In den letzten Wochen hatte ich nach vielen Reisen, einem schweren Umzug und krankheitsbedingten Problemen in der Familie endlich mal wieder die Zeit, mir ein paar Filme anzuschauen. Wohlgemerkt: MEINE Sorte Filme. Nicht die hochwertigen Edelproduktionen, die in den Player kommen, wenn die LvA dabei ist, sondern die Sorte Kino, bei der man ins Stottern kommt, wenn die Freundin fragt: „Worum geht’s denn da?“.

Die Gunst der Gelegenheit nutzend habe ich mir dafür ein paar wirklich schräge Machwerke gesucht, über die ich durch die Bank kaum was wusste. Ich wollte mich einfach mal wieder überraschen.

Das ist mir gelungen.

In den nächsten Tagen entführe ich ich euch von Deutschland nach Thailand, in die USA, zurück in die 80er, ins Fernsehen, in die Wüste, in den Dschungel, zu den Sternen, zu den Göttern, und vielleicht ist sogar ein Praxisbesuch bei Dr. Caligari drin.

Anfangen werden  – müssen! – wir aber in Duisburg…

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D 2008. Regie: Michael W. Driesch. Darsteller: Steffen Gräbner, Oliver Kniffki, Bianca Künzel, Zarah McKenzie, Daniela Stanik

Story (offizielle Synopsis):

Am 5. Juni 2007 erhält der New Yorker Rechtsanwalt William Singer einige persönliche Dinge aus dem Nachlass seiner kurz zuvor verstorbenen Schwester. Darunter findet er auch noch einen Koffer seines Vaters Arthur, den die Schwester seit dessen Tod 1995 verwahrte. Singer findet darin neben vielen persönlichen Sachen auch einen Brief sowie zwei teilverbrannte Brieffragmente, die sein Vater von seiner in Deutschland lebenden Cousine Josefine Eylandt erhielt. Was William Singer in den Schreiben aus den Jahren 1953, 1968 und 1994 liest, lässt ihn zunächst am Verstand seiner deutschen Verwandten zweifeln: Josefine behauptet, dass sie seit dem Krieg über Jahrzehnte gemeinsam mit ihrer Familie drei Menschen im Keller ihres Hauses in Duisburg versteckt gehalten hat. Auch wenn er an einen möglichen Wahrheitsgehalt zunächst keinen Gedanken verschwenden will, lässt die Geschichte William keine Ruhe. Und so beauftragt er schließlich im August 2007 einen privaten Ermittler in Deutschland, den Inhalt der Schreiben zu hinterfragen. Und die ersten Recherchen lassen schnell den Verdacht aufkommen, dass hinter den Briefen eine Geschichte verborgen ist, die bis heute niemand so für möglich gehalten hätte.

Die Dokumentation „Die Eylandt-Recherche“ begleitet die Untersuchungen und Ermittlungen im Fall der Briefe von Josefine Eylandt und nimmt uns so mit auf eine Reise, deren vorläufiger Höhepunkt der europaweite Stromausfall am 4. November 2006 ist, aber deren wahres Ende noch lange nicht abzusehen sein wird.

Kritik:

Gleich zu Beginn muss ich etwas gestehen, was ich ungern gestehe: Andere haben den Film schon bedeutend präziser und ausführlicher besprochen, als ich es je könnte – weil diese Anderen aber die ungemein respektablen Jungs vom Manifest sind, macht mir das nichts. Durchgehend hochwertige und nachvollziehbare Filmkritiken findet man im deutschen Sprachraum woanders kaum. Darum sei es euch gestattet, jetzt zuerst einmal die Analyse von Björn Lahrmann zu lesen.

Den Nagel auf den Kopf trifft der Satz „Den Gnadenschuss versetzt dem Film jedoch sein gänzlich entwicklungsfreies Skript, das bereits in den ersten fünf Minuten den kompletten Plot preis gibt“. Genau das fiel mir auch schmerzlich auf. Man mag über den konfusen Plot hinweg sehen können, die (behauptet gewollte, aber in Wahrheit nicht besser gekonnte) Unprofessionalität der Produktion, die lachhafte Verschiebung von „Lenßen & Partner“ ins „X-Files“-Territorium. All das könnte man trotz den schwächelnden Ergebnisses für ein pfiffiges Experiment halten, ein Mashup, ein Crossover von Leuten, die ein ureigen deutsches Billigformat geschickt zum Genre-Indie umstricken wollten. Ein deutscher „Blair Witch Project“ samt der zugehörigen viralen Kampagne. Man kann vieles mit guten Intentionen der Macher und einem Mangel an Möglichkeiten zu Größerem (je nach Gusto) erklären oder entschuldigen.

„Den Gnadenschuss versetzt dem Film jedoch sein gänzlich entwicklungsfreies Skript, das bereits in den ersten fünf Minuten den kompletten Plot preis gibt“ – DAS aber eben nicht. „Die Eylandt-Recherche“ wurde augenscheinlich von Leuten geschrieben, die „X-Files“ gesehen, aber nicht verstanden haben. Das Format, durch seine subjektive Kamera und den festgelegten Standpunkt eigentlich prädestiniert für ein Mystery, stolpert schon beim Startschuss, weil es uns dummerweise mit dicker Hose zuraunt: „Pass auf, Mann – geht hier geil um UFOS und Aliens und so. Wissen die Leute aber nicht. Wird jetzt echt spannend, wie wir das rausfinden“. In den 80ern gab es den launigen Spruch „Und da verließen sie ihn“, vermutlich bezogen auf alle guten Geister. In diesem Fall aber eher auf „alle Chancen, einen überzeugenden Spannungsaufbau hinzulegen“. Und weil DAS nicht gelingt, delektiert man sich über erschütternd langatmige 81 Minuten an Non-Darstellern, Wackelkamera und ominösem Sprechergebrabbel im Boulevard-TV-Stil. Das Ende ist dann so konsequent unbefriedigend wie vorhersehbar.

Die Jungs vom Manifest haben also Recht, mir bleibt wenig mehr als Zustimmung, und der Ballon meiner Neugier, der von den kruden, aber nicht uneffektiven FFF-Trailern und der schieren Idee, einen Genrefilm im Scripted Reality-Stil zu inszenieren, aufgeblasen worden war, verlor leise furzend seine Luft und machte sich davon.

Es bleibt wie so oft beim deutschen Genrefilm eine potentiell brauchbare Idee, die an einem Mangel an Talent zugrunde ging. Ich wünschte, ich müsste das nicht wieder und wieder schreiben.

http://www.youtube.com/watch?v=wClC-UjjQ4M



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Achim
Achim

Scripted Reality ist urdeutsch? Oder welches Billigformat meinst du?

Und X-Files habe ich auch gesehen, und ob ich das verstanden habe, bezweifle ich sehr. Als es da immer mehr um eine böse Verschwörung der „Powers that be“ ging, gefiel mir das immer weniger. Verzeih bitte den aus The Pretender (Fernsehserie) entliehenen Begriff. Bei MillenniuM (Fernsehserie) gefiel mir die Verschwörung wesentlich besser.

Achim
Achim

@WV: ich bin mir zwar recht sicher, über mehr theoretisches Wissen über Faustfeuerwaffen als du zu verfügen, aber mit internationalem TV, würde ich sagen, kennst du dich mehr aus. Es wundert mich halt eben nur, dass in anderen Ländern nicht auch so ein billiger Müll gemacht wird, dumme Leute gibt es doch auf der ganzen Welt.

Ach Struktur von X? Da schaut man sich das nochmal schön an. Kann doch nicht so schwer sein, das zu übernehmen. Vielleicht haben die das nur aus einer lange zurück liegenden Erinnerung gemacht und es deshalb vergeigt. Wenn ich mit ner Horde talentarmer Knallchargen so etwas drehen wollte, in der Struktur, mir das aber nicht wieder ansehe, dann ginge das auch in die Hose.

reptile
reptile

Schade eigentlich, der Film hatte damals meine Aufmerksamkeit geweckt. Lief ja sogar im Kino

Baumi
Baumi

„Das ist ein Super8-Film. Wer fälscht einen Super8-Film?“ Das ist natürlich ein absolut schlagendes Argument… :-/

Aber „das ist nicht viel weniger als ein historischer Moment“ ist immerhin eine einsichtige Formulierung: So ganz zum historischen Moment hat’s dann eben doch nicht gereicht.

reptile
reptile

BTW: J.J. Abrams neues Projekt heisst doch auch „Super 8“ und der Plot geht in eine ähnliche Richtung. Soweit bekannt.

trackback

[…] Die Eylandt-Recherche – deutsche Mystery im Stil einer RTL2-Dokusoap, die nicht mal den Trashfaktor schafft, den sowas zwangsläufig innehaben sollte. Kompletter Käse. […]