Hunter PreyUSA 2009. Regie: Sandy Collora. Darsteller: Clark Bartram, Damion Poitier, Isaac C. Singleton jr., Simon Potter.

Story:

Ein Raumschiff bruchlandet auf einem öden Wüstenplaneten. Eine kleine Gruppe von Soldaten macht sich auf, einen anscheinend sehr wichtigen Gefangenen zu verfolgen. Schon bald fordern Kämpfe, Streitigkeiten und die harsche Umgebung erste Opfer. Es bleibt der Verfolgte – und ein Verfolger. Doch wer hier wen jagt ist ebenso schwer auszumachen wie die Frage nach Gut und Böse. Ist alles nur eine Frage des Standpunkts – und „Gerechtigkeit“ eine Illusion?

Kritik:

„Hunter Prey“ (in Deutschland als „Space Wars – Der Kopfgeldjäger“ erhältlich – saublöder Titel, zumal nur drei Minuten lang ein Kopfgeldjäger vorkommt) hat eine Vorgeschichte, die ungleich interessanter ist als der Film selbst. Ich fasse sie mal in ein paar Stichpunkten zusammen:

  • Sandy Collora ist ein Productiondesigner, der u.a. bei „Men in Black“, „Crow“ und „Predator 2“ mitgearbeitet hat
  • 2003 drehte Sandy Collora den viel beachteten Fake-Trailer „Batman: Dead End
  • 2004 drehte Collora den ebenfalls viel beachteten Fake-Trailer „World’s Finest
  • Mit dem Screening von „World’s Finest“ auf der ComicCon hoffte Collora, einen Deal für einen Langfilm an Land zu ziehen
  • Nach einem Brief von Warner wurde das Screening wegen rechtlicher Bedenken abgesagt
  • Collora bekam keinen Deal als Regisseur in Hollywood
  • Collora legte sich online mit SF-Fans an, die er augenscheinlich unter Pseudonym beschimpfte (komisch, das erinnert mich doch an irgendwas…).
  • Collora gelang es schließlich, genug Geld zusammen zu kratzen, um auf eigenes Risiko „Hunter Prey“ zu drehen

Mehr Informationen zu dem Thema findet ihr hier, hier, hier und hier.

Ich ging angesichts der Vorgeschichte mit ein paar Bedenken an den Film heran – es ist nie gut, wenn ein Filmemacher schon vorab immer nur lamentiert, dass alle unfair zu ihm seien, dass niemand ihm eine Chance gebe. Hey, Buddy – lass Taten (bzw. Filme) sprechen! Ebenso wenig begeistert hat mich der Taschenspielertrick, dass das Zitat auf dem Cover nicht aus einer Kritik von Totalfilm.com stammt, sondern aus einem Vorabbericht. Der Autor hatte den Streifen nicht gesehen. Einen Tacken unredlich, wie ich finde.

Egal, es kommt der Tag, da will die Säge sägen und der Wortvogel… ääähhh, irgendwie verrenne ich mich heute. Vielleicht macht mir die momentane Abhängigkeit von Nasenspray tatsächlich die Birne weich, wie ein alter Kollege gestern vermutete.

Also noch mal: „Hunter Prey“. Sandy Collora. Genau. „Batman: Dead End“ und „World’s Finest“ fand ich ja schon gut. Zumindest das konnte ich ihm zu Gute halten, als ich die Disc in meinen Player legte.

Sagen wir es mal so: „Hunter Prey“ macht verdammt viel richtig. Colloras Liebe zu klassischem SF-Design und „Star Wars“ ist offensichtlich. Wir befinden uns in einem gebrauchten, schmutzigen und vor allem physisch erlebbaren Universum. Es gibt nur wenig CGI – fällt jemand auf die Fresse, dann merkt man, dass sich ein Stuntman in den Sand schmeißt und kein 3D-Modell in eine Partikelanimation plumpst. Die Attitüde und der Erzählansatz sind charmant oldschool.

Technisch bewegt sich „Hunter Prey“ dagegen auf hohem Niveau und dem Stand der Zeit. Auf einer Red-Kamera gedreht, sieht der Film geradezu erschreckend knusprig aus. Ein scharfes, brillantes, klares und ungemein farbintensives Bild macht das Zuschauen zur Lust, fast jede Szene würde als Standbild zum Desktop-Wallpaper taugen. Orange, blau, lila – ein Rausch, der dank digitaler Produktionsstrecke wirklich Maßstäbe setzt. Das erinnert an „Starship Troopers 3“ und „Screamers – The Hunting“. Die Kostüme sind aufwändig und ebenso perfekt wie die Makeups der Aliens – auch hier regieren Latex und Fettfarben wie zu seligen „Star Trek“-Zeiten. Was an CGI gebraucht wird (der Absturz am Anfang, mehrere Monde/Planeten am Himmel) ist so knapp wie effektiv gehalten.

Inhaltlich ist „Hunter Prey“ eine offensichtliche Mischung aus Western und „Enemy Mine – Geliebter Feind“. Nichts an der Story ist wirklich SF, es könnte genau so gut um den letzten Indianer eines ausgerotteten Stammes gehen, der von einer Kavallerie-Einheit durch New Mexico gejagt wird. SF definiert sich eben nicht nur am Setting, sondern auch am Thema. Aber ob das jemanden stören wird, möchte ich in diesem Fall zu bezweifeln.

Schauspielerisch lässt sich „Hunter Prey“ schwerer beurteilen. Unter den Makeups ist wenig zu erkennen und selbst Fitness-Guru Clark Bartram (der in Colloras Kurzfilmen Bruce Wayne und Batman spielt) versteckt sich hinter einem struppigen Vollbart. Da auch relativ wenig verlangt wird, hake ich das Thema daher unter „okay für eine Produktion dieser Größe“ ab. Erfreut hat mich das Casting von Erin „Wilma Deering“ Gray als Stimme des Computers.

Und jetzt kommen wir zur alten Leier und wer mag, darf gerne mitsingen: Es ist das Skript, an dem es mangelt. „Hunter Prey“ hat massive Probleme, das Interesse des Zuschauers zu halten, trotz ständiger Verfolgungsjagden und Schießereien. Die Figuren bleiben blass und selbst große Überraschungen im Plot erscheinen entweder zu vorhersehbar, zu banal umgesetzt, oder schlicht zu willkürlich. Man merkt immer wieder, was Collora erzählen will, wo der große philosophische Unterbau sein soll – aber die dafür nötige Spannung und emotionale Einbindung schafft er nicht. Das hängt auch daran, dass „Hunter Prey“ seine Konflikte zu tief hängt: Wir wissen von Anfang an, wann die Gestrandeten abgeholt werden sollen. Sie sind nicht auf ewig verloren und damit nicht gezwungen, auf Gedeih und Verderb miteinander zu arbeiten – wie das in „Enemy Mine“ perfekt durchexerziert wurde. Und „Enemy Mine“ zeigt „Hunter Prey“ eben auch sehr schön den Unterschied zwischen „schauspielerisch okay“ und „schauspielerisch großartig“. So humpelt Colloras Film immer dem deutlich besseren Vorbild hinterher und kann ihm trotz technisch beeindruckender Details an keiner Stelle das Wasser reichen.

Hinzu kommt, dass Collora mit seinem Kameramann zwar schöne Bilder erzeugt und auch bei der Action durchaus Präsenz zeigt, letztlich aber kaum an die Figuren heran geht. Selten gehen die Dialoge über das Notwendige hinaus, es gibt keine Ausschläge auf dem emotionalen EKG. Obwohl ständig was passiert, wünscht man sich schon nach 15 Minuten, dass endlich was geschieht. Denn wenn man allen Schnickschnack abzieht, geht es 80 Minuten lang um „zwei Männer jagen sich in der Wüste“, und das ist für einen Spielfilm doch zu wenig Fleisch. Es hätte „Hunter Prey“ sicher gut getan, als 20minütiger Star Wars-Fanfilm bei Conventions abzuräumen. Oder als Episode der hoffentlich bald in die Pötte kommenden „Star Wars“-Realserie mit 45 Minuten. Als Langfilm-Drehbuchautor und Regisseur mangelt es Collora sichtlich an Reife – und „Hunter Prey“ an Substanz.

Das hat aber nicht zu bedeuten, dass ich von „Hunter Prey“ abraten würde. Im Gegenteil: Es gibt wenig „echte“ SF im Moment, so mit Raumschiffen und Blastern, die nicht im CGI-Overkill endet oder irgendwelchen virtuellen Unfug erzählt. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „schöner“ Film, der allemal genug Schauwerte besitzt, um uns Geeks zu erfreuen. Und bei aller Liebe: Angesichts des Schrotts, den wir uns permanent reinziehen, ist es allemal verzeihlich, wenn ein Film lediglich daran scheitert, dass der Macher nicht das Erzähltalent von Peter Jackson hat.

Vor allem aber: „Hunter Prey“ hat gerade mal magere 425.000 Dollar gekostet. Das muss man sehen, um es zu glauben. Andere kriegen nicht mal Torture Porn im Keller für so ein Budget hin. Auch dafür: Respekt, Mr. Collora!

Fazit: Wer ein Faible für schicke, etwas zu plätschernde Oldschool-SF mit dem Herz am rechten Fleck hat, unterstützt mit dem Kauf von „Hunter Prey“ sicher nicht die Falschen.



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Dr. Acula

Das klingt doch relativ versöhnlich – ich hatte schlimmeres befürchtet…

Peroy
Peroy

„Und “Enemy Mine” zeigt “Hunter Prey” eben auch sehr schön den Unterschied zwischen “schauspielerisch okay” und “schauspielerisch großartig”. So humpelt Colloras Film immer dem deutlich besseren Vorbild hinterher und kann ihm trotz technisch beeindruckender Details an keiner Stelle das Wasser reichen.“

Das ist schockierend…

Wortvogel
Wortvogel

@ Acula: Jau, das war auch alles deutlich harscher geplant, aber dann dachte ich: Eigene Idee, gute technische Umsetzung, Erstling, klassische SF, alles mit Mini-Budget – damit hat er schon mehr geschafft als 90 Prozent aller Low Budget-Filmer. Man muss halt bei der Spannungskurve Abstriche machen. In diesem Fall: so what?

DMJ
DMJ

Na, das klingt doch wirklich mal erbaulich, dem sollte man wohl tatsächlich eine Chance geben. Zumindest mit dem Hintergrundwissen, dass das eines dieser Projekte ist, die sonst so gern nie verwirklicht werden.

comicfreak
comicfreak

..wenn ich ihn mal auf dem Krabbeltisch sehe..

Klingt nach etwas, das sogar der Göttergatte mitguckt..

Peroy
Peroy

Vorhin gesehen. Guter Film, wie „Enemy Mine“ mit mehr Action und weniger Sülze. Scheiss auf’s Schauspiel. Empfehlung.

Wortvogel
Wortvogel

@ Peroy: Freut mich.

Peroy
Peroy

Gutes Ende auch… sehr zufriedenstellend… doch, doch…

trackback

[…] es aber nicht fertig bringt, auch nur einen Hauch Science Fiction zu verströmen. Oder an “Hunter Prey“, der trotz des Settings auf einem anderen Planeten nur ein verkleideter Western […]

Martin

Gerade gesehen – nicht zuletzt aufgrund der positiven Stimmen hier. Erfrischend solides LowBudget, das nicht unter Billig-CGI leidet.

Aber der Plot hat den Charme einer alten Outer-Limits-Episode…

Peroy
Peroy

„Aber der Plot hat den Charme einer alten Outer-Limits-Episode…“

Glücklicherweise hat man sich aber ein vorhersehbares Downer-Ende verkniffen… 8)