Sky Crawlers

Japan, 2008. Regisseur: Mamoru Oshii.

the-sky-crawlersInhalt: In einer nicht näher erklärten Parallelwelt ist der Krieg auf Konzerne verlagert, die ihre Luftkämpfe von genetisch gezüchteten Kinderpiloten austragen lassen. Kannami wird auf eine Basis der Rostock Corporation versetzt, wo er sich in die Flugleiterin Kusanagi verliebt, ebenfalls ein „Kildren“. Mehr und mehr wird Kannami klar, dass er zu seinem Vorgänger, einem verstorbenen Piloten, eine mehr als psychische Verbindung besitzt…

Kritik: Dankt mir für die Zusammenfassung. Das, was ich da oben als Plot beschrieben habe, ist das, was man sich nach geschlagenen zwei Stunden als Zuschauer mühsamst zusammen reimen kann – wenn man denn wach geblieben ist. Ich kenne nur wenige Filme, die sich to träge und vage einer klaren Narrative verweigern, deren Figuren so stumm und apathisch bleiben. Es mag sein, dass im Roman von Mori Hiroshi erheblich genauer auf die Details eingegangen wird – auf der Leinwand ist davon allerdings nichts angekommen.

Nicht nur die konkrete Geschichte und die Personen bleiben nebulös – auch die gesamte Welt, in der „Skycrawlers“ spielt, ist kaum über Chiffren hinaus definiert. Wo spielt die Handlung? WANN spielt die Handlung? Wer gegen wen? Was ist Sinn und Zweck eines Krieges, der scheinbar nur aus vereinzelten Luftkämpfen besteht, und jenseits der Politik stattfindet? Wieso rauchen die Kildren alle Kette? Es ist eine fremde, kalte Welt, die wir nicht verstehen können – und die uns deshalb auch nicht im Geringsten schert.

Nachdem der Film sich 90 Minuten lang konsequent weigert, irgendwas zu erklären, werden die gesamte Backstory und der emotionale Aufhänger dann in den letzten 20 Minuten dem Zuschauer in zwei groben, statischen Packen Exposition vor die Füße geworfen. Friss oder stirb. Da sterbe ich lieber.

Diese ganze lähmend diffuse Erzählweise wäre als Realfilm schlimm genug – als Trickfilm ist sie unerträglich. Simpelst gezeichnete Figuren ohne Details, die zehn Sekunden lang aus dem Fenster starren, ohne dass sich im Frame IRGENDWAS bewegt – das ist schon provozierend lethargisch. Die attraktivste 2D-Animation gehört dann auch passenderweise dem Basset Hound der Basis, dem mit Abstand lebendigsten Charakter des Films.

Ich sage sowas immer ungern, aber: Das Ende ist eine bodenlose Frechheit. Die Geschichte wird nicht beendet, sie hört einfach auf. Klappe zu, Affe tot. Keine Erklärungen, keine emotionalen Abschlüsse, gar nichts. Eine „post credits“-Sequenz setzt einfach wieder alles auf Anfang.

All das ist umso enttäuschender, da „Skycrawlers“ nicht nur ein an sich spannendes Konzept spazieren trägt, sondern in der technischen Umsetzung hart an der Grenze zum Meisterwerk vorbei schrammt. DIe Figuren mögen detailarm sein, aber ihre Animation ist geradezu erschreckend flüssig. Simple Vorgänge, wie das Absteigen von einem Motorroller, oder das Falten einer Zeitung, haben eine hypnotische Wirkung, einfach weil sie so real wirken. Gegenstände, Hintergründe, Fahrzeuge – anhand von Referenzbildern wurde alles liebevoll gestaltet, mit geradezu manischer Perfektion.

Und die Luftkämpfe! Grundgütiger, diese Luftkämpfe! In dem Moment, wenn die Piloten von der Basis abheben, explodiert die Dramaturgie, springt „Skycrawlers“ aus dem Koma in hyperaktive Action, die wirklich sehenswert ist. Komplett in CGI (bis auf die Piloten), zieht eine „mittendrin statt nur dabei“-Choreographie den Zuschauer ins Geschehen, wie ich es in den letzten Jahren nur bei „Battlestar Galactica“ erlebt habe. Man hat das Gefühl, die 3D-Abteilung habe einen ganz anderen Film machen wollen, als die Zeichner der 2D-Drama-Sequenzen. Was „Skycrawlers“ an Dogfights bietet, ist mehr als State of the Art – es definiert State of the Art für diesen Bereich.

Aber es hilft nicht: Letztlich quält man sich durch die emotionslosen Dialoge der ausdruckslosen Charaktere, um alle 20 Minuten mal ein Bonbon in Form eines Luftkampfes hingeworfen zu bekommen. Und das KANN nicht genug sein.

Fazit: Eine unsäglich fade „Wings of Honneamaise“-Variante, die sich in Parallelwelt- und Psycho-Details verliert, und dafür ungefähr eine Stunde zu lang ist. Es lohnt sich aber, die DVD auszuleihen, um sich zu den einzelnen Luftkämpfen durchzuspulen.

http://www.youtube.com/watch?v=IvRFl0raLZc



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Patrick
Patrick

Die Flugleiterin heißt Kusanagi? Hm, so hieß auch der Major in Mamoru Oshiis „Ghost in the Shell“. Ich frag mich, ob das eine bloße Referenz ist, oder ob Oshii irgendetwas Symbolisches ausdrücken will, schließlich ist Kusanagi ja auch der Name des heiligen Schwertes Japans, vergleichbar mit Excalibur.

lostNerd
lostNerd

Wie hat Dir denn „Wings of Honneamaise“ gefallen?

Will Tippin
Will Tippin

@Patrick
Starte mal den Trailer, da steht sogar im Titel „Ghost in the Shell“.

Lari
Lari

Hunderprozentige Zustimmung – der Film beim FFF, bei dem für mich die Schere zwischen Erwartung und tatsächlich Gebotenem letztes Jahr am weitesten auseinanderklaffte. Von so was wie „Sexykiller“ hatte ich mir von vornherein nichts versprochen, aber „Sukai Kurowurasu“ (meinerseits jetzt einfach mal vermutete japanische Schreibweise) ist vom gottverdammten Mamoru Oshii, der es eigentlich besser wissen müsste. Dass in dem Film einfach vollkommen gar nix passiert und auch das Szenario völlig vage bleibt, hat zwar tatsächlich einen Sinn, weil die Erinnerungen der Kilderen ja ebenfalls eine einzige, diffuse Matsche sind, aber dieses Lebensgefühl als Erzählkonzept für einen Spielfilm nutzen zu wollen, ist eine selten dämliche Idee.

Tornhill
Tornhill

Auch wenn es blasphemisch wirkt, muss ich sagen, dass mir Oshii inzwischen sowieso öfters suspekt wird. Er hat großartige Dinge gemacht, für die er ewig gerühmt werden sollte, aber dazwischen gibt es immer wieder Zeug, welches so absolut bar jeder Spannung oder auch nur halbwegs vernünftiger Narrative ist, dass ich das Gefühl habe, ihm ginge es wie einigen deutschen Filmhochschulwunderkindern, die es für ihr Selbstbewusstsein brauchen, ihre Filme unzugänglich und suboptimal zu machen, damit sie sich sagen können, ihr Werk sei anspruchsvoll.
Tiefpunkt seine Romanvorlage zu „Blood – The Last Vampire“, welche ein Verbrechen gegen das Format Roman ist und nur sinnlose ach-was-bin-ich-schlau!-Exkurse über Forensik, Politik, Geschichte und Naturwissenschaften aneinander reiht, damit am Anfang und Ende kurz ein Vampir am Erzähler vorbei huscht.

Der Bassett ist, soweit ich weiß, übrigens sein Markenzeichen, welches immer wieder irgendwo auftaucht.

Patrick
Patrick

@Will Tippin:
Ne, da steht nur was von „Eine Produktion vom Macher von Ghost in the Shell 攻殻機動隊, Kōkaku Kidōtai und Innocence: Oshii Mamoru“, das ist kein Titel.

Lari
Lari

@Spuddl: „Ghost in the Shell“: http://www.youtube.com/watch?v=ecoaHyfy8jg

„Avalon“ fährt die Handlung zwar auch schon sehr zurück, bleibt aber (anders als „Sky Crawlers“) nachvollziehbar und hat außerdem sehr schicke Bilder: http://www.youtube.com/watch?v=n6M9cMdq8MA

Peroy
Peroy

„“Avalon” fährt die Handlung zwar auch schon sehr zurück, bleibt aber (anders als “Sky Crawlers”) nachvollziehbar und hat außerdem sehr schicke Bilder: http://www.youtube.com/watch?v=n6M9cMdq8MA

Einspruch, euer Ehren. Die Optik mit ihrer Sepia-Farbtönung sieht aus, als hätte man den Film vor dem Release noch mal kurz durchs Klo gezogen, die Geschichte ist ein einziges wirres Nichts, und langweilig wie ein Eimer ist der Streifen auch noch…

Die noch läppischere Variante von Cronenbergs eh schon läppischem „eXistenZ“, ein Flop auf ganzer Linie.

Lari
Lari

„Avalon“ ist sogar noch deutlich BESSER als der ohnehin großartige „eXistenZ“. Ob das Ding langweilig ist, ist Ermessenssache, ich kann es aber auf jeden Fall nachvollziehen, wenn einem das Erzähltempo zu niedrig ist. „Wirres Nichts“, na ja – „Avalon“ setzt sehr auf seine Artus-Symbolik. Wenn man das nicht mag, wird einem der Rest wohl auch auf den Sack gehen. Von der Optik kann sich jeder anhand des Trailers ein Bild machen, mir gefällt die auch nach zigfachem Sehen immer noch ausnehmend gut. Dass der Film nicht jedem gefallen wird, steht außer Frage, aber interessant isser allemal.

Peroy
Peroy

Scheisse ist der, mehr nicht…

Tornhill
Tornhill

Und um mich zwischen alle Stühle zu setzen: „eXistenZ“ ist ziemlich mies (besonders, wenn man „Videodrome“ kennt, von dem er ein unstimmiges quasi-Remake ist), aber „Avalon“ ist ganz okay.

Ich erzählte bestimm schon mal, dass man mir bei der Erstsichtung weismachen wollte, „Avalon“ sei komplett computergeneriert und als ich Zweifel anbrachte wies man als Beweis auf die normalfarbigen Szenen in der Stadt am Ende – wie bitteschön sollten die so viele Statisten zusammen bekommen haben? 😀

Peroy
Peroy

„Und um mich zwischen alle Stühle zu setzen: “eXistenZ” ist ziemlich mies (besonders, wenn man “Videodrome” kennt, von dem er ein unstimmiges quasi-Remake ist), aber “Avalon” ist ganz okay.“

Äh, nein…

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[…] die an unsere erinnert, und doch völlig anders ist. “Wings of Honneamise“, “Sky Crawlers“, “Ace Attorney” – vertraut und doch seltsam fremd. Keine realistische […]

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[…] ♣ I sell the Dead ♣ In the Electric Mist ♥ Infestation ♥ Moon ♥ Pontypool ♣ Sky Crawlers ♦ Tell Tale ♦ The Children ♣ The House of the Devil ♦ The Killing Room ♦ The Thaw […]