06
Mai 2009

"Eine für alle" – aber nicht für jeden

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

einealle

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser noch an diesen Beitrag, in dem ich es ziemlich interessant fand, dass der Programmdirektor der ARD die Chancen der neuen Vorabend-Soap mit dem Satz bewertet: "Wenn sie gut gemacht ist, wird sie auch Erfolg haben". Das klang so gar nicht nach Zuversicht – eher nach strenger Aufforderung an die Produktionsfirma.

Vier Monate lang versicherte Herres, die Serie  sei tatsächlich gut gemacht, und dazu noch, logo, eine ganz neue Programmfarbe. Aus "Made in Germany" wurde derweil "Eine für alle", und aus "Billie" wurde "Lilli".

Am 20. April ging "Eine für alle" unter großem Werbegetrommel auf Sendung – und prompt baden. Quoten unter 5 Prozent in der gesamten und der relevanten Zielgruppe, ohne jeglichen Aufwärtstrend. Das tut weh.

Zeit für die branchenüblichen Durchhalteparolen: "Wir sollten da ganz gelassen rangehen und einen langen Atem beweisen", so Herres vor einer Woche bei DWDL. Branchen-Insider stellten schon mal die Eieruhr.

Der lange Atem hat sieben Tage gehalten – "werben & verkaufen" vermeldet laut Quotenmeter, dass nun "zügig nachjustiert" wird (der Trend-Euphemismus "Format optimieren" hat den Sprung vom Privatfernsehen ins Öffentlich-Rechtliche anscheinend noch nicht geschafft).

"Nachjustiert" kommt im diesem Fall augenscheinlich einer Runderneuerung gleich: neuer Produzent, neuer Produktionsstab, und an der Geschichte und den Figuren wird auch kräftig geschraubt: "Ich denke, wir müssen die emotionale Wucht des Plots noch stärker und stimmiger herausarbeiten."

Ein altes Lied: Geduld predigen, aber hinter den Kulissen panisch alles umschmeißen. Das kommt mir sehr bekannt vor – und sehr hoffnungslos.

200 Folgen habe die ARD geordert, wurde in den letzten Wochen fleißig kommuniziert. Aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der Sender bei einer gewissen Quoten-Untergrenze keine Ausstiegsklausel hätte (gewöhnlich nach 60 oder 80 Folgen). Hat er die nicht, sollten schon allein deshalb Köpfe rollen. Vielleicht kommt die von Herres angedeutete Rückkehr der US-Serien ins ARD-Programm schneller als erwartet.

Der Sendeplatz von "Eine für alle" ist seit Jahren ein Friedhof, und selbst Experten kratzen sich mittlerweile am Kopf, wie das Problem behoben werden kann. Es wurde ja nun wirklich alles probiert: Quiz, Comedy, Show, Soap. Das Testbild wäre wohl die preiswerteste Alternative – und würde momentan vermutlich auch nicht weniger Quote bringen.

Ich freue mich nicht über den Flop – wenn "Eine für alle" eingestellt wird, fallen wieder fünf  Sendeplätze pro Woche für eigenproduzierte Fiction weg. Als Autor sehe ich das mit zunehmender Frustration. Über die Qualitäten der Serie kann ich nichts sagen, ich habe sie mir nicht angesehen. Vielleicht sagt das aber schon was.

Mein Interesse an der Serie hatte dereinst mit einer wenig verklausulierten "Drohung" des Programmdirektors begonnen – und so ist es nur passend, dass es auch mit einer endet. Herres zum Umbau: "Man kann davon ausgehen, dass sich das Redaktions- und Produktionsteam voll ins Zeug legen."

Man kann das "sonst…" fast hören.

tick… tack… tick… tack…



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Dr. Acula
6. Mai, 2009 21:35

Ich glaube, bei diesem Flop spielen einige Faktoren zusammen…
erst mal will NOCH eine Soap wohl kaum jemand sehen – die wenigsten Neustarts auf dem Soap/Telenovela-Gebiet waren wirklich erfolgreich, auch die etablierten kämpfen mit Zuschauerschwund (siehe Marienhof).
Dazu noch die Thematik (wer, bitte schön, will in Zeiten der realen Wirtschaftskrise gerade in einem eskapistischen Medium wie der Soap eine fiktive Wirtschaftskrise sehen?) und der eh schon vorbelastete Sendeplatz, bei dem sich der clevere Zuschauer sagt, "was da läuft, läuft eh nicht lange"… fertig ist das Desaster…

Wortvogel
Wortvogel
6. Mai, 2009 21:39

@ Doc: Über die Gründe habe ich mich ja gar nicht ausgelassen – ich will das nicht blind bewerten, ohne die Serie gesehen zu haben.

Dem Argument der Wirtschaftskrise könnte man entgegen halten, dass EfA ja genau das Gegenteil versucht: zu zeigen, dass man auch in schweren Zeiten mit harter Arbeit positiv leben kann. Purer Eskapismus…

Lari
Lari
6. Mai, 2009 22:30

“Ich denke, wir müssen die emotionale Wucht des Plots noch stärker und stimmiger herausarbeiten.”

– Das ist der größte Lacher an der Nummer. Bei dieser Phrasendrescherei fiel mir wieder die Redaktionskonferenzszene aus der Simpsons-Poochie-Folge ein (eben gegoogelt, dürfte aber stimmen):

Lady: We at the network want a dog with attitude. He’s edgy, he’s "in your face." You’ve heard the expression "let’s get busy"? Well, this is a dog who gets "biz-zay!" Consistently and thoroughly.

Krusty: So he’s proactive, huh?

Lady: Oh, God, yes. We’re talking about a totally outrageous paradigm.

Meyer: Excuse me, but "proactive" and "paradigm"? Aren’t these just buzzwords that dumb people use to sound important? Not that I’m accusing you of anything like that. [pause] I’m fired, aren’t I?

Myers: Oh, yes.

Dieter
Dieter
6. Mai, 2009 23:13

Vielleicht muss man sich einfach damit zufrieden geben, dass Soaps nicht mehr Marktanteile schaffen; aus wahrscheinlich verschiedenen Gründen?

Baumi
6. Mai, 2009 23:55

@Dieter: Das ist aus der Zuschauer-Perspektive vielleicht so, aber als Verantwortlicher bei Sender oder Produktion interessiert Dich schon, woran es liegt – und sei es nur, um danach etwas dahin zu setzen, was den Leuten eher liegt. Und Soaps können sehr wohl höehere Quoten holen,w ie z.B. die regelmäßig über 20% beweisen, dei GZSZ noch immer holt.

Meine ganz privaten Eindrücke zur EfA-Problematik: Ein Stolperstein könnte sein, dass die Serie nicht die richtigen Identifikationsfiguren bietet. Für Teenie-Zuschauer sind die Protagonistinnen allesamt zu alt, und zumindest in meinem Umfeld gucken die meisten älteren Soap-Guckerinnen bei derartigem Eskapismus lieber Figuren zu, die jünger sind als sie selber, um sich selbst noch einmal wieder jung zu fühlen.

Daneben fehlte mir aber auch in der ersten Folge (mehr hab' ich nicht gesehen) eine starke Geschichte, die mich rein gezogen hat: Haufenweise öde Kleinkonflikte zwischen Figuren, die mir vorher nicht näher gebracht wurden. Da hätte sofort eine starke Liebesgeschichte gestartet werden müssen, die die Zuschauer mitreißt. Statt dessen ist die zentrale Figur glücklich verheiratetet Mutter und damit für Soap-Maßstäbe langweilig.

Klar, es passieren vielleicht interessante Dinge auf der wirtschaftlichen Ebene, aber ein ganzer emotionaler Kosmos – sich verlieben, vielleicht in den Falschen, etc. – ist damit erst einmal ausgeklammert.

Dieter
Dieter
7. Mai, 2009 00:52

,,Und Soaps können sehr wohl höehere Quoten holen,w ie z.B. die regelmäßig über 20% beweisen, dei GZSZ noch immer holt."

Siehste mal: Das wusste ich nicht.

Ja, dann haben die wohl echt ein Problem …

Ben
Ben
7. Mai, 2009 08:42

Alleine die versenkten fünf Millionen Euro für die Werbekampagne sollte man Herres persönlich in Rechnung stellen.

Tja, "weil’s einfach Pflicht ist".

Marko
7. Mai, 2009 09:50

Ich weiß, es ist momentan verdammt unpopulär, Sachen zu verurteilen, die man noch nicht konsumiert hat, aber das Foto da oben macht es mir verdammt schwer, es nicht zu tun.

Und den Titel "Eine für alle" würde ich mir allenfalls in der 18er-Abteilung der Videothek vielleicht mal näher ansehen. 😀 (Aber auch dann bitte mit anderem Foto …)

Gruß,
Marko

GrinsiKleinPo
GrinsiKleinPo
7. Mai, 2009 14:14

@Marko:
Wie wahr. Wie wahr.

Peroy
Peroy
7. Mai, 2009 14:26

"Eine für alle und alle auf eine"… 8)

Sirk
Sirk
7. Mai, 2009 15:02

Ich denke, dass sich Produktion und Auftraggeber bereits mit der Gesamtkonstruktion ins Knie geschossen haben… auch wenn man das böse Wort "Soap" im Vorfeld verkrampft vermieden hat: es handelt sich nun einmal um eine solche. In diesem Format auf einen Grundkonflikt wirtschaftlicher Natur zu bauen, ist ungefähr genauso schlüssig wie eine Actionserie in der städtischen Friedhofsverwaltung anzusiedeln. So lobenswert ich den Ansatz finde, Wirtschaftsthemen stärker an die Menschen heran zu führen, so wenig ist er in diesem Format angebracht. Die Soap ist ein jugend- und frauenaffines Format, und wenn man diesem Publikum nicht das gibt, was es erwartet… dann schaltet es kein zweites mal ein! Außerdem lassen sich wirtschaftliche Zusammenhänge in einer Soap nur sehr schwer vermitteln, ohne dass der Zuschauer nach ca. 30 Sekunden genervt umschaltet. Ich sprech da aus Erfahrung (nicht als einer, der genervt umgeschaltet hat, sondern als einer, der soetwas mal schreiben musste…)

Thomas
Thomas
10. Mai, 2009 12:35

Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich Katharina Schubert noch nie leiden konnte und schon deshalb nicht einschalten würde sehe ich auch mehrere Gründe für das Scheitern verantwortlich:
Erstens sind die täglichen Serien quantitativ mittlerweile bis an die Schmerzgrenze ausgedehnt worden, was wohl auch auf andere Formate wie Alles was zählt oder Marienhof mittlerweile negativ Auswirkungen hat, da eben auch nur eine bestimmte Anzahl an Zuschauern solche Formate konsumieren möchte und die Zeit hat, dies auch vom Nachmittag bis in den Abend zu tun.
Und über den Sendeplatz müssen wir wohl auch kein Wort mehr verlieren.
Das man als Autor über den schon jahrelang anhaltenden Misserfolg deutscher fiktionaler Eigenproduktionen frustriert ist versteht sich von selbst, mir geht es als Zuschauer der Soaps nicht mag und US-Serien auch nur bedingt ja auch nicht anders, aber die Chance, dass sich da in den nächsten Jahren etwas zum Besseren wendet habe ich mittlerweile auch aufgegeben, da in den entsprechenden Redaktionen von RTL und Sat1. nur Leute sitzen die von ihrem Job keine Ahnung haben, was zur die Öffentlich-Rechtlichen auch zutrifft, aber da ist der Zuschauer bekanntermaßen nicht wählerisch.
Und wenn die fünf Sendeplätze (eigentlich sind es ja nur vier, weil das Großstadrevier demnächst ja wieder seinen angestammten Sendeplatz am Montag einnimmt) wegfallen, so waren diese ja zumindest zwischenzeitlich von anderen Formaten wie Kollege Bruce Darnell okkupiert oder der Bräuteschule.

Wortvogel
Wortvogel
10. Mai, 2009 13:15

@ Thomas: Eine Soap mit KARIN Schubert, das hätte was werden können 😉

Thomas
Thomas
10. Mai, 2009 15:15

@Wortvogel: Die ist aber mittlerweile 65 Jahre alt, und im Vorabendprogramm dann im Vorabendprogramm eines öffentlich-rechtlichen Senders…