Großbritannien 2010 / DCP / 79 MIN / ENGLISCHE OV

REGIE Johannes Roberts
DARSTELLER David Schofield / Eliza Bennett / Ruth Gemmell / Juliet Aubrey / Emma Cleasby / Finlay Robertson

Story (offizielle Synopsis): Einst sorgte der Herr Lehrer mit strenger Miene und Rohrstock für Disziplin im Klassenzimmer. Der heutige Pädagoge hingegen riskiert schon mal Kopf und Kragen inmitten der respektlosen Bande, und gegen sein letztes Druckmittel – schlechte Noten – nehmen sich die Rotzlöffel Anwälte. Robert Anderson ist ein solches Opfer des modernen Bildungssystems. Ausgebrannt, vom Kollegium belächelt, als Ehemann gescheitert und als Vater verachtet, schiebt er nunmehr Dienst nach Vorschrift und sammelt Zeitungsartikel über gewaltbereite Jugendliche. So ist er der einzige, der die Gefahr richtig einschätzt, als eines späten Abends ein Milchshake gegen ein Fenster fliegt: Die Schule wird angegriffen!

Kritik: Wowza, das klingt spannend – „Class of 1984“ als britisches Sozialdrama. Es häufen sich ja wieder die Filme, in denen die „inner city violence“ nicht mehr als Problem, sondern als Pestbeule gesehen wird, die es radikal auszumerzen gilt. Der „social unrest“ der 70er feiert sein Comeback und das Kino reagiert mit der Verherrlichung von Selbstjustiz. Es kann nicht mehr lange dauern, bis wieder ein neuer Dirty Harry oder Paul Kersey auf den Leinwänden erscheint – zumal Eastwood selbst mit „Gran Torino“ einen bedeutenden Beitrag zu dem Thema geliefert hat. Die Briten sind dann mit „Harry Brown“ darauf eingestiegen.

Genau so läuft „F“ dann auch an: Anderson ist ein gebrochener Mann, dessen Beruf(ung) an der Ignoranz der Schüler und der Arroganz der Eltern gescheitert ist. Schlechte Noten beweisen den schlechten Lehrer, auf Bitten zum Gespräch wird mit Klagedrohungen reagiert. Ziel ist nur noch, die Schüler möglichst lautlos durchzuschleusen, im Budget zu bleiben und keine Risiken einzugehen. Schlimmer noch: Anderson droht nach der Ehefrau auch seine Tochter zu verlieren, die angewidert von ihrem trinkenden Loser-Vater nur nach einem Grund sucht, ihn aus dem Schuldienst entfernen zu lassen.

„F“ ist gut beobachtet, zeigt die Probleme des (nicht nur) britischen Schulsystems präzise und schonungslos auf. Anderson ist ein guter Lehrer – aber eine aussterbende Spezies.

Wie bei vielen guten „slow burnern“ baut „F“ die Spannung langsam, aber sehr straff auf, verwandelt die Schule nach Sonnenuntergang in ein düsteres Labyrinth aus Beton, Neonlicht und Linoleum. Es ist absolut plausibel, dass dieser freudlose Kasten mit dem Auftauchen der gesichtslosen „Hoods“ in eine „Warzone“ verwandelt wird. Leise, hart, gnadenlos und sadistisch einfallsreich morden sie sich durch die Gänge. Sie sind überlegen, weil sie eine Gemeinschaft bilden, in der Überzahl sind und keine Skrupel kennen. Ein Rudel Hyänen.

Anderson ist der Einzige, der ihnen Paroli bieten kann, weil er der Einzige ist, der bereit ist, die Gefahr nicht zu ignorieren. Und es kommt auch seiner Tochter zu Gute, dass sie von ihm gedrillt wurde – damals, als beide noch miteinander sprechen konnten.

Kling super? Gut durchdacht, spannend, kritisch? Ist es auch – bis „F“ in der zweiten Hälfte zu realisieren scheint, dass Anderson kein Actionheld sein kann, dass er sich zu wehren weiß, aber keine Lösung kennt. Wie auch? Soll er gegen die Bande mit einem Flammenwerfer antreten? Plötzlich den inneren Rambo entdecken? Das wäre Verrat an der Figur, deren Rückgrat nur noch Erinnerung ist.

SPOILER voraus!

Und so beschließt „F“, es einfach gut sein zu lassen. Anderson rettet seine Tochter, macht sich auf den Weg ins Krankenhaus, während seine Ex-Frau noch im Schulgebäude weilt – Nachspann. Wir erfahren nie, wer die Angreifer sind. Was weiter in der Nacht passiert. Ob IRGENDWANN mal ein größeres Polizeiaufgebot eintrudelt. Ob die Tochter überlebt. Was mit der Ex-Frau passiert. Nachspann. Einfach nur Nachspann.

Nicht nur angesichts der kurzen Laufzeit von 79 Minuten haben einige Zuschauer im Kino geglaubt, da müsse die letzte Rolle gefehlt haben. Die, in der Anderson zum großen Gegenschlag ausholt.

Weil das Thema bei einem anderen Review nachher noch kommen wird: Ein Film kann viele Fragen aufwerfen, solange er sie am Ende auch beantwortet. Ein gutes Ende kann den Film rückblickend logischer, zwangsläufiger und damit besser machen. Die Kehrseite der Medaille: Ein unbefriedigendes Ende kann einen an sich spannenden Film nachträglich kaputt machen, weil es scheinbar interessante Fragen als banalen „cock tease“ entlarvt, als Hinhaltetaktik von Autoren, denen das WAS wichtiger ist als das WIESO.

Ich verstehe durchaus, was die Macher erreichen wollte – es gibt keine einfachen Antworten, keine simplen Lösungen, kein bequemes Finish im Leben. Das stimmt. Aber „F“ ist nicht das Leben. „F“ ist ein Film. Und der BRAUCHT ein Ende.

Und genau daran scheitert „F“. Wäre ich nach einer Stunde aus dem Kino gegangen, hätte ich ihn gut bewertet (mit der Fußnote, dass ich das Ende verpasst habe). Angesichts der völligen Fahnenflucht der Macher im letzten Akt kehrt sich das allerdings um – ich kam stinkwütend aus dem Kino und war mit diesem Gefühl wahrlich nicht alleine.

Fazit: Sozialdrama-Slasher, der trotz starker Inszenierung und guten Darstellern am Ende weder Antworten noch eine befriedigende Auflösung bieten kann.



avatar
43 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
10 Comment authors
Fantasy Filmfest 2017: 47 meters down - Wortvogel - 100% Torsten DewiFantasy Filmfest Masterliste (1) | Wortvogel – 100 % Torsten DewiPeroyWortvogelnoyse Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Peroy
Peroy

„Soll er gegen die Bande mit einem Flammenwerfer antreten?“

Perry King sagt „Ja“.

Johannes Roberts kenne ich nur als Fabrikannt von billigem Horror-Müll wie „Diagnosis“ und dem grauseligen But-und-Titten-Schund „Forest of the Damned“, das reicht aus, um „F“ ungesehen auf die „Höchstens mal für 5€ aus der Grabbelkiste mitnehmen“-Liste zu setzen…

DMJ

Das ist mal…unkonventionell!

Ergibt vom Konzept her tatsächlich Sinn, aber killt es wohl wirklich als Spielfilm. Man weiß, warum man verarscht wird, aber verarscht ist man dennoch und dazu braucht man nicht ins Kino.

Holz
Holz

Für mich war es zuerst auch ein Schlag ins Gesicht, als der Abspann kam. „Was für eine Unverschämtheit“ dachte ich zuerst. Noch während des Abspanns hat es plötzlich ge“klickt“: Das Gefühl, was der letzte Blick Andersons vermitteln soll, kann nur durch dieses Ende erreicht werden. Er HOFFT, dass seine Frau draufgeht; er will seine Frau nicht retten. Er will nur seine Tochter für sich, auch wenn sie ihn (nach eigener Aussage) dafür für immer hassen wird. Anderson ist kaputt, es siegt sein Egoismus, mehr ist nicht übrig… Dieses ungewisse, sehr düstere Gefühl hätte sich bei mir sehr wahrscheinlich nicht eingestellt, wenn ich noch ein Finale gesehen hätte, was alles auflöst (positiv oder negativ). Der Film hat mich beunruhigt zurückgelassen, und dafür danke ich Regisseur; ich unterstelle ihm ein hohes Mass an Sensibilität. Das ist natürlich nur eine ganz subjektive Wahrnehmung, vielleicht war auch nur das Budget alle oder es hatte keiner mehr Bock auf die Produktion. Egal, bei mir hat’s im Nachhinein hervorragend funktioniert.

Mencken
Mencken

@Holz: Ich habe das Ende auch so verstanden (seine Ex-Frau soll sterben), allerdings den gesamten Film auch eher für eine weitere „Assault on Precinct 13“ Variante gehalten, die die Sozialdramaelemente nur als Staffage nutzt, aber nicht wirklich an Tiefgang interessiert ist.

Holz
Holz

Nun, das Ende werden wohl die meisten so verstanden haben. Aber das Gefühl, welches sich bei mir durch die Entscheidung, den Film so enden zu lassen, eingestellt hat, hatten anscheinend die wenigsten. Diese beunruhigende Unbestimmtheit, die ich früher immer beim Lesen von Sci-Fi- & Gruselkurzgeschichten hatte. Da hörten die Geschichten auch oft an der spannendsten Stelle auf und erzielten damit eine große Wirkung auf mich.
Ich habe noch lange darüber nachgedacht, wie die Zukunft für Anderson und seine Tochter weitergeht (und das hätte ich im Film gar nicht sehen wollen); wenn ihm das Sorgerecht zugeteilt würde, da die Mutter nicht überlebt hat; wenn seine Tochter ihm nicht verzeihen könnte.

Mencken
Mencken

Das wäre denn aber eine Interpretation, die „F“ immer noch als dem Sozialdrama verbunden sieht. Den Eindruck hatte ich ja nicht (zumal Peroy hinsichtlich Roberts bisheriger Filme durchaus Recht hat), insofern würde ich das Ende so interpretiert auch als unpassend (im Rahmen eines „Assault-Remakes“) empfinden.

Marcus
Marcus

Okay, Torsten, und nun bitte das richtige Review.

Komm schon, das muss doch ein Scherz sein.

Nein?

Come on, dieser Film ist LÄCHERLICH!!!!!!!

Der sozialkritische Background ist genau das – Background. Nach 15 Minuten spielt all das, was man gerne gesehen hätte, nämlich eine Auseinandersetzung mit Jugendgewalt, keine Rolle mehr.
Die „Jugendgang“ benimmt sich wie ein Schwarm Michael Myers-Klone, die immer genau da aufpoppen, wo das Drehbuch sie braucht.
Sie sind offenbar Ninjas, die lautlos auf Trennwänden balancieren (!), bei Verfolgungsszenen grundlos auf Regalen entlangklettern (!!!) und einmal einfach von der Decke fallen (mir gehen die Ausrufezeichen aus).
Ihre Kapuzen sind immer so gefilmt, dass sie wie von reiner Schwärze ausgefüllt wirken – Ringgeister in da Hood, jo!
Anstatt Leute zu bedrohen, zu klauen oder sonst irgendwas zu tun, was man von Jugendgangs erwarten würde, spielen sie Slasher-Killer und bauen Argento-Mordmethoden nach (Stacheldraht? Rausgerissene Zähne?? In den Körper geritzte Botschaften?!!!).
Das Ganze findet statt in der Dario Argento Middle School, in der es komplett rot ausgeleuchtete Räume (!) und Räume voller Schaufensterpuppen (!!) gibt.
Wann immer ein Mord geschieht, dreht der Soundtrack komplett am Rad, mit heiseren Alptraum-Kinderchören, Atemgeräuschen, Mundharmonikas – volle Goblin-Dröhnung.
Das Kanonenfutt-, äh, die Protagonisten spielen am liebsten die alten Spielchen „Let’s split up“ und „Ich guck mal eben, wo das Geräusch herkam“.
Beste Szene ever: Sagt der Held: „I already called the police“. Gemeint hat her, ‚ich habe am Handy mit jemandem, der gar nicht weiß, was hier los ist, kurz über was anderes geredet, ein Geräusch gehört, „Call the police“ zu ihm gesagt, und dann aufgelegt.‘ *facepalm*

Falls irgendwer jetzt denkt ‚Hey, das klingt doch lustig‘ – stimmt. Als Horrorfilm/Thriller versagt der Film jämmerlich mit einer Gründlichkeit, die schon wieder beeindruckend ist, aber als unfreiwillige Komödie ist das DER Bringer. Der braucht ein Langreview auf badmovies.de!

Irgendwie toll – wenn auch komplett unfreiwillig und ganz bestimmt nicht so, wie die Macher sich das dachten. 5/10

Marcus
Marcus

Diskussionen/Widerworte später – muss ins Bett, morgen muss ich früh raus.

Thies
Thies

@Marcus

Ich kann Deinen Einwänden weitgehend zustimmen. Trotzdem kann ich auch Torstens Kritik nachvollziehen, denn die erste halbe Stunde hatte mich so gefesselt, dass ich dem Film auch nach der Wandlung zum „Standard-Slasher-trifft-Carpenter-Hommage-Programm“ noch die Chance gab mich mit einer guten Auflösung zu überraschen. Aber dann kam der Abspann und ich fühlte mich einfach nur verarscht.

Und später fielen mir dann auch die vielen Szenen ein, die den Film plumper werden liessen als er hätte sein müssen, z.B. all diese „Is anyone there?“-Momente. Und die Logiklöcher, wie dass die Täter es zwar auf den Lehrer abgesehen hatten, ihn dafür aber als einzigen immer davonlaufen liessen. Und dass am späten Abend in der Schule immer noch soviel Betrieb herrscht wie auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Die offenbar das Licht schluckenden Kapuzen der Angreifer (in Verbindung mit dem redundanten „Nani-Nana“-Kinderlied-Thema) überschritten dann auch die letzte Grenze zwischen unheimlich und dämlich.

Marcus
Marcus

@Torsten: „zumindest die erste Stunde über baut er sein Szenario kompetent auf.“

Ich staune, dass du das Albernheitslevel dieses Films nicht siehst. Alles was ich oben aufzähle, ist doch nichts, worüber man diskutieren oder eine geschmackliche Meinung haben müsste – es sind Fakten; Dinge, die 1:1 im Film vorkommen.

Was ich noch gar nicht erwähnt habe: der „Showdown“. Der Hoodie-Ninja (im Folgenden HN) geht gegen den alten Lehrer in gefühlt 5 Sekunden zu Boden. Tatsächlich war unser Protagonist der erste, der auf die Idee gekommen ist, sich probeweise einfach mal zu WEHREN. Zähl noch dazu, dass die HNs alle nicht allzu groß oder kräftig aussehen, und naja, bedrohlich geht anders. Hetz zwei von denen auf mich, und ich würde sagen, meine Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Auch nett: die beiden nutzlosesten Bobbies der Filmgeschichte.

Sie: geht Treppe hoch, guckt dabei immer nach unten auf die Stufen vor sich, guckt erst hoch, als zwei Stufen vor ihr der HN auftaucht, erschreckt sich, lässt sich die Treppe runterschubsen, tot.
Er: trifft den völlig verängstigten Security Guy, SG stammelt dummes Zeug, sieht einen der HN über des Bobbies Schulter, SG, rennt weg, HN rennt mit erhobenem Brecheisen auf den Bobby zu – und der Bobby steht wie angewurzelt da und tut absolut nichts, während er vermutlich denkt (fehlt nur noch die rotierende Cartoon-Sanduhr über seinem Kopf): „Ich glaub, ich sollte was machen. Ich glaub, ich sollte was machen. Ich glaub -“ BONK! Tot.

Marcus
Marcus

@Torsten: Ich sag ja nicht, dass die mich nicht kleinkriegen würden. Das würden sie vermutlich, aber ich würde wenigstens versuchen, mich zu wehren, wenn ich schon nicht mehr wegrennen kann. Hier bricht jeder, der einmal in die Ecke getrieben ist, in Tränen aus und lässt sich offenbar widerstandslos (und größtenteils offscreen) abschlachten. Aber na gut, auch wenn mir da das wirklich völlige Fehlen von Kampfbereitschaft bei ALLEN außer dem Lehrer aufstößt – in Panik handeln Leute nicht immer rational. Point taken.

Aber:

die Albernheit des „Ninja-Faktors“ (sie klettern absolut lautlos über Trennwände, rennen bei Verfolgungsjagden grundlos auf allen Vieren aur Regalen und fallen scheinbar aus dem Nichts von der Decke?!)?
die vollkommen durchgeknallte, absolut unpassende Filmmusik (lalalala *krächz*)?
die Plotholes („I called the police“)?
die albernen Sets (fuckin‘ Mannequins!)?
die HNs, deren Verhalten von dem echter Jugendgangs gar nicht weiter entfernt sein kann (entweder Realismus oder Horror, Jugendgewalt oder Slasherkiller – pick one, Mr. Filmmaker!)?

Schon irre, wie weit die Wahrnehmung ein und desselben Objekts voneinander abweichen kann…

EDIT: und schwarze Strümpfe über dem Gesicht habe ich wirklich nicht gesehen. Das waren komplett mit Schwärze ausgefüllte Kapuzen, vermutlich sogar digital nachbearbeitet (oder wirklich gute Beleuchtungsarbeit).

Dietmar
Dietmar

@Marcus: „Das würden sie vermutlich, aber ich würde wenigstens versuchen, mich zu wehren, wenn ich schon nicht mehr wegrennen kann.“

Aus Erfahrung: Man staunt, wie wenig man tun kann und vor allem wie unvorbereitet man getroffen wird. Das geht dann wahnsinnig schnell.

Marcus
Marcus

@Dietmar: wie gesagt, mag sein. Aber du hast den Film nicht gesehen. Es passiert nicht einmal, sondern viermal. Alle sind umzingelt, wissen, dass sie nicht entkommen können, und keiner versucht auch nur, sich mal probeweise zu wehren (zumindest sehen wir das nicht – der Film blendet immer schnell weg).

Und selbst wenn ich glaube, dass alle vier genau gleich reagieren und vor Angst total gelähmt sind – wie schon gesagt, das ist beileibe nicht das einzige, was diesen Film so gurkig macht.

„Aus Erfahrung“? Nichts allzu Schlimmes, hoffe ich.

Dietmar
Dietmar

@Marcus: „Aber du hast den Film nicht gesehen….“ Das ist natürlich richtig. Ich werde auch nicht prüfen, wer von Euch jetzt in meinen Augen Recht hat, denn wenn im Film hübsche Mädchen ermordert werden, überfordert mich das emotional.

„“Aus Erfahrung”? Nichts allzu Schlimmes, hoffe ich.“

Mir hat´s gereicht.

Marcus
Marcus

@Wortvogel: wie schon gesagt – point taken, was das „sich wehren“ angeht. Aber der Rest.

Es gibt einen Unterschied zwischen „leise und beweglich auftreten“ und „von der Decke fallen und sinnlos auf Regalen rumklettern, wenn man jemanden verfolgt“. Wie gesagt, ich fand es over the top und albern.

Und die Filmmusik.

Und die Setdekorationen, die so einfach nicht in eine Schule passen. Mannequins! Rotlicht!

Die „schwarzen Kapuzen“.

Und welche Jugendgang benimmt sich so horrorfilmmäßig? Und ist so leise – schon zwei jugendliche Prolls können nicht anders, als laut rumkrakeelen. Weiß jeder, der mal mit dem ÖPNV gefahren ist.

Die übertrieben elaborierten Mordmethoden, bei denen Argento neidisch wird.

Und was ich vielleicht nochmal sagen sollte: jedes dieser Elemente für sich würde mich vielleicht kurz schmunzeln lassen, wäre aber erklärbar. Vielleicht haben die einen Hauswirtschaftskurs, für den man Mannequins braucht, usw. Es ist die schiere MASSE an unterschiedlichem Bullshit, die diesem Film (zumindest für mich) sein unfreiwillig komisches Potential verleiht.

Mencken
Mencken

Den Jugendgang-Einwand hätte man auch bei Carpenter bringen können (und in diversen anderen Fällen). Der Film ist offensichtlich nicht daran interessiert, die realistischste Darstellung zu wählen, sondern im Zweifelsfall immer die unterhaltsamste. Gelingt nicht immer, aber der grundsätzliche Ansatz ist schon ok (und ja auch bei Carpenter, Hitchcock, Nolan etc. zu finden).

Marcus
Marcus

@Dietmar: „denn wenn im Film hübsche Mädchen ermordert werden, überfordert mich das emotional“

Verständlich – bist halt noch nicht so ein degenierter Horrornerd wie wir. 😉

Aber glaub mir, der Haken ist hier im Kontext. Was den Film so witzig macht, ist eben um Gottes Willen nicht, dass hübsche Mädchen ermordet werden, sondern mit welcher Masse an unterschiedlichen, hanebüchenen Mitteln der Film das dramatisieren und schockierend gestalten und emotional aufladen will.

Man sieht, der Film will, dass man denkt: ‚Oh mein Gott, die arme, jetzt schlachten sie sie ab.‘

Aber man denkt halt: ‚Wieso ist der Typ gerade auf das Regal geklettert, darin auf allen Vieren langgekrochen un dann wieder runtergesprungen, wo er ihr doch einfach hätte nachlaufen können, wieso stehen hier überall Mannequins im pittoresken Dämmerlicht, und was zum Geier soll der Suspiria-Kinderchor auf dem Soundtrack?‘

Man soll denken: ‚Hau ab da, Mädel, gleich kommen sie dich holen, schnell raus da‘

Und man denkt: ‚ Kamera-Gegenschnitt zeigt HN hinter ihr lautlos ins Bild springen in 3…2…1…“

Marcus
Marcus

@Mencken: „Der Film ist offensichtlich nicht daran interessiert, die realistischste Darstellung zu wählen, sondern im Zweifelsfall immer die unterhaltsamste.“

Ach, dass es unterhaltsam ist, bestreite ich ja nicht. Nur halt nicht so, wie die Macher sich das dachten. 😉

Mencken
Mencken

@Marcus: Mag sein, ist aber so oder so dann allein eine Frage der Umsetzung, aber eben kein dem Ansatz geschuldetes grundsätzliches Problem, weshalb eben auch Torstens Position legitim ist (denn das Szenario wird schon gekonnt aufgebaut, ob das Szenario an sich dann taugt, ist eine andere Frage)..

Marcus
Marcus

@Mencken: „Mag sein, ist aber so oder so dann allein eine Frage der Umsetzung, aber eben kein dem Ansatz geschuldetes grundsätzliches Problem“

Ganz genau, die Umsetzung ist es, die ich unfreiwillig komisch finde. Die Idee, einen Film daraus zu machen, wie ein paar Kids den alten „Hurra, die Schule brennt“-Slogan mal konkret in die Tat umsetzen, ist ja gut. Und wie es an dieser Schule zugeht, schildert der Film auch gut – man kann sich schon vorstellen, dass es hier bei den perspektivlosen Unterschichtenkindern gärt.
Aber dann, sobald die Invasion (minus der wirklich furchterregenden Szene, wo sie den Nachtwächter in die Mülltonne stecken und darin Feuer legen) losgeht, wirds halt so absurd, dass zumindest bei uns im Kino eher gekichert als sich gefürchtet wurde.

Marcus
Marcus

Ach, eins noch, Torsten: „Anderson ist ein guter Lehrer“

Sicher? Was lernen wir über ihn und seine Methoden?

1. Er hat offenbar aufgegeben, er trinkt während des Schultages (aus Frust).
2. Er spult stur sein Pensum ab, es ist ihm schnurz, dass keiner aufpasst und alle über die Stränge schlagen.
3. Er verspottet schlechte Schüler vor der ganzen Klasse.
4. Er vergibt F-Noten, obwohl er laut der Regeln an der Schule verpflichtet gewesen wäre, die besagte Hausarbeit zunächst einfach nochmal schreiben zu lassen. Wieso macht er das? Wenn die neu geschriebene Arbeit immer noch lustlos hingeklatscht ist, kann er denjenigen doch immer noch entsprechend schlecht benoten.

Vielleicht war er früher mal ein guter Lehrer, aber davon scheint mir hier nichts mehr über zu sein. Der Mann ist, und das ist wohl der Punkt des Films, ausgebrannt, am System verzweifelt.

Marcus
Marcus

@Torsten:

Dann war deine Schule cooler als meine – wir hatten nicht Dario Argento als Innenausstatter. Komm schon, das ist beides mehr als nur ungewöhnlich, das sind Giallo-Optik-Klischees, 🙂
Wie schon gesagt, einzeln lässt sich fast alles übersehen oder erklären. Die Masse an seltsamem Zeugs macht für mich den komischen Effekt.

„Mit deinen Ausführungen zu Anderson beziehst du dich auf den Mann NACH dem Prolog“

Dass er den Schüler mit der F-Note vor der Klasse verspottet, ist doch so ziemlich das erste, was wir von ihm sehen. Klares Zeichen eines schlechten Lehrers, da sind wir uns doch wohl einig?

„Aber ich weiß durch Gespräche (u.a. mit meinem Ex-Deutschlehrer), dass immer häufiger die Antwort auf einen “blauen Brief” kein Gespräch mit den Eltern ist, sondern eine Drohung des Anwalts. Das System ist kaputt, wenn man das Versagen eines Schüler bei Gefahr für Leib und Beruf nicht mehr Versagen nennen darf.“

D’accord. Aber zwischen „angemessen schlecht benoten“ und „vor der Klasse fertigmachen“ sollte doch ein Unterschied bestehen. Nicht, dass das rechtfertigt, dem Lehrer die Nase zu brechen, aber trotzdem.

Marcus
Marcus

Ich sehe schon, unser Humor ist da verschieden. Ich kann nicht anders als mich über die schiere Masse der oben genannten Albernheiten zu beömmeln. Na, lieber so als sich langweilen. 😉

Peroy
Peroy

Ich will mitzanken…. 🙁

heino
heino

„Ich will mitzanken“

Unkenntnis des Themas hat dich doch sonst auch nie abgehalten:-))

Marcus
Marcus

@Torsten: „und ich sehe diese Masse eben nicht.“

Tja, schade. Der Film ist lustiger, wenn man es sieht. 😉

Peroy
Peroy

„“Ich will mitzanken”

Unkenntnis des Themas hat dich doch sonst auch nie abgehalten:-))“

Dann antizipier‘ ich mal, dass der übertriebene Einsatz von von hininszinierten Stilmitteln, mit denen den Kiddies eine dämonische Aura angedichtet werden sollte, dem Streifen stattdessen nur einen Anstrich unfreiwilliger Komik verpasst *naserümpf*… 😛

Ich erinnere mich daran, dass mir sowas zuletzt in „Midnight Meat Train“ untergekommen ist… der war wirklich in jeder Einstellung so kaputtinszeniert, dass man ihn nicht mehr ernst nehmen konnte. Da hat sich keiner mehr verhalten wie ein Mensch, sondern nur noch wie eine Figur im Film… man muss mal drauf achten wie Vinnie Jones ins Bild tritt oder erst in Aktion tritt wenn er weiß, dass die Kamera ihn sieht oder so achscheissdrauf…

Marcus
Marcus

@Peroy: „dass der übertriebene Einsatz von von hininszinierten Stilmitteln, mit denen den Kiddies eine dämonische Aura angedichtet werden sollte, dem Streifen stattdessen nur einen Anstrich unfreiwilliger Komik verpasst“

Loriot-Modus: Ach was?!

Peroy
Peroy

Jaja, doch… glaub’s mir… 😛

DMJ

Hab ihn jetzt auch gesehen und SPOILERe mal diverses.

Zunächst muss auch ich wiedersprechen, dass Anderson anfangs ein guter Lehrer ist. Ja, das System ist völlig verkorkst und seine Vorgesetzten höchst unsympathisch, aber wie lang, breit und ausführlich er den Schüler demütigt, ist arschlöcherig und lässt ihn den Headbutt an sich völlig verdienen.
Aber gerade das fand ich gut: Dadurch war es kein bloßer „Ach Gott, die böse Jugend!“-Film, sondern zeigte eine Ambivalenz, wie es sie im Horror selten gibt.

Wie dem auch sei, mit dem Ende kam ich überraschend gut klar, was aber daran gelegen haben dürfte, dass ich es ja von Anfang an wusste und mich vorbereiten konnte. Dramaturgisch unbefriedigend, wie „Watchmen“ moralisch unbefriedigend ist, nämlich mit Sinn und Absicht, aber hätte ich es nicht vorher gewusst, hätte es mich auch mehr gestört.
Die vereinzelt hier geäußerte These, dass Anderson seine Frau sterben lassen will, streite ich aber auch ab. Dafür gibt es kein Indiz. Seine Tochter IST verletzt und braucht Hilfe und er selbst ist auch kein Supersoldat, der drinnen sicher was bewirken könnte. Einen hat er mehr durch Glück erledigt, aber große Chancen gegen die anderen hat er trotzdem nicht.

Die Ninja-Skillz der Angreifer haben mich aber auch etwas gestört. Nicht, dass sie unmöglich waren, aber eben so untypisch für den „realistischen“ Verbrechertyp, um den es ging, dass sie nicht ganz passten.
Kein Problem hatte ich mit der Passivität der Opfer, die wie oben ausgeführt ja seltener vorkam, als man meinen sollte (und wenn, meist begründet – die Sportlerin in der Dusche WAR nun einfach chancenlos und der zweite Wachmann halt einfach eine Lusche, wie man lang und breit sah), lediglich beim männlichen Polizisten. Er ist dafür ausgebildet, er ist gewarnt, aber er macht einfach NICHTS, als der Hoodie auf ihn zukommt. Bei seiner (nicht gewarnten) Kollegin war es der Überrumpelungseffekt, aber hier schien es mir etwas konstruiert.

Ein etwas ungewöhnlicher Film, aber er hatte was.

noyse
noyse

in vielen Sachen kann ich Marcus zustimmen. diese ninja-mässige bewegungsweise hat mich auch irritiert ebenso die völlige passivität der opfer. Die Puppen und Schweisserwerkstatt wiederrum fand ich nicht so deplaziert da das schulgebäude so gross war hab ich mir gedacht vielleicht is da auch ne berufsschule drin oder so)

Der Schluss ist schon okay…wenn man die verbleibenden Optionen durchdenkt. letztlich würde ein zurückgehen u.U. nichts bringen (er stirbt, Mutter stirbt, Tochter stirbt).

Trotzdem stören mich am meisten die phantisievollen Morde/Verstümmelungen. Die passen irgendwie gar nicht in den Film so wie er in der ersten Hälfte zu sehen ist.

Peroy
Peroy

Ich hab‘ mich noch gar nicht zu dem Film geäußert. Das war Müll…

trackback

[…] ♣ Cowboys & Aliens ♦ Deadheads ♦ Don’t be afraid of the Dark ♣ End of animal ♦ F ♣ Grave Encounters ♣ Hair of the Beast ♦ Hell ♥ Hideaways ♦ Innkeepers ♥ Julia X […]

trackback

[…] abliefert, die eine große Liebe zum klassischen Terrorkino zeigen – auf dem FFF war er mit „F“ und „Storage 24“ vertreten. Zusammen mit „47 meters down“ hat er damit drei […]