sukiyaki1Japan 2007. Regie: Takashi Miike. Darsteller: Hideaki Ito, Masanobu Ando, Koichi Sato, Kaori Momoi, und Quentin Tarantino

Immer wenn ich sage, dass ich über einen Film nicht viel schreiben kann, wird am Ende doch ein langer Review draus (nicht so lang wie die vom Doc Acula, aber ich habe schließlich auch ein Leben). Heute bin ich allerdings ziemlich sicher, dass die Wortzahl sich in Grenzen hält.

Mein ambivalentes Verhältnis zu Takashi Miike hatte ich bereits in der Kritik zu dem überraschend gelungenen „Like a Dragon“ angedeutet – einerseits bewundere ich einen Regisseur, der 20 Jahre lange 4 Filme pro Jahr raushauen kann, ohne dabei auf das Trash-Level von Fred Olen Ray oder Jim Wynorski abzusacken. Andererseits wünsche ich mir bei jedem seiner Filme, er würde sich mal fünf Minuten lang überlegen, was er da macht – und was er damit sagen will. So verspielt und manisch temporeich sein Oeuvre auch ist, es mangelt ihm an erzählerischer Reife. Miikes Regie wirkt immer überdreht und hypernervös, als könne er sich nicht konzentrieren.

Aus diesem Grund wollte ich eigentlich auch keine weiteren Filme von ihm besprechen. Aber die Bilder von „Sukiyaki Western Django“ (und der Titel!) machten mich einfach zu heiß.

Inhaltlich ist SWD ein krudes Remake von „Für eine Handvoll Dollar“, der ja selber auf Kurosawas „Yojimbo“ zurückgeht, und dessen Fantasy-Variation „Die Hexe und der Krieger“ ich bereits besprochen habe.

Angesiedelt ist die Story in einem fiktiven japanischen Landstrich des 19. Jahrhunderts, der deutlich an den amerikanischen Westen erinnert. An geeigneten wie ungeeigneten Stellen rührt Miike dann auch noch ein wenig „Django“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, und andere Spaghetti-Western unter.

Der Plot ist ja hinlänglich bekannt: In einem kleinen Ort bekriegen sich zwei Clans. Ein Fremder ohne Namen ™ stößt dazu, spielt alle gegeneinander aus, es wird viel geschossen, viel gestorben, und die Moral von der Geschichte ist wohl, dass irgendeiner immer schneller zieht als man selber.

Miike wäre nicht Miike, wenn er diese einfache Mär nicht mit denkbar bizarren Stilmitteln aufpolieren würde: Quentin Tarantino als Erzähler, diverse Flashbacks, gemalte Hintergründe, und eine komplett deplatzierte Zeichentrick-Sequenz halten die Staun-Region im Gehirn des Zuschauers auf Trab.

Das ist alles extrem schick gefilmt, und in der Actionchoreographie durchaus überzeugend. Miike-Standard seiner besser budgetierten Filme also.

Jetzt müsste der Kram bloss noch einen Unzen Interesse erzeugen können. Aber sogar das Pferd ist eingeschlafen:

sukiyaki2

Miike schafft es, einen Plot zu vergeigen, der eigentlich nicht zu vergeigen ist. Keine der Figuren hat Profil, alles definiert sich über den Look, niemand ist wirklich ernstzunehmen, und der Held bleibt deutlich blasser als die Bösewichter (oder seine Mutter!). Dem Film mangelt einfach die Ruhe, um den Konflikt aufzubauen, um Spannung zu erzeugen. 95 Minuten permanentes Geballer ermüden sehr schnell. Ich mag gar nicht daran denken, dass die japanische Fassung über 20 Minuten länger ist.

SWD ist keine neue Interpretation der alten Geschichte – er ist die Nacherzählung eines aufgeregten kleinen Jungen, der alles mit wedelnden Armen und hochrotem Kopf erzählt, mit Worten, die die Subtilität von Wachsmalstiften haben.

Was dem Film aber komplett und endgültig das Genick bricht, ist der bizarre Versuch, mit japanischen Schauspielern auf englisch zu drehen. Sämtliche Dialoge sind übelst radegebrochen, und viele der Darsteller kann man überhaupt nicht verstehen. Englische Dialoge – und trotzdem braucht man Untertitel. So kommt kein Filmvergnügen auf. Und richtig schauspielern können die Darsteller angesichts der Belastung auch nicht. Das erinnert schmerzhaft an „Virus Undead„, und ist vergleichbar effektiv.

Kurzum: egal, wie erdbebensicher der Plot, wie bunt und beweglich die Kameraarbeit, wie launig mancher Einfall – Miike hat’s versaut. SWD ist ein mißglücktes Experiment, und ich werde mir nochmal „Like a Dragon“ ansehen müssen, um mich zu überzeugen, dass der Regisseur in besseren Momenten sowas wie raues Talent besitzt.

Kein Zufall, dass der Trailer kaum etwas von den englisch gesprochenen Dialogen zeigt:



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HeinoMarkoMenckenWortvogelmilan8888 Recent comment authors
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Dr. Acula

Ich verwahre mich gegen die Unterstellung, ich hätte kein Leben *schmoll*

Michael
Michael

Na, so kurz ist’s am Ende dann doch (wieder) nicht geworden.

Die Metapher mit dem kleinen Jungen hat mich eben mal kurz laut auflachen lassen. Vom Genre her zwar nichts für mich, trotzdem eine schöne Filmkritik, danke dafür!

prty
prty

„Das ist alles […], ziemlich gut gespielt, und in der Actionchoreographie durchaus überzeugend.“

„Und richtig schauspielern können die Darsteller angesichts der Belastung auch nicht.“

passt nich ganz, oder hab ich da was missverstanden?
wollt den film ja schon immer mal sehen und die kritik hat mich jetzt wieder dran erinnert. und dein (wirklich schönes) bild vom kleinen jungen mit rotem kopf hat mich trotz des so negativen fazits nur noch neugieriger gemacht.

Peroy
Peroy

„Miikes Regie wirkt immer überdreht und hypernervös, als könne er sich nicht konzentrieren.“

Nie „Audition“ oder „The Call“ gesehen, hmm… ?

Jetzt nicht lügen…

Peroy
Peroy

Weil das Wörtchen „immer“ dann einfach fehl am Platz ist… an denen ist nichts hektisch oder überdreht.

Wahrscheinlich gibt’s in Japan fünf verschiedene Regisseure, die alle Takashi Miike heißen, und das hat bislang nur noch keiner gemerkt…

Peroy
Peroy

Leih‘ dir „Audition“ aus…

Nach nochmaliger Überlegung, lass‘ es lieber… 8)

Tornhill
Tornhill

Hm, schade!

Ich bin beileibe kein Miike-Fan (auch, wenn es immer wieder mal was nettes bei ihm gibt), aber in den Film hatte ich wirkliche Hoffnungen gesetzt.

Vielleicht kann ich ja etwas mehr damit anfangen – ich habe ja des öfteren einen irrationalen Hang zu Stylefilmen, denen ich andere Defizite verzeihen kann. Allerdings sollte ich wohl lieber zu einer deutschen Synchro greifen.

fisch
fisch

Den muss ich sehen – alleine schon wegen „The Red“, „The White“ und vor allem wegen der Gatling Gun!

milan8888

Vielleicht verstecken sich Charakteraufbau und Spannung in den weggekürzten 20 Minuten?

Mencken
Mencken

Ich bin zwar auch kein großer Miike-Fan, aber Peroy hat in diesem Fall durchaus recht – Audition, The Call, Bird People in China, Ley Lines, Rainy Dog und mit Abstrichen sogar Visitor Q und Happiness of the Katakuris sind allesamt Filme, die zwar ebenfalls ihre Schwächen haben, aber durchaus ruhig und konzentriert erzählt sind (und wahrscheinlich gibt es da noch weitere Beispiele, kenne beileibe auch nicht alle Filme von ihm).

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ich halte wenig davon, Leuten zu erzählen, daß sie aber noch unbedingt diesen oder jenen Film gesehen haben müssen, um irgendwen oder irgendetwas richtig einschätzen zu können, aber bei Miike lohnt es sich wirklich, mal einige seiner ruhigeren Werke anzusehen. Wenn er will, dann kann Miike wirklich gut Geschichten erzählen, wobei mir gerade dieser Umstand dann seine überdrehten Werke oftmals verleidet – finde es immer schlimmer, wenn jemand etwas eigentlich kann, aber einfach nicht macht, als Fälle, bei denen der Wille eventuell sogar vorhanden ist, aber offensichtlich einfach nicht das entsprechende Talent.
Die Dialoge direkt auf englisch sprechen zu lassen soll wohl übrigens auch irgendeine Metabedeutung haben, habe aber schon wieder vergessen, was uns Miike damit sagen wollte.

Marko

Hat jemand „Gozu“ gesehen? Das war bislang mein einziger Miike-Film, und ich hab‘ ihn nicht verstanden. (Vergessen aber auch nicht, immerhin.)

Gruß,
Marko

Heino
Heino

Miike hat einige IMHO sehr gute Filme gemacht, darunter die schon erwähnten Audition, die extrem gewöhnungsbedürftige Satire Visitor Q oder Salaryman Kintaro (seine Version von Wall Street). Auch im Action- und Splatterbereich hat er durchaus mit Filme wie dem ersten Dead or alive oder Ichi the killer echte Granaten vorzuweisen. Dem stehen dann allerdings auch haufenweise richtig öde und schlechte Filme gegenüber. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass er durchschnittlich 4 Kinofilme, ein rundes Dutzend Videopremieren und ungezählte Piku Eiga pro Jahr raushaut. Bei einem solchen Pensum ist die Wahrscheinlichkeit für echte Meisterwerke automatisch dünn gesät, aber Miike bleibt immer interessant, weil unberechenbar. Kann man z.B. vom einst großen Beat Takeshi oder Johnnie To nicht mehr sagen.