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Der von mir geschriebene Film „Apokalypse Eis“ ist am 1. Weihnachtstag 2007 mal wieder gut gelaufen – zwei Tage zuvor strahlte Kabel1 den TV-Film „Eis – wenn die Welt erfriert“ noch einmal aus. Das gibt mir ausreichend Motivation, auch hier mal „Die Geschichte dahinter“ zu erzählen. Wie schon bei „Lotta in Love“ gilt: Ich mag mich in den Details irren, und einige Sachen kann ich euch allein deshalb nicht erzählen, weil ich wegen meines Blogs nicht vor dem Kadi landen möchten. Wer sich wirklich reinhängen will, kann für wenig Geld z.B. bei Amazon die DVD mit meinem Audiokommentar kaufen.

„Apokalypse Eis“ also. Ein Endzeitfilm mit Dean Cain und Bettina Zimmermann, eine deutsch-amerikanische Koproduktion der Firma Tandem Communications, ausgeführt von der Unified Film Organisation (UFO) für RTL und den Sci Fi Channel USA. Mein erstes als Autor komplett eigenständig entwickeltes Projekt.

Angefangen hat die Geschichte schon vor 10 Jahren. Man schrieb das Jahr 1997, und ich war bei ProSieben gerade frisch in die neu gegründete Koproduktionsabteilung der aus Paris eingekauften kanadischen Produzentin Rola Zayed (heute Bauer) versetzt worden. Unser Mandat: ProSieben-Geld in internationale Produktionen schießen, um sich exklusive Rechte zu sichern, und durch aktive Teilnahme „deutsche Elemente“ in Besetzung und Story zu fördern. Konkret hieß das meistens: Hannes Jaenicke wird der beste Freund des Helden – und bitte keine Nazis als Bösewichte.

Damals, Mitte bis Ende der 90er, erlebten die Privatsender einen fantastischen Boom, hatten zweistellige Wachstumsraten, und verpulverten ihr Geld mit immer aufwändigeren Produktionen, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie so was eigentlich geht. Noch heute erscheinen viele der damals produzierten Streifen visuell erstaunlich üppig, aber inhaltlich geradezu kindisch unterentwickelt. Es war problemlos möglich, ohne jede Erfahrung, aber mit einer soliden Zunge (Stichworte Maul aufreißen und Stiefel lecken) eine bemerkenswerte Karriere zu starten. Die Ära der Quereinsteiger, der Schaumschläger, der Klugscheißer – das war sie. Und ich war einer davon.

Wir streckten also unsere Fühler aus, auf Filmmessen, und bei persönlichen Terminen in Hollywood. Alles sehr glamourös, sehr trendy, sehr „wir sind geil und wichtig“. Schon damals war mir mulmig bei der ganzen Geschäftsidee, denn: Wirklich gute Stoffe können in den USA komplett finanziert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass uns meistens von zweitklassigen Produzenten zweitklassige Stoffe angeboten wurden. Ich erinnere mich an Krimis im Umfeld der „Chippendale“-Stripper, an Wiener Thriller von US-Autoren, die Wien offensichtlich nur aus „Der dritte Mann“ kannten, und eine unüberschaubare Menge von Konzepten aus der „Internationales Agententeam jagt Superverbrecher“-Schublade. Alles sehr, sehr mau. Hinzu kam, dass sich die Amerikaner nicht nur in jeder Beziehung überlegen wähnten, sondern auch direkte Einsicht in die Budgetplanungen verweigerten, und Notizen und Wünsche der internationalen Partner gerne so lange ignorierten, bis es zu spät war, sie zu berücksichtigen. Kurzum: Als Juniorpartner wurde man rundweg nicht ernst genommen, und gerne auch über den Tisch gezogen.

Battlefield Earth DVD CoverEine kleine Randnotiz sei an dieser Stelle erlaubt: Das Filmfonds-System zur Jahrtausendwende übertrug dieses Geschäftsmodell (in ungleich üppigerem Ausmaß) auf den Kinofilm-Bereich. Große Stars nutzten windige Produzenten, um mit deutschem Geld Stoffe umzusetzen, die ihnen kein zurechnungsfähiges Studio hatte abkaufen wollen. Dieser Ära haben wir Filme von Bruce Willis („The whole nine ten yards“), Sylvester Stallone („Driven“, „Avenging Angelo“), und John Travolta („Battlefield Earth“) zu verdanken, die nicht mal für den DVD-Markt taugten. Es ist kein Geheimnis, dass viele der Fond-„Experten“ vorher die Werbegelder der Privatsender erfolgreich verpulvert hatten. Gottseidank ist das Thema auch schon wieder durch.

Weiter im Text. Meine Aufgabe als Entwickler bestand hauptsächlich darin, Drehbücher aus den USA und von anderswo zu lesen, und Lektorate mit den Empfehlungen an die Chefs zu mailen. Teilweise war ich erschüttert, was für einen Schrott man uns anbot – und mir schwante erstmals, dass der Müll, den man täglich auf dem Bildschirm zu sehen bekommt, bereits das Sahnehäubchen ist.

Beispiele gefällig? Wie wäre es mit einem in Frankreich entwickelten „Fast and the Furious“-Abklatsch, der damit beginnt, dass ein Autodieb in den frühen 80ern einen Ferrari (!) in Ost-Berlin (!!) klaut, damit über die Mauer (!!!) springt, während ein sozialistischer Grenzer hysterisch „Schießt das car!“ schreit?! Oder der Nazi-Zombie, der irgendwo im amerikanischen Hinterland ein paar jugendliche Paintball-Spieler killt, weil diese im Zweiten Weltkrieg zu der Spezialeinheit gehörten, die ihn abgemurkst haben. Wiebittenochmal?

In diesen Jahren reifte mein Entschluss, selber Drehbuchautor zu werden…

Unter den vielen Drehbüchern, die damals zur Sichtung auf meinem Schreibtisch landeten, war auch „Ice”, von den erfahrenen SF-TV-Schreibern Roderick und Bruce Taylor („Dead at 21″, „Superforce”, „Otherworld”). Es war ein ziemlich schnörkelloser „Neue Eiszeit”-Thriller von der Stange, der sich nahtlos in die Reihe der damals sehr populären TV-Katastrophenschocker einreihte. Allerdings hatte man das Budget für die recht aufwändigen Effekte nicht beisammen, und wollte wissen, ob ProSieben eventuell Interesse hätte, einzusteigen.

Tatsächlich ist es mir gelungen, mein Kurz-Lektorat zum Drehbuch in den Untiefen meiner Festplatte aufzuspüren:

ICE
Script for a TV movie
Courtesy of: Alexander/Enright
Written by: Roderick and Bruce Taylor
Read by: Torsten Dewi, 7.10.97

Log Line:
A small planetoid, covered in ice, smashes into the sun. It immediately starts to get colder, with the only warm places on earth left in the Caribbean. A small group of people in LA bonds together to fight their way through the snow and the ice storm to Long Island, where a ship is supposed to pick up some VIPs. On their way they meet crazed gunmen, looters, and a lot of corpses. But they have to stick together if they want to make it.

Comments:
First things first: I don’t particularly like the work of Roderick and Bruce Taylor. Most of what they have written was bland, sub-par SF nobody really wanted to see. They are not very meticulous and mostly go for the cheap melodramatics. And it shows in „Ice”, too. It’s a typical disaster story with a group of people surviving against all odds. It’s one of those scripts that gets written not because somebody wants to write it, but because they want to jump on the bandwagon.

That said, „Ice” is a competent script, very fast paced, with clichéd, but likable characters, and some nice visual ideas.

I have some problems with it, though. The whole disaster that sets up the events of the movie is barely explained, and the „science” part seems extremely unbelievable. The Taylors don’t bother to explain everything, and I could probably rip apart the „scientific basis” for the story in five minutes. But on the other hand they don’t bore us with technobabble, and they get right into the action.

At 104 pages, “Ice” feels too short. It takes only a few pages to get from the cosmic disaster to „LA in snow”. The tension doesn’t build, it’s just there all of a sudden. And the ending is very rushed and could use a little more depth. Maybe it would work better as a two part miniseries.

I also see a problem visualizing this (incidentally, this shares some of the problems of „Ice planet”). L.A. completely covered in snow? That’s gonna be expensive and tough to film. I see massive matte paintings, tons of fake snow and whole streets covered with the white stuff. Without a huge budget, this is going to come off unrealistic, and thus laughable.

I see enough characters with German cast potential. Carmen, Kevin or Louis could easily be rewritten to accommodate our needs..

This is a solid project that could be just „bombastic” enough to be a success for ProSieben. Maybe this will be the „Asteroid” of 1998.

Verdict:
Even though it lacks credibility and character development, and even though it would be better as a two part miniseries, this is exciting stuff, high drama, and could be a real „TV event”.

Promoflyer für EisMan sieht schon – es war nie geplant, hier „großes Fernsehen” zu produzieren. Aber wenigstens war „Ice” guter Durchschnitt, und damit weit über dem Niveau dessen, womit ich mir sonst den Arbeitstag versaute. Die Produzenten Alexander/Enright diskutierten außerdem mit uns auf Augenhöhe, gaben sich aufgeschlossen, und mit Regisseur Jean de Segonzac hatte man einen Profi an Bord, der sein Können in Top-Serien wie „Homicide” und „Oz” bewiesen hatte. Wir wurden uns also einig – ProSieben stieg für einen angemessenen Betrag als Koproduzent bei „Ice” ein, und mit Udo Kier war recht schnell ein Schauspieler für das „deutsche Element” gefunden. Wie damals üblich suchten wir uns gemeinsam einen aus einer Hit-Serie stammenden Akteur für die Hauptrolle aus, in diesem Fall Grant Show aus „Melrose Place”. Der Rest wurde größtenteils kanadisch besetzt, denn in Kanada wurde auch gedreht.

Die ProSieben-Beteiligung war nicht groß genug, um einen Besuch bei den Dreharbeiten zu rechtfertigen, weshalb wir vom Vertragsabschluß bis zum ersten Rohschnitt eigentlich nur auf den Fingernägeln kauen konnten.

Und ja – das hat alles was mit „Apokalypse Eis“ zu tun. Wartet’s einfach mal ab…

ENDE TEIL 1



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ExverlobterAPOKALYPSE EIS (6):Auf Rollsplitt in die Zielgerade… @ Wortvogel – 100 % Torsten DewiChris NoethReptilepa Recent comment authors
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Lukas

Scheißdrehbuchautoren: Wissen genau, wie man eine gute Exposition hinkriegt und hauen einem dann die Cliffhanger um die Ohren …

Ich bin jedenfalls gespannt, wie’s weitergeht (-ging).

Wortvogel
Wortvogel

Ich freu mich, dass es jemand merkt 🙂

Fakt ist in der Tat: Wie bei einem Drehbuch überlege ich mir auch für meine Blog-Reihen (diese wird sechs Teile haben), wie ich den Einstieg gestalte, und wo die idealen „act breaks“ sind. Nicht aus Absicht – es liegt mir nur im Blut.

„It’s gonna be legen… wait… wait for it!… DARY!“

Niklas

Ich hab jetzt nicht so die Ahnung vom Drehbuch, aber ist in diesem auch schon genau angegeben wer, was, und wann sagt? Oder ist da nur jede Szene beschrieben ohne den kompletten Dialog?

Wortvogel
Wortvogel

@ Niklas: Du kannst einen relativ repräsentativen Ausschnitt aus einem meiner Skripts hier finden: https://wortvogel.de/?p=1354

Das dürfte deine Fragen beantworten.

Tornhill
Tornhill

„Wie wäre es mit einem in Frankreich entwickelten „Fast and the Furious”-Abklatsch, der damit beginnt, dass ein Autodieb in den frühen 80ern einen Ferrari (!) in Ost-Berlin (!!) klaut, damit über die Mauer (!!!) springt, während ein sozialistischer Grenzer hysterisch „Schießt das car!” schreit?! Oder der Nazi-Zombie, der irgendwo im amerikanischen Hinterland ein paar jugendliche Paintball-Spieler killt, weil diese im Zweiten Weltkrieg zu der Spezialeinheit gehörten, die ihn abgemurkst haben. Wiebittenochmal?“

Klingt gut… 8)
Wie konntest du bloß DAS Potential verkennen? Man hätte ein gutes Doku-Drama draus machen können – Guido Knopp hätte sicher gern eine Einleitung geschrieben, die erklärt, wie realitätsnah das alles und wie pädagogisch wertvoll darum der Film ist.

the Geek

THE WHOLE NINE YARDS taugt nicht mal für den DVD Markt?

Nimm das Zurück!

Der Film ist absolut genial! Zudem sehr gut besetzt mit Bruce Willis, Matthew Perry und Amanda Peet.
Zog sogar einen zweiten Teil nach sich. Okay, THE WHOLE TEN YARDS war eher ein schwacher Abklatsch. Und an dem war laut IMDB auch eine deutsche Firma beteiligt.
Aber der erste war sehr lustig, die Story unterhaltsam – ein absoluter Lichtblick. Und keine deutsche Beteiligung laut IMDB.

Wortvogel
Wortvogel

@ Geek: Du hast Recht. Recherche-Fehler meinerseits. Habe ich korrigiert. Danke für den Hinweis. Bezeichnend, dass Teil 1 mehr als 100 Millionen weltweit gemacht hat, Teil 2 (mit deutscher Beteiligung) gerade mal 25.

Peroy
Peroy

„THE WHOLE NINE YARDS taugt nicht mal für den DVD Markt?

Nimm das Zurück!

Der Film ist absolut genial!“

Nö. Scheissfilm.

Peroy
Peroy

Den Nazi-Zombie-Paintball-Streifen will ich übrigens auch sehen. Das ist so komplett daneben, dass es geilt… 8)

Wortvogel
Wortvogel

Der wurde nie produziert – um es mit Wowi zu sagen: „Und das ist auch gut so!“

pa

Wie genau hatte sich der ‚Autor‘ das eigentlich vorgestellt? Spielte der Film in den 50’er Jahren (Paintball?)? Oder waren das die reinkarnierten Soldaten von damals?

Wie kann man solche Plotholes von der Grösse Schwarzer Löcher übersehen?

Wortvogel
Wortvogel

@ pa: Weder noch. Es wird einfach nicht erklärt. Ich vermute mal, der Autor dachte, dass der Zweite Weltkrieg ungefähr um 1998 herum stattgefunden hat. Und wie dann der Zombie nach Amerika kommt, ist auch nicht von Belang. Am Schluss wird er erschossen (wie einfallsreich), der Held schaut in die Sonne – Ende.

Wirklich: Ich kann das gar nicht so scheiße wiedergeben, wie es sich las….

Peroy
Peroy

„Der wurde nie produziert – um es mit Wowi zu sagen: “Und das ist auch gut so!”“

Das is‘ mir schon klar, dass es den nicht gibt, sonst würd‘ ich den kennen. Aber es SOLLTE ihn geben… 8)

manhunter

Ich schliesse mich dem Nazi-Zombie-Paintball-Streifen-Fanclub an. Der Wortvogel hat doch keine Ahnung…

Ähem. Schöner Einstieg, der Beitrag.

Lukas

Hah! Den Nazi-Zombie-Paintball-Film dreh ich Euch in den Semesterferien! Mit den alten Freunden aus der Schule, jede Menge Dosenbier und ohne Budget!

Mit sowas hab ich schließlich Erfahrung: http://www.coffeeandtv.de/2007/08/23/wie-ich-einmal-filmgeschichte-schrieb/ (falls der Hinweis erlaubt ist)

manhunter

Ha! Damals an der Schule hab ich auch mit „Casablanca“ gearbeitet. Und das mit dem „Freunde anschreien“ kommt mir ebenfalls bekannt vor. Ach, schöne Zeiten…

Lari
Lari

„Wie wäre es mit einem in Frankreich entwickelten „Fast and the Furious”-Abklatsch, der damit beginnt, dass ein Autodieb in den frühen 80ern einen Ferrari (!) in Ost-Berlin (!!) klaut, damit über die Mauer (!!!) springt, während ein sozialistischer Grenzer hysterisch „Schießt das car!” schreit?!“
Boah, wie geil! Schließe mich Torni an – wie konntest Du dieses Potential ungenutzt lassen? Gibt es eventuell eine Möglichkeit, dieses Drehbuch irgendwo unter Umständen einzusehen? Ahem. Na ja, sonst machen wir halt (alle Urheberrechte geflissentlich ignorierend) ’n Comic draus. 8)

Peter Krause

Der Plot ist doch eigentlich naheliegend: böse Aliens haben schon neunmal vergeblich versucht, die Erde in ihre Gewalt zu bekommen, doch nun haben sie den zehnten, den genialen Plan: mit einer Zeitmaschine entführen sie einen Nazie-Zombie und lassen ihn auf amerikanische Paintballkids los, um dann …
Herr Boll, bitte übernehmen.

Ingo
Ingo

„Paintball-Nazis must die“ for teh win!
Bitte Walter Moers für die Überarbeitung des Skripts verpflichten, danke!

pa

@Peter Krause: Genau, diese Paintballkids sind nämlich die Vorfahren der Rebellen, die die Aliens in der Zukunft besiegen oder so ähnlich.

Reptile
Reptile

Na ich freue mich schon auf die weiteren Teile dieses Berichtes.
Zu Sylvester Stallones Driven: Er hat ja das Script geschrieben und später gesagt das was daraus gemacht wurde eine Katastrophe geworden ist. Er wollte eigentlich eine Story ähnlich wie Rocky über einen jungen Rennfahrer der als totaler Underdog startet. Total auf die Charaktere fixiert. Über den finalen Film meint er dann ungefähr: „Oh man. Auf MTV gestyler Bullshit“.
Das erinnert mich ein wenig an „Vollgas“….

Chris Noeth

Bin ich froh, dass ich Dein Blog gefunden habe. Das hat mir den Tag versüßt! Endlich mal die schonungslose Wahrheit! 🙂

Viele Grüße von einem neuen (und ab sofort regelmäßigen) Leser!

Chris Noeth
http://www.chrisnoeth.de

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[…] 6. August, 2008 um 21:25 Uhr Kategorien: Film, TV & Presse, In Arbeit, Neues.Bitte vorab lesen: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, und Teil […]

Exverlobter
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