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Mrz 2009

Ruhe da vorne! Movie-Mania 2009 (59) Heute: Chrysalis

Themen: Film, TV & Presse, Movie-Mania 2009, Neues |

chrysalis1Frankreich 2007. Regie: Julien Leclercq. Darsteller: Albert Dupontel, Marie Guillard, Marthe Keller, Melanie Thierry, Claude Perron, Patrick Bauchau

Mit dem französischen Kommerz-Kino habe ich die selben Probleme wie mit dem aktuellen Hongkong-Film: alles sehr schnieke, sehr glatt, und die hohen Budgets lassen mich grün vor Neid werden – aber meistens steckt im schicken Paket nur heiße Luft, bestenfalls belangloser Zeitvertreib. Style over content. Es ist kein Wunder, dass mich die silbergraue Designer-Welt von "Chrysalis" ein ums andere Mal an den Superdieb-Film "Silver Hawk" mit Michelle Yeoh erinnert. Oder an Werbungen für Mercedes und teure Uhren.

Irgendwann im Paris des neuen Jahrtausends: Polizist David verliert seine Partnerin an einen Killer. Zeitgleich wird die junge Mélanie bei einem Autounfall schwer verletzt. Als sie in der Klinik ihrer Mutter erwacht, ahnt sie nicht, dass ihr Schicksal mit dem von David verknüpft ist. Es geht in beiden Fällen um "Chrysalis", eine Maschine, die Gedanken digital speichern – und übertragen kann.

Zugegeben, diese Plotbeschreibung ist sehr dünn. Aber das ist der Film leider auch. Ein belangloser, mit begrenzten futuristischen Elementen und aufgepumpten Actionszenen angehauchter Krimi, dessen zwei Handlungsstränge zu willkürlich nebeneinander her laufen, um uns am Ende, wenn sie sich endlich überschneiden, noch zu interessieren.

chrysalis2Die Welt von "Chryalis" ist eine Welt ohne echtes Leben, ohne echte Farben. Gebürstetes Aluminium, nackter Beton, semi-transparente Scheiben dominieren. David spricht mehr mit dem Computer, der seine Wohnung steuert ("Licht an!"), als mit seiner neuen Partnerin Marie. Die Menschen sind ästhetisch, ätherisch, perfekt auf eine hingeschminkte und antrainierte Weise. Die Einbrüche von Gewalt in diese fast auf THX1138-Niveau gefühlsreduzierte Welt wirken wie temporäre Störungen des Systems.

Dem Look angemessen verhalten sich alle Figuren steif, distanziert, fast mechanisch. Es ist unmöglich zu beurteilen, ob die Schauspieler außerhalb dieses kühlen Theaters in der Lage wären, darstellerisch zu überzeugen. Selbst die Grand Madame des 70er-Films, Marthe Keller, arbeitet sich hilflos an solchen Monologen ab:

So bleibt ein schicker, aber entsetzlich leerer Film, der irgendwo zwischen "Blade Runner" und "Shattered" vergessen hat, eine eigene Identität zu entwickeln. Seelenloses Designer-Kino.

chrysalis3

Kurioserweise habe ich "Chrysalis" am gleichen Abend wie "The Broken" gesehen, und beide Filme haben fast die exakt gleichen Probleme, den Zuschauer für die dargebotene Welt zu interessieren.

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Lutz
Lutz
29. März, 2009 04:49

So langsam wünsch ich mir echt mal, dass du eher Filme besprichst, die dir auch gefallen. Das scheint hier echt die absolute Minderheit zu sein.

Wortvogel
Wortvogel
29. März, 2009 12:01

@ Lutz: Ich weiß ja vorher leider nicht, was mir gefällt. Und ich bin in der Tat sehr kritisch – ich finde es unfair gegenüber wirklich guten Filmen, wenn man eher schlechte Filme zu gut bewertet. Trotzdem versuche ich derzeit, die Zahl der potentiell guten (oder wenigstens unterhaltsamen) Filme durch eine kritischere Auswahl zu erhöhen. Immer eine unsichere Bank bleiben relativ aktuelle Filme, die ich einfach nur deswegen anschaue, weil ich wissen will, wie der Markt momentan aussieht (aus der Ecke kommen demnächst z.B. noch "The Broken" und "Butterfly Effect 3").

Grinsi KleinPo
Grinsi KleinPo
29. März, 2009 13:30

Es ist schon schrecklich, wenn man sich aus beruflichen Gründen so etwas antun muß. Butterfly Effect 3, alleine der Titel würde mich abschrecken. Wie einfallslos muß der Film sein, dessen Grundidee schon ein drittesmal aufgekocht wird. Eine Dokumentation über das Paarungsverhalten von Südtibetanischen Wüstenrennmäusen wäre interessanter. Als ein Film der so genannt wird. Ich nehme mal an, dass sich der deutsche Verleih die Mühe spart den Titel einzudeutschen.
IN diesem Sinne.

Wortvogel
Wortvogel
29. März, 2009 13:40

@ Grinsi: Nun red' mal nicht so einen Unfug: es beschwert sich auch niemand über den 22. Bondfilm. Ein Konzept mehrfach durchzukochen, ist völlig legitim – wenn es denn gut genug ist. Wie interessant der Film ist, kannst du nicht beurteilen, weil du ihn nicht gesehen hast. Vorverurteilungen fallen auf dich zurück.

Ich fand den ersten "Butterfly Effect" ganz hervorragend, und kann mir durchaus vorstellen, dass da Material für mehrere Geschichten drin steckt (es ist ja an keine Person gebunden). Teil 2 habe ich ausgelassen, aber als alter Alternativwelt-Geek freue ich mich schon auf die neue Version.

Außerdem mache ich das hier NICHT beruflich.

Lutz
Lutz
29. März, 2009 14:55

@ Wortvogel
Ich bemängele auch nicht, dass du sehr kritisch bist. Das find ich gut und du begründest ja auch gut, warum du einen Film nicht magst. Ich will auch gar nicht, dass du jetzt Filme, die du nicht magst, auslässt.
Ich finde aber, dass eben die Auswahl der Filme, die du für die Reihe hier triffst, oftmals schon von vornherein suggeriert, dass der Film halt mies sein wird. Bei vielen von denen brauch ich nur auf das Cover zu schauen und kann es mir sparen, den anzusehen. Ich hab das hier vielleicht beim falschen Beispiel geschrieben. Eigentlich bezieht sich das noch eher auf die Diskussion über "good movies". Ich weiß, deine Prämisse ist, dass du dir eben keine Vorgabe setzt, was du dir ansehen willst und dass jeder Film sich für diese Reihe eignet. Bisher ist es aber doch sehr C-Z-Film-lastig. Aber ich merke in letzter Zeit in der Tat einen leichten Aufschwung.

Wortvogel
Wortvogel
29. März, 2009 15:06

@ Lutz: In der Tat ist das immer ein Kampf, weil ich selber auch nicht weiß, was beim Leser ankommt. Es scheint, als würden gerade Klassiker beim Publikum auf nur auf mildes Interesse stoßen, wären aktuelle DVD-Reißer, so banal sie auch sein mögen, "näher dran" sind.

Bei "Chrysalis" hatte ich mir deutlich mehr erhofft. Gerade die aktuelleren Filme schaue ich eigentlich nur, wenn sie zumindest das Potential haben, technisch und inhaltlich zu überzeugen.

Es ist außerdem ein Kampf um die Meinungshoheit: will der Leser lieber über Filme lesen, die sehr obskur sind, oder soll es um Streifen gehen, die er sich selbst ansehen kann? Besteht Interesse an ernsthaften Auseinandersetzungen, oder werden spaßige Verrisse vorgezogen? Ich kann da selbst nicht urteilen, und versuche das zumindest im Wochentakt zu mischen (Blockbuster, Klassiker, Trash, Doku, B-Film).

Ich kann die Auswahl auch nicht demokratisch auf die Leser verlagern – ich bespreche, was ich zur Verfügung habe, und was mich interessiert.

Ob die Mischung insgesamt stimmt, wird man erst am Ende des Experiments beurteilen können – und auch, ob es nächstes Jahr damit weiter geht.

Peroy
Peroy
29. März, 2009 15:51

"ich finde es unfair gegenüber wirklich guten Filmen, wenn man eher schlechte Filme zu gut bewertet."

Außer sie laufen auf dem FFF… 8)

Grinsi KleinPo
Grinsi KleinPo
29. März, 2009 17:18

@Wortvogel: Butterfly Effect ist ja was schönes, aber wie bitte schön kann man drei Teile über ein Thema verfilmen, dessen wissenschaftlicher Hintergrund für die aller meisten Menschen nicht greifbar ist. Für Filmemacher natürlich kein Problem. Es ist ja auch recht einfach etwas was aus der Chaostheorie kommt mit Action-, SF- und Dramasouce zu überziehen. Leider ist das alles sehr sehr dürftig, denn so richtig ist das alles nicht und der benutzte Plot von solchen Filmen ist dünner als dünn.

So wie du Kritik an der Machart und Umsetztung übst, übe ich Kritik an der Unwissenheit des einen oder anderen Filmschaffenden. Chaos und Chaos ist nicht unbedingt das selbe.

Es mag natürlich sein, dass der Film eine recht unterhaltsame Geschichte erzählt und die Bilder nett anzuschauen sind, aber bitte nur einmal.

Zum Thema Bond sei bitte gesagt, dass bis auf die letzten beiden (?) Filme jeder Film in sich eine eigenständige Geschichte erzählt und die Bondmacher nie auf den Gedanken gekommen sind ihre Film im Titel durchzunummerieren. Die haben sich immer einen Titel einfallen lassen, obwohl sie es hätten auch mit Nummern hätten machen können.

Ich beklage mich aber nicht darum, das Mehrteiler inzwischen überhand nehmen in der Filmbranche. Ich beklage, dass die Macher nicht einmal einen Gedanken darauf verwenden, sich einen Titel auszudenken. Für mich fing das alles mit Rocky an würde bei Matrix pervertiert und findet seine Spitzen in allem was halbwegs seine Produktionskosten eingespielt hat. Für mich sind solche Lieblosen Filmtitel ehr abschreckend und nicht unbedingt eine Empfehlung zum anschauen.

Zum Schluß sein angemerkt, dass das Thema Butterfly Effect sehr viel mehr hergibt, als sich Hollywood eh vorstellen kann. Es ist einfach das alte Thema was wäre wenn nur auf einer etwas anderen Ebene. Es geht hier einfach um die Sichtweise der Welt. BE besagt, das selbst bei kenntnis der Gesetzmäßigkeiten eine Vorhersage über die entwicklung eines Systems nicht mehr deterministisch ist. Wetter ist ein gute Bespiel, aber bei weitem nicht das beste.
Aber egal Schwamm drüber.

Wortvogel
Wortvogel
29. März, 2009 17:26

@ Grinsi: sorry, du bewertest BE3 immer noch, ohne ihn gesehen zu haben. Und wie bei den Bondfilmen haben die Streifen das gleiche Thema, erzählen aber immer eine andere Geschichte. Da ist kein Unterschied.

"Der Film interessiert mich nicht" ist eine legitime Aussage – "Eine Dokumentation über das Paarungsverhalten von Südtibetanischen Wüstenrennmäusen wäre interessanter" ist hingegen Unfug, wenn man nicht mal weiß, wovon man redet.

Peroy
Peroy
29. März, 2009 17:31

Der Grinsi redet gerade einen Quark, das geht auf keine Kuhhaut… 😕

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[…] lebt auch von seinen ungewöhnlich intensiven Darstellern: Dupontel (“Chrysalis“) ist so eine Art Götz George mit permanent latentem Wahnsinn im Blick, Alice Taglioni ist […]

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