Ankündigung: Ich werde künftig versuchen, meine Kinokritiken immer zwei Wochen vor dem Deutschland-Start online zu setzen. Freut euch auf „Ratatouille“, „Stardust“, „Chuck und Larry“, „Shoot Em Up“, „Wind Chill“, etc. …

Beichtzeit: Ich komme nicht nach. Pro Woche gehe ich durchschnittlich dreimal zu Pressevorführungen ins Kino, dazu noch ein halbes Dutzend Filme auf DVD, ein paar Klassiker im Fernsehen, und diverse Festivals. Müsste ich nicht Geld verdienen – ich könnte aus dem Blog einen Vollzeitjob machen…

Aus diesem Grund rattere ich nun mal kurz diverse Reviews herunter, die sich angesammelt haben.

HairsprayHAIRSPRAY: Ich wollte den Film nicht mögen. Ich bin auch nur ins Kino gegangen, weil man als Kritiker die Cola und das Magnum umsonst bekommt. Musicals sind in den letzten Jahren eine lasche Angelegenheit geworden, John Waters‘ Film ist sowieso sakrosankt – und Travolta in Weiberfummeln?

Selten habe ich so daneben gelegen. „Hairspray“ legt von der ersten Minute ein mitreißendes Tempo vor, klinkt eine spektakuläre Musik- nummer an die nächste, und treibt den Zuschauer so enthusiastisch durch seine bonbon- bunte Welt, dass man am Ende versucht ist, durch das Kino- Foyer zu tanzen. Würden „Grease“ und „Der kleine Horrorladen“ miteinander schlafen – das Kind sähe wie „Hairspray“ aus.

Was „Hairspray“ außerdem von der Teeniekomödienkonkurrenz abhebt, ist eine (auf Waters zurückgehende) Sympathie mit den Underdogs: Am Schluß gewinnen hier die Dicken und die Schwarzen, die Armen und die Unterpriviligierten. Tracy muss nicht (wie in praktisch jedem Teenie-Film) zum schönen Schwan werden, um den Prinzen zu bekommen – ihr großes Herz und ihre Begeisterung reichen völlig aus.

Abgesehen vom begeisternden Soundtrack und dem fehlerlosen Produktionsdesign muss man vor allem die Darsteller loben: Christopher Walken und Michelle Pfeiffer überdrehen zwar, spielen sich aber nie in den Vordergrund. Zac Efron beweist, dass sein Teenieidol-Status nicht nur den beiden „High School Musicals“ zu verdanken ist. James Marsden räumt lässig swingend alle böse Erinnerungen an seine miserablen Darstellungen in „X-Men“ und „Superman Returns“ weg. Und Hauptdarstellerin Nikki Blonsky? Nicht weniger als sensationell.

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Würde man ein Haar in der Suppe finden wollen – es hieße John Travolta. Klar hängt er sich rein, aber er sieht nie wirklich anders aus als John Travolta mit Fat Suit und 20 Pfund Latex im Gesicht. Das wirft den Zuschauer aus der Realität des Film, so künstlich sie auch sein mag (ein ähnliches Problem hatte ich ja mit Helge Schneider in „Mein Führer“).

Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das hier schreiben werde: „Hairspray“ ist mein Film des Jahres.

28 Weeks later Poster 28 WEEKS LATER: Aus der Abteilung „Fortsetzungen, die die Welt nicht braucht“ kommt der Nachschlag zu Danny Boyles hysterischer Digivideo- Zombiefarce „28 days later“. Wenigstens haben sich die Macher sichtlich bemüht, die Story konsequent weiter zu entwickeln, und die Ereignisse des ersten Teils in einen größeren Kontext zu stellen. In mehr als einer Beziehung ist 28wl der „Day of the Dead“ zum „Dawn of the Dead“ von 28dl (und auch die damit verbundenen negativen Assoziationen sind gewollt). Aber lassen wir den Film für sich selbst sprechen.

28 Wochen nach dem Ausbruch des Rage-Virus ist das isolierte England entvölkert – die Rage-Zombies sind schlicht verhungert, und da der Virus sich nur von Mensch auf Mensch überträgt, gibt die UNO Entwarnung. Unter der Leitung der Amerikaner (klar) wird in London mit der Neubesiedlung begonnen. Das geht schief (klar), als durch eine infizierte, aber scheinbar immune Frau das Virus in die Quarantäne-Zone gelangt. Den Amerikanern gerät die Situation ratzfatz außer Kontrolle (klar), und schon bald schießen die „Schutztruppen“ auf alles, was sich bewegt – inklusive der eigenen Leute (klar, klar und nochmals klar). Ein junges Geschwisterpaar versucht den Ausbruch…

Man muss schon arg die Augen und Ohren schließen, um in der Quarantänezone nicht die „Green Zone“ von Baghdad zu sehen, und in den Zombies nicht die Aufständischen. Subilität ist die Stärke von 28wl nicht. Die Autoren haben ein billiges Ziel gesehen – und gleich mit einer dramaturgischen Panzerfaust drauf geschossen.

28wl

Technisch ist 28wl dem Original dank des deutlichen höheren Budgets überlegen – es gelingt Regisseur Fresnadillo beneidenwert perfekt, die Vision eines entvölkerten Englands auf Zelluloid zu bannen. Leider hat er sich entschieden, den hyperhektischen Stil und den Digicam-Look des Vorgängers beizubehalten, was wieder einmal für totales Chaos in den Actionszenen sorgt. Das mag gewollt sein – schön ist es nicht…

Am Ende scheitert 28wl allerdings am meisten daran, dass er zwar dynamisch und effizient inszeniert ist, aber nach der Hälfte der Laufzeit alle Versuche, eine anständige Handlung zu erzäh- len, in den Wind schießt. Laßt euch von der Familientragödie der ersten 30 Minuten nicht täuschen – ist alles komplett für die Tonne. Sobald das Rage-Virus wieder ausbricht, regieren Gewalt, Splatter und Wackelkamera.

Man hatte die Mittel, doch es fehlte am Talent. Trotzdem sage ich voraus, dass dieser Film Gold ist gegen den demnächst anlaufenden „Resident Evil: Extinction“…

Fido PosterFIDO: Wer der Meinung ist, mit „Shaun of the Dead“ sei alles zum Thema Zombiekomödie gesagt, der sollte sich von „Fido“ eines besseren belehren lassen.

„Fido“ spielt in einem US-Vorort der 50er, dessen Norman Rockwell-Idylle nur dadurch getrübt wird, dass außerhalb der Stadtgrenzen Zombies durchs Land stapfen, und man Angehörige mit separiertem Kopf begraben muss, damit sie nicht wieder aufstehen. Elektronische Halsbänder ermöglichen es, Zombies zu domestizieren, und als billige Arbeitskräfte, Haustiere und Sexklaven machen sie den Suburbanites das Leben leichter. Über allem thront „Zomcon“, die ambivalente Firma, deren Produkte die Zombieplage in Schach halten.

Timmy ist ein kleiner Junge, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund. Den bekommt er in Form des Zombies „Fido“, den die statusbewußte Mama eines Tages einkauft, obwohl Papa Angst vor Untoten hat. Fido erweist sich als Segen für die Familie, hat aber die unangenehme Eigenschaft, Gegnern von Timmy auch mal die Kehle durchzubeißen. Es wird zunehmend schwerer, seine „Ausfälle“ zu vertuschen. Und überhaupt: Was ist eigentlich mit den Bürgerrechten von Zombies? Sind schließlich auch nur Menschen…

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Man merkt es: „Fido“ ist eine bitterböse Satire über die amerikanische Konsumgesellschaft, deren Prosperität gerne auf Kosten anderer geht. Dafür bedient sich Regisseur Curry ausgerechnet der Heileheilegänschen-Idylle der „Lassie“-Serien (manche Szenen sind direkte Zitate – mit einem Zombie als Collie-Ersatz). Gerade der brutale Kontrast von fleischfressenden Zombies und minzfarbenen Straßenkreuzern gibt „Fido“ eine eigene Note, und bewahrt ihn vor ungünstigen Vergleichen mit „Shaun of the Dead“.

Besonders herausstreichen möchte ich (wie bei „Hairspray“) die Ausstattung der Produktion. Man fragt sich, wo die Produzenten in Kanada noch einen derart gruselig-perfekten Vorort gefunden haben. Suburbia sieht hier nach einer Mischung aus „Desperate Housewives“ und „Stepford Wives“ aus. Das wirkt alles sehr teuer – auch wenn der Film kaum ein großes Budget gehabt haben dürfte.

Im Gegensatz zu „Shaun of the Dead“ ist „Fido“ jedoch immer eine Komödie mit Horror-Stilmitteln. Es ist kein Horrorfilm an sich. Suspense oder blanken Schrecken sucht man hier vergebens. Kein Film „von Fans für Fans“.

Ich lege „Fido“ jedem ans Herz, der nach Sommer-Blockbustern und ein paar Japano-Gruslern wieder eine echte Delikatesse sucht. Den wirklich furchtbaren und sicher erfolgshemmenden Titel muss man ja nicht mögen…

Dhoom 2DHOOM 2: Okay, gleich nochmal Butter bei die Fische – ich habe weder „Dhoom“ gesehen, noch besonders viele Bollywood-Filme. Ist nicht mein Thema. Aber angesichts des Fantasy Filmfests dachte ich: schau mer mal, was der indische Film mittlerweile so drauf hat.

Und das entpuppte sich als nicht gerade wenig…

Der Plot ist fix zusammengefasst: Superdieb „A“ (peinlicherweise später als „Aryan“ geoutet!) wird von Supercop „Dixit“ („Dickshit“ ausgesprochen – I kid you not!) gejagt. Dixit setzt die Nachwuchdiebin Sunehri auf A an, doch diese verliebt sich in den melancholischen Gauner mit dem Waschbrettbauch. In Rio kommt es zum finalen Showdown.

Genau, und diese dürftige Story erzählt „Dhoom 2“ in für Bollywood-Maßstäbe bescheidenen zweieinhalb Stunden. Dabei sind die filmischen Unterschiede zum Hollywood-Kino gar nicht mehr so groß: würde man die sinnlosen Tanznummern und die gefühlten 2000 unnötigen Zeitlupen entfernen, käme „Dhoom 2“ sicher auf massenkompatible 90 Minuten.

Auch sonst erlaubt sich der erfolgreichste Film Bollywoods kaum Schwächen: Die Stunt-Arbeit ist meistenteils atemberaubend, die Kamera läßt jeden Bond-Film schwach aussehen, und die CGI-Effekte haben höchstes Niveau.

Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig, wie melodramatisch- heulsusig „Dhoom 2“ mitunter wird – bildschöne Menschen leiden an der unerreichbaren Liebe und so weiter. Die Struktur des Drehbuchs hätte man auch straffen können: Man möge mir mal erklären, warum die Rolle von Dixits Kollegin Sonali nach einer Stunde aus dem Film geschrieben wird, die Darstellerin aber als ihre eigene Zwillingsschwester Monali (diesmal Beach Bimbo) wieder auftaucht?! Und hätte man sich den „lustigen“ (Anführungszeichen = ironisch) Sidekick von Dixit nicht sparen können?

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Besonders in den ausgeklügelten Actionsequenzen lahmt der Film an seiner Länge – hier mangelt es den Bollywood- Regisseuren an der Erkenntnis, dass in der Kürze die Würze liegt. Was brillant angesetzt wird, läuft sich oft tot, weil zu viele Zeitlupen und Zwischenschnitte jede Suspense versauen. Man vergleiche „Dhoom 2“ mal mit den offensichtlichen Vorbildern „Entrapment“ und „MI: 2“.

Kein Bollywood-Review ohne Erwähnung der Musik- und Tanznummern: „Dhoom 2“ verschießt hier sein Pulver leider gleich zu Anfang. Die erste Performance von Hrithik Roshan rockt so massiv das Haus, das Leute wie Ricky Martin sich nur daumenlutschend unter die Decke verkriechen können. Da kann man als Hetero-Mann nur neidisch werden – und als schwuler Zuschauer bekommt man Schweißausbrüche. Alles, was später folgt, ist nur noch mäßig begeisternde Variation davon.

Hier eine Youtube-Version, die der vollen Pracht einer DVD oder eines Kinosbesuches nicht annähernd gerecht wird:

Trotz der Defizite ist „Dhoom 2“ für Zuschauer mit Ausdauer ein echtes Erlebnis – ein Feuerwerk an Action und Romantik, mit geradezu schmerzhaft schönen Menschen, die sich in einem komischen indisch-englischen Kauderwelsch anhimmeln. Wenn man auch mal „Style over Substance“ durchgehen läßt – hier ist der Overkill…



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Peroy
Peroy

„Wer der Meinung ist, mit “Shaun of the Dead” sei alles zum Thema Zombiekomödie gesagt…“

Mit „Idle Hands“ wurde schon alles zu dem Thema gesagt…

„Fido“ werde ich mir sparen bzw. irgendwie umsonst sehen. Ich ahne Schlimmes…

Tornhill

Hm. „28 Weeks Later“ hat mir eigentlich überraschend gut gefallen, das „herumspringende“ Skript schien mir eigentlich eher als positive Unberechenbarkeit, aber wer auch nur eines der „klar“s in Frage stellt, kennt offenbar keine Horrorfilme.

Froh bin ich über die lobenden Worte zu „Hairspray“. Schien es mir im Vorfeld wie das überflüssigste Remake aller Zeiten, habe ich in letzter Zeit irgendwie eine ungeheure Lust darauf bekommen und es wurde mir (ungesehen) immer sympathischer.

Peroy
Peroy

„Man hatte die Mittel, doch es fehlte am Talent. Trotzdem sage ich voraus, dass dieser Film Gold ist gegen den demnächst anlaufenden “Resident Evil: Extinction”…“

Ich sage das Gegenteil voraus…

Nulpe
Nulpe

Goile Besprechung 😉

Was Hairspray betrifft bin ich noch am hadern mit mir.Das Original ist einer meiner Lieblinge und hat gerade mal süße 19 Jahre auf dem Buckel (meine Fresse wo ist die Zeit hin?),also stehe ich dem Remake ziemlich skeptisch gegenüber.

28 Weeks later
Ist halt eben wie der 28 Day later.Eine gute Grundidee gnadenlos versaubeutelt.Sollte als Lehstück gelten wie man einen Film „nicht“ macht.

Fido
Scheint ein nettes Filmchen zu sein,was ich mir aber eher auf DVD anschauen werde.

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[…] verdient, dass ich sie bereits dreimal auf dem Festival gesehen habe: Vor drei Jahren in “28 Weeks Later“, und heuer in “Chatroom” und […]

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