16
Feb 2011

I just wasn’t made for these times: Selbstversuch 1 Woche ISDN-Speed

Themen: Neues |

slowinternet

Ihr seid in den letzten Wochen ja live mit dabei, wenn es um meine Internet-Probleme geht. Zu Hause haben wir den Anschluss bereits abgestellt, in die neue Wohnung geht es erst in ein paar Wochen, und bis dahin behelfen wir uns mit Handy und Webstick.

Vor einer Woche lernte ich eine der negativeren Seiten des Webstick-Surfens kennen: Die Inflexibilität der Webstick-Monatsflatrate. Die äußert sich so: 5 GB hat man pro Monat, um mit Vollgas zu surfen. Das klingt nicht schlecht, rechnet sich aber auf gerade mal ca. 165 Megabyte pro Tag runter. Für ein Smartphone ist das üppig, für Gelegenheitsuser auch – aber wenn man gewöhnt ist, am Notebook zu hängen wie am Sauerstoff, dann fühlt man sich schnell auf Diät: Größere Datenpakete (Filme, Software) runterladen ist tabu, selbst launige Youtube-Videos verkneift man sich besser.

Andererseits: Dank Webstick hatte ich im Kellergewölbe des irischen Pubs in Nürnberg ebenso problemlos Internet wie im Krankenhaus in Marburg.

Doch trotz guter Haushaltung war ich nach drei von vier Wochen am Ende der Fahnenstange angelangt: Eine SMS von o2 informierte mich, dass ich nun mit GPRS surfen dürfe. Das entspricht ungefähr ISDN-Geschwindigkeit. Satte 7 KB pro Sekunde statt bisher 1,3 MB. Sowas hatte ich zuletzt 1998.

Ich entschied mich, der Datenschnecke zu trotzen und kaufte bei o2 sofort eine weitere Monatsflatrate, um fix mit UMTS oder HSDPA zu surfen. Doch das System meckerte: Die 25 Euro wurden zwar verbucht, aber die Aufschaltung der Monatsflat schlug fehl. Ich rief die Hotline an und wurde belehrt, dass man eine verbrauchte Monatsflat nicht einfach durch eine neue ersetzen könne, wie ich das von so ziemlich jedem anderen Dienstleister kenne. Selbst der Herr von der Hotline gab zu, dass viele Nutzer diese Vorgehensweise bevorzugen würden, o2 sie aber nicht anbiete. Ich müsse also wohl oder übel eine Woche lang durchhalten, bis die neue Flatrate freischaltbar werde. Das Geld sei ja praktischerweise bereits verbucht.

Surfen mit ISDN-Speed hielten wir anno letztes Jahrhundert für richtig fix. Also verglichen mit den bräsigen Analog-Modems dieser Zeit. Es gab im Netz ja auch noch nicht so viel zu sehen, Texte mit Hyperlinks dominierten, 320×200 war für ein Bildchen schon üppig (und oft genug ein Viertel unserer Bildschirmfläche). Ich dachte mir also: Ging damals, geht heute auch noch. Für eine Woche. Zähne zusammen, Arschbacken auch.

Allein: Es geht nicht. Weder das Netz selbst, noch Webseiten, Browser und Plugins sind für die Kriecherei ausgelegt. Mehrere Tabs in Firefox offen? Geschenkt. Twitter-Client im Hintergrund? Und tschüss! Automatische Updates? Besser nicht. Googlemail? Idealerweise auf Standard-HTML-Ansicht umschalten. Flash- und Adblock? Ein Muss. Dropbox? Nicht diese Woche.

Reduziert man alles, was das Internet schön und spannend macht, kann man seine Emails abrufen. Spiegel Online lesen, wenn man viel Geduld hat. Kommentare im eigenen Blog verwalten. Nacheinander, nicht gleichzeitig. Und selbst das ist Userquälerei: Anhänge in Mails lässt man tunlichst auf dem Server, Bilder zum Blog uploaden säbelt fleißig am Geduldsfaden. Alles, was über reinen Text hinaus geht, überlastet das System. Selbst wenn man alle nennenswerten Hintergrunddienste deaktiviert, sind die 7 KB pro Sekunde meistens schon belegt. Da ist so eine Art digitales Hintergrundrauschen, zwischen das man seine Bedürfnisse drängen muss.

Kleiner Vergleich: Wo ich vorher einen ganzen Spielfilm mit 700 MB (komprimiert) in zehn Minuten laden konnte, warte ich nun auf einen Song in solider MP3-Qualität fast zwei Stunden. Ich kann mich erinnern, um die Jahrtausendwende eine ganze Menge Kram aus dem Netz geladen zu haben – aber WIE, das ist mir nun schleierhaft.

Naiverweise hatte ich gehofft, die "neue Langsamkeit" würde einen meditativen Effekt haben, mich daran gewöhnen, wieder längere Texte zu lesen, nicht hektisch von einer Webseite zur anderen zu springen. Erzwungene, aber letztlich entspannende Entschleunigung durchs digitale Bremspedal.

Pustekuchen.

Fazit nach fünf Tagen: Internet mit ISDN-Geschwindigkeit im Jahr 2011 ist die Hölle. Unbrauchbar. Geeignet, User aktiv vom Netz zu entwöhnen.

Gestern war der Monat endlich abgelaufen, und prompt wurde mein Rechner wieder deutlich schneller. Alles roger in Kambodscha? Denkste! Während ich diesen Artikel schrieb, meldete plötzlich jeder Browser-Tab "Ihr Webstick-Konto ist praktisch aufgebraucht – bitte aufladen!". Entnervt rief ich die (kostenpflichtige) Hotline an, wartete üppige fünf Minuten – dann erklärte mir ein netter junger Mann, dass das System die 25 Euro der Monatsflat zwar verbucht hätte, nun aber aktuell damit nichts anzufangen wisse. Wenigstens konnte er das Problem augenblicklich beheben.

Jetzt surfe ich wieder mit UMTS/HSDPA-Geschwindigkeit. 5 Gigabyte lang. Und fürchte den Tag, an dem GPRS/ISDN meiner Datenleitung erneut die Gurgel zudreht.



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Comicfreak
Comicfreak
16. Februar, 2011 08:19

..naja, nach einer Woche Entzug dürftest du das in spätestens 2 Tagen aufgebraucht haben..

Papa
16. Februar, 2011 08:30

Ich leide mit dir. Selbst am Smartphone ist GPRS die Hölle. Ich verstehe auch nicht, wie man da mit einem Tarif mit 200MB einen Monat aushalten kann.

Dietmar
Dietmar
16. Februar, 2011 08:38

Wenn Du derzeit keine Film-Beiträge ziehen kannst, dann ist Dir noch nicht aufgefallen, dass sowohl Stewart als auch Colbert nur noch in USA verfügbar sind? Das ist aber so richtig ärgerlich und wahnsinnig schade!

Dietmar
Dietmar
16. Februar, 2011 09:07

Wieder da! Ron bei Muriel machte mich drauf aufmerksam. *hüpf-freu*

viewer
viewer
16. Februar, 2011 09:49

Bei meinem letzten Umzug hatte ich diese 5GB-Begrenzung übersehen und mich schon in der ersten Wochen gewundert, wieso mein Rechner nach 4 Folgen "Lost" plötzlich so langsam wurde.
Und da hatte ich dann noch fast den ganzen Monat vor mir!

Andi
Andi
16. Februar, 2011 11:38

Immerhin: Fürs Usenet macht GPRS keinen merkbaren Unterschied, und das ist bei meinem abwärtskompatiblen Online-Leben schon die halbe Miete. Aber davon abgesehen leide ich mit dir, weil ich das auch schon erlebt habe…

kingalekz
kingalekz
16. Februar, 2011 15:31

Ha! Die 5GB hätt' ich schon in ein paar Stunden verbraten. Allein uTorrent überträgt bei mir ja schon etwa 10GB täglich.

HAB
16. Februar, 2011 16:56

Also ich komme mit meinen 19GB beim mobilen Internet locker aus. Gut ich surfe fast nur lade mir fast nichts runter, komme dadurch selten auf über 8,9 GB.
Und 19 GB für 19€ ist nicht schlecht.

Stephan
Stephan
16. Februar, 2011 19:03

Zitat: "Ich kann mich erinnern, um die Jahrtausendwende eine ganze Menge Kram aus dem Netz geladen zu haben – aber WIE, das ist mir nun schleierhaft."
Genauso ging es mir vor ein paar Tagen, als ich meiner Frau Peer-to-Peer erklärt habe. Die hatte mit ihren nun zarten 30 Jahren vor 10 Jahren noch ganz andere Interessen (und Partner), als dass sie edonkey gekannt hätte. Die 3 Kisten im Keller mit gebrannten 700er Rohlingen voll mit überflüssigen Filmen (weil es ging?!) sind mir ein komplettes Rätsel. Wenn ich mir die Übertragungsgeschwindigkeiten des Jahrtausendwechsels anschaue, frage ich mich, wie und vor allem wann ich das alles gesaugt haben soll…

xanos
xanos
16. Februar, 2011 21:48

Ich habe in 26 Monaten dieses Vertrags genau ein mal die 5 GB überschritten. Und ja, das ist echt bitter, unglaublich.
Für legales privates Verhalten reicht das aber völlig aus. Wenn ich aber hier schon einige Kommentare lese …

Wortvogel
Wortvogel
16. Februar, 2011 21:52

@ Xanos: Das sehe ich anders – ich promote hier auch keine Raubkopien (und würde mich freuen, wenn die Leser sich damit zurück halten), aber durch meine Arbeit sind die 165 MB pro Tag ratzfatz durch. Allein die InDesign-Dateien, die ich pro Tag auf den Redaktionsserver rauf- und runterschaufel, schaffen das locker.
Privat und beruflich sind bei mir halt nicht zu trennen.
Also: Aus der Datenmenge nicht gleich auf sinistre Aktivitäten schließen.

OnkelFilmi
16. Februar, 2011 22:09

"Ich habe in 26 Monaten dieses Vertrags genau ein mal die 5 GB überschritten. Und ja, das ist echt bitter, unglaublich.
Für legales privates Verhalten reicht das aber völlig aus. Wenn ich aber hier schon einige Kommentare lese …"
Da scheint Deine Welt aber wohl aus reinen Textseiten zu bestehen. Ich habe mir in der letzten Stunde 5 Trailer in HD auf YouTube angeschaut, und das waren alleine schon 317 MB…

JensE
JensE
16. Februar, 2011 22:31

Hi,
versuch mal, ob es mit dem Browser Opera — die Funktion heißt glaube ich Opera Turbo.
Das ist zwar nicht 100% schmerzlos, aber es lindert ein wenig das Problem.
Versuchs mal. :o)
Gruß
JensE

xanos
xanos
16. Februar, 2011 22:42

@Wortvogel
Das du auch beruflich viel machst, weiß ja jeder Stammleser. Deswegen auch die Betonung von privat.
@Filmi
Trailer reichen mir in normaler Auflösung. Sind ja keine Filme. Bestimmte Hobbies schlagen sicherlich auch datenintensiver durch. Sollte aber schon mit etwas klarem Blick zu sehen kann von was ich mich pickiert abgrenze, oder?

JensE
JensE
16. Februar, 2011 22:47

Sollte ein 😉 werden

Jeff Kelly
Jeff Kelly
17. Februar, 2011 08:08

Ein Systemupdate deiner XBOX oder PS3. Ein oder zwei Downloaderweiterungen, mal ne Stunde Youtube, ein oder zwei Ausleihfilme bei iTunes oder Netflix.
5GB krieg ich völlig legal an einem Tag durch wenn es sein muss, privat. Gerschäftlich sogar eher und das ganz ohne Torrents und illegalem Downloadkram.
Einmal Spiegel online aufrufen? 10 MB weg, deshalb geht das auch mit 64 kBit/s nicht mehr.
Ein Word-Dokument vom Netzlaufwerk laden um es im ZUg zu editieren, da ist alles zwischen 1 und 300 MB drin.
Meine 200 MB für den iPhone Vertrag reichen mit reinem Surfen keine 4 Wochen.
Greift erst mal das Bandbreitenlimit dann geht echt gar nix mehr, normale Seiten werden gar nicht mehr geladen, weil die Ladevorgänge so lange brauchen, dass sie irgendwann durch Netzwerk- oder OS-Timeouts unterbrochen werden.
Man kann noch nicht mal die Seite des Anbieters mit voller Geschwindigkeit aufrufen um sich zusätzliche Bandbreite zu buchen, weil die Nasen ihre eigenen Portale nicht von der Drosselung ausnehmen. Würde bei den meisten auch nichts helfen, weil man ein Kontingent meistens monatsweise nicht aufstocken kann.
Selbst die AGPS-Funktion die ja die Satellitenpositionen per Netz nachlädt hängt dann.
Kurz, die Drosselung wirkt fast so als hätte man gar kein Netz mehr.
Da ich selbst drei Wochen wegen Internetumstellungsproblemen mobil surfen musste kann ich das nachfühlen

Andi
Andi
17. Februar, 2011 10:59

@Dietmar (3): Stewart und Colbert streamen auf den entsprechenden Websites der beiden Shows für mich einwandfrei.

Dietmar
Dietmar
17. Februar, 2011 12:03

@Andi: Ja, bei mir jetzt auch wieder. Ich hatte den Glauben verloren … 🙁

Jeff Kelly
Jeff Kelly
17. Februar, 2011 12:48

Die haben das Streaming nur geändert, und präsentieren die Werbung jetzt anders.

Dietmar
Dietmar
18. Februar, 2011 07:45

@Jeff Kelly: Ja, aber was fällt denen ein! Mich so zu erschrecken … 😉
Und drei Minuten Werbung zwischen den Teilen finde ich tatsächlich ärgerlich.

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[…] Bei unserem vor-vor-letzten Umzug innerhalb von München hatte ich das erste Mal versucht, die internet-lose Zeit mit Websticks zu überbrücken. Das Ergebnis: eher mau. […]