Sieg und Niederlage sind oft nur einen Telefonanruf voneinander getrennt. Wie mein erstes Sachbuch zwar geschrieben, aber nie veröffentlicht wurde, habt ihr ja bereits gelesen.

Es ist fast schon Karma, dass es mir mit meinem ersten Roman nicht viel anders gegangen ist. In der Zwischenzeit hatte ich mich zwar im Sachbuch-Bereich dank der „Science Fiction TV-Guides“ ganz gut etabliert, und auch diverse Genre-Bücher für den deutschen Markt übersetzt, aber Prosa ist halt doch eine ganz andere Herausforderung.

Eigentlich war ich nie nie nennenswert scharf drauf, Romane zu schreiben. Das ist eine elende Arbeit, und ich komme ja auch mehr aus der journalistischen Ecke. Mir gefällt es, ein Sachbuch aus vielen Einzelteilen und tonnenweise Recherche zusammen zu bauen. Die durchlaufende Narrative eines Romans erschien mir immer ermüdend.

utopicsAber die Jungfrau kam zum Kind, und der Wortvogel zum Erstling, und das trug sich folgendermaßen zu: Um die Jahrtausend-Wende gab es den ersten großen Internet-Boom, der praktischerweise zusammenfiel mit dem Boom der Privatsender, und einem neuen Boom auf dem Comic-Markt (Mangas sei Dank). Es war viel Geld im Spiel, und neue Verlage und Sender schossen wie Pilze aus dem Boden. Ich profitierte als Übersetzer und Texter ganz gut davon – für die vgs hatte ich z.B. ein eigenes Katalogmagazin namens „u-topics“ entwickelt, das ausschließlich die Genre-Veröffentlichungen des Verlages präsentierte, kombiniert mit redaktionellen Beiträgen.

Auch mein Koautor Marc machte gutes Geld, hauptsächlich als Übersetzer von großen Comic-Titeln. Er arbeitete u.a. für Carlsen, Dino und Panini. Bei Dino entschied man sich in dieser Zeit, es auch mal mit einem traditionellen Buchprogramm für die jüngere Zielgruppe zu versuchen. Flugs wurde in München ein Büro eröffnet, und eines der Zauberwörter war „Mystery“.  Es war schließlich die Hoch-Zeit von „Akte X“, „Buffy“, „Charmed“, und so weiter.

Es traf sich eher zufällig, dass ich Marc zu einem informellen Meeting bei Dino begleitete. Statt schweigend meinen Kaffee zur schlürfen, mischte ich mich natürlich immer wieder in die Diskussion über das Verlagsprogramm ein, und irgendwann meinte die Redakteurin, man wolle jetzt auch verstärkt in den Mystery-Bereich investieren. Ich schwadronierte, dass es nicht sooo schwer sei, da was auf die Beine zu stellen – die Parameter des Genres sind ja relativ klar gesetzt. Das brachte mir die Frage ein: „Ja, meinst du denn, du könntest da einen Roman schreiben?“.

Merke: Wenn man gerade das Maul aufgerissen hat, dass Mystery einfach zu schreiben sei, dann sollte man nicht im nächsten Satz kleinlaut eingestehen, dass man es selber allerdings nicht machen könne. Also verkündete ich: „Klar, kann ich“. Die Redakteurin drückte mir begeistert den ersten Band einer neuen Mystery-Reihe in die Hand, die man gerade gestartet hatte. Ich wurde auf der Stelle verpflichtet, den dritten Band zu schreiben.

Ich habe keine Ahnung, wieso das immer mir passiert.

Nun gibt es Schlimmeres, als aus einem eher zufälligen Verlagsmeeting mit einem Buchvertrag rauszugehen. Außerdem hatte man mir große Freiheiten bei der Story eingeräumt, und 200 Manuskriptseiten sind nicht wirklich viel. Ein stemmbarer Auftrag – und ideal, um meine Fähigkeiten als Romanautor anzutesten.

briefeZu Hause las ich mir erstmal den ersten Band der Reihe durch: „Briefe des Bösen“ von Wolfgang van Deuverden. Ich war schockiert: Die Story ergab überhaupt keinen Sinn, die Figuren waren durch die Bank unsympathisch, es gab total unpassende Sexszenen und Gossensprache, und das Mysterium der von einem Hypnotiseur ausgelösten Selbstmorde wurde am Ende nicht aufgelöst. Das Buch hatte nicht einmal das Niveau der Groschenromane, die ich als Teenager gelesen hatte, und war von einer sprachlichen Unbeholfenheit, die jeder Beschreibung spottet.

Verunsichert rief ich die Redakteurin an: „Sag mal – das ist aber für mich keine stilistische Vorgabe, oder?“. Sie versicherte mir, dass der erste Roman in der Tat ziemlich übel sei, und man natürlich von mir bessere Qualität erwarte. Das beruhigte mich: ich war nicht sicher, so krude daher schreiben zu können, wie es der Autor von „Briefe des Bösen“ getan hatte. Und wer mir nicht glaubt, kann sich gerne selbst überzeugen – das Buch gibt es für weniger als 50 Cent bei Amazon.

Während der Boom-Zeiten muss immer alles schnellschnell gehen, und darum setzte ich mich sofort daran, drei verschiedene Szenarien für den Verlag auszuarbeiten. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, aber da war was mit einem UFO, dann eine ziemlich knallharte Hexenstory, und ein Science Thriller über verschwundene Obdachlose und Junkies, die für Klonexperimente missbraucht werden.

Dino entschied sich für den dritten Vorschlag, und wollte auch möglichst fix den Roman dazu haben. Im Zweifelsfall schreibt sich am schnellsten, was man kennt, also plünderte ich für den Thriller meine Vergangenheit als Zivi, und siedelte die Geschichte auch rund um den Düsseldorfer Hauptbahnhof an, wo ich mich auskannte. Titel: „Die Armee der Vergessenen“.

Ich gebe offen zu, dass ich damals viel zu wenig Erfahrung hatte, und mir grundlegende dramaturgische Kenntnisse abgingen. Fast alles lief in Echtzeit ab, ich vergaß das notwendige Mindestmaß an Subplots, und die Erzählperspektive war auch nicht gut definiert. Wenigstens gönnte ich mir diverse Insider-Gags: praktisch alle Figuren waren nach Düsseldorfer Altbier-Sorten benannt, nur der Kommissar aus dem hohen Norden hieß Holsten.

Wenn ich heute in den Text reinlese, treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht (alte Rechtschreibung voraus!):

——————

“Hast du Zeit?” wurde Michael von hinten angesprochen. Er drehte sich um und sah einen kleinwüchsigen Mann, Typ Frührentner, der sich nervös umsah.
Michael mußte sich das Lachen verkneifen. Gut, er sah für seine 33 Jahre noch ziemlich jung aus, und seine lässige, halblange Lederjacke und die Doc Martens-Schuhe verstärkten den Eindruck. Aber so platt war er lange nicht mehr angemacht worden, nicht einmal hier am Hauptbahnhof. Er schüttelte den Kopf. “Falsche Adresse, Mann. Schieb‘ ab.”
Der Typ verkrümelte sich, und Michael verließ das Gebäude durch den Haupteingang. Als er an einer aluminiumverkleideten Säule vorbeikam, sah er sich seine Reflektion genauer an. Das mittellange braune Haar, die blauen Augen, das weiche Gesicht – er sah nicht schlecht aus, aber woraus schlossen solche Männer immer, daß er käuflich sei? Wie konnte man so etwas überhaupt abschätzen?
“Habt ihr Richie gesehen?” fragte Michael ziellos in die Runde aus Strichern und Alkoholikern, die in loser Aufstellung auf dem Vorplatz des Düsseldorfer Hauptbahnhofs herumlungerten. Allgemeines Kopfschütteln, benebeltes Gebrabbel.
Michael seufzte. Das lief ja großartig. Richie war mal wieder nicht aufzufinden. Also war er entweder unterwegs, um sich einen Schuß zu setzen, oder er war bei einem Freier, der ihm für ein paar Stunden Unterschlupf bot.
Er sah sich hilflos um. Wie immer um die Mittagszeit war viel los. Menschen hasteten von den Zügen zu den Taxiständen, von den U-Bahnen zu den Bussen. Hektische Betriebsamkeit, auch bei denen, die sich eine Minute Zeit nahmen, um an den Freßständen einen Snack runterzuschlingen. Auf eine perverse Art und Weise waren die Junkies und Penner eine Insel der Ruhe.
“Na gut, wenn er kommt, dann sagt ihm, daß ich hier war. Und wenn er nicht am Mittwoch in der Sprechstunde erscheint, kann er sich meine Unterstützung für das Methadon-Programm in die Haare schmieren.”
Julia kam auf ihn zu und griff ihn am Arm. Dann zog sie ihn ein wenig von der Gruppe weg. Ihre Stimme war klar und fest, ihr Blick wach. Ein gutes Zeichen. Julia war erst vor kurzem von zuhause abgehauen und am Bahnof gelandet. Soweit Michael das beurteilen konnte, hatte sie mit Drogen und dem Straßenstrich nichts am Hut. Noch nicht. Er konnte ihre Sorge sehen, als sie ihm zuflüsterte: “Richie ist schon seit drei Tagen weg. Ich mache mir echt Sorgen um ihn.”
“Wo könnte er hin sein?”
“Keine Ahnung. Aber ich dachte, du könntest mal bei den Bullen nachfragen.”
Michael atmete tief durch. Wenn Richie sich den Goldenen Schuß gesetzt hätte, wäre die Akte schon auf seinem Schreibtisch gelandet, inklusive der üblichen Fotos: die nackten Kacheln irgendeiner Klotür, ein verrenkter Körper, ein Gummischlauch, eine Spritze. Aber er hatte nichts dergleichen gehört. Und im Knast saß Richie auch nicht. Für mehr als kleinere Diebstähle taugte dieses H-Wrack sowieso nicht.
“Hör zu, Julia: Ich checke das bei den Behörden mal ab, und ich frage auch mal in Köln nach, ob er jetzt vielleicht dort rumhängt. Aber dafür mußt du auch was für mich tun.”
Das Mädchen mit den strähnigen rotblonden Haaren und den unglaublichen Plateau-Turnschuhen legte den Kopf  schräg: “Was denn?”
“Ich will, daß du morgen mal im Jugendcafé vorbeigehst und mit Klaus sprichst.”
“Ach scheiße, Meisner, nicht schon wieder die Sozial-Tour.”
“Sag‘ mir, daß du hingehst.”
“Was soll das denn bringen?”
“Klaus braucht eine Aushilfe, und vielleicht ist damit uns beiden geholfen.”
Sie sah ihn einen Moment lang nachdenklich an. Dann nickte sie: “Okay.”
Michael legte ihr die Hand auf die Schulter. Dann drehte er sich um und verließ den Tummelplatz gescheiterter und “noch-nicht-aber-bald”-gescheiterter Existenzen. Julia würde nicht zu Klaus gehen. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Sie würde auch morgen wieder hier hocken, Bier aus der Dose trinken, und sich ein Stückchen dem Sog der Straße ergeben.
Aber Michael würde sich nach Richie erkundigen. Nur weil alle anderen sich einen Scheißdreck kümmerten, mußte er es ihnen ja nicht nachmachen.
——————

197 Seiten Sozialarbeiter-Romantik, Junkie-Melodram, und Mad Scientists. So eine Mischung muss man sich erstmal trauen…

Aber beim Verlag kam das Manuskript sehr gut an, zumal es doch ein wenig stimmiger und flüssiger zu lesen war als „Briefe des Bösen“. Ich konnte also vergleichsweise beruhigt die Rechnung stellen.

Und dann – platzte die Blase. In wenigen Monaten brach die New Economy ein, das Risikokapital weg, und die Beteiligten merkten, dass sie in großem Stil auf Sand gebaut hatten. Plötzlich zählten bei den Buchverkäufen wieder nackte Verkaufszahlen, und nicht die teuren Hochglanzprospekte. Leider sah es da gar nicht gut aus: „Briefe des Bösen“ hatte sich schon schlecht verkauft, der Nachfolger dann noch schlechter, und es machte schlicht und ergreifend keinen Sinn mehr, meinen Roman noch mit hohen Verlusten in den Markt zu drücken.

Ein paar Monate später wurde die Dino-Dependance in München geschlossen, und das Buchprogramm komplett ad acta gelegt.

Letzten Endes ist es egal, ob die schlechte Qualität der ersten beiden Bände die potentiellen Käufer verschreckt hat, oder ob diese Mystery-Reihe von Anfang an keine Chance gehabt hatte. Das Ergebnis blieb gleich. Mein Roman wurde bezahlt, aber nie gedruckt.

Kurioserweise ist das Buch noch bei Amazon gelistet, fälschlicherweise aber mit van Deuwerden als Autor. Egal.

Man sieht das als Autor natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Ich habe mich damals furchtbar geärgert, und war immens frustriert. Man investiert ja doch Zeit und Herzblut in so ein Projekt. Aber die folgenden Jahre gaben mir genug andere Gelegenheiten, mich als Autor zu beweisen, und als ich vor ein paar Jahren das Manuskript wieder in die Hände bekam, war ich froh, dass kaum jemand außer mir es je gelesen hat. Es entspricht so gar nicht meinen eigenen Ansprüchen.

Wirklich schlimm wäre es nur gewesen, wenn „Die Armee der Vergessenen“ mein einziger Ausflug in die Prosa gewesen wäre. Die große verpasste Chance.

Aus nostalgischen Gründen habe ich das Manuskript mal ausgedruckt, und als Hardcover binden lassen (wie alle meine verfilmten Drehbücher). Jetzt gibt es das Buch wenigstens. Auflage: 1.



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PeroyTornhillnamelessWortvogelkonsumdichter Recent comment authors
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Paddy-o
Paddy-o

Spannend! 🙂
Schließe mich den Leuten in Teil1 an:
Derartige Anekdoten sind echt interessant!

Bin ehrlich gesagt etwas überrascht, dass das Düsseldorfer Setting in irgendeiner From als ’sexy‘ galt. Und das als Lokal-Patriot! 😉

Hätte mir gedacht, der Verlag würde eher einen ausländischen (z.B. USA-?) Bezug fordern.
Oder war das bei den ersten beiden Teilen schon so?

Julian

Oh Gott, ich werde wohl nie ein Buch schreiben. Wie demotivierend! Dass Du durchgehalten hast, Respekt!

Peroy
Peroy

„Siehe auch die ProSieben Mystery-Filme (heute wurde nach “Gonger” ja wieder einer angekündigt). Deutsch muss es sein. Finde ich auch richtig so.“

Dito.

Paddy-o
Paddy-o

@Wortvogel:
Hmm ich mein nur, da ich persönlich „Mystery“ und „Roman“ nicht direkt mit einer deutschen Stadt verbinden würde. 😉
Ein ‚Lokal-Roman‘ hätte in meinen Augen durch die Location schon ein Alleinstellungsmerkmal und würde in ner besonderen Reihe erscheinen….

Habe aber weder Erfahrung mit ‚derartiger‘ Lektüre, noch deinen Überblick, was die Standards/Verbreitung angeht.

Hatte mich halt auch gefragt, wie es zur deiner Entscheidung kam.

PhilipS
PhilipS

Also alleCharaktere nach Altbiersorten benannt, respekt.

Wobei mich spontan nur Michael an Schuhmacher Alt denken lässt.

Was gabs noch so?

Lutz
Lutz

@ Wortvogel: Ohne Frotzelei, sondern aus ehrlichem Interesse: Wie ist denn bei dir das Verhältnis von (bezahlten) nicht veröffentlichten Projekten zu den veröffentlichten? Und würdest du sagen, dass dieses Verhältnis bei den meisten Autoren in deiner Fachrichtung üblich ist?

PabloD
PabloD

„Jetzt gibt es das Buch wenigstens. Auflage: 1.“

Das kenne ich. Als Student kommt man ja heutzutage dank diverser Onlineverlage mit fast jedem theoretischem Schnickschnack an eine eigene ISBN-Nummer ran. Als mein „Erstling“ damals bei amazon, Hugendubel & Co. gelistet wurde, hab ich mich auch erstmal überall als Buchautor ausgegeben 😉 Und zumindest die DA steht mangels Konkurenz fein säuberlich im Buchregal, für den ganzen anderen Rest war ich bisher zu geizig.

konsumdichter

Großartiger Artikel!

nameless
nameless

„Siehe auch die ProSieben Mystery-Filme (heute wurde nach “Gonger” ja wieder einer angekündigt).“

wurde? wo?

„Deutsch muss es sein. Finde ich auch richtig so.“

dieses mal aber bitte mit richtigen schauspielern, weniger idiotischen dialogen und weniger plump zusammgeklaut- und gewürfelter story…

nameless
nameless

„Als zunächst ein kleiner Junge beim „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“-Spielen umgebracht wird und kurz danach ein weiterer Jugendlicher, machen die Einwohner den „schwarzen Mann“ für deren Tod verantwortlich.“

äh… hoffen wir mal, das wurde bloß unbeabsichtigt ungünstig zusammengefasst und ist nicht wirklich so doof wie es klingt…

Tornhill
Tornhill

Du hast „U-Topics“ in die Welt geschickt?
Schräg! Dann kannte ich ja schon was von dir, bevor ich dich kannte…gewissermaßen.

Oh, und deutscher Grusel/Fantasy/Mystery/Horror muss wirklich her.

Peroy
Peroy

Zeit für „Wolpertinger – Mutant des Grauens“…