spirit1USA 2008. Regie: Frank Miller. Darsteller: Gabriel Macht, Samuel L. Jackson, Scarlett Johansson, Eva Mendes, Jaime King

Man mag es für konter-intuitiv halten, und für eine Beleidigung der eigenen Meinungsbildung, aber mittlerweile glaube ich an die Weisheit der Masse. Wenn ein Film bei Kritik und Publikum komplett durchfällt, entpuppt er sich selten als missverstandener Klassiker. Und wenn ein Film ein großer Erfolg ist, hat er meistens ein paar gute Seiten. Das ist sicher nicht allgemeingültig oder in Stein gemeißelt, aber ganz falsch liegt man nicht, wenn man sich z.B. an den durchschnittlichen Wertungen bei Meta Critic orientiert.

Es gibt von Zeit zu Zeit natürlich Filme, bei denen man die Unschuldsvermutung gelten lässt. Filme, von denen man überzeugt ist, dass sie nicht so schlecht sein können, wie allgemein behauptet wird.

Für mich war „The Spirit“ so ein Film.

Zuerst einmal bin ich ein großer Fan von Will Eisner, und ich habe seine Lehrbücher zum Thema Comics gelesen. „The Spirit“ ist ein ganz exquisiter Strip, inhaltlich wie formell seiner Zeit weit voraus. Und ich fand den ersten Trailer auch nicht schlecht. Natürlich kann man die Frage stellen, ob der Look so gewaltsam auf  „Sin City“ getrimmt werden musste – andererseits: dem Erfinder von „Sin City“ sollte man das schon zugestehen.

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Hinzu kommt, dass „The Spirit“ (wie auch „Sin City“) eine ganze Reihe der (man entschuldige mir den Ausdruck) geilsten Weiber Hollywoods in außerordentlich scharfen Kostümen präsentiert. Ich werde wohl nie zu alt, um so etwas für einen Pluspunkt zu halten. Scarlett Johansson mit Brille und Dekolleté? Hier ist mein Eintrittsgeld, bitteschön. Hat auch bei dem erschreckend banalen Woody Allen-Film „Scoop“ funktioniert.

Superhelden-Verfilmung, stylisher Look, schöne Frauen – so schief kann das gar nicht gehen, oder?

Es kann.

„The Spirit“ hat den gleichen Effekt wie „Battlefield Earth“: Man braucht keine zwei Minuten, um Stinker zu riechen. Es ist von der ersten Szene an offensichtlich, dass hier wirklich gar nichts funktioniert. Nach zehn Minuten gab ich den Versuch auf, irgendwelche Rechtfertigungen und Rationalisierungen für das Debakel zu suchen, und nach einer halben Stunde legte ich eine Gabel auf den Sims meines offenen Fensters – in der Hoffnung, ein psychopathischer Einbrecher möge des Weges kommen, und mir damit die Augen ausstechen.

„The Spirit“ tut weh.

Schon auf handwerklicher Ebene gibt es den ersten Totalausfall: Der Look wirkt nie so homogen wie bei „Sin City“ oder „Watchmen“, sondern torkelt zwischen Pseudo-Noir und Comic-Panel. Trotz der gewollten Künstlichkeit stechen viele CGI-Effekte störend hervor. Die wenigen Actionszenen sind schwerfällig inszeniert, und selbst einfache Aufgaben wie Spirits Lauf über die Dächer der Stadt lassen nie vergessen, dass hier ein Stuntman im Drahtseil-Geschirr hängt. „The Tick“ und „The Crow“ haben das mit viel weniger Geld viel besser gemacht. Unterwasser-Szenen, die augenscheinlich ohne Wasser gedreht wurden, und in denen ein Fön das Haar „fließen“ lässt? Puh-lease!

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Alle paar Minuten schleichen sich ein, zwei Aufnahmen ein, die tatsächlich einen gewissen Schick besitzen, aber man ist zu sehr damit beschäftigt, sich zu ärgern, um sie zu bemerken.

Erinnert ihr euch, dass ich „Chrysalis“ kürzlich als seelensloses Designer-Kino beschrieben habe? Auf „The Spirit“ träfe das auch zu – nur hat man nicht einmal den Design-Teil hinbekommen. Der Zuschauer bekommt an keiner Stelle ein Gefühl für die Stadt, über die Spirit immer so pathetisch schwadroniert. Alles bleibt Kulisse.

Nun könnte man die (gewollten?) technischen Schwächen verzeihen, wenn „The Spirit“ eine mitreißende Story, oder wenigstens einen mitreißenden Protagonisten hätte. Wieder Fehlanzeige. Der Schurke „Oktopus“ (Sam Jackson konsequent schamlos) möchte an das Blut von Herakles kommen, um unsterblich zu sein. Spirit steht ihm dabei im Weg, und ausgerechnet seine Jugendfreundin Sand Saref soll ihn in Schach halten. So flach, so banal, so frei von jeglicher echten Emotion.

Frank Miller hat offensichtlich keine Ahnung, was für eine Sorte Superheldenfilm er drehen möchte: großes Melodram wechselt sich mit erotisch überhitztem Noir-Gerede ab, nur um in den Kampfszenen plötzlich in Scooby Doo-Klamauk abzudriften. Man schließt irgendwann nicht mehr aus, dass dem Spirit Zeichentrick-Vögelchen um den Kopf schwirren, wenn er eins übergebraten bekommt. Die Klon-Helfer des Oktopus sind augenscheinlich an die Three Stooges angelehnt. Optisch möchte „The Spirit“ ein Mix aus „Sin City“ und „Dark Knight“ sein – aber sein Herz hat er an die alte „Batman“-Fernsehserie verschenkt. Wie soll ich einen Film ernst nehmen, dessen Bösewicht sich zwischen den Szenen umzieht, um mal als Samurai, mal als Nazi aufzutreten?

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Dazu passt, dass sich die ganze geile Werbekampagne als reiner „cock tease“ entpuppt: im Gegensatz zu „Sin City“ gibt es weder Sex noch die Andeutung von nackten Tatsachen (mit einer harmlosen Ausnahme, die auch im Trailer zu sehen ist – that’s it, folks!), und die neckischen Sprüche der Werbekampagne stehen im Film in einem anderen, komplett unerotischen Kontext. Strikt jugendfreier Leder- und Uniform-Fetisch ist alles, was geboten wird.

In einem solchen Schlamassel kann man als Darsteller kaum punkten, und es ist fast schon bizarr anzusehen, wie die angeheuerten Schauspieler sich aus der Affäre ziehen: Sam Jackson macht gnadenlos den Affen, als hätte er sich Tipps von Jeremy Irons aus „Dungeons & Dragons“ geholt. Die Frauen in der Besetzung achten hauptsächlich darauf, dass das Make-up sitzt, und dass die besten Teile im Bild sind (Oberweite Johansson, Hintern Mendes). Gabriel Macht als Spirit glänzt durch konsequente Verweigerung – langweiliger und gesichtsloser kann man einen Superhelden vermutlich nicht spielen.

Es gab 1987 mal eine „Spirit“-TV-Verfilmung von Stephen DeSouza, die ziemlich verunglückt war:

Und selbst dieser halbgare Käse ist im Vergleich zur Neuverfilmung noch reines Gold. Ganz abgesehen davon, dass Sam Jones ein weitaus besserer Spirit ist.

Ich fand Frank Miller schon immer überschätzt – er ist ein stellenweise exzellenter Comic-Autor, aber für Drehbücher hat er so wenig Gespür wie Stephen King. Ihm auch noch den Regiestuhl zu überlassen, muss als kapitale Fehlentscheidung gewertet werden.

Und da kommt die Weisheit der Massen ins Spiel: 30 Prozent bei Meta Critic, und nur 38 Millionen Dollar Einspielergebnis weltweit. Das Publikum ist „The Spirit“ weiträumig aus dem Weg gegangen. Und es hatte Recht. Euch kann ich das auch nur empfehlen.

http://www.youtube.com/watch?v=Lbg641g2n70

Vier sehr passende Kritiken zum Film:

„The Spirit feels like the follow-up to „Batman & Robin“ no one wanted.“
(The Onion)

„Maybe it’s better to be remembered for one of the worst movies of the year than forgotten for a mediocre one.“
(New York Daily News)

„The movie is a septic tank of vapid noir posturing, bad narration, bizarre pacing, cartoonishly hot femme fatales and ineptly staged slapstick.“
(Portland Oregonian)

„Plunges into a watery grave early on and spends roughly the next 100 minutes gasping for air.“
(Variety)



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Sheera
Sheera

Du hast ‚Chryslis‘ statt ‚Chrysalis‘ geschrieben. 😛

Was ich mich schon seit geraumer Zeit frage (seit ‚Underworld‘, um genau zu sein): Was ist an farbentleerten Bildern eigentlich so toll? Bei Underworld fand ich das schon nicht so prall, und seitdem gibt es immer wieder Filme die das so machen. Warum? Die Comics sind doch allesamt wesentlich bunter…

Tornhill

Autsch!

Der ging wohl wirklich so sehr ins Auge, wie es allgemeine heisst…ich glaube, das ist der erste Film seit langem, über den ich wirklich ÜBERHAUPT KEINE positive Kritik lese (das „Eva Mendes…LECHZ“-Geschreibsel im SPIEGEL mal außen vor).

Ich war ja von Anfang an skeptisch, seit ich sah, dass Miller (der halt ein sehr klar umrissenes Feld hat, auf dem er gut ist…und die menschliche, nette Welt Eisners liegt da weit von entfernt) es in all seine Obsessionen zu pressen versuchte. Der Trailer hätte schon eine Parodie sein können, mit seinen Lack und Leder-, Nazi-, Toughest Guy Alive-Allüren, die in „Sin City“ gut kamen, in „The Dark Knight Returns“ eine neue Ära einleiteten, sich aber dem „Spirit“ einfach nicht aufpfropfen lassen.
Ein vorlagengetreuer Film würde heutzutage vermutlich eh antiquiert wirken, da die Bildtechniken des Comics nicht zu übernehmen sind (sie kommen ja gerade vom Film) und die Figur selbst ja nichts spektakuläres war. Es machte eben der damals atemberaubend neue Stil in Verbindung mit den (ich benutze das Wort ungern, da es schnulzig klingt) warmherzigen, teils Dickens’schen Geschichten von Menschen und ihren Problemen.

Die Fortführung der Comics jetzt bei DC hat es erstaunlich gut hinbekommen, aber ein zusätzlicher Medienwechsel ist vielleicht einfach zuviel.
Schön, aber mal endlich bewegte Bilder vom alten „Spirit“-Film zu sehen. Auf den bin irgendwie recht heiss.

Heino
Heino

Es waren ja auch schon 6 einzelne Sequenzen mit mehreren Minuten Länge im Netz vorab zu sehen, die das Debakel erahnen liessen. Und das Mendes und Johannsen längst nicht in jedem Film gut sind, kann man z.B. bei „Die schwarze Dahlie“ und „Ghost Rider“ sehen. Schade drum, aber Miller sollte wirklich bei den Comics bleiben

gwildor
gwildor

Schon der anfang vom film beschreibt The Spirit ganz gut: sie kämpfen in der Scheiße!

Will Tippin
Will Tippin

Oh Danke. Einer der wenigen Filme bei denen ich das Gefühl hatte „och, ich könnte auch mal früher gehen“. Schon beim ersten Kampf dachte ich „okaaay, mal sehen wo das hinführt“. Ich konnte auch zu keiner Zeit ein Gefühl für die Stadt entwickeln, warum alle Tussis auf den Spirit stehen wusste ich auch nicht.
Die Johannson ging mir furchtbar auf die Nerven mit ihrem bemüht strengen Blick. Bei der Nazi-Szene hab ich mich dann komplett ausgeklinkt, auch wenn die ziemlich witzig war. Insgesamt war der Film auch ziemlich langweilig…

Hank_The_Tank
Hank_The_Tank

„Ich werde wohl nie zu alt, um so etwas für einen Pluspunkt zu halten.“

Wie man sieht hat geistige Reife mit dem Alter nicht viel zu tun…

Lari
Lari

Ah je, ich hab’s geahnt… Mir kam schon der erste Teaser ziemlich öde vor, und alles, was danach an Kritiken und Mundpropaganda kam, klang so, als sollte man sich dieses potentielle Debakel besser schenken. Deine Kritik bestätigt mich jetzt leider in meinen Befürchtungen, insofern als dass sie genau an den Punkten ansetzt, bei denen ich sowieso schon misstrauisch war. Schade drum. 🙁

„Wenn ein Film bei Kritik und Publikum komplett durchfällt, entpuppt er sich selten als missverstandener Klassiker.“
Speed Racer ist super. Die Geschichte wird mir Recht geben. 8)

Asmodeus
Asmodeus

„Wie man sieht hat geistige Reife mit dem Alter nicht viel zu tun…“
Manchmal muss man nichtmal das Alter wissen(schätzen können) um das zu beurteilen 😉

Dieter
Dieter

@Hank_The_Tank: A new troll is in da house.

Asmodeus
Asmodeus

„Außerdem: was geistige Reife damit zu tun hat, sexy Frauen nicht mehr gerne anzusehen, muss erst noch geklärt werden.“

Ich würde spgar soweit gehen zu sagen, dass man die geistige Reife derer anzweifeln kann die sexy Frauen NICHT gerne anschauen. 😀

xanos
xanos

Dieser Film ist nur nicht der schlechteste, den ich seit langem gesehen habe, weil ich kurz vorher Mutant Chronicles gesehen habe. Ich hoffe, das Thema Miller ist damit durch. Danach war ich so beschämt Geld dafür bezahlt zu haben, dass ich ernsthaft überlegt habe 30 Euro in gute DVDs zu stecken um mein Karma wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Lite
Lite

Das man trotz des ständig fallenden Schnees, ergo Kälte, niemals den Atemdampf der Darsteller sieht, war von Miller anscheinend beabsichtigt, oder? Und was für ne Funktion soll die Katze haben? Musste oft vorspulen.

floham

Die Qualität des Streifens lässt sich auch daran festmachen, dass mir erst so auf der Mitte des Reviews wieder einfiel, dass ich das Ding schon gesehen hatte…

Tanja
Tanja

@ Xanos: Zumindest der geistige Zustand 😀

Tanja
Tanja

Ups, sorry, ich meinte natpürlich Asmodeus 🙂

Dieter
Dieter

@Tanja: Das gefällt! 😉

Proesterchen
Proesterchen

Elektra, Sin City, 300 und jetzt dieses Machwerk. Wie viele Stinker darf der Herr Miller noch drehen, bevor ihn jemand in die Wüste schickt?

Mencken
Mencken

Gedreht hat Miller ja nur diesen Film (Sin City zählt nicht) und ob da ein anderer Regisseur mehr Erfolg gehabt hätte halte ich zumindest für zweifelhaft. The Spirit ist einfach kein Comic, der sich für eine Verfilmung sonderlich gut eignet.

Heino
Heino

@Proesterchen:wie Mencken schon sagte, ist unter Millers eigener Aufsicht nur „The Spirit“ entstanden. Bei „Sin City“ war er am Drehbuch und an der Regie beteiligt (wobei ich das mal für Nettigkeit von Rodriguez halte), mit der Verfilmung von „300“ und „Elektra“ hatte er selbst rein gar nichts zu tun. Zwar stammen die Vorlagen/Motve von ihm, aber er hat nicht die Drehbücher verfasst und auch nicht Regie geführt. Und dass er viele richtig gute Comics gemacht hat, steht wohl ausser Zweifel.

Heino
Heino

@Torsten:ging nicht in deine Richtung und Miller hat für einige seiner Sachen aus den letzten Jahren definitiv Prügel verdient. Aber deswegen kann man ihm trotzdme nicht anlasten, was er nicht verbrochen hat.

Peroy
Peroy

„RoboCop 2“ war gut.

Proesterchen
Proesterchen

@Heino

Ok, dann kreide ihm von mir aus nur den Quark an, für den man keinen anderen verantwortlich machen kann, ändert nichts an seiner 100%-Stinker-Quote.

Zu seinen Comics kann ich nichts sagen. Die entsprechenden Filme haben mich jedenfalls nicht überzeugt.

Heino
Heino

@Proesterchen:klar hat er eine 100 % „Stinkerquote. 1 Film gedreht, einmal ins Klo gegriffen. Da hast du zweifellos recht. Aber trotzdem war deine restliche Argumentation einfach falsch, denn er kann nichts dafür, dass andere seine Comics in deinen Augen schlecht umsetzen.

Okay, genug für Miller in die Bresche gesprungen. Natürlich werde ich mir The Spirit trotzdem ansehen, um die Größe des Desasters selber einschätzen zu können:-))

Jonas
Jonas

Sich zu beschweren, dass man von den Frauen zu wenig sieht bzw. der versprochene Sex fehlt… das kann man wohl nur wenn man den Spirit nicht gelesen hat. Der original Spirit wäre nie alleine im Raum mit einer Frau geblieben, die nicht einen dicken Mantel trägt. 😉

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