Shoot Em Up PosterOkay, dies ist meine erste Kino-Kritik, die zwei Wochen vor dem Deutschland-Start des entsprechenden Films online geht.

Story: „Smith“ ist ein namenloser Ex-Soldat, der von Karotten und Lebensmittelkarten lebt. Als ein Gangster eine hochschwangere Frau umlegen will, greift Smith ein – er macht die Bösen fertig, bringt das Baby zur Welt, und schießt die Nabelschnur durch. Weil die frischgebackene Mama kurz darauf eine Kugel zwischen den Augen hat, nimmt sich Smith des Säuglings an – und hat damit mehrere Dutzend Killer unter der Leitung des zynischen Hertz am Hacken. Zählen kann Smith nur auf die Prostituierte DQ, deren Muttermilch für das Kind überlebenswichtig ist. Doch warum ist es der Unterwelt so wichtig, ein Baby in die Finger zu bekommen?

Kritik: „Shoot Em Up“ wurde in einschlägigen Blogs und Film-Webseiten seit Monaten über Gebühr gehypt, und als Rückkehr des rücksichtslosen, zynischen und geradlinigen Actionfilms gefeiert. Mich hat das ein bisschen überrascht, denn diesen Trend habe ich eigentlich schon bei „Crank“ und „Smokin‘ Aces“ gesehen. Angesichts der Lobeshymnen war ich denn auch nicht sonderlich wohlwollend eingestellt, als der Verleiher ins Münchner Maxx-Kino zur Pressevorstellung lud…

Grundgütiger! Um mal in den Sprachgebrauch der 70er zu verfallen – „der geht ab wie Luzie“! Von der ersten Minuten legt „Shoot Em Up“ ein Kracher-Tempo vor, das aktuelle Actionfilme wie „Stirb langsam 4.0“ geradezu lahmärschig aussehen läßt. Der Streifen ist eine einzige langgezogene Action-Sequenz mit einem Verbrauch an Menschen und Material, der selbst einige Hongkong-Veteranen blass aussehen läßt. Und damit ist die offensichtlichste Parallele schon gezogen – Regisseur Marc Davis hat im Grunde genommen das Poster von Woos „Hardboiled“ verfilmt. Typ mit Knarre schleppt Baby mit sich rum. Punkt.

Auch in einigen anderen Details verrät Davis seine Liebe zum asiatischen Remmidemmikino: Action kann nicht zu überdreht sein, ein Feuergefecht nicht zu extrem; Bösewichte schießen auch auf einen Meter mit Maschinengewehren daneben; Helden sind unverwundbar; Klamotten reparieren und reinigen sich selbst (man beachte den Ölfleck auf Smiths Mantel gleich in der ersten Sequenz); nachladen ist nur aus dramaturgischen Gründen notwendig; Frauen sind Beiwerk, bewaffnete Konflikte ausschließlich Männersache.

Aus solchen Zutaten kann man ein Desaster mixen – oder eine grandios überdrehte Ballerorgie, die zu jeder Zeit selbstbewußt genug ist, sich nicht unnötig in Frage zu stellen. Davis ist (im Gegensatz zu vielen anderen Regisseuren) letzteres tatsächlich gelungen. Der Einfallsreichtum in der Actiondramaturgie ist geradezu überwältigend – aus einem „Shoot Em Up“ ließen sich drei Bondfilme bestücken. Seit „Stirb langsam“ habe ich keine so kuriosen und schrägen Stunteinlagen mehr gesehen.

Klar ist die CGI mitunter allenfalls passabel, und natürlich hält der Plot keiner Logikprüfung stand – aber Davis sorgt eben auch dafür, dass wir gar nicht die Zeit für solche Details haben. Über „Shoot Em Up“ nachzudenken wäre in etwa so, als würde man im Looping der Achterbahn bei voller Fahrt die Schienen Querbalken zählen.

Leider wurde der grandiose „Red Band“-Trailer mittlerweile vom Netz genommen, und der folgende „Green Band“-Trailer wird dem absoluten Chaos des Films wirklich nicht gerecht:

Abgesehen von erstaunlich sicher inszenierten, wenn auch ab und an etwas zu hektisch geschnittenen, Actionszenen punktet „Shoot Em Up“ besonders bei der Besetzung. Für mich gehört Clive Owen (wie Jason Statham) zur „dritten Generation“ der Actionhelden nach Muskelschweinen (Stallone, Schwarzenegger) und Schauspielern, die solchen nacheifern (Nicolas Cage – du bist gemeint). Owen hat das nicht nötig – als Schauspieler besitzt er die Gravitas, nicht ständig eingeölte Präsenz zeigen zu müssen. Er ist der Anker des Films, und mit einem Darsteller wie Jet Li oder einem der WWE-Schinken wäre „Shoot Em Up“ komplett albern geworden. Es ist bezeichnend, dass Davis auch für die beiden anderen nennenswerten Hauptrollen auf preisgekrönte Darsteller zurückgegriffen hat: Monica Bellucci veredelt ihre Szenen mit der sinnlichen Melancholie von Spaghettiwestern, und Paul Giamatti freut sich sichtlich, zur Abwechslung nicht um den Oscar spielen zu müssen.

Ich kann Marc Davis das größte Kompliment machen, das ich in diesem Genre zu vergeben habe: Seit „The Killer“ bin ich nicht mehr mit soviel Adrenalin im Blut aus dem Kino gekommen. Man möchte dem Popcorn-Verkäufer eins auf die Fresse geben, nur um zu sehen, was dann passiert…

„Shoot Em Up“ ist das perfekte Gegenmittel für Leute, die „Bourne Ultimatum“ zu bierernst finden. Smith ist der McClane für das neue Jahrtausend – mehr davon!



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This is pretty fucked up « LostFocus by Dominik SchwindPeroymouserWortvogelLindwurm Recent comment authors
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Marko

Oh man, ich freue mich auf diesen Film. Ich bin großer Clive Owen Fan, fand ihn spitze in „Children of Men“ (u. a.).

Gruß,
Marko

Peroy
Peroy

„…und schießt die Nabelschnur durch. Weil die frischgebackene Mama kurz darauf eine Kugel zwischen den Augen hat…“

Das ist einfach nur krank. Die Story selbst klingt schon wahlweise beschissen/bescheuert, aber DAS… oh Mann. Ich erwarte Murks, mochte schon „Crank“ nicht. Und dann noch in einem Atemzug den neuen „Stirb Langsam“ dissen (MEIN bisheriger Film des Jahres…). Nun ja, jeder wie er’s braucht, ne…

joerg

Das mit den Schienen der Achterbahn zählen, ist doch ganz einfach: es sind meistens zwei. *scnr*

Lindwurm

Die Wiedergeburt des harten, kompromisslosen und zynischen Actionfilms für Erwachsene ist übrigens nicht „Crank“ oder ähnliches, sondern „Shooter“ mit Mark Wahlberg.

Shining
Shining

Also da muss ich Lindwurm mal vehement widersprechen – Shooter ist ja wohl so ein Sch… (aber was will man von einem Unterwäsche-Model, oh Verzeihung EX-, schon erwarten), hat man doch bei Planet der Affen gesehen. Charlton würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er schon tot wäre 🙂
@Peroy
Also Crank mochtest Du nicht und DH 4.0 ist der Film des Jahres? Also da is ja wohl einer voll auf Mainstream – Tschuldigung, aber in puncto unrealistisch toppt der ja fast alles, was ich bisher gesehen habe (Ausnahme: der gute geschüttelte James). Und die Story ist ja auch sooooo realistisch!
Das musste ich einfach mal loswerden.
Ich persönlich hoffe, Shoot Em Up kommt an Running Scared ran, der ist wirklich hart, zynisch und kompromisslos! Und ein unbedingtes Muss für jeden Action Fan!!!

Lindwurm

Ich fand „Crank“ auch recht unterhaltsam. „Shooter“ aber ist ein großer Film, so richtig schön politisch unkorrekt, sozusagen ein Republikanerfilm. „Sie“ töten den Hund des Helden, und dafür müssen „sie“ sterben. 🙂

Peroy
Peroy

„@Peroy
Also Crank mochtest Du nicht und DH 4.0 ist der Film des Jahres? Also da is ja wohl einer voll auf Mainstream – Tschuldigung, aber in puncto unrealistisch toppt der ja fast alles, was ich bisher gesehen habe (Ausnahme: der gute geschüttelte James). Und die Story ist ja auch sooooo realistisch!
Das musste ich einfach mal loswerden.
Ich persönlich hoffe, Shoot Em Up kommt an Running Scared ran, der ist wirklich hart, zynisch und kompromisslos! Und ein unbedingtes Muss für jeden Action Fan!!!“

„Running Scared“ fand ich auch beschissen. Überkonstruierter, totgestylter Murks… wonei „Crank“ noch schlimmer war…

Und auf Realismus scheisse ich. Wenn ich was Realistisches will, guck‘ ich den Wetterbericht…

mouser
mouser

Also für mich ist Shoot’em up einer der Topfilme 2007.
Es wird sprichwörtlich mit purer Absicht auf Realismus „geschissen“. Zu Gunsten der Unterhaltung! Ich finde den oft geforderten Realismus in Filmen sowie so unangebracht. Ein Film soll nicht realistisch sein sondern unterhalten. Ist ja schliesslich keine Doku. Wer Realismus will kann auch 1,5h aus dem Fenster schauen. 😀

Shoot’em Up up ist 300%ige Unterhaltung.

Peroy
Peroy

„Shoot ‚Em Up“ ist kalt, zynisch, seelenlos und langweilig. DOA.

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[…] Fazit der Filmkritik von Torsten Dewi zu Shoot’ em up: Ich kann Marc Davis das größte Kompliment machen, das ich in diesem Genre zu vergeben habe: Seit […]