Okay, das war ein laaaaanges Wochenende, aber ich bin gesund und wohl erhalten aus Nürnberg zurück. Keine Überraschung: es war mal wieder ein Heidenspaß, zumal auch die übliche Mischpoke von Badmovies-Veteranen vor Ort war.

Wir haben Filme gesehen, über die man das Mäntelchen der Schande decken sollte – Grund genug für mich, ausführlich darüber zu schreiben.

Raumschiff Alpha

Den Auftakt machte am Freitag Abend der erste der „Raumstation Gamma 1“-Filme aus der Werkstatt des Italo-Stümpers Anthony M. Dawson (justiziabel als Antonio Margheriti). Verblendete und unangemessen nostalgische Filmfans sehen in der Quadrilogie gerne sowas wie Italiens Antwort auf „Perry Rhodan“ und „Star Trek“. Ich sehe darin lieber „Kinderquatsch mit Franco“ (Nero). Wie bei Margheriti üblich, wird versucht, das mangelnde Budget mit Augsburger Puppenkiste-Modellen zu kaschieren, was rein gar nicht funktioniert, aber dem Film zugegebermaßen ein wenig mehr Format verleiht, als die restlichen Pappkulissen und pastellfarbenen Vorhänge hergeben.

Der Plot ist gleichzeitig kindisch und komplett undurchschaubar: Irgendeine böse „Korporation“ (ja, so sprechen die das in der verstaubten deutschen Synchro aus) namens CBM hat irgendeinen Stützpunkt namens „Alpha“, auf dem sie wohl so eine Art Roboter bauen, die dann mit gut aussehenden Frauen auf der Erde immer mehr Menschen schrumpfen/auflösen (so ganz wird das nie klar). Außerdem arbeiten sie wohl noch an Mann/Frau-Hybriden. Warum, das bleibt völlig im galaktischen Nebel, die Polizei unternimmt auch nix und der Chef von „Gamma“ steigt erst in die Sache ein, als seine Ische entführt wird.

Kompletter Dummfug in ganz viel bunt mit allem, was für einen SF-Kindergeburtstag dabei sein muss: Raumschiffe, Laserstrahlen, Judo, Space-Tänze und futuristisches Ausdruckstheater. Die Männer tragen Motorrad-Nierengurte über dem Overall und Franco Nero (Keoma! Django!) spielt eine komplette Pussy.

Kurzum: Der perfekte Einstieg in ein Trashfilm-Festival.

Bulletface

Dass Albert Pyun bei mir unten durch ist, ist bekannt. Ich denke, dass er damit umgehen kann. Doc Acula wollte zum Festival ja nicht nur Pyuns Film „Deceit“ als Europapremiere (?) rankarren, sondern auch zwei der pyunschen Standard-Gesichtsverleiher. Daraus wurde nichts und wir mussten uns kurzfristig mit „Bulletface“ und keinen Gaststars begnügen.

„Bulletface“ ist eine eher obskure Produktion. Soweit ich das nachvollziehen kann, wurde 2006 und 2007 gedreht. 2010 sollte er als üppige DVD-Spezialedition (inkl. Soundtrack und Bonusfilm) auf den Markt kommen, aber Amazon.com listet ihn als „unavailable“ und die wenigen Online-Kritiker habe ihre Kopie wohl von Pyun selbst. Mag sein, dass „Bulletface“ also nie offiziell auf den Markt kam.

Besser ist das.

„Bulletface“ ist ein gutes Beispiel für den Ramsch, den Pyun seit zehn Jahren in den Markt pupst. Die Story ist fahrig, die Dialoge sind dünn – vor allem aber: es ist nicht genug Geld da, das bisschen, was gezeigt werden müsste, auch tatsächlich zu zeigen. „Bulletface“ hat den Look eines Handyvideos, das man mit so ziemlich allem aufgepumpt hat, was die Editing-Shareware her gab. Das Bild ist derart auf sepia getrimmt, dass es fast ausgebleicht wirkt. Hilflose Freeze Frames und Split Screens sollen da aushelfen, wo die Coverage einfach nicht reicht, um das Interesse des Zuschauers zu halten. Ständige Texteinblendungen mühen sich, den Handlungsquark glatt zu rühren, nerven aber schon nach zehn Minuten – und dann bis zum Abspann.

Das ist umso ärgerlicher, da sich in „Bulletface“ – im Gegensatz zu den letzten Dutzend Pyun-Produktionen – ein echter Film versteckt. Kein guter, kein großer – aber ein Film. Eine schmierige kleine Gangstermär von der Ex-DEA-Agentin, die 60 Stunden Knasturlaub nutzen will, um ihren Bruder zu rächen und dabei auf eine neue Droge stößt, die Kalifornien fluten soll. Es passt zu Pyun, dass er diesen einfachen, aber effektiven Plot mit bizarren Andeutungen über Unsterblichkeit und moderne Vampire verwässert, als gelte es, auch diesen Streifen irgendwie gewaltsam ins „Cyborg“-Universum zu pferchen. Die Handlung mit permanenten Rape-Rückblenden zu strecken tut „Bulletface“ ebenfalls nicht gut.

„Bulletface“ hat Schauspieler, die weit besser sind als der No Budget-Crap, in dem sie hier mitspielen müssen: Stephen Bauer, Scott Paulin, Morgan Weisser, Victoria Maurette – die können alle was. Sogar in einem solchen Kontext sind sie überzeugend, wenn auch etwas überzogen (die Welt von „Bulletface“ erinnert ein wenig an das Posing von „Miami Vice“, nur farbloser und billiger). Man hat die ganze Zeit das unangenehme Gefühl, dass der Film nur 200.000 Dollar und einen anständigen Cutter von einem soliden B-Crime-Movie entfernt ist, dessen Herstellung längst außerhalb von Pyuns Reichweite liegt.

Fazit: Sicher nicht so schmissig wie „Raumschiff Alpha“, aber auf seine Weise ein paar Diskussionen beim Bier wert. Und das zählt bei einem Festival wie diesem allemal.

Damit war der Freitag dann auch schon rum. Ich schlief „dank“ meiner Erkältung mehr schlecht als recht und haderte mit dem Gedanken, am Samstag sechs Filme in Folge durchziehen zu müssen. Aber ich bin bekannterweise nicht nur hart gegen andere, sondern auch gegen mich selbst:

Wenigstens versprach der Samstag unterhaltsam anzufangen…

Perrak

Auf den haben wir uns richtig gefreut – „ein pulvertrockener Sittenreißer“ deutscher Provenienz von 1970, der als Vorlage von „Derrick“ gerechnet werden darf, bei genauerer Betrachtung aber die Giallo/Kolportage-Variante der ZDF-Krimiserie darstellt. Statt des sauberen und unnahbaren Stefan Derrick gibt Tappert hier „Perrak von der Sitte“, der in Hamburg jede Nutte und jeden Kleinkriminellen kennt. Als eine Transe auf der Müllhalde am Hafen gefunden wird, ermittelt er im „Milieu“, in dem jeder jeden über den Tisch ziehen will, denn es geht um die Chance, einen lukrativen Erpressungsdeal des Toten wieder aufzunehmen.

Weil es so schön passt: „Perrak“ ist eine echte Schau. Sex, Gewalt, Perversionen, Karate, Mord, Rassismus, Zynismus, Sadismus – alles drin, alles dran. Nur Drogen bleiben erstaunlicherweise außen vor. Dafür hat der saubere Perrak einen erwachsenen Sprössling, mit dem er in einer Vater/Sohn-WG lebt, die eher einer Sitcom entliehen scheint als einem „Sittenreißer“. Das passt nicht zusammen und vielleicht genau deshalb ganz gut.

Man muss sich nur mal vorstellen, dass „Perrak“ international SO vermarktet wurde:

Veteran Vohrer inszeniert aufwändig und mit viel Sinn für Groschenroman-Action, die Charaktere sind allesamt so bunt wie verdorben. Als beim Travestie-Strip auch der letzte String-Tanga in Nahaufnahme zu fallen drohte, machte sich im Publikum sicht- und hörbares Unwohlsein breit. Aber diese Grenze überschreitet „Perrak“ dann glücklicherweise doch nicht.

Die Besetzung strotzt nur so vor bekannten Gesichtern (Jochen Busse, Wolf Roth) und man hat nicht wirklich gelebt, bevor man nicht gehört und gesehen hat, wie Horst Tappert die große Judy Winter „Trompeten-Emma“ nennt (aus naheliegenden Gründen, die nichts mit einem Musikinstrument zu tun haben). Und das Cameo des Jahrhunderts: Walter Spahrbier als Telegrammbote! Bezeichnend für die Altersstruktur des Festivals, dass nur ich ihn erkannt habe…

Kurzum: Ein Trash-Klassiker und ein Film, der so nur zu dieser Zeit gedreht werden konnte und ein perfektes Beispiel für den in im Schatten von Wallace und Fernsehkrimi unterschätzten Kolportage-Reißer aus Deutschland darstellt.

Paco – Kampfmaschine des Todes

Den Heuler von Sergio Martino habe ich ja anderweitig und eher negativ besprochen. Auch wenn ich zu allen Details meiner Kritik noch stehe, belegt gerade „Paco“ eindeutig, wie vergnügungsförderlich es sein kann, einen Film in adäquater Runde bei so einem Kracher-Festival anzuschauen. In 35 Millimeter. Da kommt Freude auf und das Geschehen auf der Leinwand wird mit einem konstanten Schwall an Kommentaren beschossen. Hilarity ensues.

Allerdings stört es mich immer noch, dass der ganze Cyborg-Kram reine Augenwischerei ist: Paco könnte genau so gut Agent oder Söldner sein. Man halt krampfhaft versucht, sich irgendwie an „Terminator“ zu hängen. Und was an diesem Cyborg „atomic“ sein soll, bleibt das Geheimnis des internationalen Vertriebs, der ihn seinerzeit als „Atomic Cyborg“ unter die Leute gebracht hat.

Der Trailer gibt einen ganz guten Eindruck:

http://www.youtube.com/watch?v=Xqk2QuI4iTY

Wen die asiatischen Untertitel nicht stören, der kann sich den ganzen Streifen auch auf YouTube ansehen:

http://www.youtube.com/watch?v=iIxcW9vDFmU

Übrigens: Die legendäre Paco-Kampfpose

können echte Trashologen schon lange:

Uns fehlte nur die fesche Taschenrechner-Armbanduhr…

Damit lasse ich es für heute gut sein. Den Rest der Filme (Brainstorming, Ninja Terminator, Hard Rock Zombies, Helga und Sadomona) bespreche ich ausführlich morgen. Dann gibt es auch noch einige Anekdoten rund um das Festival.



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Jott

Wie konnte Albert Pyun jemals NICHT unten durch sein….

chaosmonger
chaosmonger

Auch ich habe Walter Spahrbier erkannt. Wollte ich nur mal angemerkt haben…

Uwe Bollhaus

Wohooo! Dann kommen wir doch noch zu unserer Wortvogel-Kritik von „Brainstorming“.

Wir freuen uns drauf (egal, wie sie ausfallen mag…)

Echt blöd, dass niemand von uns da sein konnte…vielleicht im nächsten Jahr zum elaborierten „Experten“-Plausch… 🙂

FJack
FJack

Das hängt bei mir im Flur:
http://www.wrongsideoftheart.com/wp-content/gallery/posters-h/hands_of_steel_poster_01.jpg

Über das Paco-Plakat hab ich mich entsprechend sehr gefreut, das kannte ich noch nicht (es gibt noch eine Plakatversion „Atomic Cyborg“ ist aber alles der selbe Film „Vendetta dal futuro“) – DANKE!

Howie Munson
Howie Munson

Also die gerade rein zufällig gefunde Szene bei Minute 66 ist aber schon relativ gelungen von Paco, nicht? „wir haben keine Zeit zu verlieren, nun schrei endlich!“ und dann schreit sie erst nach erfolgter Verwundung…

Bei minute 69,5 gibt es dann die gesuchte Kampfpose in bewegten Bildern… *g*

Andrea Bianchi
Andrea Bianchi

Wow, wie man dem Foto erkennen kann hat man es endlich mal nicht mit einer Klischee-Ansammlung von Filmliebhabern zu tun. Finde ich gut.

Seit Jahren erfüllte nämlich jeder FFF Besuch wirklich jedes Klischees, welches man über Filmnerds haben kann. Schwarze Metal-Shirts, lange Haare, miefend, dick und mit benässten Haaren im Nacken bestückt. Das mag vielleicht polemisch klingen, aber wenn man sich die Leute mal anschaut die auf Filmbörsen und auf Filmfesten neben einem stehen (natürlich nicht alle, aber eine erschreckende Mehrheit), dann weiß man, dass die Klischees nicht von ungefähr kommen.

Aber warum sitzen soviele Leute alleine?

Marko

„Seit Jahren erfüllte nämlich jeder FFF Besuch wirklich jedes Klischees, welches man über Filmnerds haben kann. Schwarze Metal-Shirts, lange Haare, miefend, dick und mit benässten Haaren im Nacken bestückt.“

Bitte? Die Zeiten sind längst vorbei. In den letzten Jahren waren die FFFs doch von Normalos noch und nöcher überschwemmt, und die Metaller standen nur noch traurig und vereinzelt dazwischen …

chaosmonger
chaosmonger
OnkelFilmi
OnkelFilmi

„Seit Jahren erfüllte nämlich jeder FFF Besuch wirklich jedes Klischees, welches man über Filmnerds haben kann…“

Keine Ahnung wohin Du gehst, aber in Köln: Fehlanzeige. Da ist das Publikum absolut gemischt. Klassische Metalheads? Eher Fehlanzeige, wenn man mal von Alex, einem aus unserer FFF-Crew absieht. Der hat zwar lange Haare und trägt, wenn’s kalt ist, ganz klassisch ’ne Kutte, aber das war’s schon.

Da findest Du vor’m Kino eher Hipster, als das von Dir angesprochene Horrorfan-Klischee…

Anderl

@Chaosmonger: Danke! Für’s Forum wird man ja nicht freigeschaltet *grummel* und unangemeldet werden mir dort keine Bilder angezeigt.

Allgemein möcht ich noch ein dickes „Danke“ an die Leute dort vor Ort und Torsten im speziellen richten. Obwohl ich anfangs noch recht wortkarg unterwegs war (zu meiner Verteidigung: ich war saumüde!), war’s so, als wär ich Dauergast auf dem Festival.

Ach, und meine Meinung über das fränkische Bier muss ich auch noch revidieren. Wenn’s nicht grad warm, geschüttelt oder aus war, war’s extrem süffig.

Nächstes Jahr nehm ich das volle Programm mit. Oder zumindest zwei Tage. 🙂

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