abar1USA 1977. Regie: Frank Packard. Darsteller: J. Walter Smith, Tobar Mayo, Roxie Young, Gladys Lum

Ich war nie ein großer Freund des Blaxploitation-Films. Ich verstehe zwar die Notwendigkeit des Genres, und den politischen Hintergrund seiner Aussagen, aber diese „der schwarze Supertyp zeigt es dem korrupten weißen Establishment“-Masche ermüdet mich schnell, zumal hier gerne Seximus, Chauvinismus, und Rechtlosigkeit als erstrebenswerte Eigenschaften propagiert werden. Auch technisch sind die meisten der Filme unter aller Sau, allen voran der Klassiker „Sweet Sweetback’s Baaadasss Song“.

Filmhistorisch ist der Blaxploitation-Film natürlich schon interessant – nach und nach annektierten die Schwarzen klassische weiße Autoritätsfiguren: Der Bulle, der Mafiaboss, Dracula, sogar Samson und die Gestapo! In diesen Streifen entstand eine afroamerikanische Gegenwelt, in der „honkies“ nur Störfaktoren sind, und ihre Gesetze keine Gültigkeit haben.

Die Stilisierung des schwarzen Mannes zum ultrapotenten Übermenschen, an sich natürlich verdammenswert rassistisch, hat einen folgerichtigen Endpunkt: der schwarze Supermann. Das ultimative Gerechtigkeits-Symbol des weißen Mittelklasse-Amerikas, umgedeutet zum Ghetto-Helden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand darauf kam. Und die Zeit war 1977.

Es ist eine alte Hollywood-Faustregel, dass die Filme eines Genres immer dümmer und verzweifelter werden, je mehr dem aktuellen Trend die Luft ausgeht. Wenn das Zuschauerinteresse Hand in Hand mit dem Bugdet nachlässt, muss man sich als Produzent was einfallen lassen, um noch aufzufallen.

1977 war der Blaxploitation-Film am Ende, auch wenn das noch nicht alle Beteiligten mitbekommen hatten. Der revolutionäre schwarze Heldenfilm war längst von Hollywood absorbiert, analysiert, und keimfrei adaptiert worden. Der traurige Rest erging sich in bizarren Produktionen wie „Black Gestapo“ oder dem deliriös-grandiosen „Gang Wars“.

„Abar: Black Superman“ ist eine außerordentlich billige Produktion, über die nur wenig bekannt ist. Umso erfreuter war ich, als ich vor ein paar Jahren über ein Bootleg stolperte (mitterweile ist der Film relativ problemlos als offizielle DVD erhältlich).

Es geht um die schwarze Familie Kincaid, die in das Vorstadt-Viertel Meadow Park zieht. Leider sind sie bei den Nachbarn nicht willkommen – der weiße Mittelstand sieht sich von den Niggern bedroht:

Schon das ist natürlich alberner Unfug: Die luschigen Babyboomer von LA als weißer Mob im Südstaaten-Stil der 50er? Nazi-Armbinden?

Wie dem auch sei: Familienoberhaupt Dr. Kincaid ist nicht bereit, zu weichen – und mehrfach muss ihm die Ghetto-Patrouille um den charismatischen Abar zur Seite stehen. Kincaid will „white suburbia“ als bürgerlicher Schwarzer von innen heraus aufweichen, während Abar überzeugt ist, dass die Schwarzen nur als Gemeinschaft eine Chance gegen die hasserfüllten Weißen haben. Darüber diskutieren beide auf ausgiebigen Autofahrten ausführlich:

Während die rassistischen Nachbarn Müll vor das Haus der Kincaids schütten und Parolen brüllen, mixt Onkel Doktor im Kellerlabor ein Mittelchen, welches im Bestfall einen Mann zum Supermann machen kann. Als der Sohn Kincaids von einem Rassisten überfahren wird, liegt die Lösung nahe: Abar schluckt den Trank.

SHAZAM!

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Nun würde man denken, es sei Zeit für ein paar saftige schwarze Tritte in weiße Ärsche, wie auch das amüsant fehlgeleitete Cover zum Re-Release links impliziert (was macht die Tusse von Technotronic da?).

Mitnichten: Abars Kräfte sind mehr mentaler Natur – Großaufnahmen seiner brauenlosen Augen lassen weiße Cops aufeinander losgehen, pusten Rassisten die Straße entlang, und geben Bordsteinschwalben die Kraft, ihren Pimps in die Klöten zu treten. Dafür muss der „schwarze Supermann“ nicht mal einen Finger krumm machen.

Okay, besonders actionreich ist es nicht gerade, wenn der Held mit einem strengen Blick für Ordnung sorgt, aber dafür wird jetzt abgerechnet, richtig?

Leider nein. Abar hat die Kräfte kaum, da ist der Film auch schon aus. Wie es scheint, ist der Rassismus mit einer steifen Brise, ein paar Sprüchen von Martin Luther King, und einem unglaublich doofen Plot-Twist zu besiegen:

Man fasst es nicht: Ein Film über den ersten „schwarzen Supermann“ ergeht sich in stümperhaften Diskussionen über die Natur des amerikanischen Rassismus, und zeichnet die Black Power-Bewegung als friedfertige Versammlung politisch aufgeweckter Aktivisten, die natürlich keinem „honky“ ein Haar krümmen würden.

Ich muss der traurigen Wahrheit ins Gesicht sehen: „Abar: Black Superman“ ist kein trashiger Blaxploitation-Knaller wie „Black Gestapo“ oder „Gang Wars“, sondern ein dröger Message-Film, der seine saftige Grundidee dem Prinzip der totalen Gewaltlosigkeit und der politischen Verantwortung opfert. Das hat die aufklärerische Kraft eines Beitrags in der Sesamstraße („heute lernen wir den Buchstaben B – B wie „bourgeoiser weißer Drecksack“), und auch ungefähr die vergleichbare erzählerische Verve. Was sich die Amateurschauspieler hier zusammen stammeln, ist mit „peinlich“ noch großzügig umschrieben. Kein Wunder, dass praktisch keiner der Beteiligten jemals wieder in die Nähe einer Filmkamera gelassen wurde.

Wie schade. „Black Superman“ klang sehr vielversprechend. Aber als No Budget „Wir im Ghetto“-Solidaritäts-Regionaltheater kann er nicht einmal mehr ein müdes Lächeln provozieren.

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Movie Mania 2012 (11): Devil’s Express aka Gang Wars | Wortvogel – 100 % Torsten DewiTornhill Recent comment authors
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Tornhill

DAS ist nun aber wirklich eine Schande!
Man ist von Blaxploitation ja viel an Albernheit, Dummheit und Rassismus gewohnt und verzeiht es auch gerne, aber erst die platten, unrealistischen weißen Feindfiguren aufstellen und sie dann nicht angemessen umhauen, sondern etwas von Friede, Freude und Toleranzkuchen reden ist eine Enttäuschung. Das geht nun wirklich nicht.

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[…] habe. Gegen Ende der Blaxploitation-Welle wurden ja diverse schräge Genre-Mixes produziert (Black Superman, Blackula, Black Gestapo), aber dieser hier versprach verschärftes Entertainment – und er […]