann, ohne je ein Buch zum Thema in der Hand gehabt zu haben.

Und schließlich: Es gibt Tausende Bücher zum Thema. Ich habe nur einen Bruchteil davon gelesen. Viele stehen sogar ungelesen bei mir im Regal. Es mag sein, dass es erheblich tollere Kurse und Lehrgänge gibt, als ich euch vorschlagen kann – die kenne ich aber nicht. Ich habe mich in meiner Karriere auf eine Kombination aller Aspekte verlassen: viele Filme schauen, ein paar Bücher lesen, im Internet surfen, Drehbücher studieren, dann und wann ein Seminar besuchen, etc. Mir hat es sehr geholfen, dass ich jahrelang als Lektor bzw. Leser (wenn man den US-Begriff des „readers“ übernehmen will) die Fehler in anderer Leute Drehbüchern aufgestöbert habe. Solange man nicht zu eitel ist, schärft es das Auge für die eigenen Defizite.

Es gäbe also genug Gründe, euch keine Bücher zu empfehlen. Aber damit ihr endlich Ruhe gebt – meine Schätzchen in unsortierter Reihenfolge.

The Secrets of Action Screenwriting

William Martell hat einen ganzen Haufen preiswerter Actionfilme und Thriller geschrieben. Die sind sicher nicht innovativ oder anspruchsvoll, aber sie sind solides Handwerk. Martell hat die Elemente identifiziert, die einen klassischen Reißer ausmachen – und bringt sie präzise auf den Punkt. Wenn man bedenkt, dass die meisten Autoren in Deutschland nicht mal einen Bösewicht korrekt „bauen“ können oder beim „Popeye Punkt“ versagen, ist „The Secrets of Action Screenwriting“ sicher so praktisch wie nötig. Zumal sich, wenn man dieses Format erst mal beherrscht, von der Actiondramaturgie viele andere Genres ableiten lassen.

Auf seiner Webseite hat Martell auch noch viele weitere Materialien (teilweise als Broschüren) zu sehr häufigen Autorenproblemen – mit sehr konkreten Lösungsvorschlägen.

Empfehlenswert für alle, die statt des nächsten „Inception“ eigentlich nur den nächsten „Under Siege“ schreiben wollen. Bonus: Martell signiert die Bücher, die man direkt bei ihm bestellt.

The Complete Book of Scriptwriting

Ich gebe ja zu, dass ich mir das Buch in den 90ern nur gekauft habe, weil es vom „Babylon 5“-Schöpfer JMS stammt. Tatsächlich kann man „Scriptwriting“ als essentiell für alle bezeichnen, die nicht nur Drehbücher schreiben, sondern mit dem Schreiben von Drehbüchern auch Karriere machen wollen. JMS beschreibt so ziemlich alle Fallen und Figuren, mit denen man immer wieder konfrontiert wird, warnt vor gängigen Fehleinschätzungen ebenso wie vor gierigen Agenten. Er stellt die verschiedenen Abnehmer vor (Skripts werden nicht nur in Kino und TV gebraucht) und hat eine ganze Sackladung Anekdoten direkt aus der Branche parat.

Natürlich lernt man hier nicht, in welcher Schriftart der Titel des Drehbuchs gesetzt werden muss – aber „Scriptwriting“ ist eine echte Fundgrube und ein kalter Eimer Wasser, den viele naive Nachwuchsschreiber gut brauchen können. Wie oft ich Situationen aus dem Buch bei meinen Besuchen in LA gespiegelt fand, kann ich gar nicht mehr zählen.

Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?

Als ich 1990 beim GONG anfing, hatte ich einen ziemlich arroganten Kollegen, der mir einen wirklich guten Tipp gab: „Wenn du über Hollywood Bescheid wissen willst, dann lies die Bücher von Anger und Truffaut“. Er meinte „Hollywood Babylon“ (das mittlerweile doch arg angestaubt ist) und dieses Werk von François Truffaut, das auf elend langen Interview-Sessions mit dem Meister der Suspense beruht. Es ist bis heute der beste, nachvollziehbarste und humorvollste Einblick in den Kopf eines filmischen Genies, den ich kenne. Immer wieder ertappe ich mich dabei, Filme an kleinen Details zu messen, die ich bei Hitchcock gelernt habe und die mir ans Herz gewachsen sind. Nicht zuletzt gehört dazu die Grundregel, dass es leicht ist, spannende Fragen zu stellen – aber schwer, eine ebenso spannende Antwort zu geben. Darauf basiert dann auch meine Abneigung vieler moderner Horrorfilme oder von Serien wie „Lost“.

Als Bonus empfehle ich nicht das normale Taschenbuch, sondern die «édition définitive» des Diana-Verlages. Die ist zwar momentan nur antiquarisch und recht teuer zu bekommen, aber es lohnt sich.

500 Ways to beat the Hollywood Script Reader

Der Titel klingt nach reiner Marktschreierei – wie überliste ich den Lektor des Senders, des Studios oder der Produktionsfirma, damit mein Skript es zumindest in die Chefetage schafft? Tatsächlich gibt Jennifer Lerchs Buch 500 handfeste Tipps, wie man sein Skript nicht nur professionell gestaltet, sondern auch aufbereitet und präsentiert. Es ist eben NICHT ratsam, vorne ein hübsch buntes Bild drauf zu pappen. Oder die 120 Seiten in einen Schnellhefter zu packen. Oder seitenlange Einleitungen zu schreiben, warum das Skript so spannend und einmalig ist. Es sind die absoluten „basics“, die dafür sorgen, dass der Reader den Eindruck bekommt, das Werk eines professionellen und damit ernstzunehmenden Autors vor sich liegen zu haben. Und DAS ist eine Hürde, an der erschreckend viele Schreiber (auch bei mir) scheitern.

Obendrein ist „500 Ways…“ angesichts der Aufteilung ideale Klolektüre.

Film verstehen

James Monacos Buch wird nicht ohne Grund gerne als „Bibel“ bezeichnet und hier geht es derart ans Eingemachte, dass ich Anfängern sogar aktiv davon abraten würde. Die ersten Jahre in München habe ich mehrfach versucht, mich durch die teilweise recht trockenen und faktenprallen Texte zu wühlen, nur um den Band nach 20 Seiten frustriert ins Regal zu stellen. Monaco geht sehr tief und verlangt vom Leser eine hohe Mitdenktbereitschaft. Als Belohnung winkt allerdings ein präzises Verständnis von Film in Form und Inhalt, das ich von jedem verlange, der sich professionell als Autor oder Kritiker umtreibt.

Keine leichte Lektüre – eine Herausforderung.

The Guerilla Film Makers Pocketbook: The Ultimate Guide to Digital Film Making

Von diesem Buch habe ich den Vorgänger im Regal stehen. Ich glaube, dass die neue Ausgabe deutlich nützlicher sein dürfte, weil es gerade die Digitalisierung der Filmemacherei ist, die jungen Autoren und Regisseuren neue Möglichkeiten eröffnet. Das „Guerrilla Film Makers Pocketbook“ ist wie das „Guerilla Film Makers Handbook“ wirklich rappelvoll mit praktischen Tipps, Anleitungen und Beispielen für No Budget- und Low Budget-Filmer. Hier wird nicht theoretisiert oder geschwafelt, sondern klipp und klar aufgezeigt, wie man einen Film auf die Beine stellt, wenn es so ziemlich an allem fehlt: Geld, Connections, Ausrüstung, Crew. Dabei gefallen mir zwei Aspekte besonders. Zum einen verweisen die Macher darauf, dass man trotz aller Beschränkungen immer darauf aus sein sollte, einen GUTEN Film zu drehen. No Budget ist nicht gleichbedeutend mit Null Bock. Zum anderen geht es darum, trotz aller Defizite die Notwendigkeiten nicht zu ignorieren. Auch wenn man kein Geld hat, muss der Film verständliche Dialoge haben und ausreichende Beleuchtung. Das möchte man gerade deutschen Nachwuchsfilmern mal ins Stammbuch schreiben.

Kein Lehrbuch – ein Handbuch für alle, denen der erste Dreh bevorsteht und die nicht zu arrogant sind, sich Tipps von erfahrenen Low Budget-Kollegen zu holen. Würde ich selbst  jemals auf den Regiestuhl wollen – DAS wäre mein unverzichtbarer Begleiter.

The Fiction Writer’s Silent Partner

Martin Roths Buch (das ich ca. 1998 bei einem „Borders“ gegenüber von der Beverly Hills Mall gekauft habe) ist weder Lehr- noch Handbuch. Es ist eine unglaubliche praktische Sammlung an Listen und Themen, Gegenständen und Gebäuden, Indizien und Elementen für alle Filmgenres. Wenn man mal stecken bleibt, weil einem nicht einfällt, in welches Dilemma man seinen Protagonisten stürzen will oder welche Bedrohung der Bösewicht darstellen könnte – hier gibt es sämtliche „standards“ übersichtlich geordnet. Ihr wollt wissen, welche Ränge es beim US-Militär gibt? Welche Arten von Doktoren welche Behandlungen durchführen? Was Comedy-Grundsituationen sind? Martin Roth weiß Bescheid.

Um zu verdeutlichen, welche Bandbreite das Buch abdeckt – hier mal ein Scan von zwei Seiten Inhaltsangabe:

Mit Martin Roth kommt man vielleicht nicht auf neue Ideen – aber wie man die Klassiker kompetent umsetzt, kann man hier jederzeit nachschlagen. Und daran (ich wiederhole mich) hapert es hierzulande ja schon oft genug.

So, das ist meine Auswahl für ein möglichst breites Wissensspektrum aus den Bereichen Filmemachen und Drehbuchschreiben. Viele der Bücher gibt es (z.B. bei Amazon USA) für Centbeträge. Wie schon erwähnt – your mileage may vary. Eure Meinung und eure Vorschläge erwarte ich mit Spannung.

Eine Warnung aber vorab: ich nehmen niemanden ernst, der glaubt, er könne ohne all dieses Hintergrundwissen gute Skripts schreiben. Wer meint, eine üppige DVD-Sammlung reiche für eine Karriere als Drehbuchautor, hat komplett keine Ahnung. das gilt auch für Leute, die meinen, mit der Lektüre von McKee oder Field „ausgelernt“ zu haben. Von der Sorte habe ich genug kennen gelernt – und KEINER von denen hat es je zu nennenswertem Erfolg gebracht. Man lernt nie aus. Es gibt eine Filmsprache, die man kennen und können muss. Wer meint, dem Kino eine neue Sprache beibringen zu können, wird scheitern. Und mag er sich dann auch als „verkanntes Genie“ sehen – es ist Ignoranz gepaart mit Inkompetenz.



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