14
Apr 2009

Das wird Folgen haben – Neue Serien (2): Bodycount, Blödsinn, und… Botswana?!

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Heute geht es ans Eingemachte – die großen Serienstarts der letzten Monate. Obwohl ich die neue US-Saison 08/09 für eine der schwächsten der letzten 20 Jahre halte (auch angesichts des anhaltenden Show- und Reality-Booms), haben sich in den letzten Wochen ein paar durchaus sehenswerte Produktionen einen Sendeplatz erkämpft. Eine größere thematische Bandbreite als in diesem Beitrag wird sich kaum finden lassen.

"Harper’s Island"

Fangen wir mit “Harper’s Island” an, einem Mystery-Projekt, mit dem CBS das in den 70ern populäre Genre der “Maxi-Serie” neu beleben möchte. Dreizehn Folgen sind produziert, und mehr sollen es auch nicht werden. Die Handlung ist abgeschlossen, und eine neue Staffel würde eine neue Geschichte erzählen, mit neuen Figuren. Der Zuschauer weiß also, worauf er sich einlässt – und das am Ende ein sorgsam geplantes Finale wartet, und keine dramaturgische Dauerwurst wie bei “Lost” oder “Heroes”.

Im nachfolgenden Promo sind noch ein paar Darsteller zu sehen (u.a. Bill Pullman), die nach der Order von CBS ausgetauscht wurden:

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Inhaltlich ist “Harper’s Island” eine Mischung aus Agatha Christies “Zehn kleine Negerlein” und “Denver-Clan”: auf einer Insel vor der Küste von Seattle steht eine große Hochzeit an. Doch jeder der Teilnehmer hat mindestens ein Geheimnis, und noch bevor die Koffer ausgepackt sind, gibt es den ersten Toten. Jede Woche kommt mindestens eine weitere Leiche dazu…

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Die Produktion ist wirklich allererste Sahne, und leistet sich keine Schnitzer: gute Darsteller, düstere Musik, und eine gruselige Atmosphäre, die an moderne Horrorthriller erinnert. Man hat von der ersten Minuten an das Gefühl, dass hier wirklich ALLES passieren kann. Gorehounds seien aber gewarnt: es ist immer noch eine Network-Serie – harten Splatter sucht man vergeblich.

Problematisch erscheint mir nur der Overkill an Charakteren – fast zwei Dutzend Personen buhlen um unsere Aufmerksamkeit, und es ist sehr schwer, sich zu orientieren. “Harper’s Island” ist die erste Serie, bei der es ratsam erscheint, ab und an den Wikipedia-Eintrag zu studieren, um nicht den Faden zu verlieren. Ob man damit allerdings ein breites Publikum ködern kann, sei dahin gestellt.

Angesichts der ungewöhnlich morbiden Stimmung und der anspruchsvollen Erzählweise (es gibt eine begleitende Webserie) mag “Harper’s Island” deshalb eher was für ein verregnetes Wochenende mit dem DVD-Box-Set sein.

"Kröd Mändoon"

Komplett anderes Genre: Comedy Central hat kürzlich mit der Ausstrahlung von "Kröd Mändoon and the flaming Sword of Fire" begonnen, einer Parodie auf "Hercules", "Xena", und diverse andere TV-Serien mit mythologischem Hintergrund:

http://www.youtube.com/watch?v=FlnHDZfB5No

Hauptdarsteller Sean Maguire kennt das Genre: er spielte schon eine vergleichbare Rolle in "Meet the Spartans". Wenn man ihn im Pilotfilm von "Cupid" gesehen hat, kann er einem leid tun: der Mann ist zu deutlich mehr fähig.

krod1Leider ist "Kröd Mändoon" ein typisches "one trick pony", dem sehr schnell die Ideen (und vor allem die Gags) ausgehen: der Held ist ein Trottel, der Bösewicht tuntig, die Amazone geil, der Ogre doof, und der Zauberer unfähig. Sowas schreibt sich von selbst – aber eben nur ein oder zwei mal. Danach wird es dünn, und man sollte man mitschreiben, mit wievielen Homo-Witzen sich die Serie schon im Pilotfilm über die Laufzeit rettet.

Die in Ungarn gedrehte amerikanisch-englische Koproduktion ist so billig, dass man auf nennenswerte Spezialeffekte und tolle Kostüme nicht setzen sollte – "Kröd Mändoon" erinnert vom Look her eher an preiswerte "Hercules"-Epigonen wie "Sindbad" oder "Conan, der Abenteurer".

Ich will damit nicht mal sagen, dass "Kröd Mändoon" schlecht ist – vermutlich ist die Serie sogar genau so gut, wie man es bei dem Budget und dem Sendeplatz erwarten kann. Nur ist das eben keine besonders hohe Meßlatte. Es stellt sich die Frage, ob das Fantasy-Genre angesichts seiner inhärenten Absurditäten nicht sowieso vergleichsweise parodie-resistent ist.

krod2

Letztlich will ich mich nicht reinsteigern, und urteile deshalb milde: ansehbar – mit reduzierten Erwartungen auf Dosenbier-Niveau.

"The No. 1 Ladies Detective Agency"

Mit "The No. 1 Ladies Detective Agency" gehen HBO und die BBC neue und sehr mutige Wege. Die amüsante und federleichte Krimiserie spielt nämlich in Botswana, und alle Hauptfiguren sind Schwarzafrikaner:

http://www.youtube.com/watch?v=3wVkA30h8lU

Fans von "Law & Order" und "Monk" werden hier sicherlich eine Weile zur Eingewöhnung brauchen. Schon der Akzent der Protagonisten verwirrt, und die Tatsache, dass die Klienten in Pula zahlen (ich hab’s recherchiert – so heißt die Währung von Botswana tatsächlich).

Um so ein Projekt ins Fernsehen zu hieven, braucht es schon ein ganz besonders starkes Team. Es hilft, dass die Romane von Alexander McCall Smith echte weltweite Bestseller sind, und dass Anthony Minghella  ("Der englische Patient") als Produzent auftrat. Er drehte auch den Pilotfilm – und verstarb kurz darauf bei einer Routine-Operation. Die Dreharbeiten wurden eine Weile lang ausgesetzt, aber nun ist die erste Staffel auf Sendung.

"The No. 1 Ladies Detective Agency" erzählt von den kleinen Problemen der kleinen Leute in einem chronisch armen Land auf einem chronisch armen Kontinent. Hier geht es um entlaufene Hunde, verschwundene Ehemänner, und Zahnärzte mit mysteriösen Stimmungsschwankungen.  Die Laufzeit von 58 Minuten erlaubt eine gemächliche, aber niemals behäbige Erzählweise. Die Musik, die Figuren, die Sprache, die Einstellungen – alles Afrika.

Kameramann der Serie ist übrigens Giulio Biccari, der auch schon für den Look meiner Filme "Sumuru" und "Lost City Raiders" verantwortlich war.

Ich konnte mir zuerst nicht vorstellen, dass mir die Serie gefallen würde. Vielleicht bin ich auch von zuvielen deutschen TV-Filmen verdorben, die nur ein kolonialistisch-touristisches Klischeebild des schwarzen Kontinents pflegen. Aber "The No.1 Ladies Detective Agency" ist tatsächlich eine Perle: sorgfältig beobachtet, amüsant erzählt, und von einer erfrischenden und unprätentiösen Menschlichkeit durchdrungen.

ladies2Für jemanden wie mich, der bevorzugt Science Fiction und Horror schaut, und zu Krimis nur selten einen Zugang findet, ist diese Serie eine echte Offenbarung. Und man kann sie auch prima als Gegenbeweis herauskramen, wenn ein Kulturmuffel behauptet, Fernsehen sei doof, und früher sei sowieso alles besser gewesen.

"Moving Wallpaper / Echo Beach"

Über diese Serie hat Oliver auf seiner hervorragenden Seite zu Britcoms bereits geschrieben, darum werde ich versuchen, mich auf das Nötigste zu beschränken.

Wie der Doppel-Titel schon andeutet, handelt es sich hier um ein außerordentlich gewagtes Experiment: "Echo Beach" ist eine wöchentliche Edelsoap (immerhin mit Jason Donovan), die zeitgleich in der Sitcom "Moving Wallpaper", die hinter den Kulissen spielt, aufs Korn genommen wird. Es gibt also beide Serien – und die eine macht sich über die andere lustig. Das wird mitunter sehr drastisch, wenn z.B. die Autoren von "Echo Beach" über die Stränge schlagen:

http://www.youtube.com/watch?v=xqXjAvf7F2Y

Die erste Staffel ist total an mir vorbei gegangen. Ich fand erst zu "Moving Wallpaper", als die zweite Staffel anfing. Diese hatte ein ungewöhnliches Problem: "Echo Beach" war (real) eingestellt worden, die zugehörige Sitcom wurde aber verlängert. Die Produzenten machten aus der Not eine Tugend, und übertrugen das Problem in die fiktive Serie: Dem Team von "Echo Beach" droht nach der Einstellung die Arbeitslosigkeit. Eine Vertragsklausel und eine Autorenleiche später ergattern sie den Auftrag für den Pilotfilm zu einer Zombie-Actionserie namens "Renaissance" – und die chaotischen Dreharbeiten sind nun der Stoff für die zweite Staffel "Moving Wallpaper" ("Renaissance" gibt es aber NICHT als echte Serie).

wallpaperVerwirrt? Kann ich verstehen. Man muss schon ein oder zwei Folgen gesehen haben, um das zu entwirren. Aber es ist keine große Mühe: "Moving Wallpaper" ist rasend komisch, und ungemein treffend, wenn es um den Wahnsinn einer TV-Produktion geht. Natürlich sind die Abläufe dramaturgisch gestrafft (hier scheint kein Autor von zu Hause aus zu arbeiten), aber gerade dank meiner Telenovela "Lotta in Love" kann ich versichern: hier wird der Nagel schmerzhaft auf den Kopf getroffen.

Das bedeutet aber auch: Das Vergnügen des Zuschauers hängt sehr stark daran, ob er sich für die Vorgänge hinter den Kulissen einer Serie überhaupt interessiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass "Moving Wallpaper" hier in Deutschland eine Chance hätte. Es ist im positiven Sinne eine Serie für Fans und Insider.



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Daniel
Daniel
14. April, 2009 12:36

Wetter doch nicht immer so beiläufig gegen "Lost", bevor die Serie nächstes Jahr ihr furioses und alle Fragen beantwortendes Finale hat.

Peroy
Peroy
14. April, 2009 13:09

"Harper’s Island" klingt großartig… ein dreizehn-Stunden-Whodunit. Ich bin dabei… 8)

OnkelFilmi
14. April, 2009 13:23

Was? Kein Namedropping? Kein "Bei Moving Wallpaper sind Ben Miller (Lester aus "Primeval") und Alan Dale (Charles Widmore aus "Lost") dabei" ? Kein "Und "Krod Mandoon and the Flaming Sword of Fire" hat John Rhys-Davies und den grandiosen Matt Lucas ("Little Britain/Little Britain USA")!" ?

Und keine Erwähnung davon, daß bei "Harper’s Island" der Sentinel himself, Richard Burgi den schmierigen Millionär spielt? Oder der Sheriff niemand anders ist als Bobby (Jim Beaver) aus "Supernatural"? Und er gleich noch die originale Ruby (Katie Cassidy) mitgebracht hat? Und auch everybody’s favorite chef, Vincent (Chris Gauthier) aus "Eureka" hat’s auf die Insel verschlagen, wo er bestimmt ein böses Ende finden wird.

"13 Episodes, 25 Suspects – 1 Killer!"

Und was den Gore angeht – dreh mal die Helligkeit hoch beim letzten Kill 😉

Zwar immer noch zahm, aber ich denke mir mal, daß die Staffelbox mehr zeigen wird…

Dr. Acula
14. April, 2009 13:44

"Harper’s Island" klingt echt gut – nach all den künstlich verlängerten Mysteryquarkserien der letzten Jahren ist so eine kurze, knackige, 1-Season-Angelegenheit genau das, worauf ich gewartet habe 🙂

"Moving Wallpaper" – hört sich auch nach Futter für mich an. Muss man für die erste Staffel "Echo Beach" idealerweise auch kennen?

Wortvogel
Wortvogel
14. April, 2009 13:51

@ Filmi: Für den ganzen Casting-Kram habe ich weder Zeit noch Geduld. Du machst das ja schon ganz prima 😉

@ Doc: Es reicht sogar die zweite Staffel "Moving Wallpaper".

Heino
Heino
14. April, 2009 19:05

Also, "Moving Wallpaper" klingt schon extrem interessant. Ich bin heute noch sauer, die grandiose Serie "Action" nur eine Staffel geschafft hat und hier auch nur im Nachtprogramm lief. Das schreit nach Ersatzbefriedigung…

der Rest klingt auch interessant. Sollten sie den Sprung über den Teich schaffen, schau ich sicher in beide Serien mal rein

Peroy
Peroy
14. April, 2009 19:14

"Ich bin heute noch sauer, die grandiose Serie “Action” nur eine Staffel geschafft hat"

Ja, das war ich. Ich hab' denen gesagt, sie sollen’s knicken… sorry…

Heino
Heino
14. April, 2009 19:26

Scherzkeks:-))

T.R.
T.R.
14. April, 2009 22:06

Hat Lost nicht immer schon nächstes Jahr das furiose Finale, in dem alle Fragen beantwortet wurden ? Das war doch schon angekündigt, als die Welt noch schwarzweiß war.

Baumi
15. April, 2009 02:19

Nö, das Lost-Finale ist für das Ende der 6. (also der nächsten) Staffel angekündigt – und seitdem das feststeht – so ca. ab dem Ende der 3. Staffel – kommt auch wieder Pfeffer in das Ganze, wiel man das Gefühl hat, dass die reise auch ein Ziel hat. In der aktuellen Staffel gibt’s sogar mal ein paar Antworten. Kann aber jeden verstehen, der unterwegs aufgegeben hat, ich bin zwischendurch auch nur dran geblieben, weil wir mit ein paar Leuten so ein Ritual haben, alle paar Wochen neue Folgen gemeinsam zu gucken – und sowas mag ich eben. 🙂

Dr. Acula
15. April, 2009 10:57

@Vogel
Auch wenn du sagst, dass die zweite Staffel langt – ich hab mir jetzt gerade – und im Zweifel bist DU schuld :-)) – die erste Moving-Wallpaper-Staffelbox bestellt (angeblich ist da auch Echo Beach mit drin. Mal sehen, ist ein amazon-Marketplace-Versender, dem trau ich da nicht so über den Weg…).

Peroy
Peroy
22. August, 2009 12:54

"Harper’s Island" läuft übrigens ab Mittwoch auf Pro7… i freu mi…

PabloD
PabloD
8. Dezember, 2009 14:30

@OnkelFilmi: "Und was den Gore angeht – dreh mal die Helligkeit hoch beim letzten Kill ;)"

Weil ich des Wortvogels Empfehlung am Wochenende mal befolgt und Harper’s Island mehr oder weniger in einem Rutsch durchgeschaut habe, muss ich das hier nochmal aus der Versenkung holen. Der letzte Kill war doch der mit dem Walspaten am eigentlichen Mörder (will ja nix spoilern). Ich hatte deine Worte noch im Hinterkopf und dann kam – nix. Nichtmal ein Blutstropfen! Und taghell war es auch noch. Meintest du vielleicht den zweiten Mord auf der Holzbrücke?

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[…] quält sich durch mehr als 90 Minuten für ein paar flaue Kalauer, die samt und sonders in “Kröd Mändoon and the flaming Sword of Fire” schon abgefeiert wurden. Im Fernsehen. Wo so ein Projekt auch wahrlich hingehört. Peinlich […]

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[…] angekommen. Versuchte man es bei „Scream“, „Scream Queens“ und früheren Produktionen wie "Harper's Island" noch mit Elementen von Soap, Satire und Crime Procedural, ist „Slasher“ die reine Lehre, das […]