Star Command Logo

In der Branche heißt es: Seinen ersten Set-Besuch vergißt man nicht. Das stimmt.

CluedoBei mir war das „Cluedo“, die komplett in die Hose gegangene Krimi-Mitrate-Sendung von SAT.1 aus dem Jahr 1992, basierend auf dem gleichnamigen Brettspiel. Ich war damals frisch angeheuerter Randspalten-Abtipper bei der Fernsehzeitschrift GONG. Man hatte uns per Bus in das Schloß Leonberg gekarrt, in dem die Fiction-Elemente gedrehten worden waren, und bei Sekt und Häppchen konnten wir uns mit den Stars unterhalten. Ich brachte die SAT.1-Sprecherin ziemlich in Verlegenheit, als ich ganz naiv fragte, wie denn das Mitrate-Element für die Zuschauer funktionieren solle, wenn nicht nur die fiktionalen Einspieler, sondern auch die Studio-Sequenzen samt Moderation schon vorproduziert seien. Ihre etwas verdatterte Antwort. Gar nicht. Der Mörder, die Tatwaffe, und der Tatort seien ja festgelegt. Aber wieso sollten dann Zuschauer anrufen, wenn der Moderator der Aufzeichnung nicht darauf eingehen könne? Ohne es zu wissen, hatte ich den Fehler in der Grundkonstruktion der Show gefunden – dabei dachte ich bloss, ich hätte da was mißverstanden. Auf jeden Fall war das Konzept damit für mich gegessen, und entsprechend erfolglos war die Mitrate-Sendung, bei der das Mitraten sinnlos war, dann auch. Aber gelohnt hat sich der Abend auf dem Schloss dennoch: Ich hatte einen Streit mit einer sehr zickigen Jutta Speidel, und ein paar Bierchen mit einem mächtig coolen Manfred Lehmann (u.a. Synchronstimme von Bruce Willis, und „Praktiker – 20 Prozent auf alles, außer auf Tiernahrung!“), der viele klasse Anekdoten aus seinen Italo-Kriegsfilmen mit Klaus Kinski, Lewis Collins, und Lee van Cleef zum Besten gab.

Aber natürlich war es für mich interessanter, Dreharbeiten von Produktionen zu besuchen, dir mir als Fanboy entgegen kamen. Davon gab es nur kaum welche in Deutschland. Von ein paar Amateurfilmchen abgesehen ist die Science Fiction hierzulande halt doch sehr dünn gesät. Star Command CGIDarum wurde es auch 1995, bis eine Einladung aus dem Fax rutschte, die mir die Hände feucht machte: „Star Command“, eine dem Pressetext zufolge aufwändige deutsch amerikanische Weltraumoper, und potentieller Pilotfilm zu einer gleichnamigen Serie. Gedreht wurde das versprochene Effektfeuerwerk unter der Regie von E. W. Swackhamer in den alten Babelsberg-Studios in Potsdam. Diese wechselten damals praktisch im Wochenrhythmus den Besitzer, und waren immer darauf erpicht, große Produktionen an Land zu ziehen. Nun war die TV SERIEN, für die ich viel geschrieben hatte, schon eingestellt, und für den GONG war das Thema zu obskur. Trotzdem ließ sich mein Chefredakteur breitschlagen, mich „on location“ zu schicken. Das Geld für solche Reisen saß noch locker. Heute ist ein DSL-Zugang und Google als Startseite die Grundlage jeder „Recherche“, und „Interviews“ werden dankbar aus dem Pressematerial abgeschrieben (und dann gerne noch frech als „exklusiv“ verkauft). Ein Anruf in den Babelsberger Studios brachte Ernüchterung: Die Produktion war fast schon abgeschlossen, der letzte Drehtag stand kurz bevor. Die Pressemeute hatte man vor zwei Wochen bereits durch das Studio geschleust. Die Frage war also: abblasen oder durchstarten? Hätte ich mich für ersteres entschieden, gäbe es diesen Beitrag nicht.

Ich flog also nach Berlin, und ließ mich von einem Taxi nach Potsdam kutschieren. Die Studios sahen immer noch relativ heruntergekommen aus, und besonders gut vorbereitet war man auf meinen Besuch nicht – eine Produktionsassistentin führte mich eher widerwillig in die große Halle, und sagte mir, ich solle mich erstmal eine Weile umsehen, bis sie geklärt hätte, ob jemand für Interviews zur Verfügung stünde. Fotos solle ich bitte keine machen – es gäbe ja einen Satz freigegebener Pressebilder (die allesamt langweilig waren).

ArtieSchade eigentlich. Die Sets, die in meinem Beisein abgerissen wurden (u.a. eine Raumschiff-Brücke), sahen ausgeleuchtet und eingerichtet sicher nicht schlecht aus. Im grellen Licht der Studiolampen waren sie nur noch ein Haufen Sperrholz mit Blinklichtern, fast schon tragisch. Es standen nur noch ein, zwei kleinere Sets, auf denen die letzten Szenen gedreht wurden. Als ich dorthin weiterschlenderte, sah ich knackige junge Mädchen in silbernen Stiefeln und weißen Miniröckchen, die besser in einen „Austin Powers“-Film gepaßt hätten, als in einen vorgeblich ernsthaften Science Fiction-Film. Und gleich um die Ecke stieß ich fast gegen… Nummer 5! Nein, dann doch nicht – aber der Roboter, der mir den Weg versperrte, sah verdammt nach der Hauptfigur der beiden 80er Jahre-Comedys aus. Ein Regieassistent erklärte mir, dass es sich dabei um A.R.T.I.E. handelte (keine Ahnung mehr, was das Akronym bedeutet – aber es war auch ein Insider-Gag, der sich auf den Produzenten Artie Mandelberg bezog). Insgesamt war ich schwer unterwältigt. Das sah doch sehr billig und campy aus (alle gehässige Verweise auf „Sumuru“ bitte…. jetzt!).

Chad EverettEs traf sich für meine Arbeit gut, dass gerade Mittagszeit war, und die verbliebenen Darsteller zum Essen wanderten. Dabei gelang es mir, mich vorzustellen – und der alte Haudegen Chad Everett nahm sich sofort meiner an. Ich erinnerte mich noch gut an ihn, denn er hatte einst die Hauptrolle in der Serie „Hagen“ gespielt, die meine Mutter sehr mochte. Ein klassischer „harter Kerl“ im TV-Format, sehr attraktiv gealtert, und von einer professionellen Freundlichkeit, von der sich viele deutsche „Stars“ zwei bis sieben Scheibchen abschneiden könnten. Chad bot mir an, mit ihm zusammen zu essen. Kurios wurde es, als er nach ein paar Höflichkeiten fragte, welchem Glauben ich angehöre, Noch nicht der zynische Atheist, der ich heute bin, antwortete ich: „Ich wurde römisch katholisch erzogen“. Chad nickte zufrieden, und legte dann los: Er sei wiedergeborener Christ, Jesus habe ihn vom Teufel Alkohol befreit, und er habe die Rolle in „Star Command“ nur angenommen, weil sie ihm erlaubte, eine „christlich erleuchtete Prophetin“ in der Nähe von Passau zu besuchen.

Ach. Du. Scheiße.

Da saß ein knallharter Baum von einem Mann vor mir, ein Holllywood Herzensbrecher, und salbaderte von seiner Errettung durch den Sohn Gottes. Was kommt als Nächstes? Vielleicht – man sitzt vor John Wayne, und der Duke sagt mit Grabesstimme: „Am Wochenende ziehe ich mir immer meinen orangenen Kaftan an, schnappe mir das Tambourin, und bringe ‚hare, hare krishna‘ singend Liebe unter die Leute.“

Der Fairness halber: Chad war super nett, super höflich, gar nicht aufdringlich, und beantwortete geduldig auch meine dümmsten Fragen (ich hatte ja keine genaue Vorstellung, worum es bei „Star Command“ überhaupt ging). Als ich ihn fragte, ob er in einer eventuellen Serie ebenfalls dabei wäre, antwortete er augenzwinkerndend: „Das könnte ein Problem sein – hast du mal ‚Shades of L.A.‘ gesehen?“. Hatte ich. Da ging es um einen Toten, der als Geist auf die Erde zurück kam. Ich schloss daraus, dass Chad Everetts Charakter das Ende des TV-Films nicht erleben würde.

Mandelberg Johnston und ARTIE

Weil die Produktionsassistentin immer noch nicht wieder aufgetaucht war, stromerte ich weiter durch das Studio, und bekam mit, wie einige kleinere Szenen gedreht wurden (die Weltraum-Kadetten bekommen Orden für ihre mutigen Taten) – doch etwas fiel mir auf: Der Typ auf dem Regiestuhl (dick, gemütlich, entspannt), den kannte ich! Zwar nur von Bildern, aber immerhin. Schließlich arbeitete ich schon damals an meinem Buch über „Babylon 5“, und hatte diverse Artikel dazu in amerikanischen Zeitschriften gelesen: Das war Jim Johnston, einer der B5-Regisseure! Aber wieso das denn? Ich schnappte mir den oben schon erwähnten Regieassistenten, und fragte nach E. W. Swackhamer. Der RA verzog das Gesicht: „Hat dir das keiner gesagt? Der ist eine Woche nach Beginn der Dreharbeiten verstorben!“

Okay, für den GONG mochte der Setbericht ungeeignet sein, aber für eine Doppelseite in der NEUEN REVUE hatte ich langsam auf jeden Fall genug saftiges Material beisammen! Ich konnte das gar nicht glauben, aber es wurde später verifiziert: Swackhamer hatte es dahin gerafft, und eilends wurde Johnston aus den USA als Ersatz importiert. Es wäre menschenverachtend, das als „Glück“ zu bezeichnen, aber so hatte ich tatsächlich die Chance, mit jemandem zu reden, der „Babylon 5“ aus erster Hand kannte! In einer Drehpause nutzte ich die Gelegenheit, küsste Jim ausgiebig die Füße, und stellte keine einzige Frage zu „Star Command“. Dafür bekam ich endlich ein paar ungefilterte Antworten, was das „behind the scenes“ und die Budgets für „Babylon 5“ anging. Coole Sache, das! Aus Taktgefühl hakte ich auch nicht nach, ob es seltsam sei, für einen verstorbenen Kollegen einzuspringen. Ich merkte aber, dass Jim „Star Command“ nicht als Herzensangelegenheit, sondern als Auftragarbeit ansah. Kein Wunder: Es wurde immer deutlicher, dass die Dreharbeiten im Studio Babelsberg mehr als problematisch waren. Notwendige Modernisierungen waren aus Geldmangel nicht erledigt worden, diverse eigentlich gute Takes entpuppten sich als unbrauchbar, weil die Soundanlage unter aller Würde war. Und die diversen ehemals ostdeutschen Mitglieder der Crew sprachen fließend russisch – aber kein englisch. Ohne Zweifel: Für den Preisnachlass des Deutschlanddrehs zahlten die Amerikaner mit Nerven und Geduld.

Jay UnderwoodIrgendwo in der Nähe hörte ich Jay Underwood husten. Der ist für mich als Geek auch nicht irgendwer: immerhin hatte er in der unveröffentlichten „Fantastic Four“-Verfilmung Johnny Storm gespielt, und das nicht einmal schlecht („flame on!“). Als scharwenzelte ich fix in seine Richtung, und bot ihm beiläufig ein Halsbonbon an. Er lehnte freundlich ab: „Menthol ist scheiße für die Stimmbänder, darf man bei Dreharbeiten keinesfalls nehmen“. Wieder was gelernt. Aber so kamen wir ins Gespräch, und irgendwann gesellte sich noch Chris Conrad dazu (den Fantasy-Fans als „Jason“ aus „Hercules“ kennen). Wir verstanden uns prächtig, und verzogen uns in den Umkleideraum, wo Chris ein wenig auf seiner Klampfe spielte, während wir session-esk auf allem trommelten, was wir finden konnten.

Fantastic FourNatürlich sprach ich Jay auf „Fantastic Four“ an (der mir RICHTIG gut gefallen hatte), und das Erlebnis nagte sichtlich an ihm: „Wir haben uns für den Film echt den Arsch aufgerissen, und der Regisseur hat für das magere Geld unglaublich was aus dem Stoff rausgeholt. Wir dachten alle: Das wird unser Durchbruch. Und dann legen die den fertigen Film einfach ins Archiv!“. Was mich spontan darauf bringt: Über diese Verfilmung werde ich sicher auch mal was schreiben.

Chris ConradIch hakte bei Jay auch noch nach, wie es denn mit einer eventuellen „Star Command“-Serie aussähe. Er schüttelte den Kopf: „Allenfalls, wenn die das Ding nach Amerika verlegen. Ich bin frisch verheiratet, und ich werde keine sechs Monate im Jahr in Deutschland verbringen“. Chris nickte zustimmend. Ich fragte mich, ob das den Produzenten klar war.

Plötzlich sprang die Tür auf, und die schon verloren geglaubte Produktionsassistentin platzte herein: „Da sind Sie ja! Ich habe Sie überall gesucht!“. Ich verkniff mir ein „Überall wohl kaum, ich bin ja hier“. Sie teilte mir mit, dass Produzent Artie Mandelberg und Autorin Melinda Snodgrass bereit für ein Gespräch wären.

Melinda SnodgrassMachen wir es kurz: Das wurde wenig ergiebig. Im Gegensatz zu den Schauspielern wußten Artie und Melinda ganz genau, welche Informationen sie an die Presse geben wollten, und blockten alle kritischen Fragen höflich und mit Textbausteinen ab. Melinda versuchte mir einzureden, Fernseh-SF sei nicht weniger anspruchsvoll als SF-Literatur (nachdem ich gerade einen albernen Roboter und Statistinnen in Röckchen und Silberstiefeln gesehen hatte!). Für die Kostüme hatte Artie eine Totschlag-Erklärung: „Wir wissen ja nicht, was die Leute in der Zukunft tragen werden – also warum NICHT Röckchen und Silberstiefel?“. Fragen zur angeblich ja geplanten Serie blockten beide ab – ich vermute, sie hatten die Idee zu diesem Zeitpunkt schon abgeschrieben. Mehr noch: Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Serie nur eine Karotte gewesen war, die man den deutschen Partnern vor der Nase hatte baumeln lassen, um für den TV-Film bessere Konditionen rauszuhandeln. Es war ja auch nicht gerade ein gutes Zeichen, dass die Sets gerade mit Hämmern und Sägen zu Sperrmüll verarbeitet wurden…

Eva HabermannMittlerweile wurde es später nachmittag, und ich hatte ein Auge darauf, meinen Flieger zurück nach München zu erwischen. Doch die Produktionsassistentin erwischte mich noch einmal: „Wollen Sie vielleicht auch noch mit Eva Habermann sprechen?“. Von Eva hatte ich ein, zwei Bilder in Zeitschriften gesehen – eine „up and coming“- Schauspielerin Anfang 20 aus „Pumuckl TV“, der man als Zugeständnis an die deutschen Geldgeber eine kleine Rolle ins Drehbuch von „Star Command“ geschrieben hatte (und die man bis zur Ausstrahlung auf quasi null zusammen schnitt). Na gut, dachte ich – mit einem richtigen „deutschen Ansatz“ konnte ich dem GONG die Story vielleicht doch noch schmackhaft machen. Eva Habermann also.

Wer mich länger als eine Woche kennt, wird den Fortgang der Geschichte erahnen: Ja, Eva ist blond und sexy. Aber sie ist auch super professionell, verteufelt nett, total ungekünstelt, und sehr unterhaltsam. Es war ein Heidenspaß, sich mit ihr eine halbe Stunde lang zu unterhalten, zumal sie sich über ihre Rolle keine Illusionen machte. Ich wurde ein Instant-Fan von ihr, und als Drehbuchautor habe ich so manchen Part mit ihr im Hinterkopf geschrieben. Zumindest in einer Nebenrolle haben wir es schon zu einer Zusammenarbeit gebracht: In meiner „Märchenstunde“ spielte sie die Küchenmagd. Und ich gehe mal davon aus, es wird nicht das letzte Dewi/Habermann-Teamup bleiben…

Egal. Eva war also ganz bezaubernd, ich war hin und weg, und mein Setbesuch neigte sich dem Ende zu. Ich fragte bei der sichtlich desinteressierten Produktionsassistentin nach, ob es möglich sei, auch ein paar „Action-Shots“ zu bekommen, denn in der Pressemappe waren fast ausschließlich nur langweilige Portraitaufnahmen. Ihre Lippen sagten, „Ich werde mich darum kümmern“, ihr Kaugummi dahinter sagte „Für sowas werde ich nicht bezahlt“. Sie gab mir wenigstens noch den Namen der Effektfirma in Leipzig, die für die CGI des Films zuständig war. So bestand die Chance, einen etwaigen Artikel mit schönen Raumschiffszenen aufzumöbeln.

TV ZoneZurück in München klemmte ich mich hinter das Telefon – mein Chefredakteur hatte das Thema erwartungsgemäß bis zur Ausstrahlung von „Star Command“ auf Eis gelegt (in Deutschland lief der Film dann erst zehn Jahre später als „Star Command – Gefecht im Weltraum“ auf RTL2 ). Aber ich hatte ein Jahr zuvor bei der Präsentation von „Scarlett“ in London nicht nur die britische Metropole, sondern auch einen Kollegen von Titan Publishing kennen gelernt. Der hatte mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt für den Fall, dass ich mal ein Thema für ihn hätte. Bei Titan erschienen damals Zeitschriften wie „TV Zone“, in denen wirklich jede noch so obskure SF-Serie gefeatured wurde. Also rief ich ihn an, schlug eine Doppelseite vor, verhandelte das wenig üppige Honorar von 60 Pfund, und versprach leichtfertig, noch ein paar Bilder von den Effekten an Land zu ziehen, damit die „TV Zone“-Leser auch Schauwert bekamen.

Abgelehnte CGIDamit hatte ich mir ein echtes Ei gelegt. Denn die anfänglich noch recht kooperative Firma in Leipzig wurde verstockter, je öfter ich nach den versprochenen CGI-Screenshots fragte. Als ich nach Wochen drohte, den Artikel zu kippen, oder das Herumgezappel darin zu berichten, kam per Post – ein Dia. Schwarzweiß. Mit einer wirklich jämmerlichen Computergrafik eines Raumschiffs, das auf eine Weltraumstation zufliegt. Das hatte nicht einmal Amiga-Niveau, und dagegen sah „Babylon 5“ wie „Fifth Element“ aus. Aber mehr waren die „Effektkünstler“ nicht bereit rauszugeben. Ich bebilderte den „TV Zone“-Artikel so gut ich konnte, aber es blieb eher mau.

Hier der Artikel – anklicken für Vergrößerung:

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Ein paar Wochen später erfuhr ich den Grund für die ganzen Verzögerungen: Die Leipziger CGI-Schmiede war von der Aufgabe völlig überfordert gewesen, und war letztlich von den US-Produzenten sang- und klanglos gefeuert worden. Stattdessen übernahm mit Encore ein preiswertes, aber solides kanadisches Unternehmen die Effekte. Wieder keine Glanzleistung in Sachen deutsch amerkanischer Koproduktion.

Danach dauerte es noch fast zwei Jahre, bis der TV-Film tatsächlich von UPN in den USA ausgestrahlt wurde – im Rahmen eines Billig-Pakets war dem Sender der Streifen aufgedrückt worden, und man schob ihn eher beiläufig ins Programm. Die Quoten waren unterirdisch, aber das war nun auch schon egal, denn schließlich glaubte niemand mehr an eine Fortführung als Serie.

Star Command BasisWas ist nun mit dem Endergebnis? Tja, wie erwartet entpuppt sich der fertige Film als albernes Teeny-Abenteuer, das einem echten SF-Fan die Haare ausfallen lässt. Dumme Dialoge, banale Charaktere, dünner Plot (die Guten tragen weiße Navy-Uniformen, die Bösen schwarze Faschisten-Outfits!), und CGI-Actionszenen, die schon damals nicht mehr „state of the art“ waren. Besonders die Handhabung technischer Details (Roboter, Computer, Netzwerke) atmet deutlich den Geist der 70er Jahre. Die Kostümierung ist so lächerlich wie befürchtet, und man bemerkt das mangelnde Budget an allen Ecken und Enden: kleine Sets, wenig Statisten, kaum Soundeffekte. Bei einigen Sequenzen hat man sich nicht mal mehr die Mühe gemacht, die notwendige Postproduktion durchzuführen – Originaltöne vom Set hallen fürchterlich, und die Texte von Roboter Artie scheinen direkt von einem Regieassistenten hinter der Kamera gesprochen zu werden.

Die Backstory „verworren“ zu nennen, wäre eine höfliche Untertreibung. Man versuche mal, aus dem Gequatsche zum Beginn von „Star Command“ die ungefähre Handlung zu extrahieren:

Selbst TV-Veteranen wie Morgan Fairchild und Nigel Bennett (der einige Jahre später in meinem „Apokalypse Eis“ mitspielen sollte) mühen sich vergeblich an dem Kinderprogramm, das als SF daherkommt. Holo Eva

Dem Cast kann man sowieso keine Vorwürfe machen – aus Leuten wie Ivan Sergej und Kelly Hu wurden ja noch richtige Fernsehstars. Und Eva Habermann? Darf in einer „virtuellen Sexfantasie“ gleich in ihrer ersten internationalen Rolle aus dem Kostüm steigen…

Nun mag so mancher denken: Science Fiction? Deutsche Koproduktion? Eva Habermann? Drehort Berlin? Ist „Star Command“ etwa der inoffizielle Vorläufer von „Lexx“? Beweisen läßt sich das nicht, aber Fakt ist: Kaum ein halbes Jahr nach dem Ende von „Star Command“ las ich in der „Blickpunkt Film“, dass man in Babelsberg und Nova Scotia mit den Dreharbeiten zu „Tales from the Dark Zone“ begonnen habe. Vielleicht hat man nach „Star Command“ das Geschäftsmodell nochmal überarbeitet (und das Studio mit besseren Soundkabeln ausgestattet).

Chad Everett als ShaneUnter dem Strich ist es egal. Ich habe Eva Habermann kennen gelernt, Artie Mandelberg hat bis 2007 nicht mehr als Produzent gearbeitet, ein Artikel von mir wurde in einem englischen Magazin veröffentlicht, und 60 Pfund landeten auf meinem Konto. Also blieb ich summa summarum im plus. Hätte ich damals schon die notwendige Kackfrechheit besessen – ich hätte auf ein Foto von mir auf dem Set bestanden, und mindestens eine Requisite geklaut.

Und warum diese Geschichte, die eigentlich kurz und schmerzlos sein sollte, nun satte 11 Manuskriptseiten brauchte, ist mir ein Rätsel. Ich hatte vermutlich auf dem Rückflug aus Südafrika zuviel Zeit, und noch zuviel Saft im Notebook-Akku…

NACHTRAG 2: Ich habe nun auch meine Original-Kritik aus dem „SF TV Guide 98/99“ gefunden:

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milhouse
milhouse

Danke für den sehr unterhaltsamen Bericht!

Ich bin bei meinem ersten Set-Besuch direkt mit dem Mettbrötchen vom Catering ins Studio gelatscht. Und hab schnell die Regel „Kein Essen am Set!“ sehr deutlich eingebimst bekommen.

Nobby
Nobby

Auja, über „LEXX“ würde ich auch gern mal was lesen!

comicfreak
comicfreak

*jammer*

Tornhill
Tornhill

Ah, schön – die SF-Wochen haben offiziell begonnen!
– Und endlich wissen wir, wie die LEXX-Version (ja, coole Leute schreiben es warumauchimmer stets in Großbuchstaben 😉 ) der Dark Zone aussieht…“Star Command“

– Ach ja, den eingeforderten und verdienten Seitenhieb auf „Sumuru“ sollten wir dem Fachmann Peroy überlassen.

Ben
Ben

> Danke für den sehr unterhaltsamen Bericht!

Ebenfalls Danke!

HomiSite

Sehr informativer Bericht mit vielen hübschen Details. Weiß gar nicht, ob ich „Star Command“ kenne, eher nicht.

„Wer ist dieser Poet vom Planet?“ – „Ein Poet, vielleicht.“

Peroy
Peroy

„Ach ja, den eingeforderten und verdienten Seitenhieb auf “Sumuru” sollten wir dem Fachmann Peroy überlassen.“

Von dem Ding träum‘ ich nachts und wache dann sch(w)eißgebadet auf…

Über Den Regisseur würde ich aber gern mehr erfahren… Darrell Roodt, meine Nemesis-sis-sis…

Thomas Kiwispotter

Auch wenn ich wegen der Detailfülle keine Fragen habe … nee gerade deswegen, vielen Dank für die Unterhaltung!

Achim
Achim

Sehr interessant!
Ich lege persönlich auch keinen Wert auf Relevanz, aber auf Genauigkeit, deshalb lese ich diese Seiten.
Und nun meine Frage, ich habe „Star Command“ ja nicht gesehen, vieles aus dem Bereich SF übrigens nicht, ich kucke lieber Trek und Wars. Nun die Frage nach Zitat:
„Tja, wie erwartet entpuppt sich der fertige Film als albernes Teeny-Abenteuer, das einem echten SF-Fan die Haare ausfallen lässt.“
Erklärt das die „Frisur“ des Wortvogels? 😉

HomiSite

Danke für die Ergänzung.

<>
Na denn… 😉

Jack Crow
Jack Crow

Ack, ich wußte doch ich hatte den Namen schon irgendwo mal gelesen.. Klar, beim Meister selbst seinerzeit!

comicfreak
comicfreak

..also, Sumuru kommt doch in der Kritik vom Doc ganz gut weg..?!

Wizball
Wizball

Auweia, danke für das Auffrischen persönlicher TV-Erinnerungen. Den „Cluedo“-Trash habe ich früher relativ regelmäßig geguckt. Das merkwürdige Konzept und das Verheizen toller Schauspieler wie Horst Frank hat schon damals bei mir für eine morbide Art der Faszination gesorgt, die mich jede Woche erneut diesen Kram einschalten ließ.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Episode, in der Martin Semmelrogge das Mordopfer geben durfte. Er spielte einen erfolgreichen Heavy Metal-Star und im Verlauf der Sendung präsentierte er natürlich auch seinen, nach dem Willen der Drehbuchschreiber mit einer Goldenen Schallplatte (!) prämierten, Hit-Song: Zu einem lächerlich planlosen Gitarrengeschrammel gröhlte er die ganze Zeit „I want Sex, I want Blood“. Unterirdisch.

Ich plädiere für eine Wiederholung.

Achim
Achim

Au ja!
Cluedo habe ich auch wohl nur fast alles gesehen.
An Semmelrogge kann ich mich jetzt nicht so ganz erinnern.
Die Publikumssequenzen kann man aber streichen.
Aber weia, ist das schon soo lange her?
Klar, war schon zu analogen Satelliten-Zeiten, aber soo lange her? Wow!

Peroy
Peroy

„..also, Sumuru kommt doch in der Kritik vom Doc ganz gut weg..?!“

Der Mann ist ja auch geisteskrank…

comicfreak
comicfreak

..ist das ein Empfehlungsschreiben?
Paranoia bedeutet nicht,
dass SIE nicht doch hinter dir her sind..

;o)

Zensurgegner
Zensurgegner

Dies alles war sehr interessant zu lesen. So etwas müsste es auch zu dem Film Aliens geben.