11
Mrz 2008

Nachruf: Maria Plotes (+2008)

Themen: Neues |

Maria Plotes

Es sind manchmal die Nebensätze, die beiläufig ins Gespräch gestreuten Informationen, die einen aus der Spur bringen. Ich habe heute morgen mit meiner Mutter telefoniert. Sie erzählte eine halbe Stunde lang von ihrem Urlaub in der Türkei. Von den Ausflügen, dem zu teuren Bier, dem schönen Wetter.

Und dann, fast ansatzlos: "Ach ja, nur zu deiner Information: Maria ist tot."

Maria, das ist Maria Plotes, geborene Krümling. Die zweite Ehefrau meines vor einigen Jahren verstorbenen Großvaters. Meine Stiefoma. Irgendwie verwandt mit Gudrun Landgrebe (Großtante, wenn ich mich recht erinnere).

Maria ist tot.

Vielleicht dachte meine Mutter, es würde mich nicht sehr belasten – nach einem schweren Streit hatte ich den Kontakt zu Maria vor einigen Jahren abgebrochen. Zuletzt gesehen hatte ich sie vor drei Jahren bei einem Weihnachtsessen. Wir haben kaum zwei Worte gewechselt.

Maria hatte es nicht leicht, als sie nach dem Tod meiner Großmutter in die Familie kam – sie war schon länger die Geliebte meines Opas gewesen, und die Kinder und Enkel begegneten ihr mit jener präventiven Abneigung, die jede Sippe an den Tag legt, wenn ein "Eindringling" auftaucht. Dass Maria überhaupt die Integration in die Familie schaffte, lag nur an der selten angefochtenen Authorität meines Großvaters. Ihr eigener Charakter war nicht hilfreich: Auch in ihren 40ern noch unverheiratet und kinderlos, war sie zwar hoch gebildet, intelligent und selbstständig, aber auch sehr kühl und distanziert. Liebenswürdigkeit und Herzenswärme gehörten nicht zu ihren Stärken. Man konnte exzellent mit ihr diskutieren, aber zur "Oma" fehlte ihr die Seele. Sie war nicht die Glucke – sie war die Kämpferin: Im Krieg hatte sie ihre Ausbildung gemacht, teilweise war das Sekretariat, in dem sie arbeitete, wegen der Bombenangriffe in Bergwerke und Bunker verlegt worden. Danach schlug sie sich im Wirtschaftswunder-Deutschland als Single-Frau durch. Eine Leistung, die heute kaum noch nachvollziehbar ist.

Nein, sie war keine einfache Frau. Und sie heiratete spät einen Mann, der nicht einfach war – und in eine Familie, die es ihr nicht einfach machte. Aber sie hatte sich nun einmal entschieden, im Alter in einer Ehe den Schutz zu suchen, den sie brauchte – und wie immer war sie bereit, den notwendigen Preis dafür zu zahlen. Ich glaube, dass sie manchmal ein Herz aus Stahl brauchte, um das durchzustehen.

Nach dem Tod meines Großvaters verfiel sie körperlich immer schneller, Umbauten im Bad, Treppenlift, und Gehhilfe konnten nur noch bedingt ein "normales Leben" ermöglichen. Sie fiel immer häufiger hin, verletzte sich. Ich habe gehört, dass sie unter massiven Stimmungsschwankungen litt, sicher auch unter Altersstarrsinn. Je mehr sie auf die Hilfe anderer angewiesen war, desto mehr lehnte sie diese ab.

Ich verabscheue den Ausdruck "es ist sicher besser so", wenn man vom Tod eines Menschen spricht. Aber in diesem Fall?

Zumindest starb sie so friedlich, wie man es ihr nur wünschen konnte, und auf eine Art, die mir selbst nicht unangenehm wäre: Meine Tante fand Maria heute morgen in ihrem Fernsehsessel. Der Apparat war noch an. Sie hat wohl irgendwann gestern nacht einfach die Augen zugemacht.

Friede, Maria. Das ist er. Und keine Schmerzen mehr.



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comicfreak
comicfreak
11. März, 2008 16:14

..fühl dich gedrückt..

C.
C.
13. März, 2008 10:37

Danke für die berührenden Worte, die ein jeder von uns wohl auf ähnliche private Begebenheiten projezieren kann. Ich glaube nicht an Gott. Aber dort in der Gegend, da ist sie.

Sie wäre stolz, Torsten.

Manniac
14. März, 2008 08:55

Hm, meine Eltern haben mir die Tode von Nachbarn und entfernten Verwandten auch immer auf diese Weise mitgeteilt: Mal eben so anrufen, eine halbe Stunde telefonieren, und dann so in einem Nebensatz: Ach, übrigens…
Es ist bestimmt nicht einfach, die Nachricht vom Tod eines Menschen zu überbringen, selbst wenn man davon ausgeht, dass die Nachricht den anderen nicht belasten würde. Menschen gehen mit dem Tod sehr verlegen um.

Julian
15. März, 2008 00:11

Mein Beileid, Torsten.

S.
21. März, 2008 11:38

Ein schöner und wahrer Nachruf!

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[…] soll Tiere nicht allzusehr vermenschlichen, und einen emotionalen Nachruf, als wäre die eigene Oma verstorben, finde ich fehl am Platz. Aber ich möchte zum Abschied ein paar Sachen erzählen, an die ich mich […]