END OF THE LINE (Kanada 2006, 95 min, englische OV)

REGIE: Maurice Devereaux
DARSTELLER: Ilona Elkin, Nicolas Wright, Robin Wilcock, Joan McBride
DREHBUCH: Maurice Devereaux

End of the LineStory:
Eine sehr gemischte Gruppe von Menschen findet sich an einem späten Abend in einer U-Bahn irgendwo in einer kanadischen Großstadt wieder. Im Zug befinden sich viele Angehörige einer christlichen Erweckungssekte, die freundliche Lieder singen und hässliche Krawatten tragen. Plötzlich zieht jemand die Notbremse, die U-Bahn bleibt mitten im Tunnel stehen. Die religiösen Fundamentalisten erhalten per Pager eine Botschaft ihres Anführers: Der Tag des Jüngsten Gerichts ist da! Ihre Kreuze entpuppen sich als Zeremoniendolche, und in religiösem Wahn beginnen die Frömmler, alle anderen Passagiere zu „retten“, will sagen: abzustechen. Einer kleinen Gruppe gelingt die Flucht, doch damit ist das Problem nicht gelöst – wohin sollen sie? Sind die religiösen Meucheleien nur auf die U-Bahn beschränkt gewesen, oder ist das Chaos über die ganze Welt herein gebrochen?

Kritik:
Nun gut, die Inhaltsangabe klingt nach religiösem Thriller der härteren Sorte. Das täuscht: „End of the Line“ ist ein durchgeknallter Splatterspaß mit reichlich Humor und Härte, und mehr als einmal erinnert die Odyssee der Protagonisten durch die U-Bahn-Schächte an eine Fahrt in der Geisterbahn. Die religiösen Fanatiker könnten genauso gut Vampire, Zombies oder Dämonen sein, aber gerade die Tatsache, dass es sich um ein paar durchgeknallte, aber nichtsdestoweniger gefährliche Spinner handelt, steigert den Fun Factor beträchtlich. Das Publilum des FFF lachte genau so oft lauthals auf, wie es vor Entsetzen schrie.

end-of-the-line.jpg

Man muss allerdings eindeutig vorwarnen: „End of the Line“ ist nicht nur inhaltlich geschmacklos, sondern auch technisch bestenfalls auf akzeptablem Niveau. Gedreht wurde auf Video, was für ein softes und wenig tiefenscharfes Bild sorgt. Die Beleuchtung kann mitunter den Videokameras nicht ausreichend helfen, was zu körnigen und matschigen Aufnahmen führt. Die Darsteller sind bestenfalls okay, was aber nicht weiter stört, denn sie spielen sowieso nur Klischees. Hier sieht man dem Low Budget-Film das Low Budget auch wirklich noch an.

Hinzu kommt, dass „End of the Line“ etwa zehn Minuten verschenkt, um überhaupt in die Puschen zu kommen. Man könnte den Film genau so gut an dem Punkt starten, als Krankenschwester Karen die U-Bahn-Station betritt. Vorher fragt man sich die ganze Zeit lediglich, was für eine Art Film das überhaupt sein soll. Wenn „End of the Line“ aber erstmal in die Gänge kommt (paradoxerweise, als die U-Bahn stehen bleibt), gewinnt er eine Dynamik, die durchaus mitreßt. Trotz aller formalen Schwächen hat der Film so etwas wie die manische Energie, die Sam Raimis Frühwerke auszeichnet, verbunden mit der Fähigkeit, aus begrenzten Stilmitteln eigene Welten zu schaffen, wie es Romero in seinen Dead-Filmen gelang. Obwohl kaum eine Szene außerhalb der Tunnel spielt, haben wir immer das Gefühl, die Ereignisse spielen sich in diesen Momenten überall so oder so ähnlich ab. Das ist eine nicht zu unterschätzende Leistung.

Natürlich wäre es von Vorteil gewesen, wenn der Film technisch etwas ordentlicher gemacht gewesen wäre. „End of the Line“ ist Fun-Trash, den man zwar genießen kann, der sich aber durch den Mangel an Anspruch jede Chance nimmt, relevant zu sein. Und das ist schade, denn der Weg vom Spaßsplatter zur Horror-Perle wäre gar nicht so weit gewesen.

Heftig diskutiert wurde hinterher übrigens noch das Ende. Die Urteile der Zuschauer reichten von „genial!“ bis „Fehlte da was?“ (man wird unweigerlich an die Kontroverse über die letzte Szene der Serie „Sopranos“ erinnert). Nach meiner Erfahrung dürfte sich das Ende des Films prima im Pitch-Meeting gemacht haben, und auch auf Papier guten Eindruck hinterlassen haben. Man spürt, dass die Macher einfach mal eine bestimmte Spielregel auf den Kopf stellen wollten. Leider haben sie übersehen, dass es diese Spielregel (die ich hier nicht verraten will) aus einem ganz bestimmten Grund gibt – sie ist dramaturgisch notwendig. So ist das Ende in der vorliegenden Fassung vielleicht radikal und stimmig, aber es ist auch extrem unbefriedigend. Dafür allein gibt es einen Bela Abzug.

U-Bahn-Horrorfilme sind eine ganz besondere Spezies: Es gibt sie schick, aber langweilig (Creep), englisch schräg (Death Line), und urban kritisch (C.H.U.D.). „End of the Line“ fügt eine neue Farbe hinzu: hysterisch krachend. Fast so, wie man sich eine Verfilmung von Clive Barkers „Der Mitternachts-Fleischzug“ (den der Regisseur GARANTIERT gelesen hat) vorstellt.

Dringlichkeit: Angesichts des Videolooks reicht es allemal, den Film auf DVD zu gucken, wenn man ihn ungeschnitten bekommt. Wer seinen Horror gerne in Gesellschaft erlebt – dann FFF

Positiv:
Anhaltender Fun-Splatter, schräge Story, gute Location

Negativ:
Videolook, schwacher Einstieg, unbefriedigendes Ende

4belas.jpgHört nicht auf mich:
“I had my doubts about this one, for some strange reason, but once END OF THE LINE starts grinding its gears and baring its teeth, I suspect the passionate horror fiend will find a lot to like here.” – Efilmcritic.com



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Peroy
Peroy

Ich muss mal wieder klugscheissen, sorry, aber „C.H.U.D.“ spielte in der Kanalisation, nicht in der U-Bahn… 8)

Tornhill

Kontroverse über die letzte „Sopranos“-Folge?
Hö?
Ich denk, die laufen noch? So was…
Ich leb scheinbar hinterm Mond…

Tornhill

Hm…Und wieder was gelernt!

Aber schön, dass das Ende dann zumindest absehbar ist; so gerne ich die Serie mag, endlose Laufzeit tut kaum wem gut.

Peroy
Peroy

Mir nicht…

Die Scheisse wird ja jetzt auch noch verfilmt. Na, immerhin mit Vinnie Jones… 8)

Helge
Helge

Naja, habe den Film auf dem FFF 07 in Bochum gesehen. Ich sehe das ein bisschen anders: Keine Ahnung, warum sich die ersten zehn Minuten so vom Rest des Filmes unterscheiden. Auf jeden Fall lässt er erst dann stark nach. Auch gehen einige Handlungsstränge in das Leere und werden nicht weiter aufgegriffen. Das „Ende“ ist dann wirklich überflüssig und unglaubwürdig. Naja, aber wer auf sowas steht, kommt vielleicht auf seine Kosten. Ich empfehle lieber „botched“ mit Stephen Dorff 🙂

Peroy
Peroy

Humor habe ich hier nicht ausmachen können, ebensowenig einen Fun-Faktor, dafür wurde in mir wieder mal die Erkenntnis geweckt, dass man auch die simpelste Idee nach Strich und Faden gegen die Wand fahren kann, wenn die Details nicht stimmen…

Die Sekten-Mitglieder sind bescheuert, der Schnitt ist die Hölle, und der Splatter ist nicht übermäßig beeindruckend… und das Ende… nun ja, ein besserer Film hätte wohl dort angesetzt, oder nicht…?

1 Bela…

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