vijUDSSR 1967. Regie: Georgi Kropachyov, Konstantin Yershov. Darsteller: Leonid Kuravlyov, Natalya Varley, Aleksei Glazyrin, Nikolai Kutuzov

Genre-Filme aus Ländern, die normalerweise keine Genre-Filme produzieren, faszinieren mich. Den pakistanischen „Living Corpse“-Dracula von 1967 fand ich sehr erheiternd. Kein Wunder also, dass ich die Gelegenheit, einen russischen Horrorfilm aus der gleichen Ära zu sehen, beim Schopf ergriffen habe.

„Viy“ basiert auf Gogols gleichnamiger Geschichte aus dem frühen 19. Jahrhundert (ein Klassiker des Schauerromans, demnach). Es geht um einen jungen Philosophen, der auf einem einsamen Bauernhof von einer Hexe geritten wird, bis es ihm gelingt, sie niederzuknüppeln.

Das mit dem „reiten“ meine ich nicht einmal sexuell:

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Später wird der Philosoph zu einem Gutsherr gerufen, dessen hübsche junge Tochter im Sterben liegt. Der Philosoph erkennt in ihr die Hexe, aber man zwingt ihn trotzdem, drei Nächte mit der Leiche in einer Kirche zu verbringen. Genug Zeit für den Sukkubus, Rache zu nehmen.

Zugegeben: Das ist nicht viel Plot, und es ist auch nicht gerade plausibel konstruiert: Der Philosoph ist im Recht, wenn er die Hexe erschlägt, und die ganze Rachenummer ist demzufolge etwas schwachbrüstig begründet. Auch die Frage, warum ausgerechnet er Totenwache halten soll, erschließt sich nicht (die Familie der Tochter weiß ja nichts von seiner Schuld). Aber wie viele alte Geschichten ist das bestimmt wieder eine Parabel, und das russische Landvolk mag es damals weit besser verstanden haben als ich heute.

In der Laufzeit ist „Viy“ mit 70 Minuten sehr gnädig, und die Ausstattung ist üppig und naturalistisch, wie man es von den finnisch-russischen Märchen-Korproduktionen der Ära gewohnt ist. Das Staatsstudio Mosfilm hatte durchaus begabte Leute für sowas.

Die Trickeffekte sind eine Sache für sich. Teilweise haben die Russen ganz eigene Methoden gefunden, um phantastische Elemente zu visualisieren. Wenn der Philosoph mit der Hexe auf dem Rücken übers Land rennt, dann läuft er im Studio auf einer bepflanzten Drehscheibe – was erheblich besser funktioniert als man annehmen sollte.

Richtig die Sau raus lassen die Tricktechniker dann allerdings erst zum Finale hin, wenn der doch etwas schwerfällige Film geradezu trunken wirkende Fahrt aufnimmt:

Das hat schon fast Bava-Qualität (dessen „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ ebenfalls eine lose Adaption von „Viy“ ist), und erstaunliche Sogwirkung.

Leider ist das Ende dann wieder konsequent aus der Vorlage nacherzählt, und eher enttäuschend.

So bleibt ein faszinierender Einblick in eine andere Filmkultur anhand eines verfilmten Literaturklassikers. Etwas staubig, etwas zäh, aber allemal schauenswert, und schließlich auch angemessen kurz.

Erstaunlicherweise ist für dieses Jahr ein groß budgetiertes Remake geplant, das deutlich stärker auf den Weltmarkt schielt:



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Manuel

Sachen gibt’s… Phantastisch!

Tornhill
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Davon hab ich auch schon gehört (und das Spektakel am Ende auf Youtube gesehen), der wirkt lecker!

Die zentrale Geschichte gibt es übrigens in verschiedenen Varianten und wie ich glaube auch im deutschen Bereich. Ich kannte sie rein beschränkt auf den zweiten Teil. Dort war es allerdings eine Prinzessin, die gestorben war und vor ihrem Tod eine dreitägige Totenwache von irgendwem verlangte, die jedoch nie erfüllt werden konnte, da jeder Wächter nach der ersten Nacht verschwunden war.
Der Held der Geschichte war ein ehemaliger Soldat, dem ein alter Mann vorher zu verschiedenen Verstecken geraten hatte, in denen er seine Wache verbringen sollte und der so beobachtet, wie die Prinzessin jede Nacht wieder zum Leben erwacht und seine Vorgänger anscheinend gefressen hat.