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Mrz 2009

Ruhe da vorne! Movie-Mania 2009 (43) Heute: Der Springteufel

Themen: Film, TV & Presse, Movie-Mania 2009, Neues |

springteufel1Deutschland 1974. Regie: Heinz Schirk. Darsteller: Dieter Hallervorden, Arno Assmann, Klaus Dieter Söder u.a.

Ein Mann sitzt mit Koffer und Kofferradio an einer Autobahnauffahrt. Sein Pappschild sagt "Frankfurt", aber er lehnt alle Mitnahme-Angebote ab, bis ein reicher Unternehmer mit seinem Protz-Cabrio hält. Dann beginnt er systematisch, den selbstgefälligen Fahrer erst zu verunsichern, dann zu desorientieren, um ihn schließlich ganz offen mit einer Waffe zu bedrohen. Doch es geht ihm nicht um Geld, oder um Rache…

"Didi" als psychopathischer "Hitchhiker from hell"? Wer hätt’s gedacht?

Eigentlich hätte "Der Springteufel" schon früher in mein Blickfeld kommen müssen – schließlich wurde die üppig ausgestattete DVD vor einiger Zeit von Turbine veröffentlicht, und Turbine gehört zum Teil Christian Becker, der "Vollgas" und "Lotta in Love" produziert hat. Muss aber an mir vorbeigegangen sein.

Nun ist es nicht so, dass Hallervorden anno 1974 schon als Komiker festgelegt war. Er arbeitete vornehmlich als Kabarettist, und spielte einen Killer in Wolfgang Menges faszinierendem "Millionenspiel". "Der Springteufel" entstand als Fernsehspiel für den Saarländischen Rundfunk, und ein Blick in die Credits deutet auf eine faszinierende Entstehungsgeschichte hin. Autor ist nämlich der Engländer Derrick Sherwin, der ein paar Staffeln "Dr. Who" produzierte (u.a. den Übergang von der Schwarzweiß- in die Farb-Ära). Das in der Heimat unproduzierte Drehbuch wurde eingekauft und übersetzt (Übersetzer Karlhans Reuss bekommt unglaublicherweise einen gleichwertigen Credit im Vorspann). Zwar kann man die Upperclass-Ansätze des Autofahrers durchaus noch zwischen den Zeilen erkennen, Arno Assmann spielt ihn allerdings deutlich in Richtung Wirtschaftswunder-Kapitalist. Auch in der Darstellung der Kneipe lassen sich englische Einflüsse nicht leugnen.

Hallervordens Darstellung ist weniger deshalb faszinierend, weil er zur Abwechslung mal halbwegs ernst bleibt, sondern weil "der Anhalter" schon erstaunlich viel "Didi" in sich hat. Er ist so eine Art Prototyp des hysterischen Verlierers, den Hallervorden im nächsten Jahr in "Nonstop Nonsens" perfektionieren sollte. Die Lache, die Frisur, die linkische Gestik, und sogar die Eigenheit, unbekannte Liedtexte durch "Schneuf schneufi schneuf…" zu ersetzen – alles schon da. Der Anhalter ist "The Dark Side of Didi", und macht beeindruckend klar, wie nah die manische Figur sowieso am Abgrund steht.

Auch der historische Kontext ist interessant: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen der frühen 70er war (vom BR mal abgesehen) ziemlich linkslastig, und sehr beeinflusst vom Neuen Deutschen Film. Es wurde viel experimentiert, viel schwadroniert, und viel politisiert. "Der Springteufel" passt da ganz gut rein, ist "der Anhalter" doch ein prima Sinnbild für den "kleinen Mann", der beim reichen "Autofahrer" mitfährt, und diesem schnell den Posten streitig machen will. Holzhammer-Subtext: Die Masse wird belogen und verrückt gemacht, der Geldadel versteckt sich hinter Statussymbolen – und wehe, wenn Rebellion droht. Am Ende hilft die Polizei immer dem Anzugträger.  Eine sozialdemokratische Fabel, wie sie im (Dreh)Buche steht.

springteufel2

Abgesehen von der plumpen, aber in ihrer Zeit durchaus üblichen Polemik hat "Der Springteufel" mit ein paar Logikfehlern zu kämpfen (schon die Frage nach dem Personalausweis würde die Charade beenden), und läuft nach einer Viertelstunde einfach zu vorhersehbar auf das einzig erwartbare Ende zu. Wendungen oder Überraschungen sucht man vergeblich. Andererseits ist die TV-Produktion nicht einmal eine Stunde lang, und überfordert die Geduld der Zuschauer an keiner Stelle.

"Der Springteufel" macht alte Säcke wie mich nostalgisch – sowas wird heute gar nicht mehr produziert: ein experimenteller, einstündiger TV-Film, ganz ohne Romanze, Frauen in Gefahr, dafür mit verschiedenen Ebenen, politischer Haltung, und knackiger Inszenierung. Es ist trotz aller Schwächen genau die Sorte Film, für die ich meine Gebühren gerne zahlen würde. Keine weichgespülte Soße, die zwischen zwei Werbeblocks passen muss.

Fernsehen mit Eiern.

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Marko
12. März, 2009 12:16

Ogottogott, ich würde mir in die HOSEN machen, wenn jemand wie Hallervorden mir eine Waffe unter die Nase halten würde. Ja, der Mann passt perfekt in die Rolle des kranken Psychos …

Gruß,
Marko

Mencken
Mencken
12. März, 2009 13:15

Nach Ansicht des Trailers auch noch?

Tornhill
Tornhill
12. März, 2009 13:38

Wirklich interessant!

Ich hatte schon mal in Grundzügen von dem Film gehört, wusste aber nichts näheres. Schon im "Millionenspiel" hatte Hallervorden mich mit seiner Wirksamkeit als Killer erstaunt, da bin ich wirklich mal gespannt, was ich hierzu sagen werde (wenn er mir mal vor die Flinte läuft).

PabloD
PabloD
12. März, 2009 14:01

Das (Promo?)Bild hat irgendwie eine tolle Ästhetik. Heutzutage würde vermutlich allein die CGI der Schornsteine (inkl. des realistischen Rauchabzugs) und des davonfahrenden Autos ein paar 100k€ kosten.

Marko
12. März, 2009 14:03

@ Mencken: Ja, durchaus …

Gruß,
Marko

Wortvogel
Wortvogel
12. März, 2009 14:07

@ Pablo: Ich habe den Screenshot selbst gemacht, weil er mir von der Bildkomposition her gefallen hat.

Mencken
Mencken
12. März, 2009 14:52

Interessant, ich fand die Beschreibung recht spannend, konnte Hallervorden aber im Trailer überhaupt nicht ernst nehmen, obwohl er mir im Millionenspiel durchaus gefallen hat. Liegt vielleicht wirklich an der Nähe zur "Didi-Figur". Kann aber auch sein, daß mich der Subtext stört – Hallervorden gibt sich ja gerne als Sozialdemokrat ältester Schule und Verteidiger des "kleinen Mannes", ist aber selbst für öffentlich-rechtliche Verhältnisse unglaublich blind für Fragwürdiges im "eigenen Lager" und darüberhinaus auch ein Heuchler vor dem Herren- in jedem Fall entsprach der Trailer aber nicht dem, was ich nach der Kritik erwartet hätte.

3d-razor
12. März, 2009 16:09

Hallervorden wird ja im AK darauf angesprochen, das der Anhalter schon wie eine Art "Didi-"Vorgänger wirkt und bestreitet dieses vehement. Eigentlich bestreitet er jegliche Ähnlichkeit zum Didi-Charakter. Fand ich etwas merkwürdig.

Letzte Woche habe ich ihn übrigens in Berlin gesehen, bei seinem Bühnenjubiläum. Hätte er eine Podiumsdiskussion angeboten hätte ich ihm ganz gerne 1-2 Fragen dazu gestellt, kam aber leider nicht dazu.

Asmodeus
Asmodeus
12. März, 2009 16:12

"Übersetzer Karlhans Reuss bekommt unglaublicherweise einen gleichwertigen Credit im Vorspann."

Ähm….was ist ein gleichwertiger Credit?
Was die credits sind weiß ich, aber…"gleichwertig"?

Wortvogel
Wortvogel
12. März, 2009 16:16

@ Asmodeus: Erst kommt ein Credit "Buch Derrick Sherwin", dann einer "Übersetzung Karlhans Reuss". Nicht mal zusammen, sondern einzeln – sowas nennt man "single card credit", und in Hollywood muss man für sowas echt kämpfen. Übersetzer werden normalerweise allenfalls im Nachspann genannt, es sei denn, sie hätten wirklich viel angepasst. Dann schreibt man aber eher "Adaption Karlhans Reuss".

Asmodeus
Asmodeus
12. März, 2009 16:18

Aha, Ok. Danke 🙂

Wieder etwas gelernt.

Stephan
Stephan
12. März, 2009 18:16

@Torsten
Wenn Du immer gleich einen Amazon-Verweis legen würdest, könntest Du mit Deinem Blog sogar noch Geld verdienen. Und würdest mir Klickerei ersparen 😉

Baumi
12. März, 2009 18:36

@Stephan:
War auch mein Gedanke. Ich jedenfalls würd’s dem Wortvogel nicht übel nehmen, wär' ja ein Service, der beiden Seiten nutzt.

Wortvogel
Wortvogel
12. März, 2009 18:37

@ Baumi / Stephan: Gerade angesichts einiger Features, die ich in Zukunft plane, macht es durchaus Sinn, direkt zu Amazon zu verlinken. Ich schaue mir das mal an.

Heino
Heino
12. März, 2009 18:58

Zu dem Film war vor einiger Zeit auch ein sehr wohlwollender Bericht in der Splatting Image. Und Hallervorden (wie auch immer er privat sein mag) ist als Schauspieler definitiv unterbewertet.

Lutz
Lutz
12. März, 2009 19:20

Oh… noch nie was von gehört. Bin echt überrascht. ich hatte immer gedacht, "Das Millionenspiel" sei Hallervordens einzige richtig "ernste" Rolle gewesen.

Klingt aber wirklich interessant. Schaue ich mir bei Gelegenheit mal an.

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19. August, 2009 11:10

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[…] Autoren aushelfen zu lassen, um das deutsche Fernsehen etwas zu entstauben. Das haben wir beim SPRINGTEUFEL schon gesehen und gerade Michael Pfleghar (mit dem Kempley oft gearbeitet hat) war bekannt dafür, […]

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[…] dass Hallervorden immer zuerst Schauspieler sein wollte. Er schlüpft in Rollen, kann durchaus ernst, sogar gefährlich wirken (siehe DAS MILLIONENSPIEL). Der hat auf der Bühne klassische Rollen gespielt und in den […]