USA 2011 / 35 MM / 97 MIN / ENGLISCHE OMDU

REGIE Kevin Smith
DARSTELLER Michael Parks / John Goodman / Melissa Leo / Michael Angarano / Kerry Bishé / Nicholas Braun / Kyle Gallner / Kevin Pollak / Stephen Root

Story (offizielle Synopsis): Ein Date zu dritt, noch dazu mit der absoluten Traumfrau! Aufgeregt ziehen drei Jungs los zu der Adresse, die ihnen auf der Dating-Plattform genannt wurde. Doch mit dem ersten Drink wird der heiße Liebestreff zum scheußlichen Albtraum. Sie erwachen in den Fängen einer ultrakonservativen Sekte, die dem zügellosen Sex den Kampf angesagt hat. Während die Jungs um ihr Leben bangen, rüstet sich eine Spezialeinheit zum Sturm auf die mittlerweile zum Staatsfeind erklärte Sekte und die Five Points Trinity Church kollabiert in einem Inferno aus Blei und Blut.

Kritik:

Ich sitze in der Lounge des Cinemaxx, niemand außer mir da, lila-grünes Dekor, im Hintergrund dudelt eine der großen unterschätzten Balladen der 80er: „Your eyes“ von Cook da Books aus „La Boum“ (fuck „Dreams are my reality“!). Genau die richtige Umgebung, um meinen ersten Review „on the fly“ zu schreiben…

Was blieb Kevin Smith eigentlich noch? Big Budget-Hollywood hat den schrägen Comedy-Comic-Filmer nie ins Herz geschlossen, seine „Superman“- und „Green Hornet“-Projekte blieben Pipe Dreams. Ewig „Jay & Silent Bob“ geht auch nicht, spätestens mit der TV-Zeichentrickserie war das Konzept eigentlich durch und ausverkauft. „Jersey Girl“? Romantische Komödien ohne Eier können andere augenscheinlich besser.

Also noch mal: Was blieb Kevin Smith? Seine Antwort: Ein schmutziger, gewalttriefender, zynischer, politischer, schmerzhafter wie komischer Rundumschlag, der ihn als Regisseur und Auto neu definiert, als habe er gerade die Filmhochschule verlassen und wollte Hollywood mal kräftig in die Eier treten. Das hat soviel Wut, soviel Schub, soviel Befreiung, dass man unwillkürlich denkt: „Warum hast du das so lange in dir brodeln lassen?“

„Red State“ müht sich redlich, nicht an der Oberfläche zu bleiben, obwohl seine atemlose Dramaturgie (bis auf zwei, drei gewollt statische Szenen) kaum Raum für Grundsatzdiskussion lässt: Wir sehen, dass die Fundamentalisten zwar verrückt wie Scheißhausratten sind, aber in ihrer eigenen verwirrten Welt „die Guten“ sein wollen. Sie sehen sich in einer Welt aus Sünde und Gewalt gefangen, mit Gott auf ihrer Seite. Und das Polizeiaufgebot? Handelt politisch, denkt an die Medien und Waco, will gemachte Fehler mitsamt der Zeugen aus der Welt schaffen. Es geht nicht um Gerechtigkeit oder „rule of law“ – die Staatsmacht muss die Gewalthoheit zurück erobern. Wer zwischen die Fronten gerät, ist gefickt. Soviel Zynismus war außerhalb des Torture Porn lange nicht mehr.

Dabei ist Smith clever genug, uns immer wieder aus der Spur zu stoßen: Auch prominent besetzte Charaktere können nach 20 Sekunden eine Kugel im Kopf haben, auch sauber eingeführte Protagonisten werden fast schon beiläufig aus der Handlung geballert. Es gibt kein „Gut gegen Böse“, schon gar keine Unschuldigen – es ist ein Massaker.

Getragen wird „Red State“ auch von ein paar unglaublich intensiven schauspielerischen Leistungen, allen voran der etwas abgespeckte, aber dadurch nur noch intensiver wirkende John Goodman und Michael Parks, der hier die Rolle seines Lebens spielt. Es ist der Part, den Tarantino ihm immer geben wollte. In einer gerechten Welt wäre „Red State“ für Michael Parks das, was „Cop Land“ für Stallone war.

Bis in die Nebenrollen großartig besetzt, immer extrem nah an der Action, kompromisslos und perfekt inszeniert. Ein großer „kleiner“ Film.

Fazit: Ein knallharter „Waco/Westboro baptist Church“-Kracher, mit dem sich Kevin Smith neu erfindet und endlich für größere Aufgaben empfiehlt. Ein Highlight.

P.S.: Jetzt läuft hier „Sounds like a melody“ von Alphaville. Ich bin im Himmel.



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Dietmar
Dietmar

„der Smith als Regisseur und Auto neu definiert“

Den würde ich so stehen lassen, weil er hübsch ist. 🙂

Das ist jetzt der erste Film, der mich sehr interessieren würde, was vor allem an Kevin Smith liegt.

Na, und deshalb: „Wir sehen, dass die Fundamentalisten zwar verrückt wie Scheißhausratten sind, aber in ihrer eigenen verwirrten Welt “die Guten” sein wollen.“ Interessant!

Dietmar
Dietmar

Schon der Trailer schüttelt einen durch …

Dietmar
Dietmar

Schon der Trailer schüttelt einen durch …

Dietmar
Dietmar

Irgendwie ist mein Computer mir nicht wohlgesonnen …

Aber auch so kommt man auf 666 🙂

heino
heino

Klingt vielversprechend, da bin ich mal gespannt. Du brauchst aber dringend mal einen neuen Musikgeschmack:-))

DMJ

Jaaaaa! Schon Gregor war ja begeistert, aber ich bin doch froh, wenn ich eine zweite Meinung (noch dazu von jemanden, der kein Schweizer ist) höre und es freut mich, dass Smith es nun wohl endlich geschafft hat, sich vernünftig weiter zu entwickeln.
Ich habe ihn immer gemocht und gerade deshalb war es so unendlich traurig, zu sehen, wie er nach dem verunglückten und krampfhaft bemühten „Jersey Girl“ mit hängendem Kopf ein „Clerks 2“ drehte, welches ja nun gar nicht schlecht war, aber eben deutliches Zeichen seiner Niederlage.
Nun endlich klappt es anscheinend in einer ganz anderen Richtung.

reptile
reptile

DAS sieht sehr interessant aus. Grimmig und böse. Yeah!

Montana
Montana

Jetzt läuft hier “Sounds like a melody” von Alphaville. Ich bin im Himmel.

Oh ja! Hoffentlich in der Special Long Version. „By the hour of the wolf in a midnight dream“ – passt doch zum FFF.

Gregor

Wie DMJ schrob, der Film hat auch mit von den Socken gehauen. Ich hab mir das Ding ja angesehen, ohne die geringste Ahnung zu haben, worum es eigentlich geht (Kevin Smith halt, ne?), und war dann ziemlich überrascht.

Peter Krause

„Your eyes“ von Cook da Books

Wahre Worte. Ich hab den Film überhaupt nur geschaut, weil das Lied da drin war.

gerrit
gerrit

Scheisse, sieht das geil aus.

bbronx
bbronx

Seit Ewigkeiten hier nur stiller Mitleser, aber wow, that looks genius. Noch viel fun beim fff, leider nicht die Zeit und Möglichkeit das wahrzunehmen.

Wizball
Wizball

Zu „Your Eyes“: Der Song hat natürlich den entscheidenden Vorteil, dass er nicht bis zum Erbrechen im Radio totgenudelt wurde wie „Reality“ und daher auch nicht dessen Abnutzungserscheinungen aufweist.

Ich mag trotzdem beide Songs (und die Filme sowieso).

Howie Munson
Howie Munson

Ich mag beide „Feten“-Songs und -Filme nicht sonderlich *duck*

Sounds like a melody schon eher…
(nein ich mach nicht den Ersatzparott *ggg*)

BTT: Kommt Red State auch allgemein in deutsche Kinos?

heino
heino

Ich bin da ganz bei dir Howie. Ich fand sowohl die Filme als auch die Musik öde. Aber ich mag ja auch Breakfast Club nicht.

heino
heino

Der hat richtig Spass gemacht. So einen zynischen Hassbrocken hätte ich dem sonst eher leise ironischen Smith nicht zugetraut. Und das Ende ist so richtig schön abgefuckt und fies, dabei aber wirklich naheliegend. Toller Film:-)

Marcus
Marcus

Ja, der war gut. Das übliche Smith-Dialoggold am Anfang, etws Humor, gegen Mitte regelrecht bretthart und so fies, dass man sich denkt „Keule, wenn das ’ne Komödie sein will, failt es gerade“, und dann…. das Ende. HÄHÄHÄ!

Großes Tennis. 9/10

Peroy
Peroy

Also scheisse. Schade, hab‘ mir von dem viel erhofft…

Marcus
Marcus

Gräm dich nicht, Peroy, kommt ja bald „Ghost Rider 2″….

heino
heino

„Also scheisse. Schade, hab’ mir von dem viel erhofft…“

Wie du aus ausnahmslos positiven Wertungen diesen Schluss ziehen kannst, ist mir echt ein Rätsel……..

Peroy
Peroy

„Gräm dich nicht, Peroy, kommt ja bald “Ghost Rider 2″….“

Yes, der wird rocken! Flammenwerfer-Pisse! 8)

Peroy
Peroy

„“Also scheisse. Schade, hab’ mir von dem viel erhofft…”

Wie du aus ausnahmslos positiven Wertungen diesen Schluss ziehen kannst, ist mir echt ein Rätsel……..“

Ich lese halt zwischen den Zeilen. Und die US-Reviews. Und ich habe die letzten Smith Filme gesehen. Aber den Deckel zugemacht hat „und dann…. das Ende. HÄHÄHÄ!“

Erwarten se nix, dann werden se auch net enttäuscht…

heino
heino

„Ich lese halt zwischen den Zeilen. Und die US-Reviews. Und ich habe die letzten Smith Filme gesehen. Aber den Deckel zugemacht hat “und dann…. das Ende. HÄHÄHÄ!”

Erwarten se nix, dann werden se auch net enttäuscht…“

Dann hast du da aber was reininterpretiert, was keiner gesagt hat. Der Film ist gut und macht Spass. Kein Grund, die Erwartungen runterzuschrauben. Und wenn du deinen letzten Satz als regelmässiges Motto verwendest, müsstest du ja eigentlich jeden Film gut finden…..

Will Tippin
Will Tippin

Jepp, guter Film, auch schauspielerisch große Klasse. Nach etwa 20 Minuten kam mir der Gedanke: „Moment mal, höre ich mir gerade seit zehn Minuten gebannt die Predigt eines durchgeknallten Fanatikers an?“. Vielleicht der beste Film des Festivals.

Peroy
Peroy
Peroy
Peroy

„@ Peroy: Ich finde den Cinema Snob nicht halb so smart, wie er sich selber findet (auch wenn er ein solides Verständnis für Dramaturgie hat) – und sein Kumpel ist ein Depp.“

Och, das sind beides Vollidioten. Aber darum geht’s ja nicht…

XXX

Finde den Film in Ansätzen gut, aber die 12-Minuten-Predigt des irren Fundis (nach etwa 14 Minuten Laufzeit) ist der totale Showstopper.

XXX

Den Punkt hätte man auch mit einer dreiminütigen Rede rüberbringen können. So wirkt es wie Füllmaterial, um die ohnhin nicht sehr lange Laufzeit des Films zu strecken. Alles wiederholt sich bis zu dem Punkt, da man den Fernseher anschreien will, dass man schon kapiert hat, was Smith uns hier zeigen will.

Dass die die Außenwelt als feindselig wahrnehmen, lässt sich leichter darstellen. Und dass sie absolut radikale Fundis sind, wird auch schon vor der Predigt dem Zuschauer vermittelt.

Will Tippin
Will Tippin

Also ich hatte da im Kino auch fasziniert zugehört und irgendwann gedacht: „Moment mal, höre ich da gerade seit zehn Minuten der Predigt eines Irren zu und langweile mich nicht?“

milan8888

Grad gesehn. Von mir aus hätte die Predigt auch länger sein können. Half etwas sich in die Spinner hinein zu versetzen und so war ich mehr im Film drin als wenn einfach nur irgendwelche Bad Guys weg geballert worden wären.

Peroy
Peroy
milan8888
Peroy
Peroy

„Speed Racer“ ist ja auch toll…

TomHorn
TomHorn

Ach ja, Moonshade hat aber auch „Command Performance“ 2/10 gegeben. Der wabert in seiner Kritik & seiner Wertung immer sehr hin & her…

Peroy
Peroy

„Ach ja, Moonshade hat aber auch “Command Performance” 2/10 gegeben. Der wabert in seiner Kritik & seiner Wertung immer sehr hin & her…“

Schmierwurscht…

Peroy
Peroy

„Red State“ ist Müll. Ja, ich weiß, sehr aufschlussreiche Analyse, aber es ist spät…

Rex Kramer

Viele gute Ansätze machen leider noch keinen guten Film. Die Figuren bleiben seltsam blass, die Handlung ist nicht zwingend, was dazu führt, dass keine Spannung aufkommen will (das betrifft besonders die Motivation Goodmans, die mir einfach zu dünn ist) und die politische Aussage wirkt abgeschwächt (es sind halt ein paar Verrückte, mit denen nicht mal die Neonazis was zu tun haben wollen). Wirkt fast so, als hätte Kevin Smith auf halbem Weg doch noch Angst vor der eigenen Courage bekommen.
Schade.

Unterm Strich bleibt ein tolles Thema (das mir jedoch zu halbherzig angegangen wurde), tolle Darsteller (allen voran Michael Parks, dessen oft bemängelte Predigt für mich das Kernstrück des Films ist) und einige gut plazierte Überraschungsmomente (besonders, was das Ableben einiger vermeintlicher Hauptpersonen betrifft 😉 )
Unterhaltsam, aber kein „must see“.

TimeTourist
TimeTourist

Der Film hat mich seltsam unbefriedigt zurückgelassen. Fand ihn ehr Durchschnitt. Beim FFF war er sicher herausragend.

Nikolai
Nikolai

Mir hat auch etwas gefehlt.
Das war wie ein Burger mit Allem drauf was dazu gehört und dann….ne Tofubulette.

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[…] Red State – Kevin Smits kompromissler und hässlicher Film über den Standoff zwischen FBI und einer durchgeknallten Killersekte. […]

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