26
Nov 2009

Papier ist geduldig – ich nicht.

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Vor ein paar Wochen hatte ich das Vergnügen, Tina Lorenz in den Räumen des CCC München für eine kommende Folge des "Elektrischen Reporter" zu interviewen. Es ging natürlich um die Themen "Porno 2.0", Feminismus im Porno, Queer Cinema, etc. Eine höchst spannende Sache – schließlich gibt es mittlerweile feministische Porno-Preise, und die Idee von Teledildonics geistert ja auch noch herum. Wir sprachen über Andrea Dworkin, die PorNO-Kampagne, und die Frage, wie sich ein Genre weiterentwickeln kann, dessen Objekt sich nicht verändert.

Und was muss ich die Woche im SPIEGEL lesen? Ein Interview mit der Autorin "Erika Lust", die angeblich "Pornos für Frauen" dreht.

erikalust

Wie muss er denn sein, der Porno, der auch die Damenwelt in süße Entzückung versetzt? Stärkere Rücksichtnahme auf weibliche Bedürfnisse? Weniger Reduktion auf geschlechtliche Großaufnahmen? Der männliche Orgasmus nicht mehr als Höhepunkt und Ende des Koitus? Lust als gleichberechtigtes Erzählelement?

Leider nein: Erika Lust versteht unter "Porno für Frauen" offensichtlich das, was sich eine "Brigitte"-Chefredakteurin darunter vorstellt. Schick muss es sein, und die Einrichtung muss stimmen:

  • "Frauen möchten Frauen sehen, mit deren Lebensrealität sie sich identifizieren können. Eine Art 'Sex and the City' mit expliziten Sexszenen."
  • "Ich bin mit MTV, amerikanischen TV-Serien groß geworden – da bin ich anderen visuelle Standards gewohnt."
  • "Frauen mögen eben schöne Dinge – warum muss es dann im Porno immer das hässlich stillose Sofa sein? Ich kann mich nicht entspannen, wenn ich so ein Möbelstück sehen muss."

Ich hatte nach dem Gespräch mit Tina Lorenz eigentlich nicht gedacht, dass der "weibliche Porno" (so es ihn denn wirklich gibt) einfach nur frauenfeindlicher, konsumorientierter, dümmer, und objektfixierter sei als der "männliche Porno". Ich denke es immer noch nicht – aber Tussen wie "Erika Lust" mit ihren Cosmopolitan-Klischees von Sex werfen die Emanzipation weiter zurück als jedes DVD-Boxset von Max Hardcore.

Und wo wir gerade bei Qualitäts-Journalismus sind: Kundenzeitschriften sind immer wieder ein Quell steter Freude, weil sie sich im Allgemeinen nicht über Verkäufe finanzieren, und damit auch nicht vom direkten Gefallen der Zielgruppe abhängig sind. Mag der Firmenchef die Postille, passt das schon. Darum kann man in diesen Blättern auch Lesestücke finden, für die Autoren bei jeder kostenlosen Stadtteil-Zeitung ausgelacht würden.

Schönes aktuelles Beispiel: Die "Reportage" über das neue Album von Marius Müller Westernhagen. Dass der Mann sich (wie Bono, Xavier Naidoo und Campino) seit ein paar Dekaden erheblich zu wichtig nimmt, ist bekannt. Und dass ihm Zeilenschinder auch immer wieder gerne die Authentizität und Eigentlichkeit bescheinigen, daran hat man sich gewöhnt. Aber Titelzeilen wie diese gehören in die TITANIC, nicht ins Bordmagazin der Airberlin:

marius1

Geschwafel, Anglizismen, und Selbstüberschätzung – und das alles in nur sieben Worten sauber untergebracht. Respekt!

Nun hat es die Autorin des Beitrages (von der ich schwer hoffe, dass sie sich hinter einem Pseudonym versteckt – wie Erika Lust) augenscheinlich darauf angelegt, das "Phänomen Westernhagen" durch die konsequent schweinchenrosa Brille zu betrachten. Anders sind solche Bildunterschriften wirklich nicht zu erklären:

marius2

Grundgütiger.

Ich verteidige das Medium Print sehr gerne. Es wäre ab und an allerdings ganz nett, wenn das Medium Print das im Gegenzug auch mal rechtfertigen würde. Die besten Texte der letzten Monate habe ich im Internet gelesen.



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Peroy
Peroy
26. November, 2009 21:23

" Teledildonics"

Muahahahahahaha…

Oh mein Gott…

milan8888
milan8888
26. November, 2009 22:37

Keine Sorge – es gelangen immer mehr Kundenmagazine ins Web 😉

Dr. Acula
26. November, 2009 22:40

Der MMW-"Artikel" ist ein schönes Beispiel fĂŒr den in den letzten Tagen in der Twitter- und BlogosphĂ€re identifizierten "Bratwurstjournalismus"…

Dr. Acula
26. November, 2009 22:41

Ach, und zu den Pornos… wer bei einem Porno tatsĂ€chlich auf die Möbel achtet, der hat, glaub ich, nicht ganz verstanden, worum’s in solcherlei Filmgut geht…

Stephan
Stephan
26. November, 2009 22:53
Dr. Acula
26. November, 2009 22:59

@Stephan

Oh jaaa… die Sendung hab ich seinerzeit noch "live" gesehen. MRR rult 🙂

Dietmar
Dietmar
27. November, 2009 00:56

Achtung: Weltschmerzgeschwafel voraus:

Es gibt eben immer weniger Journalisten mit SprachgefĂŒhl, -Witz, Geschmack und Bildung und dafĂŒr immer mehr Schreiberlinge.

100Prozent genetisch weiblich
100Prozent genetisch weiblich
27. November, 2009 08:02

"Ach, und zu den Pornos
 wer bei einem Porno tatsĂ€chlich auf die Möbel achtet, der hat, glaub ich, nicht ganz verstanden, worum’s in solcherlei Filmgut geht
" <== Jepp, da kann mich kein Sofa der Welt ablenken. *g*

Heino
Heino
28. November, 2009 14:39

MMW ist immer noch fĂŒr das schlechteste Konzert verantwortlich, das ich je gesehen habe. Das war Anfang der 90er im MĂŒngersdorfer Stadion und der Kerl war doch tatsĂ€chlich so dreist, alle seine auf der Live-LP verewigten Ansagen und Zwischenbemerkungen Wort fĂŒr Wort an den selben Stellen zu wiederholen. Davon abgesehen war auch die musikalische Darbietung gerade mal Dienst nach Vorschrift und Garland Jeffries im Vorprogamm hat ihn locker an die Wand gespielt. Echt armselig.

gnaddrig
gnaddrig
29. November, 2009 11:46

Ja, Heino, da hat der Mann sich halt ein Programm erarbeitet, und das bringt er dann eben auch. WofĂŒr lernt einer so viel Zeug auswendig, wenn er es dann nicht aufsagen darf?

gnaddrig
gnaddrig
29. November, 2009 12:02

Aber mal ernsthaft, erwartest Du, dass der jedes Konzert improvisiert? Ich glaube, an den ersten zehn Abenden einer Tour ist das alles noch flexibel, aber dann verfestigt es sich. Finde ich nicht undbedingt dreist. Nerven tut es erst, wenn es lustlos abgespult wird. Sich von der Vorgruppe an die Wand spielen zu lassen ist natĂŒrlich peinlich…

Tornhill
Tornhill
29. November, 2009 14:08

Das Interview mit Erika Lust hab ich auch gelesen und drĂŒber gegrinst – das ist wirklich schon fast unfreiwillige Satire. Aus dem Mund eines fetten alten Pornoproduzenten, der zwecks Erweiterung seines GeschĂ€ftes erstmals die Existenz von bekleideten Frauen zur Kenntnis nimmt, wĂŒrde so eine plumpe Aussage ja nicht ĂŒberraschen, aber ich hĂ€tte doch auch gedacht, dass eine "echte Frau" ihr eigenes Geschlecht etwas besser kennt, als nur aus platten Klischees.
Aber bei den SPIEGEL-Lustmolchen (die ja kĂŒrzlich gar Megan Fox heilig sprachen) kommt sie damit wohl gut an.

Heino
Heino
29. November, 2009 14:49

@gnaddrig:natĂŒrlich gehe ich davon aus, dass er sein MUSIKALISCHES Programm auswendig kann (da haben Rockmusiker gegenĂŒber den klasssichen Musikern definitiv einen Nachteil), aber wirklich Wort fĂŒr Wort die Ansagen der vorhergehenden Tour zu wiederholen, ist armselig. Da könnte er auch "Moderator" einer dieser lĂ€cherlichen Pannenvideo-Shows sein. Etwas mehr Phantasie hat noch keinem geschadet..

Und ja, er hat sein Programm nur abgespult. Ich denke schon, dass das aus meinem Postingr echtd eutlich herauszulesen war.

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[…] Uhr Kategorien: Gedanken, Neues.Letzten November habe ich schon mal ĂŒber das Airberlin-Bordmagazin geschrieben – ein erschreckend lieblos zusammen gestoppeltes BlĂ€ttchen mit Produktwerbung, Reisethemen […]

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[…] Man darf sich nicht wundern, wenn die Kino News den SĂ€nger Tiemo Hauer mit euphorisch-leeren HĂŒlsen wie “Mit seiner zweiten Single startet er voll durch” und “Es spricht fĂŒr Timo Hauer, dass er ob des plötzlichen Hypes  um seine Person auf dem Teppich blieb” feiert. So spielt man halt den Trendsetter strikt nach Vorgabe der Musikkonzerne. Es erinnert auch ein wenig an die Hauspostille von Airberlin. […]