caseposterUSA 2009. Regie: Christian Alvart. Darsteller: Renée Zellweger, Ian McShane, Jodelle Ferland, Bradley Cooper, Cynthia Stevenson, Adrian Lester

Story: Sozialarbeiterin Emily hat Hinweise, dass die zehnjährige Lily von ihren Eltern misshandelt wird. Tatsächlich gelingt es ihr, das Mädchen in einer dramatischen Aktion zu retten, als Vater und Mutter sie in einem Backofen verbrennen wollen. Emily nimmt die verstörte Lily bei sich auf – stellt aber bald fest, dass die religiöse Paranoia der Eltern vielleicht nicht ganz unbegründet war…

Kritik: Was treibt deutsche Jungregisseure eigentlich so, in Hollywood mit Frauengrusel zu reüssieren? Robert Schwentke mit „Flightplan“, Mennan Yapo mit „Premonition“, und nun Christian Alvart mit „Case 39“? Alles Filme über weibliche Urängste und Traumata, über den Verlust von Familie und Identität. Hält man deutsche Regisseure für grundsätzlich talentierter, in den Untiefen des Un(ter)bewußten zu wühlen? Ist das so eine Art verspätete Belohnung für die Leistung der Expressionisten, von „Golem“ bis „Caligari“? Man weiß es nicht.

Tatsache ist aber: „Case 39“ ist trotz der relativ vorhersehbaren und überschaubar konstruierten Geschichte ein effektiver kleiner Horrorthriller, dessen Schocks sorgfältig gesetzt werden, und der in seiner erwachsenen Attitüde und seiner Konzentration auf das Wesentliche eine angenehme Abwechslung zum CGI-Ironie-Splatter-Teen-Comic-Torture-Titten-Asia-Monster-Remake darstellt. Gut geschrieben, gut inszeniert, gut gespielt, und das von Anfang bis Ende – sowas kann man über extrem wenige Filme dieser Tage sagen.

Natürlich lehnt sich „Case 39“ an Klassiker der 70er an, erinnert mehr an die „Omen“-Reihe, als an aktuelle Grusler mit bösen kleinen Mädchen aus dem asiatischen Kulturkreis. Regisseur Alvart ist schlau genug, sich mit erzählerischem Schnickschnack zurückzuhalten, und der Geschichte Raum zu geben. Modernisiert hat er nur einzelne Effektsequenzen – und hier haben wir einen der Fälle, in denen CGI für wirklich kreative und gänsehautige Zwecke verwendet wird. Bei der Wespenattacke konnte man förmlich hören, wie das Publikum im Kino kollektiv den Atem anhielt.

Die Regieleistung des Deutschen ist beeindruckend: mit großer Souveränität führt er Darsteller und Handlung, zieht die Spannungsschraube mit exakt der richtigen Geschwindigkeit und dem richtigen Druck, und erinnert in seiner Verbindung von Banalität und Boshaftigkeit an die besseren Friedkin-Grusler (Exorzist, The Guardian). Jetzt bin ich wider Erwarten doch auf seinen Weltraum-Grusel „Pandorum“ gespannt.

Auch die Darsteller nehmen den Stoff beachtlich ernst: Ian McShane ist immer ein Plus, Jodelle Farland ist eine echte Entdeckung, und selbst Renée Zellweger ging mir mit ihrem unecht aussehenden Kussmund, der strähnigen Frisur, und der ewigen Kiksstimme diesmal nicht auf die Nerven. Im Gegenteil: für die Rolle der Emily ist sie ideal unglamourös, Sandra Bullock oder Nicole Kidman wären hier falsch besetzt gewesen.

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„Case 39“ hat keine Schwächen – allerdings gibt es eine Sache, die ihn vielleicht noch ein wenig stärker gemacht hätte: der kleinen Lily fehlt das große Endziel. Bei den „Omen“-Filmen ging es darum, letztlich die Weltherrschaft an sich zu reißen. In ähnlichen Filmen muss eine Aufgabe erfüllt, ein Prophezeiung bewahrheitet werden. Was der Dämon in Lily will, wird allerdings nie klar. Darum muss Emily am Ende auch kein konkretes Ereignis verhindern, sondern „nur“ irgendwie das Kind stoppen. Da fehlt mir schlussendlich ein wenig der größere Kontext.

„Case 39“ ist auch ein gutes Beispiel für die Nachteile des Informations-Overkills: Ich hatte das Glück, den Film ohne jegliche Vorab-Information zu sehen – ich hatte nicht einmal den Anreißer-Text im Programmheft gelesen. Nur dann kann man den Film so wirken lassen, wie er wirken soll – es ist nämlich am Anfang gar nicht so klar, dass Emily sich ein böses Kuckuckskind ins Haus holt. Genauso gut hätte der Film von den weiteren Versuchen der satanisch verblendeten Eltern handeln können, ihren Nachwuchs zu opfern. Das macht die Story erheblich frischer und spannender. Hat man allerdings den Trailer oder eine Inhaltsangabe vorab konsumiert, relativiert sich das alles sehr stark, weil man die Plot-Entwicklung der ersten Hälfte bereits kennt.

Fazit: Für Mainstream-Horrorfans eine exzellente Möglichkeit, sich „old school“ gruseln zu lassen.

Sehr interessant übrigens – der Trailer zeigt diverse Szenen, die im Film nicht vorkommen, und die darauf schließen lassen, dass man die Genre-Elemente zugunsten der Thriller-Bestandteile runtergefahren hat:

Wortvogels pantomimisches Urteil:

daumenhoch



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Peroy
Peroy

Mir egal, ob der Film gut ist, dem Alverts vergeb‘ ich für seinen „Antikörper“-Dreck niemals… soll er sich von mir aus doch spontan selbst entzünden…

Der Trailer ist einer der schlechtesten, den ich seit langem gesehen habe.

Heino
Heino

Ich hatte zuerst auch mit dem Streifen geliebäugelt, mich dann aber dagegen entschieden, da er zu 08/15-mäßig klang. Hole ich vielleicht nach, sobald er hier ins Kino kommt. Du hast aber selbst schon fast zuviel verraten.

Olsen
Olsen

Toll, Wortvogel. Erst schreiben, dass man am besten nichts über diesen Film wissen sollte und dann gleichzeitig quasi die Auflösung verraten. Kein guter Stil, würde ich sagen.

Da ich letzte Woche einen Trailer des Film gesehen habe, hatte ich mir sowas aber schon gedacht. Sieht interessant aus, das Ding.

Peroy
Peroy

„Die Regieleistung des Deutschen ist beeindruckend: mit großer Souveränität führt er Darsteller und Handlung, zieht die Spannungsschraube mit exakt der richtigen Geschwindigkeit und dem richtigen Druck, und erinnert in seiner Verbindung von Banalität und Boshaftigkeit an die besseren Friedkin-Grusler (Exorzist, The Nanny).“

Letzterer sollte wohl „The Guardian“ heißen… oder auch nicht, vielleicht lief er ja auf irgndeinem obskuren Festival unter dem anderen Titel.

OnkelFilmi

Da hat der Wortvogel halt den deutschen Titel „rückübersetzt“. Der war nämlich „Das Kindermädchen“.

Peroy
Peroy

Ja, ich weiß… *tapestreichel*

Montana
Montana

„es ist nämlich am Anfang gar nicht so klar, dass Emily sich ein böses Kuckuckskind ins Haus holt.“

Hm, wenn ein Kind Lillith heißt, ruft man besser gleich den Exorzisten.

Dietmar
Dietmar

Es sei denn, man ist in religiösen Legenden nicht so bewandert. 😉

Tornhill
Tornhill

„Frauengrusler“ sind allgemein nicht so meine Sache und Gruselfilme allgemein so subjektiv, dass sie zu empfehlen oft wenig bringt…Wenn aber sowohl der anfangs ähnlich skeptische Dr. Acula und du ihn so lobt, will ich es mal wagen und optimistisch sein.

Alverts ist mir (der ich den schicken “Antikörper” als einer der wenigen zu schätzen weiß) natürlich sympathisch, so dass ich schon ihm gern noch eine Chance gebe und dass ich auch die Zellweger (leiden) mag, wird wohl niemanden überraschen.

Peroy
Peroy

Das war absolut nichts Besonderes. Die ersten zwanzig Minuten sind stark und finden ihren Höhepunkt mit dem Kind im Ofen (das geht an die Nieren), dann geht es steil bergab, sobald der Streifen in den „Horrorfilm as usual“-Modus schaltet. Da gibt’s dann viel verschenktes Potential, wenn die Zellweger scriptbedingt mehrere Stadien des Zweifels überspringen muss, was die Dämonenhaftigkeit des Görs angeht, aus denen sich in einem besseren Film sicherlich die spannung gespeist hätte. Stattdessen spulen sich zwei, drei „Omen“-eske „Selbstmorde“ eher beiläufig ab, von der Hauptdarstellerin ist außer Hysterie und Gekreische in der letzten halben Stunde nicht viel zu erwarten und die popeligen CGIs gehen gar nicht. Für den Schluss fällt dem Streifen auch wenig Neues ein und irgendwie ist mir ziemlich klar, warum zwei Jahre lang niemand den Film in den USA releasen wollte…

Die Ferland ist übrigens eher nervig als gruselig. Wer eine richtig fiese Zwölfjährige sehen will, vor der Mann tatsächlich Angst haben kann, muss weiterhin „Orphan“ gucken…

Hat mir nicht gefallen…

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