Ich sage es immer wieder gern: Wir leben im goldenen Zeitalter der Comic-Verfilmungen. Natürlich hatte es seinen Reiz, als Comic-Verfilmungen noch hauptsächlich Low Budget-Angelegenheiten waren, die man als Fan mit der Lupe suchen musste, und bei denen man schon Hurra schrie, wenn man sich nicht über die ganze Laufzeit fremdschämen musste. Jawohl, meine jüngeren Leser, es gab mal eine Zeit, da war die „Hulk“-TV-Serie ein Beispiel für eine „gute“ Comic-Verfilmung. Da fanden wir das Kostüm und einiges andere von Pyuns „Captain America“ klasse. Da war die nie veröffentlichte Verfilmung von „Fantastic Four“ eigentlich nicht schlecht. Da rockte Dolph Lundgren als „Punisher“ massiv das Haus. Comic-Verfilmungen waren eben Underdogs, die mit ganz anderen Maßstäben gemessen wurden.

Mittlerweile ist das anders. Comic-Verfilmungen sind „big business“, sie gehören nicht mehr uns, der verschworenen Gemeinschaft der Heftchenleser. Jeder Arsch hat die Spiderman-DVDs im Schrank, und es ist kein Geheimwissen mehr, dass Joel Schumachers Batman Kostüm-Nippel hatte. Es ist die Ära von „Watchman“, „Iron Man“, „X-Men“. Natürlich gibt es immer noch Ausfälle wie „Punisher“ und „Electra“, aber die Ratio hat sich längst zugunsten der guten bis sehr guten Verfilmungen verschoben. Manchmal vermisse ich es zwar, zu einer elitären Minderheit zu gehören, aber generell bin ich froh, dass ich mich vor neuen Verfilmungen meiner Lieblingscomics nicht mehr fürchten muss. Wer hätte gedacht, dass ich mich jemals auf „Thor“ freuen würde?

Der Erfolg der großen Comic-Verfilmungen befeuert auch den Sektor der mittelgroß budgetierten Adaptionen von etwas unbekannteren Franchises. Es muss auch nicht mehr alles von kostümierten Abenteurern handeln: „The Walking Dead“ handelt von Zombies, „Wanted“ streicht die Bezüge zu größeren Superhelden gleich ganz raus. Doch es ist ungleich schwerer, den Zuschauern Projekte zu verkaufen, deren Kern sie nicht kennen, deren Figuren keinen ikonografischen Wert haben. „The Losers“ floppte 2010 genau so wie „Kick-Ass“ und „Scott Pilgrim vs. The World“. Weil sie keine exorbitanten Budgets hatten, werden sie vermutlich langfristig über DVD und TV ihr Geld einspielen, aber die Hoffnung, auch anspruchsvollere „graphic novels“ für ein gereiftes Publikum aufarbeiten zu können, muss erstmal als gescheitert angesehen werden.

Trotzdem konnte ich es mir nicht verkneifen. „Kick-Ass“ und „Scott Pilgrim vs. The World“, besonders wegen der tollen Trailer, mal in meinen Player zu werfen.

Kick-Ass

kick-ass_poster1Regie: Matthew Vaughn. Darsteller: Aaron Johnson, Christopher Mintz-Plasse, Mark Strong, Lyndsy Fonseca u.a.

Ein Teenage in einem albernen Billig-Kostüm, böse von irgendwelchen hirntoten Schlägern verdroschen, augenscheinlich am Ende seines Traums, als Superheld in der gnadenlos realen Welt den großen Vorbildern aus den Comics nachzueifern – dieses Bild vermittelt ein beträchtlicher Teil der „Kick-Ass“-Marketingkampagne, und es ist so zutreffend wie falsch.

„Kick-Ass“ ist eine Meditation über Heldentum und Zivilcourage, die mit der Frage beginnt: „Warum versuchen nicht mehr Leute, tatsächlich als Superhelden aufzutreten?“. Aber statt die Frage naheliegend mit „Weil du dann den Arsch voll kriegst“ zu beantworten, entwirft der Film eine Welt, in der schon der Versuche eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt. Helden folgen auf Helden – aber wo der Held ist, sind auch Schurken nicht weit. Wer sich ins Rampenlicht stellt, zerrt auch jene ins Licht, die lieber im Dunkeln agieren. Real power can’t be given – it must be taken. In seinem Anliegen, eine reale Welt mit Superhelden zu konfrontieren, und Superhelden mit den Tücken einer realen Welt, entwickelt sich „Kick-Ass“ zu komplex-spielerischen Geistesbruder von „Unbreakable“: Wo Bruce Willis sich lange weigert, seiner genetischen Bestimmung zu folgen, zimmern sich die Protagonisten von „Kick-Ass“ ganz ohne Superkräfte eine krude Mythologie zusammen, die ihnen Halt gibt – MySpace-Seite inklusive. In beiden Filmen entspricht die Karriere im Kostüm einer Therapie, einer notwendigen Komplementär-Identität.

Um einen anderen Vergleich heran zu ziehen: „Kick-Ass“ ist der „Teen Titans“ zu „Watchmens“ „Gerechtigkeitsliga“, der seltene Fall, in dem ein Film über ein Genre reflektiert und gleichzeitig als exzellentes Beispiel genau jenes Genres funktioniert.

Das ist die durchaus ernstzunehmende Seite von „Kick-Ass“, der Subtext, die Meta-Ebene.

http://www.youtube.com/watch?v=Pj9c4FSBzEo

Obendrauf ist „Kick-Ass“ aber auch noch Teenager-Komödie, Superhelden-Spektakel, Krimi, coming of age-Drama, und Actionfilm. Er ist so schrill komisch wie leise traurig, so herzzerreissend wie bombastisch, so feinfühlig wie gnadenlos. Brutal ist er außerdem. Es ist Regisseur Matthew Vaughn gar nicht hoch genug anzurechnen, dass er in diesem wilden und aus allen Nähten platzenden Genre-Mix in keinem Moment die Übersicht verliert oder versehentlich die Zügel schleifen lässt. Boxoffice-Ergebnis hin oder her: „Kick-Ass“ empfiehlt Vaughn für Größeres, wie „Memento“ einst Chris Nolan für Größeres empfahl. Oder „Dawn of the Dead“ Zach Snyder.

Für Comic-Nerds ist „Kick-Ass“ eine Offenbarung, perfektes Entertainment, der Film des Jahres.

Scott Pilgrim vs. The World

Scott-Pilgrim_poster-535x792Regie: Edgar Wright. Darsteller: Michael Cera, Brandon Routh, Chris Evans, Ellen Wong, Kieran Culkin, Mary Elizabeth Winstead u.a.

Ihr werdet euch erinnern: „Scott Pilgrim“ war für mich DER Film im diesjährigen Kino-Lineup. Die Trailer haben mich massiv angespitzt und Edgar Wright („Shaun of the Dead“) kann sowieso nichts falsch machen.

Und trotzdem: Als der Nachspann lief, war ich seltsam unbefriedigt. Ich hatte alles bekommen, was mir vom Trailer versprochen worden war, und doch – die Faust blieb ungeballt, kein „Fuck yeah!“ wollte über meine Lippen. Vielleicht ist die einfache Antwort auf die Frage nach dem warum: Ich hatte am Tag zuvor „Kick-Ass“ gesehen. Und „Kick-Ass“ brilliert auf der einen Ebene, auf der „Scott Pilgrim“ schwächelt: Er legt uns seine Charaktere ans Herz, er rührt uns an, er bindet uns ein.

Versteht mich nicht falsch: Auch „Scott Pilgrim“ ist großes Entertainment. Visuell zieht Wright alle Register, überlädt das Bild mit Ein- und Überblendungen, Textboxen, Querverweisen, Details. Die Duelle von Scott mit den Ex-Freunden seiner Ramona sind extrem smooth und spektakulär inszeniert. Mit Chris „Captain America“ Evans und Brandon „Superman“ Routh machen sich hier gleich zwei Superhelden-Schwergewichte überzeugend zum Affen (Evans noch dazu in einem Look, der ihn als künftigen Wolverine-Darsteller empfiehlt). Hinzu kommt ein grandioser Soundtrack und eine an Mangas angelehnte Kampfchoreographie. Mit zunehmender Laufzeit gewinnt der Film mächtig an Fahrt, und die letzte halbe Stunde ist geeignet, jede Party aus dem Wachkoma zu rocken.

Aber „Scott Pilgrim“ lebt nicht. Die seltsam künstliche Welt, in der der Film spielt, erscheint nie plausibel, das Dilemma von Scott bleibt immer seltsam oberflächlich. Weder wird deutlich, warum Scott gerade der wankelmütigen Ramona so verfällt, noch scheinen die Ex-Freunde je eine nennenswerte Gefahr darzustellen – weil Scott entgegen aller Logik ebenfalls ein übermenschlicher Kämpfer ist. Wo aber der Konflikt unterentwickelt ist und der Antagonist nicht wirklich gefährlich wird, da schwächelt das Drama. Und trotz aller Spielfreude gelingt es Wright nicht, dieses Defizit auszubügeln. Abgesehen von einem generischen „Man muss früheren Ballast überwinden, um sich eine Beziehung zu erkämpfen“ hat „Scott Pilgrim“ letztlich kein Thema.

Ja, „Scott Pilgrim vs. The World“ WÄRE die Comic-Verfilmung des Jahres gewesen. Wenn ihm „Kick-Ass“ nicht in die Quere gekommen wäre. Und Scott Pilgrim mag am Ende die sieben Ex-Freunde seiner Ramona besiegen – aber Kick-Ass und Hitgirl hat er nichts entgegen zu setzen.



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