Neue Serien, nächste Runde.

Erinnert ihr euch, was ich zu Tom Selleck geschrieben habe? Der war von Anfang an dazu auserkoren, TV-Star zu sein, und wurde solange durch immer neue Produktionen geschleust, bis es endlich klappte: „Magnum“.

Nathan Fillion ist Tom Selleck für das 21. Jahrhundert. Der Kanadier hatte seine erste größere Serienrolle in der Sitcom „2  guys, a girl, and a Pizza place“. Danach begegnete er Joss Whedon, was ihm wiederkehrende Rollen in „Buffy“, „Firefly“ und „Drive“ einbrachte. Außerdem spielte er in dem Alicia Silverstone-TV-Vehikel „Miss Match“ mit, und in „Desperate Housewives“. Eine Kult-Fangemeinde brachte es ihm ein – aber keinen regelmäßigen Gehaltsscheck.

„Castle“

Jetzt versucht er es wieder, in der ABC-Serie „Castle“. Und dieses Projekt ist so weichgespült, so kantenfrei, so harmlos, und so geschmeidig, dass es vielleicht endlich klappt mit dem Erfolg. „Castle“ hat in seiner absoluten Mainstreamigkeit das Zeug, für Fillion das zu sein, was „Remington Steele“ für Pierce Brosnan war, und „Moonlighting“ für Bruce Willis.

castle21

Es geht um den sympathischen Bestseller-Autor Richard Castle, der gerade seine langlebige Romanfigur hat sterben lassen – und nicht mehr weiß, worüber er schreiben soll. Inspiration findet er ausgerechnet bei der einzelgängerischen Polizistin Kate Beckett, die gar nicht begeistert ist, dass Castle ihr bei der Arbeit über die Schulter sehen will. Doch Castle hat Verbindungen, und gar keine schlechte Nase, was die Motive von Verbrechern angeht…

„Castle“ ist im besten Sinne altmodisch: die Fälle sind nicht übermäßig kompliziert wie bei „Bones“ oder „The Closer“, der Humor ist nicht so schräg wie bei „Monk“ oder „Psych“, und technischen Schnickschnack wie bei „CSI“ und „Numbers“ verkneift man sich auch weitgehend. Auch der eher gemütliche Erzählrhythmus gibt dem Zuschauer die Chance, den Täter (oder zumindest einige Hinweis auf ihn) mitzuraten, und sich ansonsten an dem sympathschen Geplänkel zwischen Kate und Richard zu erfreuen. Die Chemie zwischen Fillion und Stana Katic stimmt, und als Bonus gibt es noch unnötige, aber nichtsdestotrotz amüsante Szenen mit Castles überdrehter Mutter Martha, und seiner über die Maßen cleveren Tochter Alexis. Alles wie aus dem Handbuch für romantische Krimiserien – aus den 80er Jahren.

http://www.youtube.com/watch?v=AWgMHod8sUc

Ich kann nicht sagen, ob ich die Simplizität von „Castle“ erfrischend oder frech finden soll – aber die Tatsache, dass ich bisher jede Folge geguckt habe, spricht eigentlich für sich…

„Southland“

Nun schalten wir aber mal einen Gang hoch – „Southland“ ist die neue Serie von John Wells, dem Erfinder von „E.R.“. Das Polizistendrama wird auch als der legitime Nachfolge der langlaufenden Ärzteserie gehandelt.

Das Konzept ist nicht neu: verschiedene Polizisten werden auf Streife in LA begleitet – der Veteran, der Neuling, der  Idealist. In einer Welt, in der Gewalt und Betrug zum Alltag gehören, sind sie das letzte Aufgebot vor der gesellschaftlichen Auflösung.

southland

„Southland“ ist der Triumph von Kompetenz über die Innovation: keiner der Schauspieler ist sonderlich brillant, kein Plot übermäßig einfallsreich, und keine Figur besonders spannend – aber das ist mit soviel Verve und Schmissigkeit inszeniert, dass es kaum auffällt. Wie schon bei „E.R.“ wird von der ersten Minute an aufs Tempo gedrückt. Ständig flitzt die Dramaturgie zwischen den Höhepunkten der einzelnen Handlungsstränge hin und her, vermeidet jedes Fett, bringt nur die Highlights. Die Charaktere werden nicht vorgestellt, sondern entwickeln sich an den Fällen, die sie bearbeiten. Was die frühen Staffeln von „New York Cops“ für ermittelnde Detectives war, ist „Southland“ für die uniformierten Bullen. Oder eben auch „E.R. auf Streife“.

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob die Polizisten von Los Angeles (ausgerechnet!) nicht unangemessen heroisiert werden. Aber „Southland“ will kein ausgewogenes Porträt sein, die Serie steht eindeutig auf der Seite der Staatsmacht. Diese Entscheidung sei den Machern erlaubt. „24“ versucht ja auch nicht, die Gegenseite fair darzustellen.

„Cupid“

Diese Serie ist sicherlich das obskurste Produkt der neuen TV-Saison. Nicht etwa, weil sie so ungewöhnlich ist. Im Gegenteil: „Cupid“ ist lediglich die Romantic Comedy-Variante von „Ein Engel auf Erden“, oder „Miss Match“ mit leichten übernatürlichen Elementen (im deutschen Fernsehen wurde das vor ein paar Jahren unter dem Titel „2 Engel für Amor“ auch schon mal probiert).

cupid

Es geht um Trevor, der von sich behauptet, der Liebesgott Cupid zu sein, und um die attraktive Psychiaterin, die ihn deswegen betreut. Cupid ist überzeugt, dass er 100 Paare zusammenbringen muss, damit man ihn wieder zurück in den Olymp lässt.

Das ist alles sehr hübsch gemacht, schön gespielt, schamlos romantisch, und sicher auch geeignet für eine breite Zielgruppe.

cupid2Nur: Ich mochte die Serie 1998 lieber, als noch Jeremy Piven und Paula Marshall die Hauptrollen spielten. Denn das ist der Clou an der Sache: „Cupid“ ist die Neuverfilmung einer vor elf Jahren gefloppten Serie! Erfinder Rob Thomas hat seine alten Skripts ein bisschen aufpoliert, und noch einmal an ABC verkauft.

Es ist natürlich Geschmackssache, und ich will nicht ausschließen, dass andere Zuschauer Bobby Cannavale und Sarah Paulson bevorzugen, aber für mich wird Piven immer der Liebesgott sein – und Paula Marshall die zweifelnde Psychiaterin mit der versteckten Sehnsucht im Herzen. Besonders mit Cannavale kann ich mich schwer anfreunden – vielleicht deshalb, weil ich ihn schon bei „Will & Grace“ nicht mochte.

Das ändert aber nichts daran, dass „Cupid“ neben „Castle“ die zweite neue Serie ist, die man locker nebenher gucken kann, und die angenehm altmodisch unterhält – ganz ohne übergreifende Plots, komplexe Mythologie, und Dutzenden von Nebenfiguren. Keine Echtzeit, keine Eisbären. Danke.

„The Unusuals“

unusualsDetective Casey Shreager wird von der Sitte zur Mordkommission versetzt – ins zweite Revier, wo man sich hauptsächlich um ungewöhnliche Fälle kümmert, die in die normale Polizeiarbeit nicht passen wollen. Schnell stellt sie fest, dass ungewöhnliche Fälle auch ungewöhnliche Cops anziehen – die Abteilung ist ein Sammelbecken aus Exzentrikern, die nur mühsam als Team funktionieren.

Was ist denn heuer los mit den Amis? Ist die Renaissance der klassischen TV-Serie eingeläutet worden, ohne dass man mir Bescheid gesagt hat? Auch „The Unusuals“ ist kein Versuch, durch konzeptionelle Experimente ein Publikum zu ködern. Es ist eine straighte Ermittlerserie mit teilweise etwas schrägen Fällen, und nicht minder schrägen Charakteren. Es gibt tatsächlich viel zu lachen, und immer wieder gibt es unerwartete Twists, die uns näher an die Figuren bringen. Auf bestimmte größere Geheimnisse im Hintergrund wird hingewiesen, ohne damit zuviel Ballast zu erzeugen, der Gelegenheitsseher abschrecken könnte. Amber Tamblyn finde ich als Hauptdarstellerin ein wenig farblos, aber der Rest der Besetzung fängt das locker auf.

Ein besonders hübsches Detail sind die absurden Funk-Durchsagen, die in jeder Folge versteckt sind, und die man auch hier im Trailer hören kann:

http://www.youtube.com/watch?v=QTJkiAtfQjs

„Parks and Recreation“

„Parks and Recreation“ ist von den Machern der US-Variante von „The Office“ – und wurde auch zuerst als Spinoff angekündigt. Dafür spricht, dass Rashida Jones mitspielt, die bereits in „The Office“ zu sehen war. Doch dann beeilte man sich zu versichern, dass beide Serien nichts miteinander zu tun haben. Ich habe so den Verdacht, dass es daran liegt, dass man Lizenzzahlungen an den „Office“-Urerfinder Ricky Gervais vermeiden möchte.

parks

Wie dem auch sei: „Parks and Recreation“ ist im gleichen pseudo-dokumentarischen Stil aufgezogen, oft so pointiert wie schmerzhaft, und bis in die Nebenfiguren gut besetzt.

Nur lustig ist die Serie um die Beamten des Park- und Grünflächen-Amtes noch nicht wirklich. Aber das mag noch kommen. Auch bei „The Office“ brauchte es ein paar Folgen, bis man sich akklimatisiert hatte. Der Humor ist halt sehr speziell. Mit Amy Poehler hat man auf jeden Fall die richtige Hauptdarstellerin gefunden – ich bin schon seit „Upright Citizens Brigade“ und „Saturday Night Live“ ein großer Fan von ihr. Ähnlich wie Steve Carrell ist sie sich wirklich für keinen Gag zu schade.

http://www.youtube.com/watch?v=uji2SY00g7A

So, dass waren also die besseren Neustarts der Saison. Den ganzen Rest räume ich im nächsten Beitrag auf.



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Strabo
Strabo

Castle finde ich auch gut. Nix innovatives oder übermäßig spannendes, aber sympathische Figuren. Zur Abwechslung zu den hochkomplexen und oft mit wenig sympathischen Figuren besetzten Serien nicht schlecht.

Southland – KDD finde ich da ehrlich gesagt besser, ist aber trotzdem ok.

Udo Gerhards

Castle ist wirklich OK. Die Titelfigur mit ihren losen Sprüchen und ihrer Ewiger-Junge-Ausstrahlung erinnert halt an Cpt. Reynolds, aber ohne dessen dunkle Seiten.

Aber auf jeden Fall müssen die Macher demnächst ein bisschen was tun, um vom auf Dauer langweiligen Mord-der-Woche-Konzept wegzukommen. Dass dies passieren könnte, wurde aber in einer der letzten Folgen angedeutet, in der Becketts Familiengeschichte zum ersten Mal offen diskutiert wurde. Die Suche nach dem Mörder Ihrer Mutter könnte als übergreifender Handlungsfaden davor sorgen, dass Castle etwas spannender wird und bestenfalls die Serie auch noch ein wenig dunkler machen.

Herr Hase

ER wurde von Michael Crichton erfunden, nicht von John Wells (genausowenig wie „Southland“, Wells ist in beiden Fällen „nur“ der Showrunner).

pa

Castle mag ich auch, aber die Zuschauer wohl nicht. Die Einschaltquoten sprechen eher für eine Absetzung:
http://tvbythenumbers.com/2009/04/14/castle-and-cupid-are-destined-to-be-canceled/16739

PabloD
PabloD

Falls Parks and Recreation auch in Deutschland anlaufen sollte, holt RTL bestimmt Jochen Busses Bauamt wieder aus der Versenkung.

Chris
Chris

Mein Komment ist weg…

Shah
Shah

Fillion ist nicht nur fürs TV prädestiniert – im Kino macht er eine ebenso gute Figur.

Aber danke für den Castle-Tipp. Endlich neues Futter für einen Fillion-Fan 🙂

pa

@Wortvogel: In einer der letzten „The Business“-Episoden sprach der Produzent von „ER“ davon, wie sie Crichton’s ER-Skript von 1969 fanden und darauf hin die Serie begannen. Das war wohl aus der Zeit, als Crichton noch „gut“ war. Das ist IMHO schon etwas mehr, als nur „seinen Namen herzugeben“.

Ah, hier ist der Podcast: http://www.kcrw.com/etc/programs/tb/tb090406the_10_oclock_drama_

aCks
aCks

Irre ich mich, oder schwingt da wieder unterschwellig Kritik an „Lost“ mit? Ich finde die Serie nach wie vor spannend und alle mal besser als irgendwelcher Kram, der von anderen erfolgreichen oder sogar erfolglosen Konzepten schamlos und sooo offensichtlich geklaut (oder muss man hier von „sich inspirieren lassen“ sprechen?) ist. Außerdem sind Eisbären doch schöne Tiere. Nicht umsonst war Knut ein Star und machen sich ne Menge Leute Sorgen um das Wegschmelzen der Arktis.

Heino
Heino

Ich finde das alles nicht sehr vielversprechend. Natürlich muss eine heutige Serie nicht zwangsläufig vor Depressionen strotzen oder extrem brutal sein (bei z.B. Eureka trifft beides auch nicht zu), aber sie sollte schon was eigenes haben und nicht nur kalten Kaffee aufwärmen.
Und die Fälle in Bones sind nicht übermäßig kompliziert, sondern meist ur sauschlecht geschrieben. Aktuell kann ma dafür die letzte im TV gelaufene Folge mit dem Rotenburgkannibalen-Verschnitt als Beispiel nehmen, das war so übel, dass ich beinah schreien müsste. Wenn die Serie nicht gute Darsteller und meist auch recht witzige Dialoge hätte, wäre sie der übelste Rohrkrepierer seit langem. Der Meister my ass, sag ich da nur

Peroy
Peroy

„Irre ich mich, oder schwingt da wieder unterschwellig Kritik an “Lost” mit?“

Nö, wir kritisieren den wirren, bescheuerten Müll hier schon ganz öffentlich…

pa

@Wortvogel: Okay, ist gut. Ich kenn ER eigentlich nicht richtig, hab ich nie geschaut 😉

Ich find’s auch immer dämlich, wenn LOST mit J.J. Abrams in Verbindung gebracht hat, obwohl der eigentlich nur den Piloten und einige andere Episoden gedreht hat. Mittlerweile hat er nichts mehr damit zu tun.

Heino
Heino

@Thorsten:sagt derjenige, der Lost verreist:-))

nee, ernsthaft. Ich mag die Darsteller und hatte mir von Bones einiges versprochen. Aber die Serie lebt letztlich nur vom Gegensatz der albern unrealistisch dargestellten immer kühl-objektiven und bis zur Debilitätsgrenze naiv agierende Tempe Brennan (die nebenbei bemerkt rein gar nichts mit der Vorlage gemein hat) und dem lebenserfahrenen Gefühlmenschen Booth. Daneben haben wir bei den Darstellern das übliche Panoptikum schräger Vögel, das wir auch aus CSI und Crossing Jordan in ähnlicher Form kennen, und fertig ist die Baukastenserie nach Schema F. Dazu kommt eine hanebüchene Dummdreistigkeit bei der Porträtierung von Minderheiten (ich denke mit Grausen an die Folge zurück, in dem ein angebliches SM-Pärchen eine Frau in einem Kühlschrank (!!) einsperrte, um sich aufzugeilen) und oftmals sind die Fälle einfach albern. Wenn da nicht die tolle Chemie zwischen den Darstellern wäre und die oft extrem witzigen, beinah schon Screwball-mäßigen Dialoge wären, hätte ich Bones schon längst abgeschrieben

Herr Hase

Natürlich ist Wells derjenige, der bei ER die kreativen Fäden in der Hand hielt. Das ändert aber nichts daran, dass das Konzept und das Drehbuch zur ersten Folge von Crichton stammen (1974 als „Chronik“ seiner Erlebnisse als Medizinstudent in einer Notaufnahme geschrieben; laut Backcover der DVD, erzählt er auch im Audiokommentar zum Pilotfilm). Dass er dann bis zur 15.Staffel immer noch als Executive Producer genannt wurde, ist natürlich wirklich nur „seinen Namen hergeben“.

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[…] aber dann sollte sie auch so gut besetzt, geschrieben und inszeniert sein wie “Castle“. Die taffe burschikose Polizistin, die elegante Fachmedizinerin – so was schreibt sich […]