Wenn eine Institution einen runden Geburtstag begeht, dann feiert das Land – nicht nur den Jubilar, sondern auch die eigene Bewunderung für eben diesen. Es gibt Sondersendungen im Fernsehen, Rückschauen auf die Karriere, und allenthalben kriechen ehemalige Weggefährten aus dem Gebüsch, um den pflichtgemäßen Kotau zu machen. Das Feuilleton schreibt sich die Finger wund, auch wenn immer nur die gleichen Phrasen dabei herauskommen.

Blacky Fuchsberger hat es gerade hinter sich (80), Reiner Erler noch vor sich (75).

Doch diese Woche rauscht es im Blätterwald stärker als sonst, denn es gilt einen Mann der Sprache zu feiern, einen intellektuellen Säbelschwinger, dem der Begriff „Komiker“ schon vor zwanzig Jahren zu klein wurde.

Es erreicht ein Mann die Grenze zum halben Jahrhundert, der sich aus dem Kabarett-Ghetto hochgedient hat, im Fernsehen lange den Clown gab, es auch mal in großen Kino-Produktionen versuchte, und nun seit einigen Jahren erfolgreich auch breitere Publikumsschichten auf der Mattscheibe begeistert. Er hat Bücher geschrieben, am Theater geglänzt, in Talkshows brilliert.

Er ist die intellektuelle Speerspitze, Schwert und Schild des Bildungsbürgertums, Maßstab für kulturelle Deutungshoheit.

Genug drum herum geredet:


HAPPY BIRTHDAY, STEPHEN FRY!

Ihr habt doch nicht wirklich geglaubt, dass ich auch noch was über Harald Schmidt schreibe, oder?

Mir ist Stephen Fry ehrlich gesagt lieber, denn seine Intelligenz kommt mit weniger Zynismus, sein Witz mit weniger Weltmüdigkeit aus. Natürlich sieht auch er sich dem Pöbel überlegen – aber er verachtet den Pöbel dafür nicht. Außerdem lässt er sich, im Gegensatz zu seinem deutschen Pendant, auch in die Karten schauen: In der zweiteiligen TV-Dokumentation „The Secret Life of the Manic Depressive“ bekommt man das erschütternde Porträt eines Mannes, der in Schüben von Selbstzweifeln und Suizidabsichten zerfressen wird, und in "Shrink Rap"versucht er vergeblich einer Psychologin zu erklären, warum er den sexuellen Mißbrauch durch einen Mitschüler im Internat nicht als erniedrigend empfand.

Wer Nachhilfe in Sachen Fry benötigt, dem empfehle ich das bezaubernde DVD Box Set "A bit of Fry and Laurie", Kenneth Branaghs ergreifendes Melodram "Peter’s Friends", die Filmbiographie "Wilde", ein paar Folgen "Jeeves & Wooster", die englischen Hörbücher von "Harry Potter", und das Buch "The Hippopotamus". Für lyrisch Interessierte lege ich noch sein Poesie-Lehrbuch "The ode less travelled" drauf.

Wie sehr die Engländer Fry verehren, kann man schön an der BBC-Jubelsendung "Stephen Fry – 50 not out" sehen. Erwartungsgemäß geben sich alle berühmten Kollegen die Klinke in die Hand, um ihn zu preisen: Branagh, Hugh Laurie, Emma Thompson, Richard Curtis…

Und Prince Charles.

Kein Scherz – der Kronprinz selbst läßt es sich nicht nehmen, über verschiedene Projekte Frys zu plaudern. Wer hätte gedacht, dass Ihre Majestät tatsächlich gerne Comedy schaut?

Ähnlich wie Schmidt kühlt sich Fry mittlerweile die Füße auch mal in seichten Gewässern – er spielte einen Psychologen in ein paar Folgen der US-Krimiserie "Bones", und als Moderator betreut er die witzige, aber letztlich banale Panel-Show "QI". Aber bei ihm wirkt es nicht wie Resignation, sondern wie die fortwährende Jagd nach dem Titel des "Mannes, der wirklich alles kann".

Der Wortvogel verneigt sich ganz tief.



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Peroy
Peroy

Stephen Fry ist eigentlich okay, aber seinen peinlichen Auftritt in "V wie Vendetta" muss er erst mal wieder wettmachen. Sein alter Spezi Hugh Laurie ist da als "Dr. House" doch ein paar Zacken cooler…

Gott, "V wie Vendetta"… was für’n Rotz…

Na ja, Happy Birthday, whatever…

comicfreak
comicfreak

..mich würde "A Bit of Fry and Laurie" sehr reizen, ein paar Spots sind auch online zu finden, aber da mein Englisch praktisch nicht existent ist, entgeht mir ca. 80% des Witzes..

🙁

Isabella
Isabella

Und wer sich ein bisschen für Serien begeistert: in der bald anlaufenden 2ten Staffel zu "Bones" gibt er ein paar Folgen lang einen tollen Auftritt als Polizeitherapeut

DerTim

Stephen Fry ist in der Tat super! Und die von Dir aufgezählten Filme und Sendungen ebenfalls.

Isabella
Isabella

@Wortvogel

Hmpf. Nie wieder im Halbschlaf kommentieren, schätze ich 😉

Peter Krause

Und doch, ich bleib dabei: das "Nilpferd" fügt sich schier in Pilcher-Qualität: der "Lügner" lacht darüber nur, das Weinen (hat er) längst verlernt. Ist der ganz einfache Geschmack – nur mit dem Bestem stets zufrieden sein.

Vergiß dies gleich wieder. "Eine strenge und unumstößliche Regel, was man lesen sollte und was nicht, ist albern. Man sollte alles lesen. Mehr als die Hälfte unserer heutigen Bildung verdanken wir dem, was wir nicht lesen sollten." – stammt dieses Zitat von Oscar Wilde, oder stammt es von Fry? Und wenn ja, in welcher Everett’schen Welt?

Ist absehbar, wann die entsprechenden Bones-Folgen (auf RTL?) wiederholt werden? Würde ich gerne nicht verpasssen …