BELGIEN 2010 / DCP / 88 MIN / Niederländische OMEU

REGIE Koen Mortier
DARSTELLER Wim Willaert / Sam Louwyck / François Beukelaers / Titus De Voogdt / Jan Hammenecker

Story (offizielle Synopsis): Der alleinstehende Sam kriecht aus den Federn, zündet sich eine Kippe an, putzt sich die Zähne, macht sich Brot und Kaffee und geht zur Arbeit. Für den Wachmann eines Einkaufszentrums geht zunächst alles seinen gewohnten Gang – bis buchstäblich die Bombe platzt: Tinnitus, Staub, Geröll, Feuer, Geschrei und Sams verzweifelter Versuch, verstümmelte Menschen zu retten. Von Angst und Panik überwältigt entzieht er sich schließlich der unerträglichen Situation; rennt, soweit ihn die Beine tragen. Doch damit fängt seine Odyssee erst an: Die Geister der Getöteten konfrontieren ihn, er reist durch die Zeit, nimmt die Rollen von Opfern und Tätern, findet Erklärungen für Unerklärliches…

Kritik:

Mit Koen Mortiers furiosem „Ex-Drummer“ hat vor vier Jahren eigentlich meine FFF-Berichterstattung begonnen – was für ein Einstieg! Bis heute sicher einer der verstörendsten und kunstmächtigsten Filme, die ich je gesehen habe. Ein schmutziges wie perverses Meisterwerk und ein guter Maßstab, was man im Kino aushalten kann. Ehrensache, dass ich mir auch Mortiers neuen Film auf dem Fantasy Film Fest ansehen würde!

Eins gleich vorab: „22nd of May“ ist nicht nur nicht so tabulos und wild wie „Ex-Drummer“ – er versucht es auch gar nicht zu sein. Mortier hat in diesem Bereich schon bewiesen, was es zu beweisen gab. „22nd of May“ ist eine Meditation über die Sinnlosigkeit des Lebens und den Sinn des Sterbens, über die kleinen Puzzleteile, die das Bild ausmachen, das von der Bombe in Fetzen gerissen wird. Es ist kein Wunder, dass es ausgerechnet am Wachmann Sam liegt, die Bruchstücke zu sichten, zu ordnen und wieder zu einem Bild zusammen zu setzen.

Auch wenn „22nd of May“ ein eher melancholischer, mäandernder Film ist, findet man doch viele von Mortiers „trademarks“ wieder: Selten sah Belgien so hässlich aus, die Straßen sind Gefängnisse aus Waschbeton, trübes Grau frisst sich vom Himmel bis zum Asphalt und in die Seelen der Menschen, die keine Lebensfreude mehr finden können, die in Käfigen leben, für deren Schlösser es vielleicht nie Schlüssel gab. Es ist eine Welt, in der ein Bombenanschlag mehr ist als eine Tragödie – er ist ein Ereignis, das Leben bringt, weil es aufweckt. Sogar die Toten.

Klar, dass Mortier wieder nicht von A nach B erzählt. Um bei der Analogie zu bleiben: Auch beim Puzzle muss man nicht oben links anfangen, damit es am Ende ein Bild ergibt. Mortier mischt und wechselt die Personen, Zeiten und die Orte freigiebig, aber nie willkürlich. Sam ist nur ein begrenzt tauglicher Führer durch eine Welt, die alles und jederzeit ist. Der größte Teil der Arbeit bleibt bei uns.

Wer die zersplitterte Narrative, die teilweise dröhnende oder heulende „Musik“, die schwer erträgliche Lethargie der Figuren und den Look des deutschen Autorenfilms er 70er übersteht, wird nicht nur mit einem ungewöhnlich radikalen, aber letztlich befriedigenden Gesamtkunstwerk belohnt – er bekommt im Finale auch die Explosion en detail zu sehen, die nun mehr ist als nur ein Spiel von Effekten und Kamera, weil wir die beteiligten Personen verstehen. Weil wir das Motiv erkannt haben, bevor das Puzzle zerplatzt.

Der Fairness halber soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass ich durchaus verstehen kann, wenn einige Zuschauer den Film für verquastes Autorenkino halten, art for art’s sake. Hinter mir saß ein Typ, der ist nach der Hälfte eingeschlafen und hat prima geschnarcht.

Fazit: Ein sperriger Arthaus-Schocker, souverän inszeniert und tief erschütternd, den man sicher nicht zweimal sehen will.

P.S.: Music of choice derzeit in der Maxx-Lounge: „Ride like the wind“ von Christopher Cross. It is the night, my body’s weak, I’m on the run, no time to sleep. Wie… passend.



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K. Lauer
K. Lauer

And I’ve got such a long way to go…das FFF Motto! 😉

Anatai
Anatai

Ex-Drummer ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Normalerweise schaue ich mir ungern Filme mehrfach an, da es zu viel Neues am Markt gibt, das ich gern anschauen will.
Ex-Drummer hab‘ ich mittlerweile trotzdem schon 5 Mal geschaut…
Also wird der hier Pflicht für mich.

DMJ

Mir hat irgendwie auch „Ex-Drummer“ nichts gegeben, da bleibe ich auch hier erstmal skeptisch.

Marcus
Marcus

„wenn einige Zuschauer den Film für verquastes Autorenkino halten, art for art’s sake.“

Die gesamte Kölner Leserschaft winkt….

„Hinter mir saß ein Typ, der ist nach der Hälfte eingeschlafen und hat prima geschnarcht.“

Korrekte Reaktion….

„Selten sah Belgien so hässlich aus, die Straßen sind Gefängnisse aus Waschbeton, trübes Grau frisst sich vom Himmel bis zum Asphalt und in die Seelen der Menschen…“

Übersetzt, der Film sieht aus wie durch eine Sonnenbrille gefilmt, so furzdunkel ist das. Den hier mit „Rabies“ kreuzen, und das Ergebnis wäre wenigstens ordentlich ausgeleuchtet.

„Weil wir das Motiv erkannt haben, bevor das Puzzle zerplatzt.“

Oh, ich versteh schon, worauf er hinauswill. Aber der Weg dahin ist mit „zäh“ noch freundlich umschrieben.

Aber die Explosion am Ende ist schon schick.

Unwatchable. 2/10

Peroy
Peroy

Huch!

Peroy
Peroy

Vielleicht war er in 3D… 😛

Marcus
Marcus

@Torsten: „Habt IHR vielleicht vergessen, die Sonnenbrillen abzunehmen?“

Nein. Wäre es nur gegen Ende so gewesen, hätte es daran liegen können, dass uns die Augen zufielen… 🙂

Ernsthaft – sogar in den Aussenszenen herrschte bei uns ein seltsames Zwielicht, und in dem Einkaufszentrum hätte man schon vor der Bombe die Etiketten nur schwer lesen können. Schummrig wie in der Eckkneipe.

Marcus
Marcus

Habe mir gerade nochmal den Trailer angesehen. Es kann in der Tat sein, dass mit der Projektion in Köln was nicht stimmte. Der Trailer scheint mir ein bisschen heller zu sein als das, woran ich mich erinnere. Insbesondere so um die 1:00 -Marke des Trailers, als der Wachmann auf die Kamera zuläuft und im Hintergrund die Sonne über das Hausdach scheint – das scheint mir wesentlich heller als alles, was ich im Film gesehen habe.

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