02
Jun 2007

Kritik-Kritik

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

Es gibt zu wenig Webseiten über das Fernsehen.

(alles lacht)

Nein, im Ernst. Natürlich sind die "Stargate"-Fanseiten Legion, und jeder Sender leistet sich ein fettes Portal. TVSquad, Futon Critic, und hier in Deutschland DWDL und Serienjunkie bedienen die Nachfrage.

Was mir aber fehlt, ist der begleitende Journalismus. Grundsätzlich bestehen die Webseiten nämlich aus zwei Bestandteilen: Nachgeplapperten Pressemeldungen und kommentierten Einschaltquoten. Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll, weil ich mal bei einer "richtigen" TV-Zeitschrift gearbeitet habe, aber gerade auf den deutschen Seiten zum Thema wird praktisch nie hinterfragt – oder gar nachgehakt. Wo wir beim GONG früher zum Telefon-Hörer gegriffen haben, um selber die Hintergründe zu recherchieren, da wird heute nur noch gläubig der Sermon der Sender abgedruckt.

Man hätte mal nachfragen können, wieso die Serien-Chefin von SAT.1 zu einer Produktionsfirma abgeschoben wird, die dem Sender wirtschaftlich verbunden ist. Man hätte mal nachfragen können, wieso ausgerechnet eine Flop-Serie dieser Produktionsfirma fortgesetzt wird. Man hätte mal nachfragen können, ob das horrende Honorar von Harald Schmidt (gebühren-finanziert!) nicht zumindest ein Mindestmaß an tatsächlichen Sendungen garantieren sollte.

Kaum eine der Online-Seiten, die meistens aus Fan-Projekten entstanden sind, macht sich die Mühe. Journalistische Arbeit hat man hier nicht gelernt.

Besonders arg wird es aber, wenn sich die Betreiber dieser Webseiten als "Meinungsmacher" versuchen, und Kolumnen und Kritiken verfassen. Hier merkt man schmerzlich, dass schon das grundlegende Wissen, was Kritik und Editorial ausmacht, fehlt.

QuotenmeterEin besonders krasses Beispiel habe ich gestern bei Quotenmeter entdeckt – die Kritik zum ZDF-Film "Kein Geld der Welt" muss man sich spaßeshalber ganz genau ansehen:

Quotenmeter-Kritik

Den Text sollte man sich erstmal in Ruhe durchlesen.

Beim GONG wäre ich dafür ausgelacht, ausgeschimpft, und aus dem Büro geworfen worden. Zugegeben – DANN hätte sich ein genervter Alt-Redakteur die Zeit genommen, mir die gesammelten Patzer zu erklären. Und weil das bei QM scheinbar niemand macht, nehme ich es ungefragt auf mich.

– "Der von ZDF als „Romantic Comedy“ postulierte Film «Kein Geld der Welt – Liebe auf Umwegen» von Regisseur Berno Kürten enttäuscht."

Abgesehen davon, dass man die Quintessenz einer Kritik ("der Film… enttäuscht") nicht in die erste Zeile schreibt, "postuliert" das ZDF nicht, es "bewirbt als", oder "kündigt an als". Ein Postulat ist eine Behauptung samt Beweisweg. Klassischer Fehler: Fremdwörter um der Fremdwörter willen. Man möchte halt so gerne wie Karasek klingen. Und landet bei Will Tremper.

– "Von Beginn an ist die Story des Films sehr einfach und konstruktiv aufgebaut."

Der Film ist "konstruktiv" aufgebaut? Das ist Neu-Sprech, um mal bei "1984" zu bleiben.

– "Ersterer bietet noch die glaubwürdigste Rolle als autoritärer Geschäftsmann seiner eigenen Schuhkollektion dar."

Ochsenknecht ist der autoritäre Geschäftsmann einer eigenen Schuhkollektion?! Außerdem: Bietet er nicht eher eine glaubwürdige Darstellung als eine glaubwürdige Rolle (die ja wohl eher in der Verantwortung des Autors liegt)?

– "Stephanie Stappenbeck (Lisa) und Steffen Groth (Jonas) spielen ihre imaginären Figuren schulmäßig, ohne dabei zu glänzen."

Ach so! Es sind gar keine Figuren – es sind nur imaginäre Figuren. Dann muss aber die Frage sein, WAS die Schauspieler da spielen – und noch dazu "schulmäßig"?

– "Das liegt aber vor allem daran, dass die romantischen Höhepunkte unter der Regie von Berno Kürten nicht gelingen wollen. Das liegt vor allem daran, dass die Handlung zum romantischen Höhepunkt zu einfallslos und zu kurz gerät."

Doch, doch – zwei aufeinanderfolgende Sätze, die beide mit "das liegt vor allem daran…" beginnen, und beide die Floskel "romantischer Höhepunkt" anbieten. So ein Patzer darf nicht einmal das erste Drüberlesen überstehen.

"Der Einfluss der Rolle der Mutter ist nicht ausschlaggebend genug, um als Akteur aufzufallen."

Man kratzt sich am Kopf. Und hakt es ab.

– "Auch danach sind komödiantische Szenen Mangelware. Lediglich sieben Szenen sind folglich darunter einzuordnen."

Folglich? Wieso folglich?

– "Somit wirkt der Film über 90 Minuten sehr bodenständig und konstruktiv, vor allem aber zu sachlich".

"Bodenständig" ist ein positiv besetzter Begriff. Und wieder dieses "konstruktiv"…

– "Charme und Esprit, womit man die Zuschauer begeistern könnte, fehlen diesen Film ungemein."

So redet man an der Pommes-Bude in Köln-Hürth. Der Deutschlehrer hingegen dreht sich um und weint bitterlich.

Insgesamt zeugt die Kritik nicht nur von einem erschreckenden Mangel an Artikulationsfähigkeit – Hand in Hand mit dem hilflosen Versuch, kompetent und wortgewandt zu wirken, wird ein sprachliches Desaster draus.

Man möge mir glauben, dass ich nicht aus Bosheit so über den Text herziehe. Ich glaube fest daran, dass man nur lernen kann, wenn man seine Fehler auch erkennt, oder aufgezeigt bekommt.

Es trifft ja mitnichten das Blog eines Couch Potatoes: Quotenmeter präsentiert sich semi-professionell, und Fabian Riedner nennt sich "Chef-Redakteur". Da muss man sich an den eigenen Ansprüchen messen lassen.



Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
18 Comments
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
Herr Horn
2. Juni, 2007 12:24

Köln-Hürth gibt es nicht ;)!

Wortvogel
Wortvogel
2. Juni, 2007 12:25

Ich hatte mich gefragt, wann der erste Kölner drauf anspringt – das ging ja fix 🙂

Peroy
Peroy
3. Juni, 2007 04:21

Na ja, das ist doch eine… … … "konstruktive" Kritik…

WTF 😕

Wortvogel
Wortvogel
3. Juni, 2007 22:00

Es gibt HUNDERTE von Journalisten, die das machen könnten – es gibt sich nur kaum einer die Mühe. Dazu braucht es keinen Mega-Profi, nur ein wenig Interesse, auch mal hinter die Kulissen zu schauen. Pressestellen sind nicht nur zum Verschicken von Pressetexten da – sie beantworten auch Fragen (manchmal zumindest). Aber heute gilt bei vielen Schreiberlingen: was ich nicht googeln kann, kann ich nicht recherchieren.

Und was meine eigenen Arbeiten angeht: Sofern es einen Konflikt gibt, würde ich das im Geiste der "full disclosure" dazu schreiben. Macht Niggemeier auch. Ist richtig so.

"Lotta" ist allerdings schon abgelaufen, insofern ist das kaum noch Thema. "Eigenartikel" im TV-Bereich stehen erst wieder an, wenn meine "Märchenstunde" ausgestrahlt wird.

Wortvogel
Wortvogel
4. Juni, 2007 11:56

Würde ich gerne – allein, mir fehlt die Zeit. Ich hätte auch kein Interesse, wieder hauptberuflich TV-Journalist zu sein. Das ist mittlerweile 12 Jahre her. Nein, für sowas ist die jüngere Generation zuständig. Es gibt genügend Eifer und Begeisterung, nur leider nicht das Fachwissen und die Disziplin. Das lässt sich aber lernen. Ich bin da guter Hoffnung.
Einzige Ausnahme: Sollte sich ein gutes Team an Leuten finden, die gemeinsam eine kompetente Seite für TV-Kritik aufziehen wollen, würde ich meine Mitarbeit sicher nicht verweigern.

Thorben
4. Juni, 2007 16:43

Wenn es mal ein schlechter Artikel unter vielen wäre, aber "Erneut stechen die Piraten in die See im mittlerweilen dritten Teil von «Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt»."

Oh oh. Das macht richtig aua.

comicfreak
comicfreak
5. Juni, 2007 10:35

..Oh-mein-Gott!!einself! ;o)
Ich habe jetzt auf´s Geradewohl eine Seite aus dem Quotenmeter rausgepickt, spontan bitterlich geweint und beschlossen, dort nie wieder vorbei zu surfen.

Zum Unterschied zwischen CSI und RIS:
Zitat:
"So besteht der Cast der deutschen Serie aus Menschen, denen man tagtäglich auf der Straße begegnet. Im CBS-Format kommen hingegen völlig unterschiedliche Charaktere zum Vorschein: Einen älteren Mann, einer alleinerziehenden Mutter im mittleren Alter, der farbige Draufgänger, einen lässigen Ermittler und die Nachdenkliche. Somit ist der Wiedererkennungswert sehr hoch."

Meine Güte, wo findet man denn solche Freaks? Einfach ältere Männer zu besetzen, pfui! (Nicht, dass RIS nicht genau das abzukupfern versucht hätte)
Aber es wird noch schlimmer:

Zitat:
"Wenn das deutsche Ensemble in der Serie handelt, dann sprichst es meist zu schnell und undeutlich."

Sprechen oder handeln die jetzt? Oder sprechen die nur beim handeln schnell? RIS hat eine Handlung?

Zitat:
"Die Sätze in amerikanischen Serien sind äußerst primitiv und kurz gehalten, sodass man der Serie auch beiläufig folgen kann. Das Sprechtempo ist langsam und die Pausen zwischen den Wörtern sind lang."

Ah ja, JETZT ist alles klar: die deutschen Kopien sind einfach komplexer und besser als das primitive amerikanische Vorbild, so muss der stupide Zuschauer ja überfordert werden!
So wird auch deutlich, weshalb das Fernsehprogramm konstant schlechter werden muss: um dem Zuschauer die Chance zu geben, das beiläufig zu verstehen.

Da möchte man sich doch spontan zur Auswanderungssoap anmelden!
Obwohl, nachdem in meinem RL-Namen schon drei bis fünf Schreibfehler möglich sind, dann doch lieber wieder nicht..

Wortvogel
Wortvogel
5. Juni, 2007 10:45

Mal langsam mit den jungen Pferden – erstmal ist QM (nach DWDL.de) die durchaus beste Seite für aktuelle Informationen rund ums TV.

Ja, sie haben das bei "RIS vs. CSI" mitunter sehr holperig ausgedrückt, aber der Kern der Aussagen ist korrekt: "CSI" gibt sich mehr Mühe, den Zuschauer "mitzunehmen" – einfache Handlung, klare Sätze, bis auf das Klischee reduzierte Figuren. Der Zuschauer will sich nicht allzusehr anstrengen müssen, und dem kommen die Serien entgegen.

Einer der Hauptfehler aktueller Serien bei den Privatsendern ist nämlich gerade die Tatsache, dass man sie "überdenkt": Die Charaktere werden mit unheimlich Ballast behängt, weil man sie dann für "komplex" hält, und jeder Pförtner braucht seine "wants and needs" (ich möchte nicht wissen, wie oft ich das schon gehört habe). Die Besetzung besteht meist aus einer Masse an zielgruppenkompatiblen Schöngesichtern (GSG9, R.I.S., Clara, Bis in die Spitzen, etc.), obwohl doch der Erfolg von US-Serien wie "Monk" und "House" zeigt, dass Zuschauer Charaktergesichter mögen. Das ist ja auch keine neue Erkenntnis – Kojak, Columbo, Derrick, etc.

Deutsche Sender haben ihre Zielgruppen kaputt analysiert, verlassen sich nicht mehr auf Bauchgefühl und Kreativität, und zahlen den Preis dafür. Simple, genregebundene Serien mit starken Hauptfiguren traut sich keiner mehr, dabei wird gerade das gebraucht (anders ist der Erfolg von Serien wie "Familie Dr. Kleist" und "Der Bulle von Tölz" ja kaum zu erklären).

comicfreak
comicfreak
6. Juni, 2007 13:40

@ Torsten

..stimme deiner Aussage grundsätzlich zu, aber wenn ich (wie im vorliegenden Fall) keine Aussage zur Grammatik eines Textes treffen kann, weil selbige nicht vorhanden ist, das ist dann schon bitter.
Da stellt sich die Frage, ob dort wirklich ein Rechercheur ;o) nötig ist, oer ob nicht schon ein Oberstufler mit guten Aufsatznoten reicht.
Zumindest die Augenkrebsgefahr wäre geringer.

Ein gutes Beispiel für eine "moderne" Kriminalserie ist meines Erachtens "Der letzte Zeuge". Geradlinig gestaltete Figuren, nachvollziehbare Plots, genügend "Zwischengemenschel" (ohne dass Spontaneinschalter dadurch verwirrt würden), usw.

Es geht also doch ;o)

comicfreak
comicfreak
6. Juni, 2007 13:43

*werfe ein "d" nach*

@ Torsten

..wenn ich mir die Anti-Spam-Wörter so betrachte, dürfte sich ein Großteil unserer Lektüre decken ;o)

Jack
Jack
6. Juni, 2007 23:25

Lieber Thorsten,
wohl nicht richtig recherchiert!

Die Kritik zum ZDF-Film wurde von Tobias Riedner geschrieben, das ist nicht Fabian Riedner. Chefredakteur und Herausgeber von Quotenmeter.de.

Vielleicht sollte man auch die Autoren genauer anschauen.

Wortvogel
Wortvogel
7. Juni, 2007 09:44

@ Jack: Zuerst einmal – Torsten, nicht Thorsten. Wohl nicht richtig recherchiert 🙂

Wo genau habe ich geschrieben, dass Fabian Riedner die Kritik geschrieben hat? Der letzte Absatz bezog sich darauf, dass Fabian als "Chef-Redakteur" eine Aufsichtspflicht haben sollte, die auch beinhaltet, solche Texte zu verhindern.

Sorry, bei meinem Text ist alles richtig, soweit ich das sehen kann.

viewer
viewer
21. Juni, 2007 14:49

Auch wenn mein Kommentar etwas spät kommt: DANKE FÜR DIESEN VERRISS! Du sprichts mir aus der Seele!
Die Amateure von QM geben sich ja wirklich Mühe und die morgendlichen Quotenzusammenfassungen sind ganz ok, aber diese Editorials sind wirklich peinlich. Nicht (nur) wegen der schlechten Formulierungen, sondern vor allem, weil die Hobby-Autoren in ihren Meinungen immer wieder zeigen, dass sie überhaupt keine Ahnung vom TV-Geschäft haben, sich aber eklatant selbst überschätzen.
Gebe es bei QM eine Kommentar-Funktion wie in einem Blog, würde ich denen jeden 2. Editorial um die Ohren hauen… 🙂

via
via
27. Juni, 2007 17:19

Oh, es ist noch viel schlimmer als gedacht (hab jetzt mal auch das hier gelesen). Also: Mit den oben beschriebenen Textbeispielen wäre man bei jeder Lokalzeitung als freier Mitarbeiter unhaltbar. Punkt.

matthiaskie
3. Juli, 2007 12:49

Wow das ist wirklich mies. Bringt mich aber auf eine Idee. Man könnte Internetkritik mal irgendwie institutionalisieren.

Kritik-Kritik: "Hautnah - Die Methode Hill"

Manueller Trackback: "Angeregt durch Torsten Dewis Kritik an einer Kritik des TV-Internetportals Quotenmeter.de, will ich hier mal eben loswerden, was mir an einer bestimmten Kritik von QM.de schon seit geraumer Zeit unter den Nägeln brennt. […]"

John Doe
John Doe
25. August, 2008 17:36

sehr gelacht.

Aber man sollte nicht vergessen, dass online-sites ihren Autoren meist weniger als EUR 1000 zahlen und die Betreiber selbt bei solchen Löhnen kaum schwarze Zahlen schreiben. Wer hat dann noch Lust sich durch fünf Nummern bei den Sendern zu wählen oder seinen Text zu korrigieren? Mit den Gehältern von FAZ-Redaktueren ließe sich auch andere TV-Kritiken schreiben.

Wortvogel
Wortvogel
25. August, 2008 17:40

@ John Doe: Ööööhhh… das ist so kompletter Unfug, dass ich nicht mal weiß, ob ich darauf antworten soll. Eine sprachlich korrekte und inhaltlich nachvollziehbare TV-Kritik ist keine Frage des Geldes, wie dieser Fall ja auch sehr schön belegt. Es geht um Wissen, Erfahrung, Talent, und Bereitschaft. Und wenn es doch eine Frage des Geldes sein sollte – dann lässt man es. Schlechter Journalismus kann nicht durch mangelnde Ressourcen gerechtfertigt werden.