George Michael ist mal wieder festgenommen worden. Mit Drogen. In einer öffentlichen Toilette. Das sage ich nicht, das sagt „Sunday People“, und in der Folge auch BILD online:

George Michael

Nun wissen meine Leser, dass ich ein großer London-Fan bin, und dort fanatisch gerne U-Bahn fahre. Nur: Eine Station „Victorian Sound End Green“ kenne ich gar nicht.

Also habe ich das getan, was BILD-Redakteure nach Möglichkeit vermeiden: ich habe recherchiert. Zuerst einmal habe ich auf der Londonder Nahverkehrskarte die „Victoria“-Linie überprüft – ohne Erfolg. Dann habe ich mich am erwähnten Nobelviertel „Highgate“ orientiert, aber die „Northern“-Strecke dort kennt ebenfalls keine „Victorian Sound End Green“-Station.

Bei der Überprüfung des Original-Artikels fällt mir auf, dass „Sunday People“ genau genommen nicht von einer U-Bahn-Station spricht: „in the decrepit underground Victorian Sound End Green lavatories“. „Underground“ kann auch schlicht genau das heißen – „unterirdisch“.

Verdächtig scheint mir, dass außer der BILD exakt EINE Webseite den Namen „Victorian Sound End Green“ überhaupt kennt – eben die Vorlage „Sunday People“. Also dekonstruiere ich den Begriff noch weiter: „victorian“ mag sich im Original durchaus auf die Bau-Ära beziehen, also viktorianisch. Damit wäre der Eigenname nur noch „Sound End Green“.

Aber auch den kennen nur BILD und „Sunday People“. Das läßt auf einen Schreibfehler schließen.

Ich rate: „Sound End Green“ = „South End Green“? Schnell gegoogelt, und prompt wird aus einem Google-Treffer 30.000. Die BILD hat also einfach einen Schreibfehler der „Sunday People“ ungeprüft übernommen, und die Zuordnung „viktorianisch“ in den Eigennamen gehoben.

Und siehe da: Bei „South End Green“ handelt es sich tatsächlich nicht um eine U-Bahn-Station, sondern um eine unterirdische viktorianische Toilettenanlage. Ob diese baufällig oder heruntergekommen ist („decrepit“), wie „Sunday People“ meint, kann ich nicht beurteilen, aber immerhin hat sie es vor einiger Zeit auf das Blog „Great Public Toilets of our Time“ geschafft.

Interessant noch ein Detail, das BILD online ausläßt: laut „Sunday People“ ist die Anlage nicht „ein berüchtigter Treffpunkt für Dealer und Süchtige“, sondern „a notorious hang-out for gays and drug dealers“. Soweit wollte man dann wohl doch nicht gehen…

Jetzt lese ich als nächstes die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Wenn ich dort einen vergleichbaren Fehler finde, melde ich mich.

NACHTRAG 16.00 UHR:

George Michael 2

Und es ist mehr als typisch, dass BILD zwar den groben Fehler ausbessert – den Hinweis auf „die Station“ im nachfolgenden Satz jedoch vergißt.

NACHTRAG 17.30 UHR:

Auch „RTL exclusiv weekend“ hat die BILD gelesen – und prompt die Behauptung von der „U-Bahn-Toilette“ übernommen (bebildert wurde der Beitrag mit alten Aufnahmen der US-Toilette, in der George vor Jahren mal erwischt wurde).



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Stephan
Stephan

Ich habe ja schonmal geschrieben, daß ich das Bild-Bashing ein wenig albern finde, aber das ist wirklich ziemlich peinlich.

Wortvogel
Wortvogel

Was jetzt – der BILD-Beitrag, oder meiner?

Stephan
Stephan

Der Bildbeitrag. Dich würde ich doch nie als peinlich bezeichnen (höchstens das Bild zum Wortvogel-Neustart :-))

Da ich allerdings weiß, wie die Bild-Online-Redaktion läuft, ist es nicht gerade verwunderlich – den Artikel hat unter Garantie eine (unglaublich schlecht bezahlter) Praktikant verbockt, der sich fragt, wieso er am Sonntag solche Drecksmeldungen zusammenschustern muß.

Wortvogel
Wortvogel

Exakt so stelle ich mir das auch vor 🙂

Stephan
Stephan

Wieso sitzt Du eigentlich daheim und liest Zeitung? Spring in die Krachlederne, schieß die Freundin ins Dirndl und dann auf, auf zur Wiesn!

Wortvogel
Wortvogel

Ich verweise auf einen meiner ersten Blog-Einträge überhaupt: https://wortvogel.de/?p=63

Stephan
Stephan

Oh mei, so ona bist Du – aber irgendwie hast recht, ich bin immer noch arg unfit von gestern. Aber es huift ja nix, a Münchner ghert aufd Wiesn.

Tobi
Tobi

Im Hampstead Heath Park war ich auch schon mal spazieren.
Is eigentlich ganz schön dort, das Klo hab ich allerdings nicht gesehen.

Next time ,maybe…

Lukas

Dass „Bild“ nicht lernfähig ist, ist ja einigermaßen bekannt. Aber wie sie es immer wieder schaffen, englische Boulevardzeitungs-Meldungen falsch zu übersetzen, zu übertreiben und das Original dabei immer noch zu verlinken, das verdient schon fast Bewunderung für so viel Hartnäckigkeit.

comicfreak
comicfreak

..und ich dachte zuerst, ein 16jähriger Praktikant wäre auf die alte Meldung gestoßen und hätte sie aus Unkenntnis als brandneue Tatsache gebracht..

🙂

Grinsi Kleinpo
Grinsi Kleinpo

Hier sprecht immer von Praktikanten. Wie kommt ihr auf die Idee dass das ein Praktikant war? Ich tippe viel mehr auf Babelfish 0.8 und ein Script zur Erstellung von bild.de Meldungen mit direktem Ausgang an die pirvaten Fernsehsender sowie dpa und reuters.

Martin
Martin

dort schreiben wirklich praktikanten, ich weiß nur nicht, welche artikel typischerweise. eine freundin von mir hat das auch mal gemacht, eben als praktikantin – jetzt fragt mich bitte nicht, wie ich dann noch mit ihr befreundet sein kann/konnte.
ich hab sie damals auch drauf hingewiesen, dass sie es damlas nach bildblog geschafft hat (sie war am witwenschütteln beteiligt):
http://www.bildblog.de/2384/beinahe-zurueckhaltend/
ansonsten (ich hab grad noch mal nachsehen) hat sie in der rubrik „bild kämpft für sie“ und ein paar bedeutungslose artikel.
in einem weiteren artikel von ihr wird sie als „bild-reporterin“ bezeichnet, obwohl das eigentlich nur ein paar-wöchiges praktikum war.

gnaddrig
gnaddrig

Ähm, warum scheisst er eigentlich mit ss? Sollte er nicht eigentlich mit ß scheißen?

Wortvogel
Wortvogel

Das ist wohl richtig – und wird sofort korrigiert!