02
Dez 2007

Filmkritik: „The Wall“

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

The Wall PosterEngland 1982. Regie: Alan Parker. Drehbuch: Roger Waters, basierend auf dem Konzeptalbum „Pink Floyd The Wall“. Darsteller: Bob Geldof, Jenny Wright, Bob Hoskins.

Pink Floyd. Bösartiger Gymnasiasten-Pop der 70er. Gleicher Krätze-Wert wie Barclay James Harvest, Supertramp und Jean-Michel Jarre (alternativ zu letzterem: Mike Oldfield). Wurde von bärtigen Informatik-Studenten dem Vernehmen nach noch bis Ende der 80er gehört, seither ausschließliche Verwendung im ausdrücklich nostalgischen Kontext. Bekifft geschrieben, sollte man auch nur bekifft hören. Besser gar nicht. Gerne viel Hall, weil kosmisch gedacht. Nannte sich damals Rock, was nicht mal ironisch witzig ist. Zumeist hässliche Männer mittleren Alters, übergroße Brillen und schlechte Frisuren ein Muss – Spitzenreiter in beiden Kategorien: Jeff Lynne von ELO (die Band ist ansonsten aber von jeder Kritik ausgenommen). Meine musikalische Sozialisierung begann Gottseidank erst mit den 80er Jahren, weshalb mir das ganze Elend weitgehend erspart geblieben ist. Meinem älteren Bruder kann man viel vorwerfen – aber mit so etwas hat er meine Ohren nicht malträtiert. Papa hörte sowieso Elvis, und Mama Jacques Brel.

Man merkt schon – ich bin eigentlich denkbar schlecht geeignet, einen Film wie „The Wall“ zu besprechen. Die Platte hat es bei mir nie über die Türschwelle geschafft. Andererseits halte ich mich für ziemlich kompetent, was den cineastischen Output der 70er und 80er Jahre angeht, und Alan Parker („Birdy“, „Angel Heart“) gehört zu meinen erklärten Lieblingsregisseuren. Dazu kommt, dass ich mich für extrem offen halte, wenn es um neue Erfahrungen geht, und so mancher befürchtete Kunst-Schmonzes hat bei mir schon gnädige Aufnahme gefunden (Alejandro Jodorowsky und Coffin Joe dürfen aufstehen und sich verbeugen). Also – wat mutt, dat mutt, sagte meine Oma immer, womit denn auch die gesamte Familie in dieser Kritik Erwähnung gefunden hat.

Kurz zur Handlung, soweit man bei der visuellen Umsetzung eines Konzeptalbums von einer solchen sprechen kann: Pink ist… nein, nicht die kurzhaarige Pseudo-Punk-Göre mit den „ich bin sauer, weil irgendwie alles Scheiße ist“-Texten, sondern Bob Geldof, der mittlerweile geadelte Band Aid-Erfinder und Mastermind hinter dem zweiten unvermeidlichen Weihnachtssong der 80er nach „Last Christmas“. Oder andersrum: Bob Geldof ist Pink, ein komplett autistischer Popstar der 60er und 70er, der jeden Versuch, mit ihm Kontakt aufzunehmen, abblockt. In unchronologischen Bildern sehen wir, wie er so wurde: Der Vater im zweiten Weltkrieg gestorben, die Mutter desinteressiert, der Junge ohne jegliche Führung. Er schottet sich immer weiter ab, und als Idol der Jugend nutzt er seinen Einfluss, um eine faschistische Partei zu leiten (hier bleibt allerdings vage, ob es sich dabei wirklich um Pink, oder um eine seiner Projektionen handelt). Es geht um gesellschaftliche Mauern, zwischenmenschliche Mauern, seelische Mauern. Und irgendwann ist der Film dann aus.

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Ja, viel mehr ist da nicht. „The Wall“ wirkt eher wie eine lose Mischung von emotional aufgeladenen Szenen, ein Reigen von Musikvideos aus einer Zeit, da diese Kunstrichtung noch in den Kinderschuhen steckte. Es kommen auch Stilmittel wie Zeichentrick und Modellarbeiten zum Einsatz. Geldof als Pink bleibt dabei leer, weil seine Figur nicht mehr ist als eine Projektionsfläche, ein taub gewordener Zuschauer einer Welt, an der er sich teilzunehmen weigert. Die Charaktere, die mit ihm reden, bleiben oft unverständlich, ihre Sätze selten mehr als Hintergrundrauschen.

Trotzdem hat sich „The Wall“ durchaus das Prädikat „Film“ verdient, denn Alan Parker weiß, was er tut: Mag die Handlung auch rudimentär sein, so sind die einzelnen Szenen doch auf sehr konkrete Weise stimmig. Alles ist auf den dramaturgischen Effekt hin inszeniert, steht für sich allein, und entfaltet doch in der Kombination eine gewisse Sogwirkung. Hinzu kommt Parkers Fähigkeit, großartige Bilder zu inszenieren, die auch ohne direkten Kontext in Erinnerung bleiben. Der Musik, ob man sie nun mag oder nicht, gelingt es mühelos, die richtigen Akzente zwischen Apokalypse und Sozialdrama zu setzen.

Neben der Musik ist der gesellschaftlich-historische Kontext zur Zeit der Entstehung von Album und Film ein weiterer Schlüssel zu „The Wall“. Wie auch „Quadrophenia“ (mit dem „The Wall“ einen guten Teil seiner Attitüde teilt) geht es um den Umbruch in der Arbeiterklasse Großbritanniens, um den Aufstand gegen das Zurückgelassenwerden derer, die man heute das Prekariat nennt. Natürlich wirkt es anno 2007 etwas plakativ, wenn Pink im Schwarzhemd vor dem wenig verschlüsselten Hakenkreuz posiert, aber man darf nicht vergessen, dass damals die National Front eine durchaus achtbare politische Größe in England war, und der Faschismus dort weit präsenter war als jemals bei uns nach 45. „The Wall“ trägt seine klassenkämpferisch-linke Einstellung offen, und dieser Anachronismus macht, wenn man ihn akzeptiert, den Film eher sympathischer.

Letztendlich kann man „The Wall“ auf zwei Weisen durchaus genießen: als Fan der Platte, denn die Umsetzung der Musik ist prächtig und einfallsreich. Oder als Fan avantgardistischer Musikfilme, die mehr auf kurzfristige Wirkung als auf dramaturgische Stimmigkeit setzen. Ein gutes Double Feature mit „Quadrophenia“ gibt das allemal. Zählt man sich zu keiner dieser beiden Zielgruppen, ist allerdings dringlich abzuraten.

„We don’t need no education“ – das kann man auch 2008 noch so stehen lassen…



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Julian
2. Dezember, 2007 21:25

Schöne Einleitung, interessante Kritik. Ich als Nicht-Kenner des Films (wohl aber des Albums) werde zu dem Film gelockt, allerdings ist schon jetzt klar, daß es sich nicht um einen reinen Unterhaltungsabend handeln wird, sondern neben dem Musikgenuß auch eine Diskussion zur Intention (und Interpretation) von Pink Floyd stattzufinden hat. No Pudding!

Peroy
Peroy
3. Dezember, 2007 03:47

Hat der Wortvogel was gegen Mike Oldfield… ? Muss ich ihn verbal züchtigen… ?

Jens
Jens
3. Dezember, 2007 04:12

Also, ich muss ja zugeben: Ich bin Pink Floyd-Freund. Mag vielleicht nur daran liegen, dass ich ihre Musik damals genau in einem Pubertätsabschnitt kennen gelernt habe, in dem sie mich beeindruckte und mir etwas Neues brachte. (Gibt’s ja öfter: Filme, Lieder, etc., die ihren Wert nicht aus sich heraus haben sondern durch die Assoziationen und Erinnerungen, die sie immer wieder wachrufen können.)

Aber gerade deswegen ein ehrliches Kompliment an den Wortvogel: Einen Musikfilm, dessen Musik man nicht mag, so angenehm ausgewogen zu besprechen – das ist eine echte Leistung!

tbee
3. Dezember, 2007 11:09

Im inneren seines Herzens mag er die Musik sicher – nur zugeben würde er es nie 😉
grüße
tbee
[der bis weit in die 80er auch einen Schuhkarton mit Pink Floyd / Deep Purpel / Rainbow … Kassetten sein eigen nannte]

Wortvogel
Wortvogel
3. Dezember, 2007 18:18

Ach spaulding – wer wird sich denn von der billigen Polemik des Vogels ins Bockshorn jagen lassen?! Grad mal keine Ahnung habe ich, was diese Bands angeht – deren schwiemeliges Image ist mir vertrauter als die eigentlichen Alben. Und wer ohne "Dark Side of the Moon" nicht einschlafen kann, braucht dazu nicht meinen Segen 😉

Tornhill
4. Dezember, 2007 15:42

Da sich meine "Pink Floyd"-Kenntnisse auf exakt dieses Album beschränken (ich könnte nicht mal "Wish you where here" oder wie es heisst, wovon alle schwärmen, summen), kann ich mich kaum als Fan bezeichnen, aber das Album mag und den Film liebe ich!
Mag sicher helfen, dass ich persönlich keine Ahnung von Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll habe, aber ich war einfach von seiner oft an Kubrick erinnernden Bildsprache (in den Realszenen) und den bizarren Zeichentrickelementen begeistert.