09
Dez 2008

Fahrer ohne Führerschein? (NACHTRAG)

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Nach monatelanger, quälender, und mitunter verzweifelt anmutender Suche hat ProSieben SAT.1 Media endlich einen Vorstandsvorsitzenden gefunden. Das Fernsehen macht harte Zeiten durch, und die (neben RTL) zweite große Sendergruppe leidet besonders.

Wer ist nun der Mann, der wieder Ruhe ins Haus bringen soll, Vision, Strategie, Kompetenz?

Thomas Ebeling war zuletzt Vorstandsvorsitzender von Novartis Consumer Health und Mitglied der Geschäftsleitung von Novartis.

Götz Mäuser, Vorsitzender des Aufsichtsrats der ProSiebenSat.1 Media AG: „Mit Thomas Ebeling haben wir einen hervorragenden CEO für ProSiebenSat.1 gefunden. Er ist ein deutscher Top-Manager von internationalem Format, der langjährige Erfahrung aus global tätigen Konzernen wie Pepsi und Novartis mitbringt".

Der Erwählte selbst äußert sich folgendermaßen: "Bei meinen früheren Stationen in der Konsumgüter- und Pharma-Industrie waren innovative Produkte und ihre exzellente Vermarktung die Schlüssel zum Erfolg. Bei ProSiebenSat.1 sind besonders innovative und attraktive Inhalte wichtig.“

Ich sag mal: Den "Business Speak" mit vielen Buzzwords beherrscht Herr Ebeling perfekt. Aber wo genau liegt seine Kompetenz im Bereich Fernsehen? Ach was – eine Kompetenz im Bereich "irgendwas mit Medien" würde mich schon beruhigen! Ist der Vorstand so weit entfernt vom tatsächlichen Produkt des Hauses, dass Vorkenntnisse nicht erforderlich sind?

Gerade ProSieben hatte in den letzten Jahren wenig Glück mit branchenfremden Chefs, die zwar prima Zahlen hin und her schieben konnten, denen die Inhalte aber vergleichsweise egal waren. Die Wahl von Thomas Ebeling stimmt mich nicht hoffnungsfroh.

NACHTRAG: Herr Ebeling scheint auch zu ahnen, dass die Frage nach seiner Medienkompetenz kommen wird, und geht präventiv in die Offensive: "Seit zwanzig Jahren ist der Umgang mit Medien für mich Teil des Tagesgeschäfts: als Marketingmanager, Geschäftsführer und zuletzt CEO in Firmen, die zu den großen Werbungtreibenden der Welt gehören".

Übersetzung: Weil er bei Firmen gearbeitet hat, die Werbeanzeigen schalten, versteht er was von Medien. Tut mir leid, aber das ist ungefähr so stimmig wie die Aussage, Sarah Palin habe Erfahrung in der Außenpolitik, weil sie von ihrem Garten aus Russland sehen kann…



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Dr. Acula
9. Dezember, 2008 13:54

Auf Management-Ebene wird doch längst nicht mehr erwartet, dass man mit dem Produkt als solches vertraut ist – dass man seinen shareholdern intangible benefits glaubwürdig verbuzzworden kann, ist doch viel wichtiger. Nicht umsonst springen CEOs zwischen Pharma-, Auto-, Medien-, Lebensmittelbranchen wie von einem Trampolin zum nächsten…

Balthasar
Balthasar
9. Dezember, 2008 14:33

Naja, jemand mit Medienkompetenz (d.h., jemand, der einen TV-Kanal auch als lebendiges, teils kreatives Ganzes versteht) würde wohl auch kaum den Umzug nach München, verbunden mit Stellenabbau und entsprechenden Ängsten bei der Belegschaft gutheißen und mittragen (zugunsten einer völlig überzogenen Renditeerwartung der Anteilseigner). Auf der anderen Seite sind dann die öffentlichen Erwartungen so niedrig, dass er sie vielleicht übertreffen kann.

PhilipS
PhilipS
9. Dezember, 2008 17:07

Fühle mich irgendwie an the IT Crowd errienrt.
Siehe hier ab 1:20…
http://www.youtube.com/watch?v=7pKsYjI9bss

Es geht doch gar nicht mehr um das eigentliche Produkt…nur wie man es verkauft.

comicfreak
comicfreak
9. Dezember, 2008 21:03
the Geek
the Geek
9. Dezember, 2008 21:10

@Wortvogel: "Sarah Palin habe Erfahrung in der Außenpolitik, weil sie von ihrem Garten aus Russland sehen kann…"

Erst wollte ich schreiben, dass das totaler Blödsinn ist und wahrscheinlich Japan gemeint ist, aber dann habe ich dochmal gegoogelt und siehe da. Wieder eine Bildungslücke gefunden.

Mitten im großen Ozean zwischen den Kontinenten liegt die kleine Diomedes Insel und die große Diomedes Insel. Die kleine gehört zu Alaska und die große zu Russland. Und man kann tatsächlich ohne Hilfe von der einen zu anderen Insel schauen. Und zwischen Beiden verläuft irgendwo die Datumsgrenze.

Hamma wieder was gelernt.

Wortvogel
Wortvogel
9. Dezember, 2008 21:12

@ Geek: Stimmt, aber die bloße Ansicht einer Sache ergibt noch keine Ahnung über den Umgang damit. Da könnte ich auch sagen: "Ich kann Kampfhunde ausbilden, weil meine Oma mal einen Pudel hatte."

Der Postillon
9. Dezember, 2008 22:48

Außerdem gab es eine ausführliche Doku darüber, dass Sarah Palin nie auf dieser Insel war.

Mencken
Mencken
10. Dezember, 2008 00:58

Ich finde die Wahl nicht so problematisch – erfolgreiche Beispiele gibt es aus anderen Bereichen (z.B. Sport) und ob man als Sat 1 Chef Medienkompetenz benötigt, scheint mir auch eher fragwürdig zu sein. Wichtiger ist wohl tatsächlich das Verkaufen und ein Gespür dafür, wen man sich in beratender Funktion an die Seite stellt, was ich aber beides keineswegs für negativ halte – "geht nur noch um die Werbung/Shareholder verbuzzworden/usw." ist ja grundsätzlich überhaupt nicht verwerflich (genausowenig, wie Medienkompetenz, "geht nur um die Qualität" usw. per se gut sind).

Zu Palin: Hat eigentlich mal jemand Larry Flynts "Nailin Palin" (o.s.ä.) Porno gesehen? Vermutlich bis auf den Titel nicht weiter interessant, aber würde mich schon interessieren, ob aus der seinerzeitigen Wahlkampfwerbung tatsächlich ein Produkt geworden ist.

Wortvogel
Wortvogel
10. Dezember, 2008 01:05

@ Mencken: Ich widerspreche – Fernsehen ist eine Kreativ-Branche. Die kann man nicht verkaufen wie Cola oder Arzneimittel. Wer da glaubt, mit Marktforschung und den Q-Werten irgendwelcher Schauspieler punkten zu können, legt sich schnell auf die Nase.

Ich habe Teile von "Nailin' Paylin" gesehen. Langweilig, billig, und die "Hauptdarstellerin" hat eine grobe Ähnlichkeit, aber nicht den unanständigen Sekretärinnen-Charme des Originals.

Dieter
Dieter
10. Dezember, 2008 10:41

Schade, hätte ich von Flynt mehr erwartet 🙂

Deutschland sucht den Superstar total! Man braucht nichts, aber auch gar nichts mehr mitbringen. Es zählt nur noch das Vermarkten der eigenen Person. Wer einen berufsadäquaten Bildungsweg vorweisen kann, ist selber schuld, denn ein ,,Naturtalent" ist doch viel wertvoller. Ich will mich nicht in Beispielen meines Berufes ergehen, aber diese Haltung scheint sich heute komplett durchgesetzt zu haben und macht mir, neben blödsinnig ausufernder Bürokratie, das Leben schwer.

Wortvogel
Wortvogel
10. Dezember, 2008 10:51

@ Dieter: Ich habe vor einiger Zeit hier mal was geschrieben, was durchaus passt:
"In fast allen Branchen kann man erleben, wie die redegewandten Quereinsteiger das Rennen machen – die, die gut daherreden können, die mit Keramikkronen und Buzz-Words die Chefs und die Banken überzeugen. Ausbildung? Altmodisch. Berufserfahrung? Impliziert, dass man alt ist. Die alten Abläufe haben an Wert verloren, der Schein hat das Sein als Qualifikation längst abgehängt. Hier treffen sich Ursache und Wirkung – wer nie lange wo bleibt, muss selten die Folgen seiner Handlungen langfristig rechtfertigen. Maul aufreißen, abzocken, weiterziehen. Die Jungs an der Werkbank dürfen sehen, wo sie bleiben. Dazu kommt die Erosion fast beinahe jedes Berufsbildes – man ist nicht mehr das, was man gelernt hat, sondern das, was man behauptet zu sein. Diplome und Abschlüsse zählen weniger als die Fähigkeit, den Personalchef lässig um den Finger zu wickeln. Wer nix is, kann alles sein."

Dieter
Dieter
10. Dezember, 2008 11:12

Das ist die berühmte Faust auf dem Auge!

Darf ich? Dann lies mal:

,,Ich heiße Norbert und bin der musikalische Leiter und Dirigent des Vereines … 1966 erblickte ich das grelle Sonnenlicht der Welt. Nach dem Hauptschulabschluss machte ich eine Lehre als Bäcker, dann war ich bei der Bundeswehr … Nach viereinhalb Jahren hatte ich genug vom (Instrumetalspiel-) Lernen. Ich … bin immer als Ensembleleiter und Dirigent aktiv gewesen, oder besser: ich bin es noch."

Mensch, der ist doch ehrlich und sympathisch. Ärgerlich nur, dass solche ,,Fachkräfte" den Markt überschwemmen und echte Dirigenten und Lehrer nichts mehr verdienen können. Das Niveau sinkt, aber die Norberts dürfen den Maestro geben.

Wortvogel
Wortvogel
10. Dezember, 2008 11:32

@ Dieter: Auch da kann ich noch einen draufsetzen – nichts pisst mich mehr an als Studentin, die mir erzählen, dass sie, wenn es in ihrem gewählten Fach keinen gut bezahlten Job gibt, "einfach Journalist werden". Die etwas schnöseligere Variante von "ich mache was mit Medien". Als wäre das die Ersatzbank, auf der immer ein Plätzchen frei ist, und auf der man seinen Gehaltsscheck absitzen kann, ohne wirklich mitspielen zu müssen.

comicfreak
comicfreak
10. Dezember, 2008 13:16

@ Wortvogel
..passende Antwort: "Ach, du wirst Leserreporter?" 😉

Bei uns hat sich gerade ein gescheiterter Computerhändler als "CEO for Sales and Kundenaquise" beworben, in der Anschrift waren auch 2 Schreibfehler
*grusel*

Dieter
Dieter
10. Dezember, 2008 13:16

,,Wer nichts wird, wird Wirt" hat ausgedient …

gnaddrig
gnaddrig
10. Dezember, 2008 15:42

Ich habe früher immer gehört: "Lern Französisch. Dann [will heißen, wenn sonst gar nichts mehr geht] kannste zum Diplomatischen Korps."

Twipsy
10. Dezember, 2008 17:00

Vielleicht kann "der Neue" ja super Novartis-Content in das Programm einbinden.
Auf der Suche nach der perfekten Kopfschmerztablette. — Kann man Aspirin nachbauen? — Wieviel kann Jumbo Schreiner mit einem Appetitzügler abnehmen? — Welche Pillen muss man nehmen, um zu glauben, von Außerirdischen entführt worden zu sein? — Mit welchen Drogen kann man Raab lustig finden?

Also klingt für mich ganz stimmig.

Jeff Kelly
Jeff Kelly
11. Dezember, 2008 11:07

Den gleichen Rotz hat man in der Informatik-Branche.

Quereinsteiger, die unfallfrei c’t lesen, Computer einschalten und Linux bedienen können machen 'irgendwas mit Computern'