28
Feb 2012

"Reguly Gry": Warschau ist nicht New York

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Es ist kein Geheimnis, dass die Deutschen das Genre Sitcom nicht wirklich im Griff haben – zumindest, was das originär amerikanische Format angeht mit dem Wohnzimmer und dem Live-Publikum im Studio. Selbst Kultserien, die so deutsch wie Eisbein mit Sauerkraut scheinen, haben ihre Wurzeln im Ausland.

Das hier kennt jeder – "Ein Herz und eine Seele":

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So mancher TV-Fan weiß mittlerweile auch, dass Ekel Alfred irgendwie mit Archie Bunker aus "All in the family" zusammen hängt:

http://www.youtube.com/watch?v=znrjbo9QRLk

Tatsächlich geht "Ein Herz und eine Seele" aber auf das britische Original "Till death do us part" zurück:

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Das hat funktioniert. Meistens funktioniert es nicht.

Die öffentlich-rechtlichen Sender haben gerne auch mal lahme Comedyserien aus Holland und Belgien adaptiert.

In den 90ern hat man bei RTL versucht, vom großen Erfolg von "Eine schrecklich nette Familie" und "Wer ist hier der Boss?" mit deutschen Versionen zu profitieren. Ich war seinerzeit bei den Dreharbeiten in Berlin vor Ort und selbst die Darsteller glaubten nicht daran, dass sowas klappen könne (der "deutsche Al Bundy" Lutz Reichert hat sich gerade bei Spon dazu geäußert).

"Hilfe, meine Familie spinnt" scheiterte dann auch kapital – nicht zuletzt daran, dass das überlegene Original täglich zum direkten Vergleich einlud. Eins der Hauptprobleme war sicherlich, dass man (im Gegensatz zu "Ein Herz und eine Seele") keine Handhabe hatte, das Format einzudeutschen. Die Vorgabe der Amerikaner war deutlich gewesen: selbst die Kulissen mussten dem Original nachempfunden sein. Das führte zu der sicher unglaubwürdigsten "Kölner Wohnung", die je deutsche Bildschirme zu sehen bekamen:

[myvideo 2720996]

Über die Travestie, die uns als "iTeam" verkauft wurde, habe ich vor einigen Jahren gegen den Schmerz angeschrieben.

Nun sollte man meinen, die Sender würden es irgendwann lernen. Dem ist nicht so. Es gibt auch ein schönes aktuelles Beispiel. Seit einigen Jahren schaue ich mit wachsender Begeisterung "Rules of Engagement":

http://www.youtube.com/watch?v=8ZyfDvCB0I0

Die Serie lebt ganz gut vom Stoizismus des Patrick Warburton und der Schmierigkeit des David Spade.

Nun ist in Polen eine lokalisierte Variante namens "Reguly Gry" angelaufen – die so wenig lokalisiert wurde, dass es fast schon wieder verblüfft:

http://www.youtube.com/watch?v=dzJgdCBOUqI

Das Diner, in dem sich die Darsteller immer wieder zum Plausch treffen, kann eigentlich nur aus einem polnischen Disneyland stammen.

Einer der Erfinder von "Alle lieben Raymond" hat vor zwei Jahren eine interessante Dokumentation über den Versuch gedreht, seinen Hit für den russischen Markt zu adaptieren:

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Manchmal ist es hinter den Kameras viel lustiger als davor…



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tim
tim
28. Februar, 2012 09:20

was gäbe ich dafür, mutige fernsehmacher dabei zu verfolgen, eine gescheite sitcom in deutschland zu machen. und noch mehr, bei so etwas dabei sein zu dürfen.
ich verstehe es einfach nicht.

viewer
viewer
28. Februar, 2012 09:33

Ich weiß von einem namhaften deutschen Produzenten, der tatsächlich versucht hat, die Remake-Rechte von "Two and a half men" zu bekommen!

Wortvogel
Wortvogel
28. Februar, 2012 09:36

@ Viewer: Glaube ich sofort. Ich weiß auch von ein paar Lizenzen, die ich nicht nennen darf, weil ich hoffe, drin involviert zu sein – und die könnten tatsächlich funktionieren. Das ist ja die Crux: Es GIBT Serien, bei denen eine deutsche Adaption Sinn machen würde. Keine 1:1-Umsetzung, aber eine sorgfältige Adaption.

Gotti
Gotti
28. Februar, 2012 09:53

ich erinnere mich mit schaudern an die eingedeutschte "IT Crowd"… da hab ich den sinn dahinter such nie verstanden.

BakteriusFloh
BakteriusFloh
28. Februar, 2012 10:05

Das Al Bundy Remake ist dann doch Später als "Hausmeister Krause" gar nicht so schlecht gelaufen.

milan8888
milan8888
28. Februar, 2012 10:09

Das Problem bei der deutschen schrecklich netten Familie war vor allem das man die Folgen im Original schon mehrmals ausgestrahlt wurden. Text und Handlung waren ja zu mehr als 95% identisch. Wer sieht sich denn zur Primetime eine Wiederholung an?

milan8888
milan8888
28. Februar, 2012 10:16

Achja: "Bewegte Männer" (Sat 1) war meiner Meinung nach ne okaye deutsche Sitcom. Wobei ich mich nicht erinnern kann ob es da ein Live-Publikum gab.

viewer
viewer
28. Februar, 2012 10:29

@Torsten: Da drück ich Dir mal die Daumen. Denn natürlich gibt es reichlich Formate, die man gut adaptieren könnte. Aber bei "two and a half men", das im deutschen TV-Programm in Endlosschleife läuft und wo die Fans die Folgen auswendig kennen, wäre das einfach nur hirnrissig.

Marcel
Marcel
28. Februar, 2012 11:33

Mich wundert, dass noch keiner Stromberg genannt hat. Ist zwar nicht mein Humor, aber wohl ein gutes Beispiel, wie man eine Serie lokalisieren kann.

Trantor
Trantor
28. Februar, 2012 11:57

@Marcel: Ja, Stromberg sticht heraus. Dazu noch meiner Meinung nach mit Abstrichen Pastewka, Danni Lowinski, Doctor’s Diary, wobei letztere alle keine Sitcom sind, aber immerhin ÜBERHAUPT für deutsche Produktionen recht gute Comedy-Formate.

Und auch wenn es etwas vom klassischem Wohnzimmer-lachendes-Publikom-Sitcom-Format weg geht, um das es sich hier im Wortvogel-Artikel dreht, ich werde nie verstehen, warum es kein einzige deutsche Serie gibt, die bei US-Produktionen in verschiedensten Varianten seit 20 Jahren nicht nur gang und gäbe sondern Hits sind: Die "6-Freunde-lachen-zusammen-und-werden-zusammen-erwachsen"-Serien wie Friends, How I Met Your Mother, Scrubs… Alles Hitserien, alle nach ähnlichem Strickmuster und alle ähnlich perfekt darin, neben den reinen Lachern in fast jeder Folge auch immer Sentimentalität und (Melo)Drama beizumischen. Sobald bei deutschen Comedyserien mehr als 2 Hauptperson mitspielen, dann verkommt das zu einem verquirlten "Die dreisten drei" Mist, eine peinliche Ansammlung von 20-Sekunden Sketchen, über die ich mich als Kind bei Sketchup vielleicht noch amüsiert habe, aber heute genauso lustig finde wie ein Fips Asmussen Best-Of.

Wortvogel
Wortvogel
28. Februar, 2012 12:39

@ Trantor: Das ist alles richtig – aber sooo einfach ist Sitcom dann auch wieder nicht. Klar kannst du die Strukturen und die Konzepte ähnlich fassen – am Ende brauchst du aber doch wieder zündende Gags. Und da hapert es mitunter. Comedy ist Handwerk, Aufbau, Wiederholung, Rückbezug. Leser Tresie könnte da sicher einiges zu sagen, aber er will gewöhnlich Geld dafür 🙂

Trantor
Trantor
28. Februar, 2012 12:58

@Wortvogel: Sorry, dann war das missverständlich von mir ausgedrückt: Ich meinte keineswegs, dass es einfach umzusetzen sei! Ich wollte nur sagen, dass ich es erstaunlich finde, dass ein generelles Grundkonstrukt, dass in US-Serien nachweislich ja beim Publikum gut anzukommen scheint, nie für eine deutsche Serie genutzt wurde. Dass es dann natürlich trotzdem nicht einfach ist, eine deutsche Serie mit ähnlicher Struktur erfolgreich zu machen, steht außer Frage!

Aber es ist natürlich so, dass gerade diese angesprochenen US-Serien in Deutschland im Privatfernsehen hoch- und runtergezeigt wurden/werden, da ist ja dann auch irgendwie verständlich, dass da kaum ein Markt für noch eine ähnliche Serie ist, nur weil sie dann eine deutsche ist.
Wäre bei Stromberg höchstwahrscheinlich ähnlich so gewesen, wenn The Office nicht als Mini-Serie bei Sat1Comedy versendet worden wäre, sondern eine 24-Folge Serie wäre, die erfolgreich bei Pro Sieben gelaufen wäre: Dann binich mir ziemlich sicher, dass Stromberg auch nicht entstanden wäre.

Gregor
28. Februar, 2012 12:59

Ich kann mich erinnern, wie ich "Hilfe, meine Familie spinnt" als Kind gesehen habe; "Er gehört zu mir" hat sich für immer in mein Gehirn gebrannt. Aber schon damals fand ich das eher als Kuriosum interessant.

Apropos "Till death do us part": Davon wurden letztens auf irgendeinem Sender ein paar Folgen ausgestrahlt, gleich nach "Ein Herz und eine Seele". Ich muss zugeben, selbst mit der deutschen Synchro hat mir das Original besser gefallen.

PabloD
PabloD
28. Februar, 2012 15:20

@Gregor: Volle Zustimmung zum ersten Absatz. Bis dahin war für mich als Kind/Frühjugendlicher grundsätzlich alles super was bei RTL lief, was v.a. erst an den ganzen Cartoons und dann später vermehrt an den durchweg okayen Serien und Spielshows lag. Bei “Hilfe, meine Familie spinnt” kam dann wirklich zum ersten Mal die Ernüchterung, dass die "guten Kölner" tatsächlich auch mal Mist bauen können. Mittlerweile hat sich das ja komplett um 180° gedreht (d.h. ganz ganz selten schaffen die mal eine Sendung, die mir auch gefällt), aber damals war das echt ein kleiner Schock. Ich wollte ja, dass es mir gefällt (RTL super, Al Bundy super => da muss doch auch die Kombination super sein), allein es ging nicht 🙂

@Trantor: Es gab vor ein paar Jahren mal die deutsche Serie "LiebesLeben", die sich inhaltlich einigermaßen in Richtung Friends orientierte (obwohl die Figuren in den wenigen Folgen eher episodenhaft agierten). Hätte da aber der Niggemeier nicht mal einen Beitrag drüber gebracht, wäre die jedoch auch völlig an mir vorbeigegangen. Kann mich jedenfalls nicht an eine Free-TV-Ausstrahlung erinnern.

Sebastian
28. Februar, 2012 15:35

Bei dem namhaften Fernsehmacher, der Two and a half men nach Deutschland holen möchte, könnte es sich um Thomas Bellut vom ZDF handeln, der zumindest erwähnte, dass so etwas wie diese Serie doch auch in Deutschland möglich sein müsse:

http://www.fernsehlexikon.de/8694/zweieinhalbtes-deutsches-fernsehen/

Mit Türkisch für Anfänger kriegt eines der witzigsten deutschen Comedyformate dieser Tage ja immerhin eine Fortsetzung als Kinofilm. Aber wie gesagt, Regel -> Ausnahme etc.

noyse
noyse
28. Februar, 2012 17:19

ich muss gestehen dass ich mit den wenigsten amerikanischen sitcoms was anfangen kann. gerade bei den neueren (am schlimmsten bei den 2 1/2 Männern) nervt mich das Gelache nach jedem zweiten Wort. Ich kann mir kaum vorstellen dass das echte publikumslacher sind.

die einzigen sitcoms bei denen ich sowas ausgehalten habe waren coupling und it crowd (ja war britisch ich weiss ;)) (gabs eigentlich lacher bei how not to live your life?)

Tetzlaf finde ich sehr gelungen und kann mirs auch immer wieder ansehen…wusste gar nicht dass es da auch ein original von gibt 😉

Peroy
Peroy
28. Februar, 2012 17:28

Ich hasse die meisten britischen Sitcoms. "Coupling" war so eine epochale Scheisse… aber hat uns immerhin das "Lesbische Peitschen-Inferno" beschert. Ich hab' auch mal ’ne Episode von "Spaced" gesehen. Ich glaube, da habe ich bei "Schindlers Liste" mehr gelacht. Ich war auch sehr enttäuscht, als ich nach 15 Minuten gemerkt hab', dass die Serie nix mit Science-Fiction am Hut hat…

Jeff Kelly
Jeff Kelly
28. Februar, 2012 17:49

Multi-Kamera Comedies wie Two and a half men The Big Bang Theory, Cheers etc. pp. sind oft "filmed before a live studio audience"

Such mal nach Big Bang Theory without Laughtrack, da kannst dus sogar hören, weil die Darsteller nämlich sogar Pausen einlegen, wenn das Studiopublikum lacht.

Selbst Hybridformate wie How I met your mother haben Studiopublikum.

Dass muß allerdings nicht heißen, das der Lacher in der fertigen Folge auch immer vom Studiopublikum kommen. Meistens wird das in der Post-Produktion noch aufgehübscht

DMJ
28. Februar, 2012 19:36

Ob vom Band, oder einem bei der Aufzeichnung realen Publikum – das Lachen nervt mich tierisch!
Es unterbricht den Fluss, bestimmt das Timing und ich fühle mich immer gedrängt, das doch nun VERDAMMT NOCHMAL SO KOMISCH ZU FINDEN WIE DIE ANDEREN LEUTE!!!

Nee… "Monty Python", "Fawlty Towers", "Seinfeld" und viele andere großartige Serien hatten es, aber es hat mich immer gestört (am wenigsten wohl noch in "That’s My Bush", wo es ja immer wieder gern meta eingesetzt wurde).

Peroy
Peroy
28. Februar, 2012 19:52

"Ob vom Band, oder einem bei der Aufzeichnung realen Publikum – das Lachen nervt mich tierisch!"

Oho… mit Ausrufezeichen… hui…

DMJ
28. Februar, 2012 21:36

Ja… Ich hatte auch erst überlegt, ob dieses radikale Mittel nicht doch zuviel ist, aber dann beschloss ich, doch zu einem solchen Extrem zu greifen, um die extreme Bedrohung zu unterstreichen.

noyse
noyse
28. Februar, 2012 22:46

@peroy damit war zu rechnen 😉 obwohl ich gestehen muss das das LPI wohl das Einzige ist was mir von Coupling im Gedächtnis geblieben ist … die staffeln nach jeffs ausstieg hab ich mir schon gar nimmer angesehen. dafür immer wieder die wiederholungen von der "nanny" 😉

XXX
28. Februar, 2012 23:50

"Mit Türkisch für Anfänger kriegt eines der witzigsten deutschen Comedyformate dieser Tage ja immerhin eine Fortsetzung als Kinofilm. "

Keine Fortsetzung, ein Reboot. Geht wieder von vorne los.

invincible warrior
invincible warrior
29. Februar, 2012 00:33

@XXX: Und genau DAS ist der große Fehler an dem Film. Denn imo vergrault man damit die alten Fans, denn das ist doch ne Farce. Das, was ich bisher vom Film mitbekommen habe, wird der auch bei Neusehern mächtig failen. Langweilige, austauschbare Geschichte, die jeglichen Charme des Originals missen lässt.
Jaja, vorverurteilen… Wäre froh, wenn der Film mich positiv überrascht, aber dazu ist mein Vertrauen in deutsche Filmkomödien einfach zu geschädigt.

XXX
29. Februar, 2012 01:52

Seh ich genauso.

Wortvogel
Wortvogel
29. Februar, 2012 01:58

@ XXX/invincible warrior: Mich hat de TfA-Kinofilm schon nach der Inhaltsangabe nicht mehr interessiert.

Spandauer
Spandauer
29. Februar, 2012 07:33

Zitat:
"Tatsächlich geht “Ein Herz und eine Seele” aber auf das britische Original “Till death do us part” zurück:"

Die Serie heisst Till Death Us Do Part siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Till_Death_Us_Do_Part

Sebastian
29. Februar, 2012 11:31

Habe dem TfA-Film (auf den ich mich wirklich sehr gefreut habe) jetzt mal hinterhergegoogelt. Okay, danke für die Warnung. Im TV wird er vielleicht nicht schlecht kommen, wenn man sich den Kontext wegdenkt.

Bernhard
Bernhard
29. Februar, 2012 12:27

Mir fällt gerade "Kanzleramt" vom ZDF ein, dass angeblich viel besser für den deutschen Markt geeignet sei als "The West Wing". Das war ein Irrtum.

"Die Anwälte" sah auch wie ein schwacher Abklatsch von "Boston Legal" aus.

Und zu "Stromberg": Ich erinnere mich dunkel, dass das eigentlich mal eine dreiste Kopie von "The Office" war und erst im Nachhinein offiziell lizenziert wurde.

Wortvogel
Wortvogel
29. Februar, 2012 12:28

@ Bernhard: So ist es.

Sigur Ros
Sigur Ros
19. Juni, 2018 15:09

Zwei Beispiele für gelungene deutsche Sitcoms, die ohne ausländisches Vorbild auskamen und auch nach rund 20 Jahren noch sehr lustig sind: Familie Heinz Becker und Mama ist Unmöglich