25
Nov 2007

Das beste TV-Jahr aller Zeiten

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

FrasierIch vermisse die 90er. Nicht generell. War so ein Jahrzehnt, das man auch hätte weglassen können. Alles nur retro, nix Neues mehr, scheiß Musik, scheiß Klamotten, und scheiß Politik. Kannze eigentlich knicken. Oder die 80er wiederholen.

Aber Fernsehen gab’s da!

Vor ein paar Tagen fiel mir auf, wie sehr ich die klassische Sitcom vermisse. Das, was man in Fachkreisen "multiple camera sitcom" nennt. Derzeit regiert ja die "single camera sitcom", die im Stil von Dramaserien produziert wird: "The Office", "My Name is Earl", "Scrubs", "Arrested Development". Alles großartige Serien, keine Frage – aber ich vermisse das Bühnenbild à la Ohnsorg-Theater, die unsichtbare vierte Wand, das Gelächter des Publikums (und nein – "Krügers Woche" ist kein akzeptabler Ersatz). Ich vermisse die auf Karikatur-Format reduzierten Charaktere, die immer gleichen Plots, das "Tür auf, Tür zu"-Prinzip der klassischen Boulevard-Komödie.

CybillGerade in den 90ern wurde dieses Format perfektioniert, und statt der nervtötenden Familien-Glückseligkeit der 80er (Cosby, ALF, Full House) kam die "sophisticated sitcom" in Mode, die urbane Comedy mit Stil und Geschmack.

Und eben habe ich mir mal die Mühe gemacht, das beste Jahr für beinharte Sitcom-Fans zu ermitteln, in dem ich die Ausstrahlungen Dutzender Serien miteinander verglichen habe. Und der Sieger ist:

1998!

FriendsGenauer kann ich es nicht einkreisen, denn einige exzellente Serien liefen in diesem Frühjahr aus, einige moderne Klassiker starteten im Herbst. Aber es kann wohl keine schönere TV-Saison gegeben haben. Es war das gesegnete Jahr für TV-Junkies.

Nicht überzeugt? Hier das ultimative "heilige Dutzend" der Sitcoms, die man sich 1998 in einem Jahr ansehen konnte:

Just shoot meFriends (September 1994 bis Mai 2004) – kann man für trendigen Scheiß halten, ist aber eine perfekt geschriebene Beziehungs-Sitcom mit exzellenter Besetzung ohne Makel

Seinfeld (Juli 1989 bis Mai 1998) – kaum eine Serie hat eine derart eigene Handschrift entwickelt, und die Schwächen der Charaktere so konsequent durchgehalten ("no hugs, no lesson").

Frasier (September 1993 to Mai 2004) – mein persönlicher "all time favorite". Ohne Niles wäre mein Leben ärmer als ohne einige meiner besten Freunde.

Cybill (Januar 1995 bis Juli 1998) – Cybill Shepherd zeigt Talent zur Selbstparodie, Alicia Witt bezaubert mit den schönsten roten Haaren des US-Fernsehens, und Christine Baranski stiehlt trotzdem allen die Show. Nice work if you can get it…

Just Shoot Me (März 1997 bis Aug. ’03) – George Segal und Laura San Giacomo standen weit vorne in den Credits, aber die Serie gehörte Wendie Malick und David Spade, machen wir uns nichts vor.

Will & Grace (Sept. 1998 bis Mai ’06) – und es sind immer wieder die Nebenfiguren: "It’s" Jack & Karen zeigten besonders ab der zweiten Staffel, wie man zwei schöne Hauptdarsteller an die Wand spielt.

Dharma & Greg (Sept. 1997 bis April ’02) – auf eine harmlose Art sexy, und die genauste Entsprechung einer "romantic comedy" im TV-Format.

Lateline (März 1998 bis März 1999) – nie so erfolgreich, wie es das Format verdient gehabt hätte, und es ist kein Wunder, dass sich "Back to you" mit Kelsey Grammer dort heute kräftig bedient.

Larry Sanders ShowEllen (März 1994 bis Juli 1998) – viele Serien sind daran zu Grunde gegangen, dass die Hauptfiguren miteinander im Bett gelandet sind. "Ellen" dürfte die erste Sitcom gewesen sein, bei der das "coming out" der Hauptdarstellerin das Ende einläutete.

Newsradio (März 1995 bis Mai 1999) – nochmal Medienbranche. Der Wortvogel ist ein Sucker für das Thema.

Married with Children (April ’87 bis ’97) – Klassiker. Punkt.

Larry Sanders Show (Aug. ’92 bis Mai ’98) – hinter den Kulissen der Branche zum Dritten. Auch wenn man Garry Shandling nicht mag – hier kam die Elite der Comedy-Szene zusammen.

Wenn ich mir anschaue, was für mauer Kram heuer als Sitcom durchgeht ("Rules of Engagement", "Big Bang Theory", "Back to you"), dann möchte ich heulen. Vor zehn Jahren ging das alles besser. Und die Frauen: Alicia Witt, Wendie Malick, Jennifer Aniston, Joely Fisher, Julia Louis Dreyfus, Christina Applegate…

Babylon 5Auch was Genre-Serien anging, konnte man sich 1998 nicht beschweren: Babylon 5, X-Files, Buffy, Highlander, Xena. Erste Sahne Programm, jede Woche frisch.

Paßt schon. 1998 war das Jahr. Ich war frische 29 Jahre alt, und alles war gut…



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Flobot
25. November, 2007 23:55

How I Met Your Mother trifft aber deine Beschreibung von was du brauchst ziemlich gut…

Peroy
Peroy
25. November, 2007 23:59

"Ellen (März 1994 bis Juli 1998) – viele Serien sind daran zu Grunde gegangen, dass die Hauptfiguren miteinander im Bett gelandet sind. “Ellen” dürfte die erste Sitcom gewesen sein, bei der das “coming out” der Hauptdarstellerin das Ende einläutete."

Die Episode hab' ich gesehen, die war ja auch beschissen…

Wortvogel
Wortvogel
26. November, 2007 00:04

@ Flobot: "How I met your mother" ist einer der wenigen Lichtblicke, und nicht weniger als eine der besten Sitcoms aller Zeiten. ALLERDINGS ist sie strikt gesehen keine traditionelle "multiple camera sitcom", denn man hat das Publikum aus dem Studio verbannt, um mehr Sets schneller einsetzen zu können.

comicfreak
comicfreak
26. November, 2007 13:26

*seufz*

*nostalgisch_werd*

Atum4
Atum4
26. November, 2007 23:04

Ja!
Und heute gibt es dafür die schlechteste nennen wir es Sitcom aller zeiten Immer wieder Jim. (brechreizTV).

manhunter
27. November, 2007 12:32

Hm, und was ist mit "Home Improvement" aka "Hör mal, wer da hämmert" (1991 bis 1999)?

Wortvogel
Wortvogel
27. November, 2007 12:38

@ manhunter: Es gibt nicht genug Tonnen, in die man diesen Dreck treten kann – und "Alle lieben Raymond" gleich dazu. scheißpseudolustigefamiliendrecksitcomsblöde…

comicfreak
comicfreak
27. November, 2007 13:44

@ wortvogel

..das beweist, dass du nicht mit einem Heimwerker verheiratet bist..

😉

flow
29. November, 2007 02:29

Ich mochte damals Frasier nicht besonders und hab den "Hype" darum nie verstanden… bis ich dann irgendwann einmal nicht die deutsche Fassung sondern das Original gesehen habe! Meiner sehr persönlichen Meinung steht und fällt kaum ein Seriengenre so sehr mit einer gescheiten Synchronisation wie die Sitcom. Von Frasier ist da leider nicht viel übrig geblieben… ein Schicksal das viele dort erfolgreiche US-Sitcoms ereilt hat. Und in der Prä-Youtube Zeit wars auch nunmal nicht so leicht an die Originale zu kommen :-(.

@Flobot

flow
29. November, 2007 02:30

@Flobot:
Wow, und ich dachte der Nick wäre frei 😉

Wortvogel
Wortvogel
29. November, 2007 10:14

"How can men use sex to get what they want? Sex IS what we want!" (Frasier)

Hendrik
30. November, 2007 01:29

Du hast KING OF QUEENS vergessen – ohne Frage Kult – und startete 1998 in den USA.

Von den 80er Sitcoms mochte ich übrigens nur WER IST HIER DER BOSS und EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE. ALF auch, aber das kann man einfach nicht Sitcom nennen.

Wortvogel
Wortvogel
30. November, 2007 08:30

@ Hendrik – nicht vergessen, sondern absichtlich ignoriert. Ich finde die Serie über die Maßen langweilig. Dies ist halt meine Liste – jeder kann (und soll) das für sich anders gewichten. Wenn man auf diese "grenzdebile Zupacker-Kerle"-Serien steht, kann man für 1998 auch "Home Improvement", "Everybody loves Raymond" und "King of Queens" addieren…

Ron
Ron
3. Dezember, 2007 17:19

Jetzt bin ich aber neugierig: Ignoriert oder übersehen? Ich bin großer Fan der Drew Carey Show. Sehr anspruchslos (gewollt) und saulustig und wenigstens keine heile Familienwelt.

Die beste Zeit war die 2. bis 5. Staffel.

Wortvogel
Wortvogel
3. Dezember, 2007 23:00

Ups, ja – Drew gehört auf die Liste, ohne Frage…

CptSitcom
CptSitcom
25. Januar, 2009 13:52

Wenn ich mir anschaue, was für mauer Kram heuer als Sitcom durchgeht (”Rules of Engagement”, “Big Bang Theory”, “Back to you”), dann möchte ich heulen. Vor zehn Jahren ging das alles besser.

Nichts gegen Nostalgie, aber die Argumentation ist doch Quark. Schlechte Sitcoms aus der Gegenwart mit guten aus der Vergangenheit vergleichen. Da kann man auch Mist von damals gegen "30 Rock", "My Name Is Earl", "Entourage" usw. antreten lassen und genau zur umgekehrten Schlussfolgerung kommen.

Wortvogel
Wortvogel
25. Januar, 2009 14:15

@ CptSitcom: Ich habe mich klar auf "multiple camera sitcoms" bezogen. Außerdem ist "Entourage" keine Sitcom. Und selbst wenn ich den Kram dazu rechne – zeig mir ein Dutzend guter Sitcoms von heute, die gegen das Dutzend von damals antreten können.

Nachdenken, Kommentar schreiben, nachdenken, abschicken. Hat sich bewährt.

CptSitcom
CptSitcom
26. Januar, 2009 23:20

Wozu sollte ich ein Dutzend nennen, Dein Dutzend hatte auch ein paar Ausfälle. Überraschung: Das ist alles subjektiv.

Dein Vergleich von eher guten 90er-Comedies und misslungenen aktuellen hinkt weiterhin. Die Unterscheidung nach Anzahl der Kameras ist egal (Dir nicht, mir schon, jeder diskutiert halt, worüber er Lust hat) und Entourage natürlich eine Sitcom (en.wikipedia.org says so, und die hat immer recht).

Reductio ad absurdum gefällig? Seit den 90ern hat’s keine gute 90er-Jahre-Sitcom gegeben. Nichts gegen Nostalgie, aber Du kannst doch sicher besser erklären, was für Dich den Charme der genannten Serien ausmacht. Genau das fehlt mir in Deinem Artikel, was vielleicht auch an der Kürze der Darstellungen liegt.

…Nachdenken, Kommentar schreiben, nachdenken, abschicken. Hat sich bewährt…

So lange nichts Unoriginelles und Herablassendes dabei 'rauskommt …

Wortvogel
Wortvogel
26. Januar, 2009 23:29

@ CptSitcom: Ich habe die Maßstäbe meiner Bewertungen genannt – wenn dir die nicht passen, mach ein eigenes Blog auf, du Heini. Ich werde hier bestimmt nicht anfangen, darüber zu diskutieren, ob mein Sitcom-Geschmack DEINEN Erwartungen entspricht.