I remember way back then
When everything was true and when
We would have such a very good time
Such a fine time, such a happy time
And I remember how we’d play, simply waste the day away

Our house, was our castle and our keep
Our house, in the middle of our street
Our house, that was where we used to sleep
Our house, in the middle of our street

(Madness, „Our House“)

Meine Kindheit, meine Jugend – ich maße mir nicht an, sie zu dramatisieren. Klar, vieles lief nicht so, wie es im Handbuch steht, aber bei wem tut es das schon? Die Tatsache, dass die Ehe meiner Eltern scheiterte, dass mein Vater trank, entspricht den Klischees der 70er so sehr, dass man es fast schon zum Normalfall erklären möchte. Ich war ein begeistertes, aber auch unsicheres Kind, stark mitteilungsbedürftig in der ständigen Angst, nicht wahrgenommen zu werden.

Aber es gab ja Oma:

oma

Oma war geradezu unglaubwürdig perfekt. So eine findet man gewöhnlich nur in Kinderbüchern aus den 50ern. Eine herzensgute Frau, hart arbeitend, nie an sich selbst denkend, und eine Wärme ausstrahlend, dass man daran den Winter überstehen konnte. Gehärtet durch Krieg und zwei missglückte Ehen, war sie ein weicher, wunderbarer Fels, so krumm dieses Bild auch scheinen mag. Ich glaube nicht, einen Menschen je bedingungsloser geliebt zu haben.

Aber dies hier ist nicht die Geschichte meiner Oma – es ist die Geschichte ihres Hauses in Bramel bei Schiffdorf, in der Kirchenstraße. Das Haus, das ich letzten Samstag noch einmal besucht habe.

Oma hatte das Haus Anfang der 70er gekauft, weil sie aufs Land wollte. Als Postbeamtin konnte sie sich von Düsseldorf nach Bremerhaven versetzen lassen, und es drängte sie, sich ein kleines Reich zu schaffen für die Zeit nach der Pensionierung.

Das Haus war heruntergekommen, die Scheune teilweise eingestürzt, das Reetdach in schlechtem Zustand. Eine Sickergrube gab es nicht, für das „Geschäft“ musste man auf ein Plumpsklo im Anbau. Gott, wie habe ich das gehasst! Alle Verwandten (und ihr nichtsnutziger Ehemann) redeten auf Oma ein: Reiß‘ die Bruchbude ab! Stell dir ein neues Häuschen da hin! Mit allem Komfort!

Aber Oma wollte nicht – vielleicht, weil das Haus nicht viel älter war als sie selbst. Oder weil sie nicht das sah, was da war, sondern das, was da sein konnte. Sie setzte sich durch.

Fortan hatte die Familie einen Ort, an dem sie preiswert Urlaub machen konnte – 400 Kilometer von Düsseldorf entfernt, und 40 Kilometer von Cuxhaven an der Nordseeküste. Was habe ich diese Ferien geliebt:

lux

Genau, das bin ich auf dem Bild – an meiner Seite der treue Schäferhund Lux, und im Hintergrund meine Mutter, und Opa Mangliers. Wann war das? 1972, 1973?

Eine richtige Toilette wurde eingebaut, die Fenster wurden erneuert, und die bei einem Sturm endgültig zusammen gebrochene Scheune wurde durch einen Backstein-Anbau ersetzt. Omas Ford Fiesta bekam eine Garage aus Wellblech, und Oma eine kleine Enten-Zucht. Nach ein paar Jahren tummelten sich Kaninchen, Enten, Katzen, und Hunde auf dem Grundstück. Der Himmel – das waren für mich die Ferien in Bramel, mit der unglaublichen Bettwäsche aus schnuffig weichen Daunen (Eigenproduktion). Ich war der Hauptdarsteller in meinem eigenen Astrid Lindgren-Roman.

Später wurde das Haus auch neu verputzt, und bekam einen weißen Anstrich. Das Bad wurde erneuert, dann die Küche. Ein offener Kamin kam ins Wohnzimmer. Trotzdem blieben einige wichtige Arbeiten unerledigt, denn das Geld war immer knapp. So war der Dachboden schon aus Sicherheitsgründen absolut tabu für uns, an einen Ausbau war nicht zu denken.

Der alte Mangliers verstarb irgendwann, Omas Rente rückte näher, und sie freute sich darauf, endlich ihren Lebensabend zu genießen. Es ist eine dieser bitteren Pointen des Lebens, dass sie ein halbes Jahr vor der Pensionierung an Unterleibskrebs erkrankte, und bald darauf starb.

Mein Vater erbte das Haus, doch er wusste nichts recht damit anzufangen. Es wurde vermietet. Zwei Jahre später bekam mein Vater Lungenkrebs, und drei Monate später folgte er seiner Mutter auf den Friedhof in Düsseldorf. Er hinterließ uns wenig gute Erinnerungen, einen Haufen Schulden – und den Bauernhof in Bramel.

papa

Mein Bruder und ich hätten das Haus verkaufen sollen. Wir taten es nicht. Zwei, drei Jahre später zahlte ich ihn aus, als er das Geld für seine Ausbildung brauchen konnte.

Es war ein Fehler, das weiß ich heute. Mit dem Tod meiner Großmutter hatte der Hof jeden emotionalen Wert verloren, und meine Kindheit war lange vorbei. Was erhoffte ich mir davon? Eines Tages dort zu leben? Warum? War es ein Schuldgefühl, das Lebenswerk meiner Großmutter nicht einfach zu verhökern? Falscher Stolz? Ich habe keine Antwort auf diese Fragen. Aber der Besitz des Hauses brachte mir nur Ärger – die Bausubstanz war nicht in sehr gutem Zustand, Mieter waren schwer zu finden, Investitionen praktisch nicht zu amortisieren. Für den Bauernhof samt Garage, 700 Quadratmeter Garten, und Anbau bekam ich gerade mal 300 Mark Monatsmiete.

Ich schleppte das Haus mit, und es wurde zunehmend ein Klotz am Bein. Den Traum, dort als erfolgreicher Schriftsteller zu leben, begrub ich Mitte der 90er. Dann, 2001, entdeckte ich in München ein Haus, das mir gefiel. Zur Finanzierung war es nötig, das Domizil in Bramel zu verkaufen. Es passte mir gut, weil ich gerade wieder mal Stress mit einem Mieter hatte. Über einen Makler fand ich ein Ehepaar mit drei Kindern, die für das Haus einen Preis zahlen wollten, der gerade sämtliche Investitionen deckte, und mir einen würdigen Ausstieg erlaubte.

Das Haus sah damals so aus:

haus

Ich hakte diesen Teil meiner Vergangenheit ab. Acht Jahre lang.

Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, letzten Samstag nicht direkt von Düsseldorf nach Berlin zu fahren, sondern die Route über Bremerhaven zu nehmen. Vielleicht trieb mich eine Vielzahl von Problemen der letzten Monate dazu, Zuflucht in der Nostalgie zu suchen, in den Erinnerungen an eine zumindest an diesem Ort unbeschwerte Kindheit.

Bramel ist in den letzten Jahren sichtbar restauriert worden – hässliche Holperwege wurden mit Kopfsteinpflaster ausgelegt, die notdürftige Beleuchtung ist schmiedeeisernen Laternen im alten Stil gewichen. Das Dorf hat sich rausgeputzt, und ich freute mich darüber, als ich in den Ort einfuhr:

strasse

Vielleicht habe ich diesen Artikel deshalb so ausführlich und persönlich geschrieben, damit ihr nachvollziehen könnt, wie ich mich fühlte, als ich dann unser altes Haus sah:

front

Es ist heruntergekommen, fast eine Ruine. Schlimmer noch: Es ist der Schandfleck des Dorfes. Es ist unbewohnt, einige Fenster sind kaputt, die Pflanzen wurden augenscheinlich seit Jahren nicht mehr geschnitten. Der Zugang zur alten Garage ist zugewachsen, irgend jemand hat ein Loch in die Seitenwand geschnitten:

garten

Um das schöne Reetdach hat sich niemand mehr gekümmert, der Hauseingang ist völlig verfallen:

tur

Auch die zum Garten gerichtete Seite sieht schlimm aus:

dach

Ich bin froh, dass meine Oma und mein Vater das nicht sehen müssen. Die Abrissbirne scheint hier ein Gnadenakt zu sein, ein schmerzhafter wie notwendiger Schlussstrich. Omas Haus hat es nicht verdient, das „hässliche Entlein“ des Dorfes zu sein.

Mein erster Instinkt war: zurückkaufen, sofort! Sanieren, bis ich bankrott gehe. Nicht hinnehmen, was schon geschehen ist. Aber es war der selbe Instinkt, der mich schon 1990 den Fehler hatte machen lassen, das Haus an mich zu binden. Was soll ich denn heute damit? Die Frage danach ist immer noch nicht beantwortet.

Nach einer Viertelstunde hatte ich mich gerade genug gefangen, um mit einer Nachbarin zu sprechen, die im Garten des Nebenhauses stand. Sie erzählte mir, dass das Ehepaar, das mein Haus damals gekauft hatte, sich bald hatte scheiden lassen, und keiner von beiden das Haus übernehmen wollte. Es hatte dann wohl mehrfach den Besitzer gewechselt, war lieblos hingenommen worden.

Doch es gibt einen Lichtblick: Der Hof scheint nun einem Paar zu gehören, das auch einziehen will, wenn es sein anderes Haus verkauft hat. Anscheinend ist endlich jemand bereit, zu investieren, zu sanieren – an das Haus zu glauben. Durch die Fenster ist zu sehen, dass praktisch alle Innenwände abgerissen wurden, und der Boden freiliegt. Auch der Kamin ist fort:

innen3

Ich weiß nicht, ob das Haus jemals wieder richtig in Schuss sein wird, und Heim für eine Familie. Ich kann den neuen Besitzern aber versichern, dass es die Mühe lohnt.

Es ist ein Haus, in dem man sehr glücklich sein kann.



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