rauchen… ich bin einer von euch. Manchmal bezeichne ich mich sogar als militanten Nichtraucher – besonders wenn ein Raucher darüber schwadroniert, dass ausgerechnet sein Zigarettchen doch wohl niemanden störe, wenn offensichtlich das Gegenteil der Fall ist.

Selber habe ich nie geraucht. Mein Vater ist an Lungenkrebs gestorben, nach 25 Jahren mit 2 Schachteln täglich. Es ist nicht der einzige Fall in meiner Familie, bei dem sich der Kausalzusammenhang so deutlich präsentiert. Trotzdem war meine Ablehnung der Fluppe nie grundsätzlicher Natur: Es schmeckt mir einfach nicht. Und ich habe naturgegebene Abhängigkeiten genug, da brauche ich keine Bonus-Sucht oben drauf, die mich um die Häuser treibt. Würde ich rauchen wollen, würde ich auch rauchen.

Der Beweis – oder der Beweis, dass ich inkonsequent bin: Manchmal stecke ich mir auf Medien-Partys, bei denen langbeinige Squaws auf Tabletts „Indian Spirit“ herumreichen, eine an. Lässig, aber noch am nächsten Morgen kratzt es dann im Hals.

Generell befürworte ich die graduelle Ächtung von Raucher und Rauchwaren, die schleichende Ghettoisierung der Raucherzone. Statt mit harten Verboten zu arbeiten, ist es der Regierung tatsächlich gelungen, den Glimmstengel im Verlauf der letzten 30 Jahre uncool und unsexy zu machen. In den 70ern war Rauchen noch der Normalfall, und mit ihm der damit assoziierte Geruch, die dauernde Präsenz voller Aschenbecher, und der Gilb in Tapeten und Gardinen.

Obwohl ich Nichtraucher bin, respektiere ich die Zurückdrängung des Rauchens als ausreichend. In Flughäfen und Flugzeugen wird nicht mehr geraucht, in Straßenbahnen nicht, in Behörden und Schulen sowieso. Ladenketten, Schnellrestaurants, Bahnhöfe: In der öffentlichen Sphäre kommt Rauchen praktisch nur noch unter offenem Himmel vor, und selbst da nur noch begrenzt.

Ergebnis: Nie war es dem Nichtraucher, der Rauchen nicht nur ablehnt, sondern es in seinem näheren Umfeld nicht ertragen kann, leichter, sich dem zu entziehen.

Niemand wird bestreiten, dass die Welt ohne permanenten Nikotin-Dunst besser dran ist.

Aber es gibt Grenzen, und genau die werden beim heutigen Volksentscheid über das totale Rauchverbot in bayerischen Kneipen und Gaststätten überschritten.

Zur Erklärung: Auch in Bayern gilt ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie, basierend auf EU-Recht. Aber es gibt auch Ausnahmen, z.B. für Raucher-Clubs (also Kneipen, die sich frech so nennen), und für diverse Veranstaltungen und architektonische Sonderfälle.

Der Volksentscheid soll nun mit den Sondergenehmigungen Schluss machen – totales Rauchverbot in Gaststätten eben.

Es gehen die Gerüchte, dass die Organisation hinter dem Volksentscheid von der Pharma-Industrie gesponsort wird, und dass die Organisation gegen den Volksentscheid wiederum in der Tasche der Tabak-Lobby steckt. Beides ist mir wurscht, weil es um etwas ganz anderes geht.

Dies ist eine Zivilgesellschaft, die sehr stolz darauf ist, die Freiheit des Individuums zu verteidigen. Konflikte, das ist die Basis unseres Zusammenlebens, werden im Diskurs geklärt. Wenn es in der Sache kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, dann muss eben ein Kompromiss her. Ein friedliches Gemeinwesen braucht und bedingt Konsens. Das ist nicht immer leicht, selten angenehm, aber ein notwendiger und gewollter Prozess.

Dass eine Bevölkerungsgruppe eine andere per Volksentscheid in diesem Maße unter Druck setzen, weg drängen, und stigmatisieren kann, empfinde ich als zutiefst undemokratisch. Wenn ein rauchender Wirt für rauchende Gäste ein Raucher-Lokal anbieten will – dann ist es schäbig, hier als Nichtraucher quasi gewaltsam eine Frischluft-Oase durchsetzen zu wollen. So, wie es Familien zuzumuten ist, dass sie sich kinderfreundliche Restaurants suchen, wenn die Kleinen während der Mahlzeiten ordentlich betreut werden sollen, so ist es Nichtrauchern zuzumuten, dass sie vor dem Betreten eines Lokals einen Blick auf die Tür werfen, ob sie in den Räumen mit Zigarettenrauch rechnen müssen. Jeder ist für seine eigenen Ansprüche verantwortlich. Das Argument „Wo ich hingehe, hat es gefälligst rauchfrei zu sein“, klingt für mich arg unsozial.

Ich bezweifle außerdem die basisdemokratische Funktion solcher Volksbescheide, weil es traditionell leichter ist, die Gegner des Status Quo zu mobilisieren als jene, die mit dem Ist-Zustand eigentlich ganz gut leben können. Es besteht die Gefahr einer Verzerrung durch Abstimmungsergebnisse, die dem tatsächlichen „Volkeswillen“ nicht entsprechen.

Wenn uns heute die Raucher in der Öffentlichkeit nicht passen – was kommt dann als nächstes? „Deutsche, kauft nicht bei Rauchern“? Verbieten wir Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit, weil er Kindern ein schlechtes Vorbild sein könnte? Verbieten wir die Verwendung alteingesessener Schimpfwörter wie „Scheiße“ oder „Verdammt!“, weil ältere Damen sich empören müssen? Könnte ich dann bitte für das Verbot von Arschlöchern, Crocs und Ballonseide-Joggginganzügen (auf Kombination steht Gefängnis) trommeln?

Kurz: Es darf nicht sein, dass man ein Verbot von Sachen durchsetzen kann, die einem schlicht nicht passen.

Die Raucher-Lobby hat sich allerdings bei mir auch keine Freunde gemacht, als sie mit so affigen wie sexistischen Plakaten für ihre Sache warb:

rauch

Also, liebe Nichtraucher: Euer hehres Anliegen in Ehren, und Schutz von Kind und Hund im Blick – heute stimme ich gegen das „totale“ Rauchverbot. Weil „total“ sowieso nicht in das Vokabular eines Demokraten gehört. Weil mein Bruder, meine Tante, mein Kumpel, und mein Ex-Chef auch das Recht auf einen Kneipenbesuch haben, ohne alle zehn Minuten vor die Tür zu müssen. Kurzum: Weil ich diese Entscheidung nicht als Nichtraucher treffe – sondern als Staatsbürger. Und der muss eben auch mal über den eigenen Tellerrand schauen.



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