19
Nov 2008

Operation Noah + Blast = Dracula 3000 ?!

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Ein paar Tage in Berlin, und schon bin ich wieder total aus dem Rhythmus – in welcher anderen Metropole kann man mal eben böse auf Piste gehen, und in einer Kneipe prompt mit einem sechsköpfigen Nasenflötenorchester konfrontiert werden, während man ebenso zufällig der Kostümdesignerin des neuen Science Fiction-Films "Pandorum" (mit Dennis Quaid, gedreht in Berlin) über den Weg läuft?

Egal, ich werde in den nächsten Tagen mal wieder etwas mehr reinhauen, damit ihr mir nicht zur Konkurrenz davon lauft. Heute aber erstmal eine kleine Geschichte darüber, wie Fitzelchen von Filmen über die Jahre durch die Welt reisen.

onEs war einmal ein Film namens "Operation Noah". Ein Bombenleger-Thriller auf einer Ölplattform. Produziert 1998 von ProSieben. Ein schickes Teil, denn es war Boom-Zeit bei den Privaten. Man hatte Geld für gute Besetzungen und edle CGI. Die Story: Auf einer Ölbohrinsel wird Weihnachten gefeiert, die Firma läßt sogar die Familien der Angehörigen per Hubschrauber einfliegen. Nur ein paar Bomben trüben das Glück, denn ein Fanatiker will die Regierung zur Energiewende "überreden". Protagonistin ist eine junge Technikerin namens "Lucky" (Stephanie Philipp), die in Hollywood-Tradition mit Kneifzange und Schraubenzieher an bunten Drähten fummeln muss. Den Kommissar an Land gibt "uns Uwe" Ochsenknecht. Mehr "Sprengkommando Atlantik" als "Stirb langsam"…

Der Film erreichte ein Einschaltquote von 13,4 Prozent bei den 14-49jährigen. Regisseur Bornhak brauchte nach "Operation Noah" neun Jahre, um sein nächstes Projekt zu stemmen (die Uschi Obermeier-Bio "Das wilde Leben"). Die Zeit bis dahin vertrieb er sich mit der lukrativen Arbeit an Werbespots. Drehbuchautor Horst Freund knackte den Jackpot, und schrieb bisher sieben "Tatort"-Folgen, was ihn finanziell schon bis zur Rente durchbringen sollte.

Das allein ist noch keine spannende Geschichte. Aber manchmal geht die Branche seltsame Wege: Dem Vernehmen nach war es der Produzent Werner Possardt, der Anfang des neuen Jahrtausends die Rechte an dem Stoff in den internationalen Markt verkaufte. Soweit ich mich erinnere, sollte zuerst Martin Lawrence ("Bad Boys") die Hauptrolle in dem Remake übernehmen, das inhaltlich deutlich mehr in Richtung "Stirb langsam" gerückt wurde. Dazu paßt, dass "Stirb langsam"-Erfinder (und "Streetfighter 2"-Regisseur) Steven de Souza die Adaption des Druchbuches übernahm.

Irgendwo im Vorlauf der Produktion muß es allerdings schon die ersten massiven Schwierigkeiten gegeben haben, vermutlich finanzieller Natur. Sonst hätte man für so ein ambitioniertes Projekt sicher nicht auf den Trashfilm-gestählten Regisseur Anthony Hickox ("Waxwork") gesetzt, Lawrence durch den TV-Clown Eddie Griffin ersetzt, und den Rest der Besetzung angefüllt mit bekannten, aber nicht wirklich prominenten Namen aus dem B-Bereich: Hannes Jaenicke, Shaggy, Soup, Vinnie Jones, Nadine Velazquez, etc. Im Vergleich mit der deutschen Vorlage fallen auch Geschlechterwechsel auf: Der Technik-Freak ist nun ein Mann (Breckin Meyer aus "Garfield"), die Vertrauensperson an Land eine Frau (Will Smiths' Ehefrau Vivica Fox).

blastGedreht wurde der Film Anfang 2003 in Südafrika – und landete direkt auf Eis, denn die Produktionsfirma MGM wusste nicht recht, was sie damit anfangen sollte. Für einen Kinofilm war "Blast" (so der neue Titel) letztlich zu klein, für einen reinen DVD-Release eigentlich zu groß. Ende 2004 wurde MGM auch noch von Sony aufgekauft, wo man sich nach Ansicht nicht viel Profit von dem Actionheuler versprach. Aber es half nichts:2005, mehr als zwei Jahre nach den Dreharbeiten, kam "Blast" sang- und klanglos auf DVD heraus, und verursachte null Wellen. Der endgültige Durchbruch in die A-Liga blieb Regisseur Hickox nach "Prinz Eisenherz" ein zweites Mal versagt. 2007 lief der Streifen dann auf VOX.

Man muss aber fair bleiben: grottenübel ist "Blast" nicht. Im Rahmen seiner Möglichkeiten kann der Streifen schon unterhalten – besonders, weil er mit seinen Trash-Qualitäten durchaus wuchert. Harte Kerle, coole Sprüche – und jede Menge Blei.

Ich hätte gerne mit dem Produzenten Werner Possardt über dieses kuriose Projekt gesprochen, doch leider kam er beim Tsunami 2004 ums Leben.

Trotz allem – nicht schlecht: ein hoch budgetiertes Remake eines ProSieben-TV-Films!

Aber es geht noch weiter: Hinter der Kamera stand bei "Blast" Giulio Biccari, der schon meinen eigenen "Sumuru" fotografiert hatte, und kürzlich auch "Lost City Raiders". Bei einem Besuch in Südafrika erzählte er mir die Geschichte folgendermaßen…

Eines Tages kam "Sumuru"-Regisseur Darrell Roodt bei den "Blast"-Dreharbeiten vorbei, und bewunderte die tollen Sets, die man gebaut hatte, um das Innenleben einer Ölplattform darzustellen. Giulio und Darrell waren sich schnell einig: hier musste sich doch noch preiswert was drehen lassen, wenn die Macher von "Blast" fertig waren! Das Problem: Jeder Studiotag kostet viel Geld, und alles musste deshalb wirklich fix gehen. In nur zwei Wochen wurde die gesamte "Anhängsel-Produktion" gestemmt. Das Drehbuch wurde quasi über Nacht geschrieben, und jeder halbwegs bekannte Schauspieler, der sich gerade in Südafrika aufhielt, und nicht bei 3 auf den Bäumen war, wurde rekrutiert.

dracula3000Und so, meine lieben Leser, entstand einer der grauenerregendsten Trashfilme aller Zeiten: "Dracula 3000". Die Hälfte der Besetzung kam von "Blast", dazu noch Alexandra Kamp aus "Sumuru", und für den Marktwert Casper van Dien ("Starship Troopers") und Erika Eleniak ("Under Siege"). Aus der Ölplattform wurde ein Raumschiff, eine coole Artwork und ein frech an "Dracula 2000" angelehnter Titel sorgten für zügige Verkäufe. Die Besetzung ist ein feuchter Traum, noch unglaublicher als "Blast": man muss die "Performance" von Coolio wirklich gesehen haben, um sie zu glauben.

Der nachfolgende Ausschnitt kann nur mangelhaft kommunizieren, wie bizarr schlecht der Film ist – aber man sieht sehr deutlich, dass die Bauten eigentlich kein Raumschiff darstellen sollten:

http://de.youtube.com/watch?v=3z7_eWs52UY

Dass der Film auch nach den gehetzten Dreharbeiten nicht wirklich sorgsam nachbearbeitet wurde, erkennt man prima daran, dass in einigen Szenen im Raumschiff deutlich die Studiodecke zu sehen ist, und dass "Dracula" im "großen" Finale einen armselig mädchenhaften Schrei ausstößt (wozu hat der liebe Gott das Mischpult erfunden, Darrell?). Auch das Ende spottet jeder Beschreibung.

"Dracula 3000" hat es schnell in viele Listen der schlechtesten Filme aller Zeiten geschafft, und das verdienterweise. Aber er hat auch einen Haufen Geld eingebracht. Als ich Giulio fragte, was er denn vom Endergebnis hält, zuckte er mit den Schultern: "It’s the biggest piece of shit, of course."

Warum ich das alles erzähle? Mich amüsiert der Gedanke, dass es sich bei dem Raumschiff in "Dracula 3000" um die recycelte Ölbohrplattform des Remakes "Blast" eines ProSieben-Films names "Operation Noah" handelt. Es sagt viel über die Art aus, wie auf dem internationalen Markt Filme entstehen.

Seltsam? Aber so steht es geschrieben…



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LeiliaYlang
LeiliaYlang
19. November, 2008 18:40

Hab ich was verpasst? Ich dachte immer Will Smiths Ehefrau ist Jada Pinkett-Smith

Wortvogel
Wortvogel
19. November, 2008 18:45

Ups – der Herr Dewi hat wieder nicht nachgeprüft. Sorry, wird korrigiert!

Lars
Lars
19. November, 2008 18:54

Und die gute Frau heißt Vivicia 😉 So ganz falsch lagst du aber nicht, da sie IIRC die Ehefrau/Freundin/Lebensgefährtin (nicht zutreffendes bitte streichen) von Will Smith in Independence Day gespielt hat.

Ansonsten: Das ist wieder so ein Eintrag, bei dem ich weiß, wieso ich dieses Blog lese. Es ist richtig faszinierend, was hinter den Kulissen so alles abgeht und das MGM auf die Idee kommt ein Remake eines Pro7 Films zu finanzieren, finde ich eigentlich ziemlich erstaunlich.

milan8888
milan8888
19. November, 2008 19:00

Heißt aber Vivica und nicht Viveca 😉

Gibt´s Dracula 3000 auch mal im deutschen Fernsehen zu sehen?

Wortvogel
Wortvogel
19. November, 2008 19:08

@ Milan – ist korrigiert. Dracula 3000 läuft immer mal wieder im Nachtprogramm, und auf den preiswerteren Digitalkanälen (Silverline oder Kinowelt hatte den mal in der Dauer-Rotation). Oder ab 2,79 bei Amazon 🙂

@ Lars: Richtig – wegen ID4 hatte ich die Fehlschaltung im Kopf. Sollte aber trotzdem nicht passieren. Ich schelte andere Leute ja auch gerne wegen genau solcher Flüchtigkeitsfehler.

manhunter
19. November, 2008 19:11

"Der nachfolgende Ausschnitt kann nur mangelhaft kommunizieren, wie bizarr schlecht der Film ist"

Der Ausschnitt macht seine Sache aber trotzdem recht gut. Holy Fuck!

Wortvogel
Wortvogel
19. November, 2008 19:16

@ manhunter – deshalb habe ich auch auf den Trailer bei YouTube verzichtet. Der tut nämlich frech so, als wäre D3k ein halbwegs akzeptabler Schundfilm.

Ach ja, weil wir die Diskussion regelmäßig haben: D3k ist ein schlechter Film, aber kein Scheißfilm. Mit der angemessenen Menge Alkohol und guten Freunden vergoldet der jeden Abend.

Tornhill
Tornhill
19. November, 2008 19:47

“Sprengkommando Atlantik”

…hach!

Wohl mein erster Thriller/Actionfilm überhaupt…aber auch ohne Nostalgiebonus toll.

Peroy
Peroy
19. November, 2008 20:57

Darrell Roodt (den ich seit seinem allerersten Schrottfilm "City of Blood" gefressen hab'), war vor ein paar Jahren für einen Oscar für den besten ausländischen Film nomminiert, wenn mich mein Gedächtnis nicht verkackeiert. Irgendso’n AIDS-Drama…

Wenn der gewonnen hätte, hätte ich die Welt sprengen müssen…

Wortvogel
Wortvogel
19. November, 2008 22:27

@ Tornhill – war auch einer meiner ersten. Hat mich mächtig beeindruckt, als ich 10 war.

comicfreak
comicfreak
20. November, 2008 13:16

..bin ja mal gespannt, wann sich der Doc durch den Schrott gekämpft hat, den ich ihm geschickt habe..

🙂

Lindwurm
20. November, 2008 16:28

Hatte "Dracula 3000" nicht das aberwitzige Drehbuchdetail zu bieten, wonach in ferner Zukunft die gesamte Menschheit in einer Art Superkommunismus lebt? Ich meine, mich zumindest an einige Hammer & Sichel-Fahnen erinnern zu können. Aber das mag auch aus einem anderen Trashfilm stammen…

Peroy
Peroy
20. November, 2008 16:35

Auf jeden Fall haben sie alle Religionen verboten, weswegen auch keiner ein Kruzifix gegen den Vampir zur hand hat… tjoa, scheisse gelaufen, newa…

Wortvogel
Wortvogel
20. November, 2008 21:50

@ comicfreak: das ist wohl eher Thema für private Emails…

G
G
21. November, 2008 00:18

Ist dieser "Dracula 300" wenigstens "so bad its good"? Auf den Gedanken könnte man ja durchaus kommen und wie du weißt interessieren mich solche Filme. 😉

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[…] „Space Mutiny“ gewesen (den Darrell selber ein paar Jahre später mit dem unfassbaren „Dracula 3000“ noch toppen […]